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Die Macht des Halbmondes wächst

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Für die Massen im Nahen und Mittleren Osten ist der Islam Mittel zur Wahrung ihrer Identität. Diese Verbindung von Religion und Politik sorgt weltweit für Spannungen.

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Für die Massen im Nahen und Mittleren Osten ist der Islam Mittel zur Wahrung ihrer Identität. Diese Verbindung von Religion und Politik sorgt weltweit für Spannungen.

Kaum eine politische Bewegung hat in der letzten Zeit soviel Eigendynamik bewiesen wie der islamische Fundamentalismus. Konflikte in der Dritten Welt, wie der Golfkrieg oder der Bürgerkrieg im Libanon, werden zunehmend von fundamentalistischen Tendenzen geprägt. Ägyptens Präsident Hosni Mubarak gab jüngst offen zu: „Der Fundamentalismus ist heute die größte Gefahr für Ägypten.“

Kein Wunder, daß die Unzahl von Zeitschriften und Büchern, die derzeit den westeuropäischen Zeitungsmarkt überfluten, nur ein Ziel verfolgen: Man will mit dem erstarkten Islam ins Gespräch kommen. Auf einem anderen Blatt steht freilich, ob die lange Geschichte der Feindschaft und des Mißtrauens zwischen Christen und Moslems in kurzer Zeit bewältigt werden kann. Bei seiner Begegnung mit Tausenden von moslemischen Jugendlichen in Marokko vergangenes Jahr rief Papst Johannes Paul II. beide Seiten zu gegenseitiger Toleranz auf.

Wann immer man sich in Europa mit dem Islam beschäftigte, dann geschah dies meist nur in der Absicht, die Lehre des Propheten Mohammed zu revidieren oder sie als „Irrlehre“ bloßzustellen.

Auf christliche Bekehrungsversuche reagierte die islamische Welt bislang mit Missionsverbot für christliche Kirchen: Nur die karitative Arbeit der Kirche wird in den Nahostländern geduldet, die Verkündigung des Evangeliums an die Moslems dagegen ist strengstens verboten.

Gebildete europäische Zeitgenossen hatten jahrelang an der Religion der Araber kaum Interesse. Erst in den sechziger Jahren schien der Islam unter einigen europäischen Intellektuellen (Louis Massignon, Rene Guenon) zu einer Art Modeerscheinung geworden zu sein, die bisweilen auch groteske Züge annahm. Ein Beispiel dafür ist der französische Professor für Philosophie und Ex-Marxist Roger Garaudy, der nach einer vorübergehenden Konversion zum Buddhismus nun endgültig unter dem Beifall Gadhafis „zum Islam gefunden hat“.

Plumpe Anbiederung einiger Möchte-gern-Moslems oder Bekehrungsversuche, das war jedenfalls bisher die Sprache, mit der Europa mit dem Islam geredet hat. Doch zurück zürn Orient. In den arabischen Hauptstädten wirkte die Begegnung mit der hochtechnisierten westlichen Zivilisation (die aus nahöstlicher Perspektive eng mit europäischen Kolonialisierungsbestrebungen verbunden war) wie ein Schock auf die muslimische Führungsschicht.

Bis zum 13. Jahrhundert fiel es dem Islam leicht, mit der Herausforderung der Umwelt fertig zu werden. Der syrische Orientalist Bassam Tibi erklärt dazu: „Der Islam wurde während seiner geographischen Ausbreitung (7. bis 13. Jahrhundert) an die Wertvorstellungen der neu hinzugewonnenen Anhänger assimiliert, ohne daß er bereits vorhandene Traditionen hätte zerstören müssen.“

Der technische Fortschritt der Neuzeit läßt sich jedenfalls nur schwer mit der vorindustriellen Gesellschaft des Nahen Ostens in

Einklang bringen, weil er eigene Wertvorstellungen voraussetzt. Der Familie, die nach wie vor der Kristallisationspunkt des muslimischen Lebens ist, kommt im technischen Zeitalter nur eine geringe Bedeutung zu. In Zukunft wird auch die Frau unweigerlich in den Industrialisierungsprozeß miteinbezogen werden, was sich mit den herkömmlichen islamischen Wertvorstellungen nur schwer vereinbaren läßt.

Die technische Überlegenheit des Westens rief bei den Moslems heftige Abwehrreaktionen hervor. Es wurden Parolen ausgegeben, wonach die islamische Welt zu den „Wurzeln des Islam“ zurückkehren müsse, um überleben zu können. Die daraus resultierende „Re-Islamisierung“ ist im Grunde nichts anderes als eine Abschirmung gegenüber allen fremden Einflüssen.

Ein Sammelbecken islamistischer Bestrebungen wurde die 1928 von Hassan al-Banna in der ägyptischen Stadt Ismailia gegründete Moslembruderschaft.

Die westlichen Ideologien lehnte Hassan al-Banna (1949 von den Beauftragten des Königs Faruq ermordet) mit der Begründung ab, der Islam verkörpere eine Symbiose zwischen Religion und Politik und sei imstande, jedem gläubigen Moslem in allen Fragen des Lebens eine umfassende Antwort zu liefern.

In der Moslembruderschaft sind alle Elemente des fundamentalistischen Islams vertreten: Befreiungswille der islamischen Welt vom Kolonialismus, antiwestliche Emotionen, der Wunderglaube an einen charismatischen Führer, sowie der Aufruf zum „heiligen Krieg“.

Einer der führenden Köpfe der ägyptischen Moslembruderschaft, der blinde Scheich Mohammed Kischk, predigt heute: „Wer begierig ist auf den Tod, dem wird das Leben geschenkt.“ Von dieser Aufforderung bis zum Märtyrertod ist es nur ein kleiner Schritt: Sadat-Mörder, Leutnant Schauky al Islambouly, handelte im Auftrag der „Takfir wa Hid-schra“ (Exkommunizierung und Exil), einer inzwischen verbotenen terroristischen Gruppe der ägyptischen Moslembruderschaft. In Syrien hatte Präsident Hafez al Ässad einen langen Kampf mit den Moslembrüdern durchzustehen.

Die Postulate der ersten Generation der Moslembrüder reduzierte der iranische Revolutionsführer Ayatollah Ruhollah Cho-meini in der Praxis auf eine simple Grundsatzformel: Der islamische Staat führe einen Uberlebenskampf gegen Ost und West. Demzufolge habe die Sicherheit der „Islamischen Republik“ absoluten Vorrang vor der persönlichen Freiheit des einzelnen Staatsbürgers. Was für westliche Begriffe Einschränkung der demokratischen Freiheit ist, stärkt offenbar die politische Macht des islamischen Halbmonds. Oder im Klartext: Wer sich strikt an die Postulate der schiitischen Geistlichkeit hält, kann sicher sein, daß er die Gesetze der Islamischen Republik nicht verletzt.

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