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Allah kam bis Saint-Leger

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Mitten in Frankreich, unweit der weltbekannten christlichen Erneuerungszentren Cluny, Paray-le-Monial und Taize, öffnete vor kurzem die erste islamische Hochschule ihre Pforten. Das umstrittene Projekt könnte, wie besorgte Gegner fürchten, einmal zum „Trojanischen Pferd" für den islamischen Fundamentalismus in Europa werden.

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Mitten in Frankreich, unweit der weltbekannten christlichen Erneuerungszentren Cluny, Paray-le-Monial und Taize, öffnete vor kurzem die erste islamische Hochschule ihre Pforten. Das umstrittene Projekt könnte, wie besorgte Gegner fürchten, einmal zum „Trojanischen Pferd" für den islamischen Fundamentalismus in Europa werden.

„Alle Länder, die heute vorgeben, den islamischen Weg zu gehen, praktizieren nur einen verirrten Islam. Der wahre Koran, der immer offen und tolerant war, wird nur hier gelehrt." Zuhair Mahmood, bärtiger Leiter des „Islamischen Instituts" in Saint-L6-ger-de-Fougeret (Nievre), hat sich große Ziele gesetzt: „Wir müssen für die Moslems in Europa neue Wege finden, wie der Islam mit der europäischen Zivilisation in Einklang gebracht werden kann." Saint-Leger soll, wie die französische Tageszeitung „L'Express" berichtete, dabei das Zentrum für die Ausbildung zukünftiger islamischer Geistlicher, der Ima-me, in ganz Westeuropa werden.

Rund ein Dutzend Koranschüler scharen sich bereits um den 39jähri-gen irakischen Professor für Elektronik, der 1978 nach Straßburg kam, als zwischen Frankreich und dem Irak noch rege Zusammenarbeit auf nuklearem Gebiet herrschte. Heute hält er lieber Vorlesungen im „Islamischen Institut" über die „Weisheit des Korans" als Atomphysik auf der staatlichen Hochschule.

Das Institut selbst, früher Schloß Boutelin im Besitz der Sektproduzenten Schlumberger, wurde mit saudischem Geld in der Höhe von 2,5 Millionen Franc erworben, und vorsichtshalber als „Ferienheim" tituliert. Mit weiteren 2,5 Millionen wurde der Besitz schließlich zur islamischen Hochschule für maximal 50 Schüler eingerichtet. Neben den Koranschülern aus Frankreich sollen noch viele aus Osteuropa kommen, bis jetzt erhielten sie aber keine Visa. Für die Moslems eine offensichtliche Schikane der französischen Behörden.

Welcher Islam wird nun in Saint-Leger gelehrt? Worin unterscheidet er sich vom Islam in den arabischen Ländern?

Zuhair Mahmood sieht keine besonderen Probleme für ein Leben nach muslimischen Gesetzen inmitten der westlichen Zivilisation. „Der Koran hat niemals gesagt, daß Frauen kein Auto lenken oder Arzte und Rechtsanwälte werden dürfen. Das ist nur in Saudiarabien üblich, ist aber nicht islamisch", wie der bärtige Islamlehrer betont. Aber wie verhält es sich mit den anderen Geboten der Scharia, dem islamischen Gesetzbuch, etwa der Handabschlagung bei Diebstahl? Das sei nur eine theoretische Maximalstrafe, viel schlimmer sei die in einigen christlichen Ländern noch immer vollzogene Todesstrafe, verteidigt sich Mahmood. Und die Polygamie? Der Schleierzwang für die Frauen? Polygamie sei nach dem Koran nicht verpflichtend, was den Schleier anbelangt, so schreibe der Koran vor, daß die Frauen ihren Körper und ihre Haare bedecken.

Drei Jahren suchten die „Gesandten Allahs" nach einem geeigneten Zentrum für ein Institut der islamischen Theologie. Die L'UOIF(Union des organisations islamiques de France), die islamische Sammelbewegung in Frankreich, wurde schließlich in Saint-Leger in der Region Burgund fündig, pikanterweise in einem Gebiet, das seit Jahrhunderten durch einen besonderen christlichen Geist geprägt ist. Cluny, einst Ausgangspunkt und Zentrum monastischer Emeue-rungsbewegungen im frühen Mittelalter, Paray-le-Monial und Taize sind seit Jahrzehnten Orte der Begegnung und Erneuerung für junge Christen aus der ganzen Welt. Wie verträgt sich diese eigenartige Nachbarschaft zwischen christlichen und moslemischen Erneuerungszentren? Wird Saint-Leger in Zukunft islamisches Gedankengut über ganz Europa ausstrahlen?

