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Moral und Medizin: Irak im Würgegriff des Todes

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Die medizinische Situation im Irak ist prekär. Eine Reportage.

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Die medizinische Situation im Irak ist prekär. Eine Reportage.

„Wir haben alle Hoffnung aufgegeben, das irakische Volk ruft um Hilfe!": Ein chaldäisch-katholischer Ingenieur - er stammt aus Mosul - sagt uns dies in perfektem Französisch. Wir sind am irakisch-jordanischen Grenzposten von Trebil - und hier, im Staub, im Schmieröl und im Uringestank, mitten in der Kolonne von Lastwagen und dreckigen Bussen wird es spürbar, das ganze Elend eines zugrundegerichteten Volks, das unterwegs ist zur einzigen offenen Grenze, der Grenze nach Jordanien.

Unser Gesprächspartner hat in Lyon studiert, weiß aber, daß er als Iraker keine Chance hat, ein Visum für Frankreich zu bekommen. Er wird es deshalb mit Belgien versuchen, das „flexibler" sein könnte, wie er denkt. Sein Haus in Bagdad hat der Diplomingenieur verkauft. Für ihn ist es „aus mit dem Irak. Ich bin 35 Jahre alt und habe zwölf Jahre Militärdienst hinter mir, zwölf Jahre Krieg und Schrecken - an der Grenze zum Iran, in Kurdistan, gegen die Amerikaner - das genügt!" Vor kurzem hat er einen Paß bekommen - seit Beginn des Kriegs gegen Iran 1980 hat kaum jemand das Land verlassen können - und hofft wider alle Hoffnung, daß Europa ihn aufnimmt, „denn ich bin Christ und Europa ist christlich".

Eine Illusion, wie das folgende Beispiel zweigt: letzten Juli wurde Yousif Thomas, dem chaldäischen Bischof von Bassorah, eine durchaus erniedrigende Behandlung seitens des Generalkonsuls von Kanada in Amman zuteil - jener verweigerte ihm schlichtweg das Visum. Thomas leidet an Magenkrebs und sollte sich einer dringenden Operation unterziehen; sein in Kanada lebender Bruder hatte ihn eingeladen und wollte auch die Kosten der Reise tragen. Schließlich konnte Thomas trotz des verweigerten Visums nach Kanada reisen -über Rom, mit einem Dienstpaß des Vatikans. „Wenn einem Bischof solches zustoßen kann, fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, wie es einem einfachen irakischen Zivilisten bei den westlichen Botschaften ergeht", empört sich Pater Mousa Adeli, der lebhafte Direktorder jordanischen Caritas, der uns von der Verzweiflung Tausender aus dem Irak geflüchteter Familien erzählt.

„Die Moral sinkt"

Die alliierten Flugzeuge überfliegen die irakischen Städte und säen Angst und Schrecken unter einer Bevölkerung, die noch ganz benommen ist vom Leidensweg der vierzig Tage im letzten Jänner und Februar, während der Sicherheitsrat in New York die Bedingungen für eine Wiederaufnahme des Verkaufs irakischen Öls zur Deckung der Kosten für Lebensmittel, Medikamente und andere notwendige Hilfsgüter für die Zivilbevölkerung bespricht. Das von der UNO im August 1990 verhängte Embargo hat zwar nicht das Regime Saddam Husseins gestürzt, trifft jedoch die Bevölkerung, deren Vorräte erschöpft sind, hart.

In den Straßen von Bagdad fällt dem, der die Stadt vor dem Krieg gekannt hat, das sichtlich größere Elend auf. Es gibt auf einmal Bettler. Mütter und Kinder und auch alte Leute, die im Staub und in drückender Hitze am Boden sitzen und ihre Hände ausstrecken. Unser Führer vom Informationsministerium, der uns überall hin folgt, und uns zeigt, was wir nicht fotografieren dürfen (die zerbombten Ministerien, gewisse militärische Einrichtungen...) bestätigt, daß sich die Prostitution entwickelt - „früher undenkbar".

„Die Moral sinkt", bekräftigt er -und er hat es vor nicht langer Zeit erlebt. Man hat ihm tatsächlich das Schaf gestohlen, das er in seinem Garten mästete. Kürzlich kaufte er einen mit Wasser gefüllten Ölkanister - getäuscht von der dünnen Schicht Öl, die obenauf schwamm. Eine scheinbar intakte Schachtel Milchpulver für sein Baby war mit Mehl und Gips gefüllt. „Was wollen Sie", sagt er fatalistisch, „die Leute versuchen, zu überleben, so gut sie halt können, während die Reichen immer reicher werden, spekulieren sie mit dem Mangel und bereichem sich auf dem Schwarzen Markt." Man kann wohl bedauern, daß das von der UNO verhängte Embargo nur die Masse der Armen trifft, die gleichsam zur „Geisel" wird, während jene, die eigentlich für alles gestraft werden sollten, alle Mittel haben, um den Sanktionen zu entgehen.

Vor dem Krieg - jenem „gegen die Amerikaner", wie Ali, Funktionär des Bagdader Informationsministeriums, präzisiert, kostete ein Kilo Zucker 150 bis 200 Fils (ein irakischer Dinar ist tausend Fils wert, also über drei amerikanische Dollar zum offiziellen Wechselkurs). Während des Kriegs kostete es 6,1 Dinare und nun deren 4,1. Ein Funktionär in Staatsdiensten auf schon höherer Beförderungsstufe verdient gegenwärtig - wie auch ein Ingenieur - 220 Dinare. Ein Bauarbeiter erhält 15 Dinare pro Tag.

