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Koran kann neu ausgelegt werden

In diesen Tagen endet der Ramadan, der heilige Fastenmonat der Muslime: Annemarie Schimmel, Grande Dame der Islamistik, im furche-Gespräch über den Islam in brisanten Zeiten.

die furche: Wird der Westen von der Welt des Islams wirklich ausschließlich feindlich wahrgenommen, wie es etwa Osma Bin Laden glauben macht?

annemarie schimmel: Durch die sich ständig wiederholenden Fernsehbilder von Muslimen, die über den Westen aufgebracht sind, ist wohl ein solches Klischee entstanden. Doch auch wenn sich die islamische Welt dem Westen besonders durch die vielen technischen Errungenschaften unterlegen fühlen mag, gibt es doch viele fromme Muslime, die mit der modernen Welt zurecht kommen. Sowohl die Welt des Islams als auch der Westen sollten sich um eine genauere Kenntnis voneinander bemühen. Das halte ich für den besten Weg, um Feindbilder auf beiden Seiten abzubauen.

die furche: Es gibt in den USA eine große Zahl muslimischer Universitätsprofessoren. Kann eine Erneuerung des Islams von diesen Kreisen ausgehen?

schimmel: Die muslimischen Professoren in Harvard und anderswo können viel zur Regeneration des Islam beitragen. Sie sind Beispiele dafür, dass auch fromme Muslime wissenschaftliche Beiträge leisten können. Ich denke an Abdus Salam, den pakistanischen Physik-Nobelpreisträger 1979, der einmal gesagt hat, er habe seine Gedanken aus dem Glauben an die absolute Einheit Gottes heraus entwickelt. Dieses Gottesbild spiegle sich in der Einheitsstruktur des Universums wider. Das finde ich wunderschön.

die furche: Gibt es ein spezifisch islamisches Rezept für eine Integration der Muslime an die moderne Welt?

schimmel: Der Dichter Muhammad Iqbal (1875-1938, gilt als "geistiger Vater" Pakistans, Anm.) hat es wohl am schönsten ausgedrückt: Man soll den Koran lesen als ob er in diesem Moment für einen selbst offenbart worden sei. Das heißt, der Koran kann zu jeder Zeit neu interpretiert werden. Allerdings liegt hier das große Problem zwischen den Modernisten und den Traditionalisten, die neue Interpretationen des Heiligen Buches grundsätzlich ablehnen. Ich meine, man sollte sich nicht über Äußerlichkeiten erregen, wie die Länge des Bartes oder der Fingernägel, sondern sich auf den Geist des Korans besinnen. Nicht nur nach der Meinung meiner muslimischen deutschen Freunde ist das der einzig richtige Weg. Auch viele meiner muslimischen Freunde in der Türkei, in Pakistan und auch in Iran leben den Islam auf diese Weise.

die furche: Es ist dennoch eine Tatsache, dass viele Muslims abgrundtiefen Hass gegen die USA hegen.

schimmel: Das ist eine Folge der Politik. Bei all ihren sonstigen Tugenden versuchen die USA immer, sich als einzige legitime Weltmacht zu profilieren und dabei ständig die Seiten zu wechseln: Zuerst haben sie Schah gestärkt, dann haben sie ihn zu Gunsten von Khomeini fallen lassen. Als Khomeini ihnen nicht mehr passte, haben sie Saddam Hussein bewaffnet, um ihn, als auch er zu mächtig wurde, zu bombardieren. Diese Politik der USA, ihre Schützlinge erst zu stützen und dann fallen zu lassen, war sehr ungeschickt. Mit den Taliban und Osama Bin Laden war es nicht anders ...

die furche: Stimmt es, dass der Anführer von El-Kaida und die wahhabitische Gruppe die ihn umgibt, viel weniger vom Islam verstehen, als sie es vorgeben?

