6743280-1966_50_07.jpg
Digital In Arbeit

Ägypten — Schach den Königen

Droht Kriegsgefahr im Nahen Osten? Warum rächte sich Israel, Mitte November, an dem schwächsten Nachbarn und nicht an seinem gefährlichsten Widersacher Syrien? Erleben König Hussein und die von ihm regierte künstliche Staatsschöpfung Jordanien ihre letzten Tage? Diese Fragen bewegen gegenwärtig die Araber, unter denen sich die lange verzerrten Fronten plötzlich klären. Dieser Prozeß begann mit dem durch saudische Finanztransaktionen herbeigeführten Zusammenbruch der Beiruter „Intra- Bank“, die insgeheim Abdel Nasser finanzierte, und endete vorläufig mit der Entsendung saudischer Truppen nach Jordanien, die sich scheinbar gegen Israel, in Wirklichkeit gegen Ägypten und Syrien richten. Dazwischen lag der israelische Raid, den die durch ihn beschleunigte inner- arabische Entwicklung in ein erstaunliches Licht rückt. Könige und Revolutionäre stehen sich kampfbereit gegenüber. Israel scheint isoliert. Aber es ist ein Machtfaktor, den alle in ihre Dispositionen einbeziehen; morgen ist es vielleicht der lachende Dritte!

20.0 an der Grenze

20.0 saudische Krieger biwakieren an der jordanischen Grenze, von der „Dreiländerspitze“ am Akaba-

golf im Süden bis zur Wüstenecke im Norden, die Churchill als Demarkationslinie des neuen Haschemiten- emirates mit dem Rotstift in eine britische Generalstabskarte zeichnete (1918) und von der es nicht weit ist nach Amman. Das Haus es-Saud trennte jahrzehntealte Erbfeindschaft von den Haschemiten. Bis 1924 war Haschmit Hussein Scherif von Mekka und kurzlebiger letzter Kalif aller Muslime. Sein Sohn Feisal befehligte den legendären „Aufstand der Araber“ und eroberte mit T. E. Lawrence Damaskus (1916). Er wurde später irakischer König. Seine Dynastie endete mit der Ermordung des gleichnamigen Enkels (1958). Abdullah, der andere Sohn, wurde Emir von Transjordanien. Nach der Entstehung Israels (1948) annektierte dieser den östlich des Jordans verbliebenen Rest Palästinas und begann Friedensverhandlungen mit der jüdischen Regierung. 1951 wurde er deshalb, im Beisein seines Enkels, von einem Fanatiker in der Jerusalemer El-Aksa-Moschee erschossen. Sein wahnsinniger Sohn Talal dankte nach einjähriger Regentschaft zugunsten Husseins ab. Dieser ist der letzte Haschemitenherrscher.

Unweihnachtliches Jerusalem

Scherif Hussein wurde von dem späteren saudischen König Abdel Aziz aus Mekka vertrieben (1924) und starb als Flüchtling (1931). Bis in die sechziger Jahre herrschte daher Todfeindschaft zwischen beiden traditionsreichen Fürstengeschlechtem. Erst unter dem Druck revolutionärer Umtriebe kam es zur Versöhnung. Ein Menschenalter nach der Flucht Scherif Husseins vor den

Sauds sind dieselben Sauds die letzte Hoffnung Husseins II.

Es gärt in Jordanien. In der heiligen Stadt Jerusalem, sonst in dieser Jahreszeit schon friedliches Heerlager christlicher Pilger, herrscht Belagerungszustand. Es erging Ausgehverbot, die Telefonverbindungen sind unterbrochen, die Postzustellung gestoppt. Flughafen und Stadttore sind geschlossen und an den strategischen Punkten Schnellfeuergeschütze und Maschinengewehmester postiert. In den winkeligen Gassen patrouillieren bewaffnete Militäreinheiten. Das Mandelbaumtor, einziger für UN-Soldaten und ausländische Pilger passierbarer jordanisch-israelischer Grenzübergang, ist hermetisch abgeriegelt. Die Altstadt war Schauplatz erregter Demonstrationen palästinensischer Flüchtlinge.

In dem auf den Staatsstreich des Obersten Abdel Nasser in Ägypten (1952) und die durch ihn ausgelöste revolutionäre Welle folgenden Jahrzehnt war König Hussein Ziel mindestens zehn mißlungener Mordanschläge und Umsturzversuche. 1958 rettete ihn nur die Landung britischer Fallschirmjäger. Nach dem Zerfall der „VAR“ (1961) konnte er Sich jedoch behaupten. Die israelische Drohung, jede politische Veränderung in Jordanien zwinge es zum Einmarsch, wirkte als zusätzliche Existenzgarantie. Jetzt wird arabi- scherseits allerdings argumentiert, nur der israelische Angriff sei schuld an dem Aufruhr. Das stimmt nur teilweise.

