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Mit Experimenten gescheitert

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Zum ersten Mal hat ein führender arabischer Intellektueller seine kritische Stimme erhoben und sucht nach einer Erklärung der arabischen Schwäche. Salah al Munadschid, im Libanon lebender Schriftsteller und Orientalist, hat mit seiner (zum Teil verbotenen, zum Teil totgeschwiegenen) Schrift die Schallmauer arabischer Präpotenz erstmalig durchbrochen und eine Selbstdarstellung der arabischen Wirklichkeit gegeben. Munadschids Schrift „Wohin treibt die arabische Welt?“ erschien kürzlich im Verlag R. Piper & Co., München, aus der die nachfolgende Zusammenfassung des Autors entnommen ist:

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Zum ersten Mal hat ein führender arabischer Intellektueller seine kritische Stimme erhoben und sucht nach einer Erklärung der arabischen Schwäche. Salah al Munadschid, im Libanon lebender Schriftsteller und Orientalist, hat mit seiner (zum Teil verbotenen, zum Teil totgeschwiegenen) Schrift die Schallmauer arabischer Präpotenz erstmalig durchbrochen und eine Selbstdarstellung der arabischen Wirklichkeit gegeben. Munadschids Schrift „Wohin treibt die arabische Welt?“ erschien kürzlich im Verlag R. Piper & Co., München, aus der die nachfolgende Zusammenfassung des Autors entnommen ist:

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„Die Araber haben in den vergangenen Jahren unter krankhaften und schädlichen Einflüssen gestanden. Dies gilt für uns alle, für die Araber aller Bildungsgrade, für alle Gesellschaftsstufen und Klassen. Uns bleibt daher kein anderer Weg, als daß wir uns läutern und bilden. In unserem persönlichen Leben und als Gemeinschaft müssen wir uns wieder an eine Ordnung gewöhner;, die uns Genesung verheißt: Wir müssen den Glauben an die geistigen Werte wiedererlangen, auf denen unser Leben beruht. Dabei müssen wir diese Welt realistisch betrachten und uns nicht an Träume verlieren. Erstens: Wir werden arbeiten müssen, und wir werden die beharrliche Arbeit lieben. Wir werden fähig sein, sie zu vollbringen. Denn beständige Arbeit bedeutet Macht. Dabei werden wir im Einklang mit der Zeit stehen, in der wir leben. Wir werden fortschreiten, ohne uns selbst zu verlieren. Wir werden uns fortbilden und Verantwortung tragen. Das Problem der ungebildeten Massen ist eine der schwierigsten Fragen unserer arabischen Welt; deshalb müssen wir ihr besondere Aufmerksamkeit widmen. Wir sollen und wir werden still, ruhig und mit Selbstvertrauen handeln.

Zweitens: Die islamischen und arabischen Völker hat ihre Glaubenserfahrung ständig gefördert und aus vielen Gefahren errettet. Für Zweifel ist in ihr kein Raum. Daher gilt es, den Glauben an Gott neu zu erwecken und zu beleben. Der Atheismus schwächt die Völker und führt zum Verfall. Der Islam hingegen ist ein strenger, kraftvoller Antrieb. Der Macht der Wissenschaft und der Brüderlichkeit steht er niemals im Weg.