schimmel: Ja, denn sie gehen von einem völlig primitiven Autoritätsglauben aus. Für die afghanischen Paschtunen stellt Arabisch eine Fremdsprache dar, die sie kaum beherrschen. Daher haben sie den Koran wahrscheinlich auswendig gelernt und Schlagworte, die ihnen passten, herausgenommen. Aber von der langen Tradition des Islam wissen sie wenig. Man könnte sie mit Volksschülern vergleichen, die zwar Rechnen und Schreiben lernten und täglich eine Stunde in Religion unterricht wurden, vom Reichtum der europäischen Kultur aber keinen blassen Schimmer haben.

die furche: Wie beurteilen Sie den Aufruf der so genannten Dschihadisten zu Selbstmord und Märtyrertod?

schimmel: Selbstmord ist im Koran ebenso wie Mord verboten. Der Märtyrertod auf dem Wege Gottes ist allerdings erwünscht. Wenn jemand im Krieg für die Sache des Islam fällt, kommt er sofort ins Paradies. Märtyrer dürfen nicht gewaschen werden, damit bei der Bestattung noch Blut am Körper klebt. Aber Selbstmord ist grundsätzlich verboten. Daher haben die Gelehrten einander widersprechende Meinungen, ob der Selbstmord eines Märtyrers, der ihn ins Paradies führen soll, überhaupt legitim ist.

die furche: Es gibt verschiedene theologischen Schulen, die sich bei der Auslegung des Korans sehr unterscheiden. Kann man da überhaupt von dem Islam sprechen?

schimmel: Der eine Islam ist durch das Glaubensbekenntnis, den absoluten Monotheismus und den Glauben an die abschließende Rolle des Propheten Muhammad gekennzeichnet. Aber auf kulturellem Gebiet gibt es große Unterschiede. Ein Muslim in Nigeria sieht die Dinge anders als ein Muslim in Indonesien. Oft vergisst man, dass mehr als die Hälfte der Muslime im indisch-indonesischen Raum leben. Sunniten, Schiiten und Ismaeliten sind genauso weit von einander entfernt, wie zum Beispiel katholische Bauern in Spanien von unitarischen Bankiers in Amerika. In der im Islam so wichtigen Welt der Poesie sieht es allerdings anders aus. Da gibt es trotz der kulturellen Unterschiede große Ähnlichkeiten, sowohl in der Ausdrucksweise als auch in der Struktur.

die furche: Im Islam hat nie eine Trennung von Religion und Staat stattgefunden. Wie stellt man sich heute den idealen islamischen Staat vor?

schimmel: Gott ist der oberste Gesetzgeber. Der mittelalterliche Kalif hatte keine dem Papst vergleichbare Stellung, sondern war, wie jeder Muslim, den Rechtsgelehrten zum Gehorsam verpflichtet. Merkwürdigerweise hat das islamische Recht in seiner gesamten Geschichte den islamischen Staat niemals genau definiert. Man ist über Ansätze nicht hinausgekommen. Das macht es heute so schwierig.

die furche: Klingt beim oft gebrauchten Schlagwort vom "Kampf der Kulturen" nicht auch die Vorstellung mit, der Islam habe sich seinen Weg allein durch "Feuer und Schwert" gebannt?

schimmel: Ja, aber dieses Bild ist einseitig. Es ist richtig, dass die islamische Eroberung im Mittelalter durch die Militärmacht vonstatten ging. Aber denken Sie an Indien, an Zentralasien, China oder Afrika: Dort sind die Bekehrungen nicht den Kriegern, sondern den Mystikern zu verdanken. Sie haben einfache Formen des Islams gepredigt und dadurch viele Gläubige gewonnen. Besonders in Indien haben die Sufiklöster - mit ihre offenen Küchen für jedermann - alle Schranken zwischen den Kasten aufgehoben. Das hat die Leute sicher mehr angezogen, als wenn Heere mit "Feuer und Schwert" auf sie eingestürmt wären. Kriegerische Auseinandersetzungen haben bei der Islamisierung bei weitem nicht die Rolle gespielt, wie das oft behauptet wird.

die furche: Wie ist in diesem Zusammenhang der Begriff des Heiligen Krieges zu verstehen?