War die israelische Militäraktion ein Fehler? Für sie gibt es zwei mögliche Erklärungen: Die erste lautet, daß nach Andeutungen französischer und sowjetischer Diplomaten beide Regierungen gemeinsam zwischen Israel und Syrien vermitteln wollen und daher vor neuer „Eskalation“ warnten. Folglich richtete sich die geplante Strafexpedition, die nicht mehr aufzuhalten war, gegen Jordanien. Auf diese Weise demonstrierte die israelische Armee ihre Schlagkraft und beschwichtigte die erregte Bevölkerung. Vielleicht strebte Israels aggressiver und undiplomatischer Generalstabschef, gegen den sich Ministerpräsident Eschkol nur schwer durchsetzt, noch nach einem größeren Ziel. Verursachte seine Nacht-und-Nebel- Aktion unter den Palästinaflüchtlingen Revolutionsstimmung und stürzte König Hussein, so mochte er rechnen, zerfleie Jordanien, und das erzwange die israelische „Sicherheitsgarantie“. Er hätte einen Vor-

wand zum Einmarsch ins östliche Jordangebiet.

Sensationelle Hintergründe

Diese Version wird arabischerseits allzugern geglaubt. Aber sie ist falsch. Kenner der Verhältnisse haben eine sensationellere Erklärung: Der israelische Raid stand nur in lockerem Zusammenhang, behaupten sie, mit den syrischen Grenzverletzungen. Er war die Folge einer auf den Sturz Husseins abzielenden innerarabischen Entwicklung!

Schon Anfang November verhaftete die jordanische Geheimpolizei drei Weltpriester des lateinischen Patriarchates Jerusalem. Man beschuldigt sie erstaunlicherweise der Unterstützung einer syrischen Terrororganisation und der Hochverratsvorbereitungen. Ajjad, einer von ihnen, war in das Mordkomplott gegen König Abdullah (1951) verwickelt und floh deshalb zeitweilig in den Libanon. Mit dieser fast unbemerkt gebliebenen Aktion begann die Krise. Hinter den Verschwörern stand nämlich die Kairoer „Palästinensische Befreiungsfront“ Achmed es-Schukeiris. Dieser startete eine antimonarchistische Propagandawelle. Sein Rundfunksender be-

schimpfte den jordanischen Herrscher. Er drohte, die palästinensische Grenzbevölkerung zu bewaffnen, und forderte den Rücktritt des Ammaner Kabinettes.

Dem israelischen Geheimdienst „Schin Beth“ blieb das nicht verborgen. Er gab das Signal zu dem als ,Strafexpedition“ getarnten Angriff. Dieser sollte die Flüchtlinge ein- schüchtern, die Aktivität der Kairoer Agitatoren eindämmen und den König zum Handeln zwingen. Diese Ziele wurden erreicht.

Hussein versetzte die ihm ergebene „Arabische Legion“ in Alarmzustand, und König Feisal entsandte Truppen. Beide hatten dafür plötzlich einen brauchbaren Vorwand: „Israels Aggression.“ Offiziell bestreitet man, auf beiden Seiten, diese Version. Aber nur sie erklärt folgerichtig die Ereignisse. Sie beantwortet auch die Frage nach der Kriegsgefahr im Nahen Osten. Der israelische Vergeltungsschlag war zweifellos nicht Auftakt eines „neuen Suez“. Er hatte begrenzte Ziele, und zwischen Israel und Jordanien, an deren über 600 km langer gemeinsamer Grenze größere Ruhe herrscht als an der nur 76 km langen zwischen Israel und Syrien, gibt es keine echten Konfliktstoffe. Aber: Churchills „Trostpreis“ für die nach dem ersten Weltkrieg durch Sykes-Picot-Ab- kommen und Balfour-Deklaration um das ihnen versprochene Großsyrien, für das sie gekämpft hatten, betrogenen Haschemitenfürsten war nie ein lebensfähiges Land. Unter den Beduinen entwickelte sich dennoch eine gewisse Staatsgesinnung. Das 1948 annektierte Ostpalästina war jedoch ein zu großer Brocken für das kleine Wüstenkönigreich; es hat ihn nie verdaut. Die Palästinenser bildeten fortan die Bevölkerungsmehrheit. Sie waren republikanisch und entwurzelt durch den Verlust des ihnen schon greifbar nahe gewesenen eigenen Staates. Sie wurden leichte Beute für die ägyptische Revolutionspropaganda. Sie sind unversöhnliche Feinde Husseins. Das Königsbündnis mit Sauditenmonarch Feisal rettete noch einmal den wankenden Thron des letzten Haschemi- tenherrschers. Feisal reagierte rasch, weil er nicht isoliert werden möchte.

Doch die Gefahr ist noch nicht vorüber. Abdel Nassers „zweiter Mann", Armeechef Amer, verließ überraschend vorzeitig Moskau. Der Marsch der 20.000 saudischen Soldaten an die jordanische Grenze ist vermutlich nur Auftakt zur Entscheidungsschlacht der wirklichen Gegner an der nahöstlichen Front: König Feisal und, wie der ägyptische Diktator in Er-Riad genannt wird, Gamaloff Nasserowitsch, Moskaus Bundesgenosse im Kampf um den Besitz der Ölfelder am Persischen Golf.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau