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ISLAMISTISCHE SCHARFMACHER

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Aus der sprunghaft angestiegenen Zahl der Bekenner des Islam in Europa ergeben sich vielfache Veränderungen der westeuropäischen Gesellschaften, Veränderungen nicht nur religiöser und sozialer Natur, sondern auch politischer. Die Zuwanderer bringen im Gepäck ein Bündel politischer Konflikte mit, die hier nicht lange latent bleiben. Die meisten kommen nämlich aus Staaten, in denen mehr oder weniger Bürgerkrieg herrscht -und der geht bisweilen in der Fremde weiter.

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Aus der sprunghaft angestiegenen Zahl der Bekenner des Islam in Europa ergeben sich vielfache Veränderungen der westeuropäischen Gesellschaften, Veränderungen nicht nur religiöser und sozialer Natur, sondern auch politischer. Die Zuwanderer bringen im Gepäck ein Bündel politischer Konflikte mit, die hier nicht lange latent bleiben. Die meisten kommen nämlich aus Staaten, in denen mehr oder weniger Bürgerkrieg herrscht -und der geht bisweilen in der Fremde weiter.

Die Türken sind die stärkste unter den in Westeuropa vertretenen moslemischen Nationalitäten. Bei ihnen gibt es einen scharfen Gegensatz zwischen Islamisten und Laizisten. Die Laizisten - beziehungsweise Säkularisten - werden auch Kemali-sten genannt, nach dem Begründer der modernen Türkei, Kemal Atatürk. Er führte die Trennung von Religion und Staat ein. Das wird jedoch von den Islamisten als ein Verrat angesehen.

Die große Mehrheit der Moslems sind jedoch keine Islamisten. Die Islamisten, in der europäischen Presse meist Fundamentalisten genannt, stellen nur eine Minderheit dar, wenngleich eine sehr lautstarke und überaus radikalisierte Minderheit. Für die Mehrheit der Moslems ist der Islam Glaube und Lebensweg, also eine Morallehre. Für die Islamisten dagegen ist er in erster Linie eine politische Ideologie. Ihnen geht es vorrangig um die Erlangung der Macht, notfalls durch Umstürze und Terror.

Großen Auftrieb erfuhren die Islamisten durch Ajatollah Khomeini, der in Gestalt seiner Gottespartei - auf arabisch und persisch Hizbullah genannt - eine weltweite Stoßtruppe schuf, die mit Vorliebe gerade unter frustrierten Glaubensbrüdern in Westeuropa Anhänger rekrutiert.

In Westeuropa ist heute die Hauptaufgabe der Gottespartei, dem Einfluß Saudi-Arabiens entgegenzuwirken und sich moslemische Gemeinden botmäßig zu machen. Saudi-Arabien hat zwei Jahrzehnte lang einen erheblichen Teil seiner Ölgelder für die Förderung moslemischer Gemeinden in der europäischen Diaspora ausgegeben. Problematisch dabei ist, daß die Saudis einer bestimmten Sekte folgen, den Wahhabiten, die in der übrigen Welt des Islam als kulturfeindlich gilt und zum Teil sehr verpönt ist.

Docb möchten alle moslemischen Gemeinden, ob in Wien oder Wuppertal, Lyon oder Liverpool, gern ihre eigenen Moscheen haben, und dazu brauchen die meisten finanzielle Unterstützung aus Arabien. Mit anderen Worten, sie beißen in den sauren Apfel; denn die Saudis sorgen dafür, daß sich ihre rigide Spielart des Islam durchsetzt, so trocken und antiintellektuell sie auch ist.

Negativ-Bild der Moslems

Khomeinis Islam-Interpretation ist der der Saudis gar nicht so unähnlich, insofern als die Betonung auf der blinden Befolgung des archaischen Gesetzes der Frühzeit liegt. Für die humanistischen Tendenzen der islamischen Mystik ist hier kein Spielraum. Die Iranergeben sich jedoch Sozialrevolutionär, geradezu, als wären sie der linke Flügel des Islamismus. Damit machen sie den Saudis Anhänger abspenstig. Das ist ein heftiger Kampf, der viele Diaspora-Gemeinden zerrissen und auch schon Todesopfer geko stet hat; denn Teheran scheut vor keinem Mittel zurück, seinen Führungsanspruch durchzusetzen.

Gerade deshalb ist es wichtig, noch einmal zu betonen, daß die Islamisten alle zusammen, also sowohl die prosaudischen als auch die pro-irani-schen, nur eine Minderheit darstellen, die von den meisten der Moslems in

Westeuropa abgelehnt wird.

Fernseh-Journalisten wie Gerhard Konzelmann und Peter Schöll-Latour haben hier großen Schaden angerichtet, indem sie dem Publikum ein Negativ-Bild der Moslems vermitteln, das auf jede Differenzierung und Nuancierung verzichtet. Nicht umsonst gibt es inzwischen einen Aufstand wirklicher Islam-Experten gegen diese irreführende Konzeltour, wie man das Gespann Konzelmann und Schöll-Latour inzwischen nennt.

Unerträglich autoritär

Der Unterschied zwischen Normal-Moslems und den Islamisten kann gar nicht genug betont werden. Teherans Gottespartei unter den Islamisten operiert in ähnlicher Weise wie neonazistische Gruppen, und bisweilen sind die Hizbullahis schon wie Skinheads aufgetreten, zum Beispiel als sie Mitte der achtziger Jahre in Mainz ein Studentenheim verwüsteten, in dem sich iranische Gegner des Kho-meini-Regimes versammelt hatten. Eine deutsche Studentin fand bei diesem Angriff der Islamisten den Tod.

Im Gegensatz dazu ist die Mehrheit der Moslems um gutes Einvernehmen mit der einheimischen Bevölkerung bemüht. Man denke nur an die Marokkaner, die mit etwa 75.000 Personen die drittstärkste islamische Gemeinde in Deutschland darstellen -eine islamische Gemeinde, die strikt anti-islamistisch ist. Sie sind eine wenig auffällige Ausländergruppe, weil sie in der Regel gut organisiert sind und von zu Hause Anweisung haben, alles zu unterlassen, was bei den Gastgebern unangenehm auffallen könnte.

König Hassan von Marokko ist unter anderem dagegen, daß seine Untertanen vom Wahlrecht Gebrauch machen, selbst wenn ihnen das in dem einen oder anderen europäischen Staat angeboten werden sollte. Das ist zum Beispiel in Holland der Fall, dem westeuropäischen Staat, der nach Frankreich die größte Zahl an Marokkanern aufweist. Die marokkanische Regierung möchte nicht, daß ihre Staatsbürger in den Gastländern auftreten als wären sie Einheimische - und damit für böses Blut sorgen.

Diese Haltung ist diametral entgegengesetzt der manch anderer Gruppen aus dem islamischen Raum, die bisweilen Forderungen stellen, die von den Einheimischen als eine Zumutung empfunden werden. So verlangen zum Beispiel Islamisten aus dem Iran und aus Pakistan in England seit Jahren schon Sonderschulen für moslemische Kinder. Einige dieser Schulen bestehen bereits. Für westeuropäische Vorstellungen sind sie unerträglich autoritär. Das strengste katholische Internat nimmt sich dagegen noch anti-autoritär aus. Ko-Edukation wird strikt abgelehnt, und zwar von einigen Islamisten schon im Kindergarten.

Scharia - eine Provokation

Noch schwerwiegender ist die Forderung nach Einführung der Scharia, des archaischen Gesetzeskodex aus der islamischen Frühzeit. Für Moslems soll künftig nur noch islamisches Familienrecht gelten, so das Verlangen jener Islamisten in England. Worum geht es ihnen dabei? Das Recht auf Bigamie und Polygamie ist nicht einmal das entscheidendste. Die Scharia erleichtert es dem Mann, sich von seiner Frau scheiden zu lassen. Vor allem aber können sich Männer damit der Unterhaltspflicht entziehen, auch für die Kinder.

Bei der Forderung nach Scharia für die Moslems in der europäischen Diaspora handelt es sich in der Tat um eine Provokation, denn in den meisten Staaten der islamischen Welt ist das Familienrecht in den letzten zwei Jahrzehnten reformiert worden. Das heißt die in Deutschland, England, Holland, Finnland und anderswo so forsch auftretenden Islamisten, stellen hier Forderungen, die sie daheim, in einer mehrheitlich moslemischen Gesellschaft, nicht durchsetzen können. Dabei ist allerdings zu bedenken, daß die Islamisten in mehreren arabischen Staaten verfolgt werden, und zwar gerade solcher Forderungen wegen.

Einige Hitzköpfe in England fordern nun sogtr, den Freitag zum Ruhetag für Moslems zu erklären. Hier wird der provokative Charakter solcher Forderungen besonders deutlich; denn die islamische Religion kennt eigentlich gar keinen Ruhetag nach dem Muster des christlichen Sonntags oder des Schabbath bei den Juden. Gewiß findet der allwöchentliche Hauptgottesdienst am Freitag mittag statt, und morgens sind allerhand Vorkehrungen dafür zu treffen. Doch geht man in der traditionell islamischen Welt am Freitagnachmittag wieder der Arbeit nach.

Der Mißbrauch der Religion zwecks Erlangung einiger dubioser Privilegien ist geradezu tragisch, insofern nämlich die Moslems, die ja in Westeuropa eine sehr junge Glaubensgemeinschaft darstellen, selbstverständlich eine ganze Reihe berechtigter Forderungen haben. Dazu gehört zum Beispiel die Anerkennung der moslemischen Feiertage, was kein Problem sein sollte; denn eigentlich handelt es sich um nur zwei Tage im Jahr, allenfalls um drei, und das ist weit weniger als bei Juden, Hindus und manch anderen Religionsgemeinschaften.

Von entscheidender Bedeutung ist die Frage des islamischen Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen. Daran ist von Experten seit zwei Jahrzehnten emsthaft gearbeitet worden. Mit viel Fachwissen, Hingabe und Selbstlosigkeit sind ausgezeichnete Lehrpläne erarbeitet und vielerlei Vorkehrungen getroffen worden, islamischen Religionsunterricht an Schulen zu ermöglichen. Doch vieles ist erst einmal ins Stocken geraten, und zwar wegen der Quertreibereien einiger Scharfmacher aus der Islamistenszene.

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