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Gesellschaft

Europas Stärke, ABER ANDERS

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Rettung?

Routen sollen dichtgemacht werden, Mauern müssen her, heißt es. Im Bild: Zaun, der Marokko von der spanischen Exklave trennt.

Das Erschreckende an der "Flüchtlingskrise" ist ja weniger, dass fremde Menschen massenhaft nach Europa kommen, sondern wie eine große Masse der Europäer darauf reagiert: mit Xenophobie, mit identitärer Paranoia, mit Abwehrreflexen -Reflexe, die so stark zu sein scheinen, dass viele Bürger bereit sind, ihrer Bewältigung alles zu opfern, was an Europa gut und schön war, nicht zuletzt unsere Freiheit.

Dabei sind die flüchtenden Menschen doch nur Botschafter einer gar nicht mehr so großen Welt da draußen, gegen deren Dynamik und Risiken sich die meisten hierzulande gut abgeschottet wähnten. Sie sind Botschafter der globalen Realität. Ihre Geschichten erzählen uns etwas über die Welt und damit auch über uns selbst, die wir ja Teil dieser Welt sind. Aber ihre Geschichten will in Europa kaum jemand hören. Sie machen uns Angst. Und deshalb sollen diese Botschafter schleunigst wieder verschwinden. Mauern müssen her, die rissigen Schotten wieder dicht gemacht werden. Danke, Orbán! Danke, Sebastian! Danke, dass ihr uns vor unseren Ängsten und vor der globalen Wirklichkeit beschützt!

Menschlich verständlich

Das heißt, deren angenehme Seiten sähen wir schon gern weiterhin in unseren styroporgedämmten Wellness-Oasen: Tropenfrüchte und den heißesten Technikscheiß zum Wegwerfpreis. Fernreisen in exotische Ressorts, gut bewacht und umzäunt, sind auch akzeptabel. Aber die Armut möge bitte, bitte draußen bleiben. Dieser Wunsch ist menschlich verständlich.

Am Anfang von Europas Aufstieg stand eine entgegengesetzte Haltung. Die Europäer waren aggressiv, neugierig, gierig. Sie fuhren auf hölzernen Schiffen hinaus, um die Welt zu erobern und auszubeuten. Europäische Expansion nennen wir heute den Prozess, der aus dieser Fort-Bewegung, diesem Ausgreifen ins Globale resultierte. Er hält seit mehr als einem halben Jahrtausend an. Auf die Zeitalter der Entdeckungen, des Kolonialismus und Imperialismus folgte im 20. Jahrhundert eine Krise, die den Prozess aber nicht abwürgte. Nach dem 2. Weltkrieg ging die europäische Expansion unter ökonomischen und kulturellen Vorzeichen weiter, wenn auch Europa nicht mehr ihr alleiniger Motor ist: die USA, die Sowjetunion, Japan, zuletzt China und Indien traten als Agenten einer nun als Globalisierung beschriebenen Unterwerfung der Welt hinzu, die aber nach wie vor den Stempel Europas trägt.

Aus der Europäisierung des Globus folgte die Globalisierung Europas. Dass die von Europa angestoßene Dynamik auf uns selbst zurückwirkt, macht uns zu schaffen. Und so scheint die 500jährige Expansionsbewegung hier, an ihrem Ausgangspunkt, ins Gegenteil umzuschlagen. Das Zeitalter der europäischen Kontraktion ist ausgerufen. Wir sollen uns auf uns selbst zurückziehen, uns einigeln, abkapseln. Europa, von dessen Burgen die Eroberung der Welt ausging (anfangs von Kastilien, dem Land der Kastelle), soll wieder eine Festung werden, diesmal aber zur Verteidigung.

Das ist alarmierend, denn die Geschichte hat gezeigt, dass Zivilisationen, die große Mauern zu ihrem Schutz errichten, sich auf den absteigenden Ast begeben. Die Mauern selbst sind das gefährlichste Symptom jener Gefahr, vor der sie uns vermeintlich schützen. Erstmal verschafft das Trompeten und Sammeln hinter den Fahnen natürlich Entlastung. Nichts schweißt eine Gesellschaft so sehr zusammen wie die kollektive Angst vor einer äußeren Bedrohung. Diese Rolle spielt "der Islam", der angeblich genauso expansionistisch und bösartig ist, wie es Europa einst war. Und ja, ein paar von denen, die sich Muslime nennen, spielen ihre Rolle sichtlich gern. Aber man darf nicht außer Acht lassen, dass sich die Muslime dieser Welt alles andere als einig sind. Und Gewalt, die Muslime ausüben, richtet sich in erster Linie gegen andere Muslime. Europa steht nicht im Mittelpunkt, sondern am Rand dieser Konflikte. Militärmächte, die unserem Kontinent wirklich gefährlich werden könnten, gibt es derzeit nur zwei: die USA und Russland.

