SAID 2 - © Wikimedia / Kritzolina

SAID: der islam, die leser und ich

1945 1960 1980 2000 2020

antwort eines lesenden autors auf fragen seiner zuhörer

1945 1960 1980 2000 2020

antwort eines lesenden autors auf fragen seiner zuhörer

"dialog heißt: schwäche zeigen", so hieß mein beitrag, der in der furche, dann umfangreicher in meinem buch "ich und der islam" erschienen ist.

bei lesungen aus diesem buch sind die zuhörer oft irritiert. meist wollen sie nicht begreifen, daß ich zwar keine religion ausübe, aber dafür eine ausgeprägte religiosität habe. als ob das gehäuse einer religion - sprich: moschee, kirche oder synagoge - wichtiger wäre als die ergriffenheit, die ich als religiosität bezeichne. zucht und ordnung anstelle spiritueller kraft? aber vielleicht suchen die menschen in einer religion eher die gemeinschaft - gegen die einsamkeit, gegen den tod.

und dann erhebt sich auch die frage, ob der islam per se, ja per definitionem, eine gewalttätige religion sei. irgendwann wird man müde ob der ewigen erklärungen.

keine religion ist per se gewalttätig. aber jede religion birgt einen kern der gewalt in sich. das gilt zumindest für alle drei monotheistischen religionen. aber auch das ist eine frage der interpretation. wann eine religion gewalttätig wird, ist auch eine frage der zeit. sprich eine frage der sozialen ordnung bzw. unordnung. die gravierende divergenz zwischen armut und reichtum spielt hier eine bestimmende rolle.

wenn der koran gewalttätigkeit in sich birgt - eine weit verbreitete these -, dann stellt sich die frage, warum diese gewalt erst heute zuschlägt. der islamische terrorismus ist ja weitaus jünger als der katholische terror. siehe die anschläge der ira, um nur ein spätes beispiel zu nennen. und sowohl der islamische terror als auch die ira treten im gewand einer nationalen erhebung auf.

der islam lebte weitgehend friedlich neben dem judentum und dem christentum in der langen zeit in andalus. ganz nebenbei bemerkt: in dieser zeit haben alle religionen voneinander profitiert, gerade im kulturellen bereich.

der islam war auch weitgehend friedlich bis zum zweiten weltkrieg. siehe hier das nebeneinander im nahen osten. erst der krieg und seine folgen haben die wunden des kolonialismus offengelegt und zu erhebungen geführt, die naturgemäß gewalttätig waren - siehe den algerischen befreiungskrieg. die französische republik hat 800 jahre von der friedfertigkeit der algerier profitiert, ohne eine andere vision anzubieten - außer unterwerfung.

meine zuhörer sind meist verblüfft, daß ich mich als erklärter gegner der islamischen republik irans verstehe, aber mich weigere, den islam pauschal zu verurteilen. zuweilen bin ich müde zu erklären, daß alle regierungen in europa mit diesem terror-regime beste wirtschaftliche beziehungen haben und sehr davon profitieren. während zugleich die europäische gesellschaft gerne und rasch den islam als die quelle allen terrors bezeichnet. wieder nebenbei bemerkt: wer hat denn die islamische republik iran so weit aufgerüstet, bis sie bald vielleicht im besitz der atombombe sein könnte? ich nicht. und die iranische opposition auch nicht. oder haben die mullahs das notwendige für atomare bewaffnung auf einem orientalischen bazar gekauft?

ist es nicht sehr leicht, gleich eine religion zu verurteilen und damit eine milliarde menschen? wer bestimmt denn, daß herr bin-laden gleich im namen aller muslime sprechen kann? ist das christentum eine kriegerische religion, nur weil der amerikanische präsident auch im namen dieser religion einen krieg gegen den irak führt? nicht zu vergessen: gegen den willen des papstes.

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