schimmel: Das Wort "Heiliger Krieg" gibt es im Islam nicht, es wurde von den christlichen Kreuzfahrern geprägt. Viele Muslims haben mir gesagt, dass kein Krieg heilig ist. Dschihad bedeutet zunächst Anstrengung und Kampf auf dem Weg zu Gott. Das kann der äußere Kampf sein, damit das Gute in der Welt die Oberhand gewinnt, und es kann der innere Kampf sein, damit das Gute in der Seele des Menschen siegt und das Böse überwunden wird. Das haben auch die Mystiker immer wieder betont.

die furche: Oft werden Befürchtungen laut, der Islam befinde sich auf dem Vormarsch.

schimmel: Das bezieht sich wohl auf die zunehmenden Bekehrungen. Sowohl in Europa als auch in Amerika gibt es eine wachsende Zahl von Konvertiten, die aus verschiedenen Gründen zum Islam übertreten. Weil der Islam die Erbsünde, die Kreuzigung und Auferstehung nicht kennt, wirkt er oft anziehend auf modern denkende Menschen. Es bleibt für den Muslimen unbegreiflich, dass Gott seinen Sohn für die Sünden der Menschen geopfert haben soll. Darin besteht wohl der größte Unterschied zwischen Christentum und Islam. Es stimmt, dass sich der Fundamentalist gegenüber der modernen Welt abkapselt. Oft provozieren Bilder von Gewalt und Sex in den Medien eine Überreaktion fundamentalistischer Kreise. Außerdem kann auch Arbeitslosigkeit und Armut zum Nährboden für den Fundamentalismus werden. Aus dem Islam wird dann ein Heilmittel für alles und jedes gemacht.

die furche: Im Hochmittelalter galt der Islam als tolerante Religion. Warum hat sich das verändert?

schimmel: Wenn man schwach wird, dann wird man leicht intolerant. Nur wenige Muslime haben es verstanden, sich mit der veränderten Welt wirklich auseinanderzusetzen. Heute ist vieles verboten, was im Mittelalter noch erlaubt war. Ein Beispiel: War es einst noch möglich, den Propheten mit offenem Gesicht abzubilden, so wurde er später nur noch verschleiert gezeigt. Heute darf man oft nicht einmal mehr einen Schatten von Muhammad sehen. In Pakistan und Ägypten wurden Bücher gebannt, weil sie klassische Miniaturen aus dem 14. Jahrhundert enthielten, auf denen das Gesicht des Propheten dargestellt wird. Leider kommt das häufig vor. Diese Verengung des religiösen und praktischen Lebens finde ich sehr traurig.

die furche: In welcher Weise sollte man beispielsweise auf den Iran Einfluss nehmen, damit wieder liberale Kräfte die Oberhand gewinnen?

schimmel: Längerfristig gesehen, halte ich den Dialog für den besten Weg. Eine Revolutionärin bin ich nie gewesen. Ich glaube an die Wirkungskraft der kleinen Schritte. Auch als Orientalistin weiß ich, dass man auf diesem Weg sehr viel erreichen kann. Große Veränderungen brauchen ihre Zeit. Vor einigen Jahren bin ich seit langer Zeit erstmals wieder in Iran gewesen. Dabei konnte ich feststellen, dass vor allem die liberalen Kräfte an den Universitäten danach hungern, mit dem Westen ins Gespräch zu kommen.

die furche: Gibt es in Iran heute noch mystische Strömungen?

schimmel: Ich weiß, dass viele Intellektuelle im Iran die Tradition der mystischen Dichtung fortführen. Darunter finden sich Autoren, die wegen ihrer Kritik am Regime Schreibverbot haben und auch - für uns erstaunlich - die "islamistischen" Kräfte. Noch immer verzaubert die Lyrik des Dichters Hafis alle Iraner. Einer meiner Harvard-Studenten, ein amerikanischer Diplomat, war 1980 unter den Geiseln in der US-Botschaft in Teheran. Er sprach Persisch und kannte sich in der persischen Lyrik aus. Als seine Wärter entdeckten, dass er Verse von Rumi und Iqbal auswendig konnte, verhielten sie sich plötzlich ganz anders zu ihm. Er wurde fast zu einem der ihren.