Nur Freund versus Feind

Doch Europas rührigen Festungsingenieuren sind diese Relationen egal. Die Errichtung einer scharfen ideologischen Front schafft Ordnung, wobei zumeist ausgeblendet wird, dass diese Ordnung, wie alles auf der Welt, ihren Preis hat. Indem sie die unzähligen Widersprüche und Konflikte unserer modernen Gesellschaft unter einer einzigen Unterscheidung -Freund versus Feind -verdeckt, erschwert eine solche archaische Ordnung die Adaption an eine sich ständig verändernde Welt. Die Chancen, diese Veränderungen konstruktiv und kooperativ zu bewältigen, schwinden. Eines Tages wird der große Konflikt mit der verdrängten Welt - verdrängt nach außen ebenso wie im Innern -sich nicht mehr aufschieben lassen. Aber das wird irgendwann sein. Erstmal rollen wir den Stacheldraht aus, bauen Bunker und horten Waffen. Nach uns das Aufräumen!

Gibt es Rettung? Die Besorgten beschwören gern das Glück vergangener Tage, sei es das bürgerliche 19. Jahrhundert (oder sein Revival in den 1950er-Jahren) oder sei es das kurze sozialdemokratische Goldene Zeitalter der 1960er und frühen 70er (oder wie im Fall der FPÖ: all das zusammen). Aber in der hyperkomplexen, vernetzten Welt des 21. Jahrhunderts sind das nur Trugbilder - politische Romantik. Die faschistoide (und im Grunde ehrlichere) Antwort plädiert für die Rückkehr zu den heroischen Anfängen der Expansion, samt deren Brutalität und Hartherzigkeit. Wer stark sein will, darf auch keine Angst davor haben, böse zu sein. Er darf sich nicht vor "wohltemperierter Grausamkeit" (Sloterdijk) scheuen. In dieser Haltung liegt mehr als nur ein Korn bitterer Wahrheit, solange man unter Stärke das versteht, was die verunsicherten Machos dieser Welt insgeheim oder offen bewundern: ein Wunschbild kriegerischer Männlichkeit.

Aber wollen und, mehr noch, können wir überhaupt in dieses Stadium vermeintlich unschuldiger Aggressivität zurückkehren, zu dieser mörderischen Kombination aus Gewaltbereitschaft, strategischer Intelligenz und missionarischem Eifer, die Europa zu dem gemacht hat, was es einmal war und was es heute ist?

Jeder Mensch ein Mitmensch

Achtung! Hier geht es nicht um Schuld, schon gar nicht um einen Schuldkomplex, an dem wir Europäer angeblich laborieren. Es geht um Selbsterkenntnis -einst auch eine genuin europäische Kunst. Und es geht um die Anerkennung der Tatsache, dass wir in einer dicht bevölkerten, engmaschig vernetzten Welt leben, in der jeder Mensch jedem ein potenzieller Mitmensch ist. Die ethische Frage, die sich daraus zwangsläufig ergibt, muss jeder für sich selbst und bei jeder Begegnung mit seinem Nächsten aufs Neue beantworten. Er kann sie auch prinzipiell verneinen. Aber er kann sich der Antwort nicht durch die Behauptung kultureller Differenzen entziehen, die angeblich jeden Dialog verhindern. Oder indem er einen Teil der Menschheit einfach aussperrt, auf dass ja keine verstörende Begegnung mehr stattfinden kann. Das wird in einer Welt, in der es Flugzeuge, Containerschiffe und Internet gibt, auf Dauer nicht funktionieren.

Worin also könnte Europas Stärke heute liegen? Vielleicht fangen wir mal ganz bescheiden an, indem wir versuchen, dem Rest der Welt auf Augenhöhe zu begegnen, von Mensch zu Mensch. Die selbsternannten Experten mit ihren Patentrezepten reden ja selten mit Muslimen, sondern lesen aus dem Koran heraus, was "der Islam will". Anstatt mit Afrikanern zu reden, entwerfen sie einen Marshallplan für Afrika. Wie wäre es stattdessen, sich die Geschichten der Anderen einmal in Ruhe anzuhören? Inzwischen sind genug hier, die uns einiges über die Welt da draußen erzählen können -und wer weiß, womöglich lernen wir dabei auch etwas über uns selbst?

Die Geschichte hat gezeigt, dass Zivilisationen, die große Mauern zu ihrem Schutz errichten, sich auf den absteigenden Ast begeben.

Europa, von dessen Burgen die Eroberung der Welt ausging (anfangs von Kastilien), soll wieder eine Festung werden, diesmal aber zur Verteidigung.

