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Weg mit den Zerrbildern!

"Wir sind nicht die UNO": Die Verantwortlichen der Frankfurter Buchmesse relativieren zu hochgeschraubte Erwartungen an den diesjährigen Schwerpunkt "Arabische Welt". Aber einen "kleinen Beitrag zur Verständigung" will die weltgrößte Bücherschau schon leisten: Dialog und einen anderen Blick auf die oft nur noch mit Terroristen in Verbindung gebrachten arabischen Länder. Ein- und Ausblicke in arabische Kultur und Lebensart bietet auch dieses Dossier - und arabische Literatur wird auf den Seiten 18 bis 20 besprochen. Redaktion: Wolfgang Machreich Drei Jahre nach dem 11. September bietet das Verhältnis zwischen Orient und Okzident ein rührend-bemühtes, aber noch wenig hoffnungsvolles Bild.

Es ist ein Großangriff auf alle Feindbilder: Europäer und Araber haben sich aufgemacht, die Flut gegenseitiger Vorurteile durch eine beispiellose Beschwörung historischer, kultureller und politischer Gemeinsamkeiten zu bannen:

l Da ist seit Dienstag die Frankfurter Buchmesse 2004 - ganz im Zeichen des diesjährigen "Ehrengastes", der Arabischen Welt.

l Da ist gleichzeitig im spanischen Cordoba die große Begegnung arabischer und europäischer Dichter, Künstler und Religionsvertreter - ein von Golf-Arabern finanzierter Versuch, den versöhnenden Geist der Blütezeit Andalusiens neu zu beleben.

l Da ist das "Lessingjahr" - und die geballte Rückkehr des weisen "Nathan" und seiner Ringparabel auf die Theaterbühnen - auch im Wiener Burgtheater. Im Mittelpunkt der Traum vom "Jud, Christ und Muselmann vereinigt".

l Und da wäre auch noch die große Begegnung EU-Islamische Welt in Istanbul gewesen - hätte nicht der Streit um die Zyperntürken die Zerbrechlichkeit aller Bemühungen deutlich gemacht. Drei Jahre nach dem 11. September bietet das Verhältnis Europa-Arabien/Islamische Welt ein rührend-bemühtes, aber noch wenig hoffnungsvolles Bild.

Warum hassen wir einander?

Sicher: Die Buchmärkte sind voll mit Orient-Neuerscheinungen - viele in der guten Absicht geschrieben, das Fremde besser zu verstehen. Unzählige Dialogforen versuchen, den drohenden "Clash of Civilization" zu bannen. Und mehr Religionsführer denn je (auch im Islam) besinnen sich ihrer Pflicht, im Andersgläubigen zunächst ein Geschöpf und Ebenbild Gottes zu erkennen.

Und doch sind die Grundfragen noch immer die Gleichen: "Warum hassen sie uns?" fragen Europäer (und Amerikaner) im Blick auf die Araber - und finden keine überzeugende Antwort. Und: "Warum verstehen und respektieren sie uns nicht?" fragt die arabisch-islamische Welt zurück.

Hinter beiden Fragen steht nach wie vor das Gefühl, falsch beurteilt und verurteilt zu werden; verbirgt sich weit mehr Selbstmitleid als echtes Interesse - und die Suche nach der Schuld des Anderen.

Noch immer beschwören die Muslime das Zerrbild vom "Westen" - den es so gar nicht mehr gibt. Und auch die "Arabische Welt" gibt es so nicht - trotz gemeinsamer Sprache, Religion und manch gemeinsamer Betroffenheit (etwa im Nahostkonflikt). Zu vielgestaltig, zerrissen ist die Region zwischen Atlantik und Golf; zu unterschiedlich sind ihre Prägungen und ihre politischen Wirklichkeit. Mangelnde Differenzierung aber schafft falsche Ängste.