Die zweitwichtigste Stadt des Landes, Bassorah (oder Basra), die „Märtyrer-Stadt" an der Mündung des Schatt el-Arab, war einst ein sehr wichtiges Industrie- und Handelszentrum. Vor dem Krieg mit dem Iran spielte sich hier der größte Teil des Exporthandels ab. Nach acht Jahren iranischer Bombardierung, vierzig Tagen alliierten Beschüsses im Jänner und Februar und zerstört vom schiitischen Aufstand und den Auseinandersetzungen mit den Saddam Hussein treuen Truppen ist Bassorah heute eine tote Stadt.

Überall hängen Porträts des „Rais", von Präsident Saddam Hussein also; bei den Unruhen Ende Februar/Anfang März sind sie zerschossen und zerfetzt worden, nun sind sie wiederhergestellt, als wäre nichts passiert. Die Stadt scheint friedlich und das Militär hält sich im Hintergrund. Nicht weit vom Al-Muftia-Quartier, das im Jänner „versehentlich" bombardiert wurde und wo mindestens drei ganze Familien unter den Trümmern eines Häuserblocks begraben liegen, schnürt uns ein scheußlicher Gestank die Kehle zu. Über Hunderte von Metern bilden offene Abwasserbecken Teiche, auf denen alle Art Unrat schwimmt, sogar tote Hühner. Die Straße ist voller Schlaglöcher und der Abfall kann nicht mehr mit den Lastwagen weggebracht werden.

Heute wirken der Krieg und das Embargo wie eine Zeitbombe. Die Fabriken, wo medizinische Instrumente hergestellt wurden, sind zerstört oder stillgelegt. Es mangelt an allem: an Kathetern, sterilen Tüchern, Verbandsmaterial, Watte, Einwegspritzen und einer ganzen Reihe von Medikamenten, zum Beispiel Antibiotika. Man muß auch wieder empirische Methoden anwenden, denn es gibt kein Material mehr für Labortests, für die Diagnose von Infektions- oder Blutkrankheiten, und auch keine Röntgenplatten.

Die offenen Abwasserbecken, der Mangel an Chlor, mit dem man das Wasser behandeln könnte, die Mangelernährung, die die Schwächsten noch mehr schwächt - all dies führt zu Durchfällen und Dehydration, die schon Tausende Kinder getötet haben. Romeo Shlimon Jacob, ein 35jähriger Chirurg, sagt, daß diese Krankheiten zum Teil endemisch und in der Mangelernährung, dem Hygienemangel und den gesundheitsschädlichen Zuständen eines Entwicklungslands begründet sind - dennoch haben Krieg und Wirtschaftsembargo die Lage schrecklich verschärft.

Im St. Raphaels-Spital in Bagdad, einem privaten Krankenhaus, das Dominikanerschwestern gehört, ist eben ein 55jähriger Mann gestorben, weil es kein Insulin mehr gibt. Schwester Bahidja Hallawi, die Vize-Provinzialin, bestätigt uns, daß die von der Regierung geschickten Medikamente nur für ein oder zwei Wochen reichen; der Rest muß zu unerschwinglichen Preisen auf dem „freien" Markt gekauft werden - wenn es dort überhaupt etwas gibt.

„Verdrehte" Situation

Am Sitz der Delegation des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), im Hotel Al-Sadeer Novotel in Bagdad, nimmt sich Arthur Bisig, der aus Schwyz stammende Delegationschef, kein Blatt vor den Mund. Zwar kann er nicht genau sagen, wie sehr sich die gesundheitliche Lage der irakischen Bevölkerung verschlechtert hat - dazu bedürfte es verläßlicher statistischer Angaben über die vorhergehenden Jahre, besonders zur Kindersterblichkeit. Empirisch aber stellen die 65 Schweizer IKRK-Delegierten eine Verschlechterung der Lage fest.

Arthur Bisig will nicht auf politischer, sondern nur auf humanitärer Ebene diskutieren. Für ihn ist absolut klar, daß der Mangel an Medikamenten und die daraus folgende erhöhte Kindersterblichkeit mit dem über den Irak verhängten Embargo zu tun haben. Die Resolution 706 der UNO würde dem Irak unter gewissen Bedingungen erlauben, Erdöl zu verkaufen, um Medikamente und Nahrungsmittel zu kaufen. Würde sie in Kraft gesetzt, wären die Waren frühestens in drei Monaten vor Ort verfügbar, das heißt, daß vor Weihnachten auf keinen Fall etwas in den Irak gelangt.

„Es gibt immer mehr Menschen, für die der Mangel an einem bestimmten Medikament den Tod bedeutet... so laufen sie von einem Spital zum andern und kommen hierher, und wir haben diese Medikamente auch nicht - was sollen wir dann tun? Das ist unannehmbar!" Persönlich fällt es Bisig schwer, eine solche Situation, die ihm „verdreht" erscheint, zu akzeptieren. Er möchte, wie es das IKRK üblicherweise tut, die humanitäre Frage von den politischen Überlegungen trennen, was im Klartext bedeutet, daß man aufhören sollte, mit der Zivilbevölkerung zu spielen, um Druck auf das Regime von Präsident Hussein auszuüben, wenn einem solchen Regime das schwere Schicksal des Volks überhaupt etwas ausmacht.

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