Rettung?

Routen sollen dichtgemacht werden, Mauern müssen her, heißt es. Im Bild: Zaun, der Marokko von der spanischen Exklave trennt.

Das Erschreckende an der "Flüchtlingskrise" ist ja weniger, dass fremde Menschen massenhaft nach Europa kommen, sondern wie eine große Masse der Europäer darauf reagiert: mit Xenophobie, mit identitärer Paranoia, mit Abwehrreflexen -Reflexe, die so stark zu sein scheinen, dass viele Bürger bereit sind, ihrer Bewältigung alles zu opfern, was an Europa gut und schön war, nicht zuletzt unsere Freiheit.

Dabei sind die flüchtenden Menschen doch nur Botschafter einer gar nicht mehr so großen Welt da draußen, gegen deren Dynamik und Risiken sich die meisten hierzulande gut abgeschottet wähnten. Sie sind Botschafter der globalen Realität. Ihre Geschichten erzählen uns etwas über die Welt und damit auch über uns selbst, die wir ja Teil dieser Welt sind. Aber ihre Geschichten will in Europa kaum jemand hören. Sie machen uns Angst. Und deshalb sollen diese Botschafter schleunigst wieder verschwinden. Mauern müssen her, die rissigen Schotten wieder dicht gemacht werden. Danke, Orbán! Danke, Sebastian! Danke, dass ihr uns vor unseren Ängsten und vor der globalen Wirklichkeit beschützt!

Menschlich verständlich

Das heißt, deren angenehme Seiten sähen wir schon gern weiterhin in unseren styroporgedämmten Wellness-Oasen: Tropenfrüchte und den heißesten Technikscheiß zum Wegwerfpreis. Fernreisen in exotische Ressorts, gut bewacht und umzäunt, sind auch akzeptabel. Aber die Armut möge bitte, bitte draußen bleiben. Dieser Wunsch ist menschlich verständlich.

Am Anfang von Europas Aufstieg stand eine entgegengesetzte Haltung. Die Europäer waren aggressiv, neugierig, gierig. Sie fuhren auf hölzernen Schiffen hinaus, um die Welt zu erobern und auszubeuten. Europäische Expansion nennen wir heute den Prozess, der aus dieser Fort-Bewegung, diesem Ausgreifen ins Globale resultierte. Er hält seit mehr als einem halben Jahrtausend an. Auf die Zeitalter der Entdeckungen, des Kolonialismus und Imperialismus folgte im 20. Jahrhundert eine Krise, die den Prozess aber nicht abwürgte. Nach dem 2. Weltkrieg ging die europäische Expansion unter ökonomischen und kulturellen Vorzeichen weiter, wenn auch Europa nicht mehr ihr alleiniger Motor ist: die USA, die Sowjetunion, Japan, zuletzt China und Indien traten als Agenten einer nun als Globalisierung beschriebenen Unterwerfung der Welt hinzu, die aber nach wie vor den Stempel Europas trägt.

Aus der Europäisierung des Globus folgte die Globalisierung Europas. Dass die von Europa angestoßene Dynamik auf uns selbst zurückwirkt, macht uns zu schaffen. Und so scheint die 500jährige Expansionsbewegung hier, an ihrem Ausgangspunkt, ins Gegenteil umzuschlagen. Das Zeitalter der europäischen Kontraktion ist ausgerufen. Wir sollen uns auf uns selbst zurückziehen, uns einigeln, abkapseln. Europa, von dessen Burgen die Eroberung der Welt ausging (anfangs von Kastilien, dem Land der Kastelle), soll wieder eine Festung werden, diesmal aber zur Verteidigung.

Das ist alarmierend, denn die Geschichte hat gezeigt, dass Zivilisationen, die große Mauern zu ihrem Schutz errichten, sich auf den absteigenden Ast begeben. Die Mauern selbst sind das gefährlichste Symptom jener Gefahr, vor der sie uns vermeintlich schützen. Erstmal verschafft das Trompeten und Sammeln hinter den Fahnen natürlich Entlastung. Nichts schweißt eine Gesellschaft so sehr zusammen wie die kollektive Angst vor einer äußeren Bedrohung. Diese Rolle spielt "der Islam", der angeblich genauso expansionistisch und bösartig ist, wie es Europa einst war. Und ja, ein paar von denen, die sich Muslime nennen, spielen ihre Rolle sichtlich gern. Aber man darf nicht außer Acht lassen, dass sich die Muslime dieser Welt alles andere als einig sind. Und Gewalt, die Muslime ausüben, richtet sich in erster Linie gegen andere Muslime. Europa steht nicht im Mittelpunkt, sondern am Rand dieser Konflikte. Militärmächte, die unserem Kontinent wirklich gefährlich werden könnten, gibt es derzeit nur zwei: die USA und Russland.