die furche: Wie beurteilen Sie das Verhältnis von Christentum und Islam?

schimmel: In der religiösen Praxis kann man sich viel leichter verständigen als auf dem Gebiet der reinen Theologie. Ich habe ein kleines Büchlein mit den schönsten islamischen Gebeten herausgegeben. Da haben mir meine katholischen Freunde gesagt, danach könnten auch sie beten. Als junge Frau hatte ich an der islamisch-theologischen Fakultät in Ankara einen Lehrstuhl inne. Damals gab es in Deutschland noch kaum Professorinnen, besonders nicht in Theologie. Es gehörte zu meinen Aufgaben, Vorlesungen über das Christentum zu halten. Wenn ich über Kirchenlieder wie "Befiehl du deine Wege" oder "Großer Gott, wir loben dich" sprach, meinten die muslimischen Studenten: "Das können wir auch mitbeten".

die furche: Was könnten wir von den Muslimen lernen?

schimmel: Auch wenn das nicht modern ist, so kann man von ihnen Gottvertrauen lernen. Muslime spüren die Gegenwart Gottes viel stärker, als Menschen, die in der postmodernen Kultur Europas oder Amerikas leben. In den vielen Jahren, die ich in islamischen Ländern verbracht habe, ist mir immer wieder die Ehrfurcht vor Gott und dem Anderen aufgefallen. Das muslimische Ideal ist es, auf der einen Seite sich immer Gott zu zuwenden, auf der anderen Seite seine Arbeit so gut wie möglich zu machen und anderen zu helfen. Das zeigt sich auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb der Familie.

die furche: Könnte die umfassende Liebe zum Schöpfer und zur Schöpfung im Islam nicht auch Impulse beim Umgang mit der Umwelt geben?

schimmel: In einem Koranvers steht: "Verderbet nicht die Erde, nachdem sie in Ordnung gebracht war." Darauf ließe sich eine ganze ökologische Philosophie aufbauen. Es gibt noch viele Stellen im Koran, die man ähnlich deuten könnte: "Der Gläubige der Gottes gedenkt, ist wie ein grüner Baum zwischen dürren Bäumen", heißt es anderswo. Auch die Tiere sind miteingeschlossen. Jedes Tier hat seine Funktion. Aus der Gottesliebe entwächst eine Dankbarkeit. Die Naturmystik hört das Lob Gottes überall: Die Vögel loben Gott mit ihren Schwingen. Alles wurde geschaffen, um Gott anzubeten und ihm zu dienen. Aus dieser Haltung könnte man eine großartige, wunderbare Weltsicht entwickeln, die vom Respekt vor Gott und seinen Geschöpfen getragen würde.

Das Gespräch führte Felizitas von Schönborn.

Zur Person: Brückenbauerin Schon mit 15 begann die 1922 in Erfurt geborene Annemarie Schimmel arabische Sprachen zu lernen. Sie studierte Arabistik und Islamwissenschaft in Berlin (Promotion 1941) und wurde - wegen ihres Alters und Geschlechts sensationell - schon 1946 an der Universität Heidelberg habilitiert. 1954 kam Schimmel an die Islamisch-Theologische Fakultät Ankara; ab 1961 lehrte sie an der Universität Bonn, seit 1967 auch in Harvard. Schimmel, die große Kennerin islamischer Religion und Mystik, hatte Gastprofessuren an allen wichtigen Universitäten der Welt inne. Von weltweiter Anerkennung zeugen zahlreiche Ehrendoktorate (u. a. Islamabad, Peschawar, Teheran) und der Friedenspreis des deutschen Buchhandels 1995 (um den es allerdings, wegen Missverständnissen um ihre Aussagen zu Salman Rushdies "Satanischen Versen", öffentliche Dispute gab). 2001 wurde Schimmel mit dem Reuchlin-Preis der Stadt Pforzheim ausgezeichnet. ofri

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