Noch immer präsentieren "westliche" Medien den Islam mit Bildern des Zorns, der Gewalt und Bedrohung. Welche Verengung der Wahrheit! Für Hunderte Millionen Muslime unter schwierigsten Lebensbedingungen ist ihr Glaube Seelenbalsam und ein täglicher Aufruf, ihr oft bitteres Schicksal geduldig zu ertragen. Und noch immer präsentieren große arabische Medien den "Westen" zunächst als Bedrohung des eigenen Wertesystems: verdorben und gottlos. Auch das ein Zerrspiegel: Denn trotz Trennung von Staat und Religion und eines massiven Auszugs aus den etablierten Kirchen kann sich die überwältigende Mehrheit der Menschen in den USA und Europa ein Leben ohne Bezug auf ein höheres Wesen nicht vorstellen. Diesem Teufelskreis von Stereotypen zu entkommen, wäre die große Aufgabe.

Worum es geht? Zunächst um die Wiederentdeckung des Gemeinsamen. In der Religion wäre, bei Wahrung aller Verschiedenheiten, ein wahrer Schatz gemeinsamer Werte und Glaubensinhalte zu heben. Hier herrscht völlige Unkenntnis - beiderseits. Dazu kommt ein enormer Reichtum gemeinsamer Geschichte, bedrohend, aber auch bereichernd und befruchtend - jenseits von Türkennot und Terror. Über Jahrhunderte hinweg war Arabien das High-Tech-Zentrum der Welt - es hat Europa aus der Lethargie des Mittelalters befreit. In dieser Goldenen Zeit neigte der Islam weit weniger zum Fundamentalismus als das Christentum.

Dann: Die Wiederentdeckung der Nähe und schicksalhaften Verflochtenheit. "Europa" war eine Prinzessin aus Phönizien - und das Mittelmeer samt seiner Küsten für die Römer noch "mare nostrum" (unser Meer). Und heute? Es gibt keine zwei Lebenswelten mehr: 30 Millionen Muslime leben auf europäischem Boden, 15 Millionen in der EU. Und 70 Millionen Türken warten vor der Türe. Je weiter sich Europa ausdehnt, desto mehr wird es mit der Welt des Islams in Berührung kommen. Je mehr es bei sinkenden Geburtenziffern sein Sozialniveau durch Einwanderer sichern muss, desto größer wird die Zahl der Muslime werden, die mit uns leben.

Ende der Doppelzüngigkeit

Diesen bedrohlichen Widerspruch von wachsender Nähe und zunehmender Fremdheit müssen wir auflösen - jeder für sich und alle miteinander. Das erfordert: Hinhören auf die Verwundungen und Frustrationen der Muslime - weniger Dominanz, mehr Empathie. Das erfordert auch: Ende einseitiger politischer Parteinahme, mehr Fairness: Europa muss mehr sein als nur das allzeit getreue Beiboot des amerikanischen Flugzeugträgers. Das heißt auch: Ende der Doppelzüngigkeit, die von Demokratie redet und nach wie vor auf undemokratische Machthaber im Orient setzt. Und Stützung der arabischen Zivilgesellschaft, aus deren Ohnmacht der Islamismus seine Attraktivität nährt. Das heißt auch: Alle Anstrengungen, um den südlichen Mittelmeer-Anrainern auch wirtschaftlich auf die Füße zu helfen.

Vor allem aber heißt es: Ehrliches Mühen um ein neues Wir-Gefühl - nicht nur zwischen Europa und den Arabern, sondern im täglichen Zusammenleben hier in Österreich. Die wichtigsten Aufgaben für uns: Schluss mit der Ghettoisierung muslimischer Mitbürger und Akzeptanz ihres Andersseins - so schwer das auch ist. Die wichtigsten Aufgaben für die Muslime: Anerkennung unserer säkularen Gesellschaft, klares Bekenntnis zum Pluralismus und zu dem Land, das ihnen einen Vorschuss an Vertrauen geschenkt hat. Hier hat jede Seite über ihre Defizite nachzudenken. Vermutlich entscheidet sich die Zukunft mehr an unseren Wirtshaustischen, in Büros und Werkshallen als in Frankfurt, Cordoba oder anderswo.

Der Autor ist Herausgeber der Furche.

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