Nur Freund versus Feind

Doch Europas rührigen Festungsingenieuren sind diese Relationen egal. Die Errichtung einer scharfen ideologischen Front schafft Ordnung, wobei zumeist ausgeblendet wird, dass diese Ordnung, wie alles auf der Welt, ihren Preis hat. Indem sie die unzähligen Widersprüche und Konflikte unserer modernen Gesellschaft unter einer einzigen Unterscheidung -Freund versus Feind -verdeckt, erschwert eine solche archaische Ordnung die Adaption an eine sich ständig verändernde Welt. Die Chancen, diese Veränderungen konstruktiv und kooperativ zu bewältigen, schwinden. Eines Tages wird der große Konflikt mit der verdrängten Welt - verdrängt nach außen ebenso wie im Innern -sich nicht mehr aufschieben lassen. Aber das wird irgendwann sein. Erstmal rollen wir den Stacheldraht aus, bauen Bunker und horten Waffen. Nach uns das Aufräumen!

Gibt es Rettung? Die Besorgten beschwören gern das Glück vergangener Tage, sei es das bürgerliche 19. Jahrhundert (oder sein Revival in den 1950er-Jahren) oder sei es das kurze sozialdemokratische Goldene Zeitalter der 1960er und frühen 70er (oder wie im Fall der FPÖ: all das zusammen). Aber in der hyperkomplexen, vernetzten Welt des 21. Jahrhunderts sind das nur Trugbilder - politische Romantik. Die faschistoide (und im Grunde ehrlichere) Antwort plädiert für die Rückkehr zu den heroischen Anfängen der Expansion, samt deren Brutalität und Hartherzigkeit. Wer stark sein will, darf auch keine Angst davor haben, böse zu sein. Er darf sich nicht vor "wohltemperierter Grausamkeit" (Sloterdijk) scheuen. In dieser Haltung liegt mehr als nur ein Korn bitterer Wahrheit, solange man unter Stärke das versteht, was die verunsicherten Machos dieser Welt insgeheim oder offen bewundern: ein Wunschbild kriegerischer Männlichkeit.

Aber wollen und, mehr noch, können wir überhaupt in dieses Stadium vermeintlich unschuldiger Aggressivität zurückkehren, zu dieser mörderischen Kombination aus Gewaltbereitschaft, strategischer Intelligenz und missionarischem Eifer, die Europa zu dem gemacht hat, was es einmal war und was es heute ist?

Jeder Mensch ein Mitmensch

Achtung! Hier geht es nicht um Schuld, schon gar nicht um einen Schuldkomplex, an dem wir Europäer angeblich laborieren. Es geht um Selbsterkenntnis -einst auch eine genuin europäische Kunst. Und es geht um die Anerkennung der Tatsache, dass wir in einer dicht bevölkerten, engmaschig vernetzten Welt leben, in der jeder Mensch jedem ein potenzieller Mitmensch ist. Die ethische Frage, die sich daraus zwangsläufig ergibt, muss jeder für sich selbst und bei jeder Begegnung mit seinem Nächsten aufs Neue beantworten. Er kann sie auch prinzipiell verneinen. Aber er kann sich der Antwort nicht durch die Behauptung kultureller Differenzen entziehen, die angeblich jeden Dialog verhindern. Oder indem er einen Teil der Menschheit einfach aussperrt, auf dass ja keine verstörende Begegnung mehr stattfinden kann. Das wird in einer Welt, in der es Flugzeuge, Containerschiffe und Internet gibt, auf Dauer nicht funktionieren.

Worin also könnte Europas Stärke heute liegen? Vielleicht fangen wir mal ganz bescheiden an, indem wir versuchen, dem Rest der Welt auf Augenhöhe zu begegnen, von Mensch zu Mensch. Die selbsternannten Experten mit ihren Patentrezepten reden ja selten mit Muslimen, sondern lesen aus dem Koran heraus, was "der Islam will". Anstatt mit Afrikanern zu reden, entwerfen sie einen Marshallplan für Afrika. Wie wäre es stattdessen, sich die Geschichten der Anderen einmal in Ruhe anzuhören? Inzwischen sind genug hier, die uns einiges über die Welt da draußen erzählen können -und wer weiß, womöglich lernen wir dabei auch etwas über uns selbst?

Die Geschichte hat gezeigt, dass Zivilisationen, die große Mauern zu ihrem Schutz errichten, sich auf den absteigenden Ast begeben.

Europa, von dessen Burgen die Eroberung der Welt ausging (anfangs von Kastilien), soll wieder eine Festung werden, diesmal aber zur Verteidigung.