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König Husseins Zwiespalt

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Die irakischen Königsmörder vom 14. Juli 1958 haben genau gewußt, weshalb sie Vorsorge trafen, daß auch Faisals langjähriger Ministerpräsident und der eigentliche Lenker der irakischen Innen- und Außenpolitik den tödlichen Kugeln nicht entgehen konnte. Gleich ausgezeichnet durch seine seltene Staatskunst wie

Baby-Sitter

(Aus: „Die Zeit“, Hamburg)

durch seine hervorragenden geistigen Qualitäten war Nuri es-Said im gesamten arabischen Raum der einzige Mann, der dem neuägyptischen Imperialismus ein Schach zu bieten vermochte. Er allein war dem Oberst Nasser gewachsen, und nur er wäre imstande gewesen, falls er dem von langer Hand vorbereiteten Mordanschlag entronnen wäre, die königstreuen Kräfte zu sammeln und zum Sieg über die Putschisten zu führen. Nach seinem Tod ruht die letzte Hoffnung der Araber, die für ihr Land anderes erstreben als die Unterwerfung unter den ägyptischen Diktator, auf dem letzten regierenden Sproß des Hauses der Haschemiten, auf Hussein, König von Jordanien, so gering auch seine Erfahrung erscheint, gemessen an jener Nuri es-Saids, und so bescheiden seine Machtmittel sind, im Vergleich mit denen der Vereinigten Arabischen Republik, wie Gamal abdel Nasser seinen unmittelbaren Herrschaftsbereich nennt.

Tatsächlich hat Hussein trotz seiner Jugend schon mehrfach Beweise von rascher Entschlußfähigkeit, Energie und persönlichem Mut geliefert. Seine feste Haltung in den Krisen, die sein Regime in den letzten Jahren wiederholt bedrohten, und der schnelle Zugriff, mit dem er gerade im richtigen Moment zwei Offiziersverschwörungen zum Scheitern brachte, haben ihm in den breiten Volksschichten und vor allem — was in allen arabischen Ländern weitaus das wichtigste ist — in den Reihen der Armee einen starken Rückhalt geschaffen. Er kann auf die Loyalität namentlich der regulären Truppen zählen, die sich aus Beduinen zusammensetzen, wie auch der irregulären Freiwilligen, die ihm von den Stammesfürsten unter dem Eindruck der blutigen Ereignisse in Bagdad zur Verfügung gestellt wurden. Die Opposition, die sich nicht allein gegen die Person des Königs oder die monarchische Staatsform richtet, sondern überhaupt die Existenzberechtigung Jordaniens als eines selbständigen Staates negiert, ist nun freilich nicht aus der Welt geschafft; zu ihrem eisernen Bestand gehören ein Großteil der noch immer unter menschenunwürdigen Verhältnissen existierenden Flüchtlinge aus Palästina, sowie gewisse Elemente im jordanisch-syrischen Grenzgebiet, deren subversive Tätigkeit durch syrische oder sonstige landfremde Agenten und ausländisches Geld in Gang gehalten wird. Dessen ungeachtet ist kaum zu bezweifeln, daß die königliche Regierung heute fester im Sattel sitzt als je seit der Thronbesteigung Husseins, und daß der König selbst ein Maß von allgemeiner Beliebtheit genießt, wie es bis zum Tag des blutigen Umsturzes in Bagdad nicht zu verzeichnen war.

So paradox es klingt, durch des Königs Ruf um britische Hilfe und die Ankunft britischer Truppen in Amman hat seine Popularität nicht gelitten, im Gegenteil, sie kam bei der Begrüßung der ersten britischen Luftlandeabreilun-een in Ovationen für den König zum Ausdruck, wie man sie in der jordanischen Hauptstadt schon lange nicht erlebt hatte. Aber gende damit begann das Dilemma, dem Hussein sich jetzt gegenübergestellt sieht.

Die tückische Untat, der König Faisal und sein Onkel, der Kronprinz, beide Nachfahren des Propheten, zum Opfer gefallen waren, hatte in den weitesten Kreisen der arabischen Weltbund selbst bei überzeugten Anhängern der panarabischen Bewegung, tiefe Entrüstung ausgelöst, und nichts war für die breite Masse selbstverständlicher, als daß König Hussein unverzüglich aufbrechen würde, um an den Mördern seines Vetters Blutrache zu üben. So und nur so erklärt sich der Enthusiasmus, der durch das Auftauchen der ersten britischen Uniformen in den Straßen Ammans ausgelöst wurde. Verstärkt und unterstützt durch britische Streitkräfte, das galt als ausgemacht, würde der König an der Spitze seiner Armee nach Bagdad marschieren, um dort ein unerbittliches Strafgericht abzuhalten und die Vereinigung des Irak mit Jordanien unter seinem Szepter zu proklamieren; ein Unternehmen, dem sich die überwiegende Mehrheit des irakischen Volkes, einschließlich des Militärs, das glaubte man ebenso sicher zu wissen, mit Begeisterung anschließen würde. Aber den Hoffnungen oder Erwartungen solcher Art wurde sehr rasch der Boden entzogen. London erklärte wiederholt und mit allem Nachdruck, daß britische Truppen einzig und allein zu dem Zweck nach Jordanien entsandt worden seien, um die Unabhängigkeit und Souveränität dieses Staates zu schützen; sie würden wieder abziehen, sobald die UNO einen Weg gefunden hätte, diese Aufgabe zu übernehmen. Vom Irak anderseits war nichts zu erfahren, was1 auf Unruhen im Lande oder sonstige Schwierigkeiten der neuen Revolutionsregierung schließen ließ; das neue Regime war sogar schon von einer Reihe fremder Staaten durch Auf; nähme diplomatischer Beziehungen anerkannt worden. Und was für die Anhänger Husseins das

Enttäuschendste war, Tag um Tag verging, ohne daß es ernst wurde mit dem angekündigten Vormarsch über die jordanisch-irakische Grenze. Irreguläre arabische Krieger aber sind unter allen Umständen schwer bei der Fahne zu halten, und ganz besonders, wenn nicht geschossen wird; das hat sich auch in diesem Fall wieder gezeigt. Noch sind keine drei Wochen seit der Mobilisierung vergangen und schon haben Tausende der aufgebotenen Freiwilligen, des Zuwar-tens müde, den Heimweg zu ihren Zelten und ihren Herden angetreten.

