7048157-1990_42_05.jpg
Digital In Arbeit

Schwere Zeiten für Moslem-Brüder

1945 1960 1980 2000 2020

Die islamischen Fundamen- talisten verstanden sich als Muster islamischer Redlich- keit. Khomeini und jetzt Saddam Hussein haben die arabischen „Moralisten" durcheinandergewirbelt.

1945 1960 1980 2000 2020

Die islamischen Fundamen- talisten verstanden sich als Muster islamischer Redlich- keit. Khomeini und jetzt Saddam Hussein haben die arabischen „Moralisten" durcheinandergewirbelt.

Für den Islamismus - in der west- lichen Presse meist als islamischer Fundamentalismus bezeichnet - ist die Kuweit-Krise eine erneute Zer- reißprobe. Einige Gruppen und Persönlichkeiten, teilweise aber auch ganze Landesverbände, ha- ben sich spontan auf die Seite Sad- dam Husseins gestellt, andere blie- ben ihren saudischen Gönnern treu. Wieder andere sind zwischen alle Stühle gefallen, weil sie sich für keine Seite entscheiden konnten.

Dank der schier unbegrenzten Geldmittel, die die Islamisten aus Saudi-Arabien bezogen, konnten sie jedoch im Lauf zweier Jahr- zehnte starke Parteiapparate auf- bauen. Oberschüler und Studen- ten, die sich kaum eine Zeitung, geschweige denn ein wissenschaft- liches Buch leisten konnten, wur- den mit kostenloser Literatur der Islamisten überschwemmt.

Anfangs machte Libyen den Saudis bei der Förderung islami- stischer Parteien Konkurrenz, Riad hatte jedoch den längeren Atem und war als Mäzen zuverlässiger. Au- ßerdem bot sich Gadaffi als Pro- pheten-Ersatz an und propagierte sein „Grünes Buch" mehr als den Koran. Bald führte das zu einer ersten Spaltung der Islamisten; denn einige hielten bei Gadaffi mit und verdammten die Saudis in Grund und Boden. Sie fühlten sich dadurch bestärkt, daß es im islami- stisch orientierten Saudi-Arabien eine radikale islamistische Opposi- tion im Untergrund gibt, die den religiösen Anspruch der herrschen- den Schicht als Heuchelei ablehnt.

Im Zuge der Revolution Khomei- nis traten noch weitere Gegensätze hervor. Die Islamisten, die sich selbst auch gern als „die islamische Bewegung" bezeichnen - so als gäbe es außer ihnen keine wahren Gläu- bigen - spalteten sich nun in einen pro-iranischen und einen pro-sau- dischen Flügel. Teheran rief zum bewaffneten Aufstand gegen die als unislamisch verdammten Regimes der Region auf. Riad dagegen riet zu Mäßigung und zur Beteiligung am Demokratisierungsprozeß, obwohl es diesen in Saudi-Arabien selbst gar nicht zuließ.

Die pro-saudischen Gruppen suchten sich in den meisten Staaten als politische Parteien offiziell zu etablieren und drängten auf Lega- lisierung. So zogen sie zum Beispiel in Ägypten ins Parlament ein, spä- ter auch im Jemen, dann in Jorda- nien und schließlich in Algerien. Die pro-iranischen Gruppen dage- gen verhöhnten diesen Zug zur „Moslem-Demokratie" und arbei- teten konspirativ.

Es war keineswegs so, daß alle Schiiten zu Teheran hielten oder alle Sunniten zu Riad. Gewiß, Kho- meinis Herrschaft riß alte Wunden auf, und der Konflikt zwischen den beiden großen Konfessionen des Islam gewann erneut an Schärfe, teilweise kam es zu bürgerkrieg- sähnlichen Situationen.

Zum Entsetzen vieler Islamisten verbündeten sich die Ajatollahs mit Präsident Assad von Syrien, ob- wohl dessen arabisch-nationalisti- sche Baath-Partei für Säkularis- mus eintritt und eine Ausrottungs- kampagne gegen die Islamisten im eigenen Land betrieb. Allein auf Mitgliedschaft in der islamistischen Partei der „Moslem-Bruderschaft" steht in Syrien die Todesstrafe.

Es kam alles noch viel kompli- zierter. Im Libanon stehen Syrien- hörige Schiiten im Kampf mit Iran- hörigen Schiiten.

Gänzlich verworren wurde die Situation durch die Schaukelpoli- tik einzelner besonders opportuni- stischer Islamisten-Führer, perso- nifiziert durch den ambitiösen Uni- versitätsprofessor Turabi im Su- dan. Seine Nationale Islamische Front (NIF) verdankt ihre Bedeu- tung als drittstärkste Partei des ara- bisierten Nordsudan vor allem den aus Saudi-Arabien so reichlich ge- flossenen Geldern. Gleichzeitig hat jedoch Turabi gute Beziehungen zum Iran und zu Libyen unterhal- ten, schließlich sogar zum Irak.