Zur Eröffnung des Instituts hatte Mah-mood, um seine lauteren Absichten zu zeigen, auch den Bischof von Nievre eingeladen, wie die katholische Zeitung „La Croix" meldete. Dieser sandte seinen Generalvikar, um mit Mahmood die Möglichkeiten eines „ökumenischen Dialogs" zu besprechen.

Kann es überhaupt einen Dialog zwischen Kirche und Moschee geben?

Ein Kernsatz des Zweiten Vatikanischen Konzils lautet, daß die katholische Kirche „nichts von alledem ablehnt, was in diesen Religionen wahr und heilig ist". Aber was nützen die besten Absichten, wenn man auf islamischer Seite keine Ansprechpartner findet, wie viele christliche Theologen eingestehen müssen? Bleibt mit dem Aufschwung des islamischen Fundamentalismus alles nur eine wohlmeinende, aber letztlich weltfremde Illusion? Das Zerrbild vom toleranten und dialogfreudigen Islam scheint heute längst nicht mehr der Realität zu entsprechen.

Mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt auch das französische Innenministerium das Geschehen in Saint-L£ger. Neben Mahmood gehören auch zwei führende Intellektuelle des islamischen Fundamentalismus, der Algerier Mahfoud Nahnah und Youssef Karbaou i, der den ägyptischen Muslimbrüdern nahesteht, zur intellektuellen Führungsschicht des Instituts. Die französische Regierung war aufgrund seiner drei Millionen Muslime im Lande schon immer um eine besondere Integrationspolitik, eine „französische Art des Islams", bemüht, die möglichst unabhängig von den übrigen arabischen Ländern verlaufen sollte. Schließlich läßt sich die berechtigte Sorge, daß der fundamentalistische Funke aus Algerien auf Frankreich überspringen könnte, nicht von der Hand weisen.

Seit dem Golfkrieg geht die Angst um, daß der Fundamentalismus die politische Ordnung in der Welt gefährden könnte. Viele sehen ihn bereits auf die Bastion Europa marschieren. Trotz der militärischen Niederlage findet sich die gesamte arabischislamische Welt in Aufbruchstimmung, wie am Beispiel Algeriens deutlich wird, meint der Islamkenner Bassam Tibi. Vom Gottesstaat Kho-meinis über die Muslimbrüder Ägyptens bis zur Heilsfront FIS (Front islamique du salut) in Algerien predigen fanatische islamische Geistliche in den Moscheen den verarmten Volksmassen, daß sie ihre wahre politische und religiöse Identität nur im Islam finden können, in der Rückkehr zu den „ewigen Wahrheiten des Korans". Der Drang nach Erfolg wird auch mit religiösen Motiven untermauert: „Ihr seid die beste Gemeinschaft, die unter den Menschen hervorgebracht wurde", lehrt der Koran Sure 3, Vers 110.

Islamische Fundamentalisten sind sich einig in dem sehr vagen Ruf nach Islamisierung von Politik und Wirtschaft - und in ihrem Haß gegen den Westen, heißt es in der 1991 herausgegebenen Studie der American Academy of Arts and Sience. Viele der fundamentalistischen Bewegungen werden durch saudische und kuweitische Petrodollars kräftig unterstützt. Die im Westen aus Unkenntnis oft gemachte Unterscheidung zwischen „radikalen" und „pragmatischen" Fundamentalisten verkennt, so Bassam Tibi in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung", daß beide Seiten von derselben Weltsicht getragen sind. „Der Krieg suggerierte Einheit, die Niederlage offenbarte die Zerrissenheit. Hieraus zu folgern, daß der islamische Fundamentalismus abgeebbt sei, ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich."

Auch der französische Islamforscher Francois Burgat warnt in „La Croix": Noch nie war das Gewaltpotential in der islamischen Welt so groß wie heute." Seiner Ansicht nach lehnt die arabisch-islamische Welt den Westen nicht grundsätzlich ab, aber die Distanz wird ständig größer. „Momentan predigen die Mullahs in Algier noch Geduld, aber sie wissen, daß sie die Mehrheit haben. Und früher oder später auch die Macht", betont Burgat. Dann wird vor den Toren Europas endgültig der erste islamische Gottesstaat errichtet sein.

Frankreich bliebe mit seinen Millionen Muslimen ein unsicherer Vorposten dieser islamischen Bastion.

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