Das an sich wäre noch nicht das Schlimmste. Viel bedenklicher ist es, daß auch die treuesten Gefolgsleute des Königs zu fragen beginnen, weshalb er denn eigentlich die Briten ins Land zurückgerufen habe, wenn sie ihm nicht helfen wollten, im Irak nach dem Rechten zu sehen. Diese Frage kennzeichnet Husseins Position zwischen Scylla und Charybdis. Es war ihm bestimmt von vorneherein klar, daß er an einen militärischen Vorstoß, bei dem er mit dem Widerstand nicht nur irakischer Streitkräfte, sondern auch der Vereinigten Arabischen Republik zu rechnen hatte, ohne die volle Unterstützung Großbritanniens nicht einmal denken durfte. Von dem Augenblick an, da er jede Hoffnung auf britische Waffenhilfe für einen solchen Zweck begraben mußte, sah er sich in die Defensive gegenüber seinem eigenen Volk gedrängt; in die Notwendigkeit, sich gegen den Vorwurf zu verteidigen, er habe bloß zu seinem persönlichen Schutz und zur Abwehr seiner Gegner im eigenen Land die Briten herbeigeholt und damit den längst überwunden geglaubten Zustand der britischen Protektoratsherrschaft über Jordanien wieder hergestellt. Falls es, wie nicht zu erwarten ist, in naher Zukunft zu einem bewaffneten Angriff der Arabischen Republik auf Jordanien und zur Teilnahme britischer Truppen an der Landesverteidigung käme, würde dieser Vorwurf freilich gegenstandslos geworden sein; andernfalls aber wird es für den König immer schwerer werden, ihn als Agitationsmittel des inneren Feindes zu entkräften, je länger die Anwesenheit britischer Truppen andauert. Daran würde auch die nicht sehr wahrscheinliche, aber immerhin mögliche Ablösung der Briten durch eine UNO-Polizeitruppe nichts ändern. Ob unter der einen oder der anderen Flagge, die fremden Streitkräfte wären wohl imstande, eine Aggression von außenher zurückzuweisen, sie vermögen aber nicht, selbst wenn sie es versuchen wollten, der inneren Zersetzung, dem Wirken subversiver Kräfte im Lande Einhalt zu tun. Wenn nichts geschieht, um der jordanischen Bevölkerung den Vorteil der Eigenstaatlichkeit handgreiflich zu beweisen, ist das rasche Fortschreiten der panarabischen Unterminierung nicht aufzuhalten; und wenn der Tag kommt, der früher oder später kommen muß, da die Truppen der „Imperialisten“ das Land verlassen haben, wird es wie eine überreife Frucht dem neuägyptischen Imperium in die Hände fallen.

König Hussein und seine prowestlichen Ratgeber mögen hoffen, daß jener Tag noch ferne liegt und daß es ihnen mittlerweile gelingen wird, dem zweifelhaften Staatsbewußtsein ihres Volkes eine solidere Grundlage zu geben. Sie sind sich sicher darüber einig, daß vor allem eine Besserung der für die breite Masse trostlosen wirtschaftlichen Verhältnisse erforderlich wäre; aber wie eine solche bewerkstelligt werden soll, ist ein Problem, für dessen Lösung gerade in diesem kritischen Augenblick jeder Anhaltspunkt fehlt. Jordanien ist ein von Natur aus armes Land und als Staat ohne fremde Subsidien nicht lebensfähig. So war es auch einer der wichtigsten Zwecke der mit dem Königreich Irak geschlossenen Union, die für den Staatshaushalt unumgänglich notwendigen 12 Millionen Pfund Sterling aus befreundeter und verbündeter arabischer Hand, statt wie früher von der britischen Schutzmacht zu empfangen. Nun hat Bagdad die Union aufgelöst, und schon fehlt dem jordanischen Verteidigungsministerium das Geld, um die Offiziersgagen und die Löhnung der Mannschaften voll auszubezahlen. Begreiflich, daß der König es so lange als möglich vermeiden will, sich neuerlich um Finanzhilfe an die britische Regierung zu wenden und den Feinden der jordanischen Unabhängigkeit damit ein weiteres Argument zu seiner Diskreditierung als eines „bezahlten Handlangers der Imperialisten“ zu liefern. Aber solche Erwägungen sollten auf anglo-amerikanischer Seite überhaupt nicht in Rechnung gestellt werden. Mit der Entsendung britischer Truppen nach Jordanien ist ein erster Schritt zur Wahrung der Unabhängigkeit dieses Landes gemacht worden, aber eben nur ein erster Schritt, Ob er klug oder unklug war, mag vorläufig dahingestellt bleiben, auf alle Fälle aber beinhaltet er Verpflichtungen, denen sich die, die ihn gemacht haben, nicht ungestraft entziehen können. Es liegt an den verbündeten Westmächten, und nicht am hart bedrängten König Hussein, zu zeigen, daß Staaten und Regierungen, die auf den Schutz des Westens vertrauen, nicht auf Sand gebaut haben.

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