Das nationalistisch-säkularisti- sche Regime von Bagdad hat eben- so wie das Regime im verfeindeten Damaskus die Islamisten stets scharf verfolgt. Haf ez Al-Assad und Saddam Hussein waren jahrzehn- telang diabolische Symbolfiguren für die Islamisten. Durch seinen Krieg gegen Khomeini ging Sad- dam Hussein sozusagen in die Mythenwelt der Schiiten ein, als Inkarnation des Beelzebub.

Im Sudan aber stehen die Islami- sten im Abwehrkampf gegen die nichtmoslemischen Schwarzen des Südens und die mit ihnen verbün- deten liberalen Moslems. Hier kam es deshalb zu einer Synthese zwi- schen Islamismus und arabischem Nationalismus.

Im Juni 1989 riß eine Junta jün- gerer Offiziere die Macht an sich, die zu den Gefolgsleuten Turabis zählen, zugleich aber mit Saddam Hussein im Bunde stehen und aus dem Irak sowie aus Libyen Waffen bezogen, um den Bürgerkrieg ge- gen die nicht-arabische Mehrheit im Lande fortzusetzen.

Damit war gewissermaßen der Weg für eine neue Allianz aufge- zeigt. Bagdad gab sich auf einmal weniger anti-islamistisch. Als die Kuweit-Invasion begann, am 2. August dieses Jahres, sprach der bisherige Islamisten-Feind Saddam auf einmal vom „Heiligen Krieg" und appellierte an die Moslems in aller Welt, sich seinem Feldzug gegen die Ungläubigen anzuschlie- ßen. In Jordanien, Tunesien, Alge- rien und im Jemen stieß er damit auf Erfolg. Es bildete sich eine ge- meinsame Front aus Islamisten und den Radikalen unter den arabischen Nationalisten, politische Kräfte, die sich bisher bitter bekämpft hatten.

Diese Allianz kann jedoch nicht anders als kurzlebig sein; denn die ideologischen Gegensätze lassen sich auf Dauer nicht überbrücken. Für Katholiken wie Tarik Aziz, Saddam Husseins Außenminister und treuen Gefolgsmann, ist im uto- pischen Musterstaat der Islamisten kein Platz. Zwischen den Kadern der Baath-Partei, gleich ob in Sy- rien oder im Irak, und den Mitglie- dern der „Moslem-Bruderschaft" herrscht Blutrache.

Am problematischsten dürfte die Frage des Images der Islamisten sein. Die Zweige ihrere Partei in den verschiedenen arabischen und islamischen Ländern verdanken einen wesentlichen Teil ihrer Mit- gliedschaft dem moralischen An- spruch, den sie erheben, nämlich die einzig Aufrechten zu sein, Mu- sterbeispiele islamischer Redlich- keit, vorbildhaft in einer Welt der Korruption und Heuchelei.

Die Kuweit-Krise mit ihren neuen Allianzen (siehe FURCHE- Dossier 36/1990) stellt nun das alles in Frage. Al- geriens ehemali- ger Präsident Ben Bella ist ein typisches Bei- spiel dafür. Vor einigen Jahren aus der Haft ent- lassen, entpupp- te sich der ehe- malige Sozialist als Khomeini- begeisterter Isla- mist. Die pro- saudischen Isla- misten verübel- ten ihm das, und die Ajatollahs wollten Ben Bel- la zuliebe nicht ihre guten Bezie- hungen zum Regime in Algier aufs Spiel setzen. Um den Ex-Prä- sidenten im Schweizer Exil wurde es still.

An seiner Stel- le wurde eine neue Generation algerischer Isla- misten zur stärk- sten Kraft im Lande. Für sie ist Ben Bella ein Fremder und er kennt kaum ei- nen von ihnen. Kürzlich wurde dem einstigen Freiheitshelden erlaubt, in die Heimat zurück- zukehren. Er kam - auf dem Weg über Bag- dad, wo er sich mit Saddam ver- brüderte, um durch dessen gegenwärtige Popularität unter Algeriern Auftrieb zu erhalten. Nun gilt er jedoch erst recht als oppor- tunistisch.

Entscheidend dürfte auch das Abdrehen des saudischen Geldhah- nes sein. Wer nicht klar gegen Saddam Stellung bezieht, bekommt von Riad eine Abfuhr. Am übelsten erging es der sudanesischen Junta, die in Abhängigkeit von Bagdad geraten war. Das total abgewirt- schaftete Land steht vor einer neu- en Hungersnot. General Umar Al- Baschir und seine Offiziere von der „Nationalen Islamischen Front" unternahmen wieder einen Vorstoß in Saudi-Arabien, wurden aber als „Bettlergesindel" abgewiesen.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau