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Nicht mehr in Handschellen ...

Im Taxi waren noch zwei Plätze frei. Der Chauffeur rief sein Fahrziel noch einige Male, um den Wagen zu füllen und endlich starten zu können. Endlich klappte der Schlag auf, zwei Männer schoben sich herein. Einer von ihnen trug Uniform. Man sah kaum etwas Auffälliges an den beiden Männern, doch hatten es alle sofort bemerkt, ohne aber weiter davon Notiz zu nehmen. Es war eben so, was wollte man da noch sagen? Der eine gewinnt in der Lotterie, der andere bricht sich vielleicht ein Bein — und der dritte trägt eben Handfesseln, weil er das Unglück hat, im Gefängnis zu sein. Gut noch, daß er genug Geld hat, ein Taxi zu bezahlen, sonst hätte er vielleicht bei schlechtem Wetter zu Fuß gehen müssen, wenn der Gefangenenwagen kaputt ist. Der Fahrer warf den ersten Gang hinein:

„Pech gehabt, mein Bruder, nicht wahr?“

Aber mein Nachbar reagierte nicht wie erwartet. Er hätte jetzt einige weitschweifige Sätze über die Unbeständigkeit des Lebens sagen müssen, von dem Unglück, das ihn beim Spiel das Messer habe ziehen lassen, vielleicht auch vom Anisbrannt,wein. Daß er es nicht tat, war mehr als verwunderlich. Auch sein Gesicht war nicht das stumpfe eines anato- lischen Dörflers, wie man es tausendfach in der Stadt sieht, weil die besseren Verdienstmöglichkeiten locken. Der Mann war kein dörflicher Arbeitertyp, eher vielleicht Beamter.

„Ich bin Journalist“, sagte er. Und damit wußten alle Bescheid.

In den letzten vier Jahren hatte es die Regierung Menderes fertiggebracht, in 1161 (in Worten: eintausendeinhunderteinundsechzig) Fällen gegen Journalisten ein Strafverfahren zu eröffnen. Eine einfache Rechnung zeigt, daß dies mehr als elf Anklagen in 14 Tagen ausmacht: wenn man die Sonn- und Feiertage abrechnet, also fast genau je eine Anklage pro Arbeitstag!

Zweihundertachtunddreißig Journalisten kamen im gleichen Zeitraum ins Gefängnis und verbüßten — im Durchschnitt gerechnet — je eine Strafe von zwei Monaten und mußten 3000 S zahlen.

Auch die äußere Aufmachung der türkischen Presse ist trist geworden. Die farbigen Beilagen der früheren Jahre fehlen, da das Papier längst rationiert wurde, und nun gibt es sogar schon zwei Zeitungen, die auf Packpapier gedruckt werden.

Das Volk aber registriert mit schmunzelnder Befriedigung, wie sich die einzelnen Blätter durch den Wald von Paragraphen winden, durch einen Wald, der so dicht geworden ist, daß man die einzelnen Bäume nicht mehr erkennen kann.

Es weiß genau, was eine Ueberschrift bedeutet, die in folgender Form gedruckt ist:

„DER ABGEORDNETE X HAT ALLE AU

SKÜNFTE GEGEBEN, UM DIE MAN IHN . BEI DER GEMEIN

samen Befragung ersucht hat.“

Darunter folgt stets eine Berichtigung, die auch nach türkischem Pressegesetz in Form, Platz und Aufmachung dem beanstandeten Artikel entsprechen muß. Nur ist eben nicht vorgeschrieben, wie man abteilen muß ...

Der türkische Journalist, der heute noch immer zur Feder greift, weiß genau, daß er sein Handwerk auf reine Berichterstattung beschränken muß, soweit das Thema irgendwie ins Politische hinüberspielt. Er darf berichten, daß Yaschar und Soliman die zweitägige Reise von Sinop am Schwarzen Meer (der Geburtsstadt des Philosophen Diogenes) wegen einer Blutrache unternommen haben und jetzt nach der Tat im Gefängnis auf ihre Verhandlung warten. Er darf davon erzählen, daß bei einer der öffentlichen Hinrichtungen der Henker betrunken war und der Verurteilte zweimal gehenkt werden mußte (in einem Fall sogar dreimal!), daß ein anderer unter dem Galgen dem Staatsanwalt, dem Richter und dem Henker die Hand küßte, weil er ebenfalls davon überzeugt war, den Tod verdient zu haben — aber selbst eine der zahlreichen Preissteigerungen muß er ohne Kommentar bringen.

Aus diesem Grunde verwendet die türkische Publizistik von allen Interpunktionen das Anführungszeichen am häufigsten. Etwa:

„DIE ALLGEMEINE LAGE WIRD SICH ' WEITER VERSCHLECHTERN“, sagte Ismet

Inönü gestern in einer Rede.

Denn in diesem Fall hat der Journalist bloß berichtet: der eigentlich Haftbare bleibt somiteinzig und allein der Sprecher der angeführten Worte.

Trotzdem aber führen die Journalisten ihren zähen Kampf weiter. Sie zitieren Oppositionspolitiker, die schon alle wichtigeren Gefängnisse von innen kennengelernt haben, und stürzen sich auf jeden ausländischen Staatsmann oder Publizisten, der ihnen nur erreichbar ist. Denn in solchen Fällen dürfen sie — unter Anführungszeichen selbstredend — Dinge sagen, welche die Kriminalistik ihres Landes sonst noch mehr in die Höhe schnellen ließen. Und der interviewte prominente Ausländer kann aus Prestigegründen auch nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Besonders dann nicht, wenn die Fragen an ihn geschickt gestellt sind: „Wird Tn Ihrem Land das Blatt der Opposition auch alle sechs Wochen für einen Monat verboten?“ Die folgenden Sätze geben dann bloß ein Bild der Presseverhältnisse — etwa in den Vereinigten Staaten —, aber der türkische Leser wird dadurch in mehr als deutlicher Weise informiert, daß es in anderen Ländern tatsächlich so etwas gibt, was man „Freiheit“. „Pressefreiheit“ nennt.