Es ist daher notwendig, ein allgemeines Zentrum zu gründen, um für den Glauben und seine Wiederbelebung zu werben. Dieses Zentrum muß zu islamischen Organisationen in allen arabischen und islamischen Ländern Verbindung aufnehmen. Für diese Aufgabe müssen wir gebildete Persönlichkeiten gewinnen, die zugleich über theologische Kenntnisse verfügen und mit der Kultur des Westens vertraut sind. Dem Treiben jener islamischen Schriftgelehrten aber, die glauben, die Religion gepachtet zu haben und dabei heuchlerisch oder unwissend sind, müssen wir ein Ende bereiten.Drittens: Die revolutionären sozialistischen Bewegungen sind in den arabischen Ländern gescheitert. Dies hat die Erfahrung der letzten fünfzehn Jahre gelehrt. Die Ideologien dieser revolutionären Sozialisten sind uns fremd.Sie entstammen nicht dem arabischen und islamischen Erbe. Sie sind nicht verankert in unserer Geschichte, unseren innersten Gedanken und in den Religionen, die im Orient offenbart worden sind. Diese sozialistischen Bewegungen werden daher von der Herrschaft abtreten müssen. Nur so läßt sich weiteres Unheil verhüten. Der offene und geheime Widerstand, dem sie allenthalben begegnen, ist ein deutliches Anzeichen dafür, daß sie keine glückliche Zukunft erwartet. Mit ihrem Versuch, eine Entwicklung plötzlich und mit Gewalt zu erzwingen, hatten die revolutionären Sozialisten keinen Erfolg. Wir werden daher zu einer stufenweisen Entwicklung, die mit wissenschaftlich fundierten Methoden zur sozialen Gerechtigkeit führt, zurückkehren müssen. Es ist an der Zeit, daß die arabischen Massen ihr Selbstbewußtsein wiedererlangen und sich von falschen Vorstellungen befreien. Es ist an der Zeit, daß die arabischen Massen die Realitäten erkennen und ihr Vertrauen denjenigen entziehen, die mit ihren Experimenten gescheitert sind. Viertens: Selbsterkenntnis ist der Ausgangspunkt für jeglichen Fortschritt. Wir müssen daher uns selbst und unsere eigene Lage ebenso wie unsere Fehler und Mängel erkennen. Wenn wir dies tun, werden wir auch fähig sein, die Werte fremder Nationen zur Kenntnis zu nehmen. Wir werden uns diejenigen Eigenschaften, die uns fehlen, erwerben. Fünftens: Unsere wissenschaftliche Rückständigkeit ist beschämend. Wir müssen alle Anstrengungen unternehmen, um diejenigen Völker einzuholen, die gebildet sind und in den Wissenschaften Bedeutendes leisten. Der Westen ist uns auf diesem Gebiet weit voraus. Wir sollten daher seine Methoden befolgen und von seiner Kultur alles übernehmen, was für uns nützlich sein kann. Den schädlichen Einflüssen der westlichen Welt müssen wir hierbei mit festem Sinn widerstehen.

Sechstens: Nur die arabische Solidarität kann uns zur Vereinigung der arabischen Völker führen. Nur stufenweise und mit besonnenen Schritten können wir uns dieser Einheit nähern, nicht mit unseren Leidenschaften und den Ausbrüchen blinder Gefühle. Kein arabisches Land hat das Recht, durch sein Hegemoniebestreben und seine Eroberungslust andere arabische Länder zu bedrohen. Die arabische Einheit soll eine Einheit auf der Grundlage von Gleichheit und Brüderlichkeit sein.

In der Weltpolitik wird sich die arabische Solidarität aber nur fruchtbar auswirken, wenn sie mit der Solidarität der islamischen Völker Hand in Hand geht. Wir sind der Unterstützung von 500 Millionen Muslims sicher. Ihre Länder sind weit über die Erde verstreut. Aber es sind unsere natürlichen Verbündeten. Diese Völker werden nie unsere Feinde sein. Sie werden sich nicht gegen uns verschwören, wie es die westlichen Staaten und die Sowjetunion taten.

Siebentens: Wir wollen einen diplomatischen Apparat aufbauen, in dem gebildete, charakterfeste und einsichtige Männer tätig sind, die über die Begabung verfügen, Freunde zu gewinnen und im diplomatischen Dienst nicht nur ein Mittel sehen, um ein Wohlleben zu führen und sich zu bereichern. Zur Diplomatie muß man berufen sein.

Unsere Aufgabe in der Innenpolitik ist es, daß wir das Volk wachrufen und es zur Kenntnis, Bildung und Einsicht hinleiten. In der Außenpolitik ist uns die Aufgabe gestellt, daß wir für unsere Länder, ihre Eigentümlichkeiten und ihre Rechtsansprüche eintreten, ihnen die Teilnahme am kulturellen Fortschritt der Menschheit sichern und für sie Freunde gewinnen.

Ich habe in dieser Schrift die wesentlichen Ursachen in gedrängter Kürze behandelt, die nach meiner Ansicht zur Niederlage der Araber im letzten Krieg mit Israel geführt haben. Es gibt noch weitere Ursachen für diese Niederlage, und es wäre erfreulich, wenn andere hierauf eingehen würden. Ich habe mich bemüht, klar und offen zu sprechen. Wir haben eine gewaltige Niederlage erlitten. Unsere politischen Führer und die gesamte Nation sind sich dessen bewußt. Nach einer solchen Niederlage wäre der Versuch, die eigenen Fehler und Irrtümer zu verschleiern,- Verrat. Wenn wir mit Zuversicht der Zukunft entgegenblicken wollen, müssen wir offen und freimütig sein.“

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