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Das Königsdrama

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Das „Haschemitische Königreich Jordanien“, dessen krisenreiche kurze Geschichte eben wieder in blutigen Bürgerkriegswirren gipfelte, ist eine künstliche Schöpfung des 20. Jahrhunderts auf uraltem Kulturboden. Als Überbleibsel des britischen Kolonialismus hat es bei einer eventuellen Abdankung seines dritten Königs, Husseins II., nur noch geringe Zukunftschancen. Man erzählt sich, das seine ziemlich gradlinig mitten durch unbewohnbare kahle Wüstenregionen verlaufende Grenze kurz nach dem ersten Weltkrieg vom damaligen britischen Kolonialsekretär Winston Churchill mit dem Rotstift in eine Generalstabskarte eingezeichnet wurde.

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Das „Haschemitische Königreich Jordanien“, dessen krisenreiche kurze Geschichte eben wieder in blutigen Bürgerkriegswirren gipfelte, ist eine künstliche Schöpfung des 20. Jahrhunderts auf uraltem Kulturboden. Als Überbleibsel des britischen Kolonialismus hat es bei einer eventuellen Abdankung seines dritten Königs, Husseins II., nur noch geringe Zukunftschancen. Man erzählt sich, das seine ziemlich gradlinig mitten durch unbewohnbare kahle Wüstenregionen verlaufende Grenze kurz nach dem ersten Weltkrieg vom damaligen britischen Kolonialsekretär Winston Churchill mit dem Rotstift in eine Generalstabskarte eingezeichnet wurde.

Seiner Devise „divide et impera“ („teile und herrsche“) getreu, zerstückelte England das ethnologisch, geopolitisch und kulturell zusammengehörige Territorium in das Protektorat Palästina und ein Beduinenemirat Transjordanien. Den Fürstenthron von seinen Gnaden schenkte es einem der Söhne des durch den späteren König Ibn Saud den Großen von Saudi-Arabien von der Arabischen Halbinsel vertriebenen Hedschasherrschers Hussein I. Das war der fragwürdige Dank für den durch die Krieger Husseins ausgelösten „arabischen Aufstand“ gegen die Türkei.

Emir Abdullah, der den Thron 1923 bestieg, erwarb zwei Jahre später den Hafen Akaba als einzigen direkten Zugang zur Außenwelt. Er errang die Achtung und Treue der Beduinenbevölkerung, und der legendäre brdtische General Glubb Pascha schuf ihm in der „Arabischen Legion“ eine der schlagkräftigsten Armeen des Vorderen Orients. 1948, im ersten arabisch-israelischen Krieg, waren diese Truppen die einzigen siegreichen auf der arabischen Seite. Sie hielten die Altstadt Jerusalems mit dem jüdischen Viertel und der Klagemauer. Noch kurz vorher hatte der spätere israelische Außen- und Premierminister, Frau Golda Meir, verkleidet als Araberin, den Emir im Ammaner Dasman-Palast erfolglos beschworen, er möge Gewehr bei Fuß stehen bleiben. Abdullah war von der Aussicht auf reiche Siegesbeute in Palästina mehr verlockt als von der Chance eines friedlichen Nebeneinander mit dem jungen Judenstaat. Nach dem Waffenstillstand behielt er Ostjerusalem und die Westbank Palästinas und verleibte sie im Frühjahr 1950, gegen den Widerstand der Arabischen Liga, seinem Reich ein. Er ließ sich zum König ausrufen und nannte sein Land seitdem „Jordanien“.

Dieser Kraftakt hatte katastrophale Folgen. Das bis dahin bitter arme Beduinenemdrat gebot jetzt zwar über große landwirtschaftliche Nutzgebiete, krankte aber auch an der unüberwindlichen Feindschaft der renitenten Palästinenser. Im Juli 1951 kam ihre Rache: König Abdullah fiel vor dem traditionellen

Freitagsgebet in der Jerusalemer Al-Aksa-Moschee unter den Kugeln eines palästinensischen Mörders. Nächststehender Zeuge der Tat war sein Enkel Hussein. Das war nur der erste Vorgeschmack kommender schlimmer Ereignisse. Abdullahs Nachfolger wurde zunächst sein ältester Sohn Talal. Wegen seiner zunehmenden Geisteskrankheit mußte dieser jedoch schon ein Jahr später abdanken. Ihm folgte sein damals noch im britischen Har-row studierender minderjähriger Sohn Hussein. Dieser war, in den Jahren zwischen 1952 und 1967, Ziel von mehr als einem Dutzend Mordanschlägen. Doch obgleich der ägyptische Diktator Abd el Nasser jahrelang auf seinen Sturz, auf die Auflösung Jordaniens und dessen Einverleibung in die kurzlebige „Vereinigte Arabische Republik“ ausging, flog der König am 30. Mai 1967 nach Kairo und schloß mit seinem Todfeind ein „Verteddigungsabkommen“. Es wurde zum auslösenden Faktor des Sechstagekrieges. Vieles spricht dafür, daß Husseins Motive dieselben waren wie die seines Großvaters Abdullah, 1948. Der junge Herrscher hielt einen israelischen Sieg für unmöglich und wollte sich vermutlich rechtzeitig einen Brocken von der zu erwartenden Beute sichern. Doch am 9. Juni 1967, genau drei Jahre vor den jetzigen blutigen Wirren, verlor er „sein“ Stück Palästinas, behielt aber den größten Teil der Palästinenser. Die mehr als 600.000 Flüchtlinge, die seit 19 Jahren in Behelfslagern unter menschenunwürdigen Umständen dahinvegetierten, und die nach Beendigung der Kampfhandlungen zu weiteren Hunderttausenden über den Jordan hereinflutenden „neuen“ Flüchtlinge, wurden zur Bevölkerungsmehrheit des seiner reichsten Gebiete entäußerten Staates und zu einem lebensgefährlichen Unruhefaktor. Der von Jordanien ausgehende zunehmende Guerillaterror gegen Israel machte das wehrlose Land zum Spielball der Widerstandsgruppen und der israelischen Vergeltungsschläge. Jordanien erwies sich als zu schwach für einen Verhandlungsfrieden, und eine Intervention Israels auf der einen, Syriens und des Irak auf der anderen Seite schwebt seitdem ständig wie ein Damoklesschwert über ihm.

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