Ganz versteht er es nicht, denn fünf Jahrhunderte führte der Padischah ein Regime, das man beim besten Willen nicht demokratisch oder freiheitlich nennen konnte, und die Demokratie ist in den Herzen der Türken weit jünger als die neue türkische Republik.

Mit selbstmörderischer Hartnäckigkeit aber taucht immer wieder ein Problem auf, das dem Ministerpräsidenten wohl schon einige schlaflose Stunden bereitet hat: das „Isbat hakki“ — das Recht, alles zu schreiben, was nachher durch Beweise erhärtet werden kann. Gerade an diesem Problem erkennt man deutlich, daß nach einem bekannten Wort Freiheit und Demokratie nichts weiter bedeuten, als daß man sagen dürfe, daß zwei mal zwei vier sei.

Die türkischen Journalisten dürfen es nicht.

Ganz zu schweigen von Kommentaren zur Lage oder gar Kritiken an öffentlichen Angelegenheiten, ja — an der Regierung selbst. Es ist den Journalisten bei schweren Strafen verboten. Nie sah man auch in den täglichen und oft ausgezeichneten Karikaturen eine Zeichnung des Ministerpräsidenten oder der Regierungs- mitglieder.

Der Kampf geht bloß um die Erlaubnis, zwei mal zwei sagen zu dürfen ...

Adnan Menderes selbst hatte vor Jahren einmal zugesagt, der Presse dieses „Beweisrecht“

zuzugestehen, allerdings in „modifizierter Form“. Später fand er hundert Gründe, dem Problem aus dem Wege zu gehen, aber es hat sich gleichsam selbständig gemacht. Immer mehr Stimmen aus den Reihen seiner eigenen Fraktion werden laut, die einerseits eine Amnestie für Pressevergehen, anderseits das „Beweisrecht“ im Pressegesetz verlangen.

Die Antwort der Regierung bestand in der Ankündigung von Gewaltmaßnahmen: die Aufmarsch- und Versammlungsfreiheit sollte fast völlig aufgehoben werden, nachdem sie vorher fast nur dem Namen nach bestanden hatte, und die Propaganda der Parteien sollte dadurch auf Null reduziert werden, daß man sie auf einen Zeitraum von sechs Monaten vor den Wahlen beschränken wollte. Ferner wurde für Journalisten akademische Bildung verlangt. Und dies in einem Lande, das nach vorsichtigen Schätzungen noch immer zirka 75 Prozent Analphabeten zählt, das — trotz allgemeiner Schulpflicht — bei der Rekrutenausbildung den Unterricht in Lesen und Schreiben vorschreiben muß und beim Exerzieren mit dem Problem zu kämpfen hat, daß ein Teil der Soldaten den Unterschied zwischen rechts und links nicht kennt I

In immer schnellerer Folge treten Abgeordnete der Regierungspartei zurück und geben — zusammen mit Tausenden aus dem Volk — ihre Mitgliedskarten der Demokratischen Partei zurück.

Das Radio aber meldet das Gegenteil, da es von der Regierung kontrolliert wird. Als sich aus diesem Grunde eine „Gesellschaft derer, die keine Radionachrichten hören" konstituierte, wurde sie am nächsten Tag vom Gouverneur von Istanbul geschlossen, noch ehe eine Untersuchung überhaupt eingeleitet worden war.

Es knistert überall im Gebälk, aber das türkische Volk ist schwerblütig. Es murrt nur leise, wo andere Völker bereits Barrikaden gebaut hätten, und trägt weiter, wo andere vielleicht zusammengebrochen wären.

Längst hat Ministerpräsident Menderes den inoffiziellen Titel „Adnan der Erste" bekommen, auch wenn keine Zeitung es wagen dürfte, derartiges zu schreiben. Vor zwei Jahren versuchten hohe Offiziere, die Regierung durch einen Militärputsch zu stürzen, doch wurden sie verhaftet, bevor noch etwas geschah. Die Verhandlungen werden geheim geführt.

Seither denken manche Leute an ein Interview, das Ministerpräsident Menderes einmal der Zeitschrift „Life“ gewährt hat. Darin sprach er die Worte: „Ich werde niemals ein ehemaliger Ministerpräsident sein." Das Volk wartet jedenfalls darauf, daß er es wird, aber es schweigt. Die den Mut zu einem offenen Wort haben, füllen die Gefängnisse, wiewohl auch einem Gewaltregime natürliche Grenzen gesetzt sind. Nie könnte Menderes es beispielsweise wagen, jemanden deshalb einzukerkern, weil er Worte Atatürks — des allseits verehrten Gründers der türkischen Republik — zitiert, selbst wenn sie die Pressefreiheit und ihre Notwendigkeit zum Thema haben. Und ebensowenig kann er gegen jemanden vorgehen, der seine eigenen Worte aus Reden und Zeitungen zitiert. Etwa als er im Jahre 1946 gegen den Einparteienstaat Stellung nahm und betonte, daß die Parteien für den Staat da zu sein hätten, nicht aber umgekehrt. Damals war Menderes noch nicht an der Macht...

Aber die Journalisten und Politiker der Opposition kämpfen weiter.

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