Wie politisch ist der Islam?

Politischer Islam bei Österreichs Muslimen? Ein - umstrittenes - Buch will den heimischen Islamismus aufdecken.

Von Otto Friedrich

Ramadan ist. Die große Zeit der Einkehr und des Fastens für die Muslime, auch in Österreich. Letzten Sonntag ereignete sich - wenig bemerkt - Bahnbrechendes für die politische Präsenz von Muslimen: Mit Alev Korun auf Platz drei der grünen Bundesliste wird aller Voraussicht nach die erste Muslima in den nächsten Nationalrat einziehen.

Während also in der alltäglichen Politik Menschen mit muslimischem Hintergrund langsam sichtbar werden, kommt die Frage nach dem Islam und seinem Verhältnis zur Politik auf einer anderen Bühne wieder ins Rampenlicht. Ein "Handbuch des politischen Islam", so dessen Untertitel, will die politischen Implikationen dieser Religion in Österreich offenlegen und den Islamismus in den Hinterhöfen oder hinter einer sich respektabel gebenden Fassade aufzeigen.

"Zwischen Gottesstaat und Demokratie" haben die Herausgeber, die Wiener Politikwissenschafter Dunja Larise und Thomas Schmidinger, den Band genannt, in dem die beiden gemeinsam mit 14 Student/inn/en, die Mehrzahl davon mit muslimischem Hintergrund, den "politischen Islam" im Lande aufzuspüren suchen.

Kein homogener Islam

Es sei ihnen vor allem um einen Klärungsprozess gegangen, meint Herausgeberin Dunja Larise im Gespräch mit der Furche. Der Islam in Österreich werde homogenisiert wahrgenommen, in Wirklichkeit sei er aber differenziert zu betrachten. Und da ist es den Autor/inn/en darum zu tun, diejenigen Gruppen und Persönlichkeiten zu beleuchten, für die die Religion auch Politik und politisches Engagement bestimmt. Religiöser Integralismus, also der Versuch, einen Primat des Islam über die Gesellschaft aufzuspüren, sei eines dieser Anliegen, so Larise.

So haben die Autor/inn/en ein Jahr lang Internetauftritte, Publikationen und Vereinsstatuten jener Gruppierungen und Persönlichkeiten hergenommen, die unter dem "Verdacht" stehen, einem "politischen Islam" anzuhängen. Nur solche Gruppen habe man aufgenommen, denen man diese Ausrichtung dann auch nachweisen konnte, versichert Larise: Das Projekt sei ehrenamtlich abgewickelt worden, es habe keine privaten Sponsoren, kein öffentliches Geld dafür gegeben.

Kein leichtes Unterfangen, denn was politischer Islam ist und für wie gefährlich man diesen einschätzt, das ist die Gretchenfrage, und - siehe den Beitrag von Mouhanad Khorchide auf Seite 3 - schon bei der Definitionsfrage dazu können sich die Geister scheiden.

Die Geister scheiden sich tatsächlich an der Bewertung des Buches: "In Summe ein gelungenes Werk, das erstmals eine umfassende, wenn auch nicht vollständige Darstellung der österreichischen Szene liefert", resümiert die Wiener Zeitung und erwartet sich gleich einen "ähnlich detaillierten Bericht" vom Verfassungsschutz. In ein ähnliches Horn stößt der - politisch bekanntlich ganz anderswo beheimatete - Falter, der den Band als "eine Mischung aus Wissenschaft und Journalismus, ein Handbuch eben für Journalisten" qualifiziert: "Die Autoren ergänzen die großteils bekannten Fakten über den politisierten Islam mit spannenden Details und verorten die einzelnen Gruppen anhand hilfreicher Analysen in ihren jeweiligen Bewegungen."

Einige der im Buch Beschriebenen können solchem Urteil nichts abgewinnen. Carla Amina Baghajati, Mediensprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, wirft vor allem Ko-Herausgeber Thomas Schmidinger Voreingenommenheit und mangelnde Wissenschaftlichkeit vor. Außerdem habe Schmidinger sich selbst im öffentlichen Diskurs "immer wieder als politischer Gegner" positioniert.

In der Tat wird die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich sehr kritisch beleuchtet und klar unter "politischer Islam" subsumiert. Andere muslimische Großorganisationen, wie etwa der vom türkischen Religionsministerium (!) organisierte Verband ATIB (u. a. der Betreiber der Moscheebauten in Telfs und Bad Vöslau) fallen aber nicht unter dieses Verdikt der Autor/inn/en. Herausgeberin Larise argumentiert, man habe nur solche Gruppierungen aufgenommen, wo es in schriftlichen Unterlagen nachprüfbare und dokumentierte Belege gegeben habe.

Kommt somit jemand wie die "Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen" wegen ihrer öffentlichen Wahrnehmung in die Schublade "politischer Islam"? Dunja Larise konzediert, dass es über medial präsente Gruppen eben das meiste Material gebe, es könne da schon sein, dass "klandestine Gruppen" nicht im "Handbuch des politischen Islam" aufscheinen: Man habe sich auf das begrenzen müssen, was öffentlich vorhanden sei.

Omar Al-Rawi, einer der umtriebigsten Muslime im Land, klagt, dass seine Aktivitäten im Buch selektiv und unter dem Blickwinkel, er stünde der Muslimbruderschaft nahe, wahrgenommen würden. Seit Jahren versucht der Wiener SP-Abgeordnete diese Vorwürfe, die ihm Mitherausgeber Schmidinger immer wieder macht, zu entkräften (vgl. Seite 3). Überhaupt ist "Muslimbruder" die große Chiffre, mit der operiert wird, und die für die "Gefährlichkeit" des politischen Islam steht.

Problematisch finden Kritiker wie Mouhanad Khorchide (Seite 3) die Bewertung von religiösem Engagement an sich, wie sie im Buch entgegentritt. Dunja Larise will den religiösen Integralismus, der gegen die Trennung von Staat und Religion arbeite, aufdecken. Eine der Kategorien des politischen Islam wird als "Reformismus" bezeichnet; gemeint ist, dass dessen Protagonisten ihre Ziele mit legalen Mitteln zu erreichen suchen. Heißt das also, dass religiöse Menschen, die ihre Werte aufgrund ihres Glaubens in den öffentlichen Diskurs demokratischer Gesellschaften einbringen, gleich verkappte Fundamentalisten (konkret also: Islamisten) sind?

"Reformist" = Islamist?

Dunja Larise meint, es sei ihr und dem Buch darum zu tun, auf die Gefahr des Integralismus auch in diesem Diskurs hinzuweisen. Sie nennt ein Beispiel: Käme etwa die Forderung nach islamischen Krankenhäusern auf, in denen - nach islamischem Recht - Frauen nicht mehr ohne Begleitung von einem Arzt untersucht werden dürften, so würde das zu einer "vertikalen Trennung der Gesellschaft nach Gender" führen. Das gelte es aufzuzeigen. Sie kritisiert in dieser Hinsicht den muslimischen Star-Denker Tariq Ramadan, eines der liebsten Feindbilder im Buch, dessen Blutsverwandtschaft zum Gründer der Muslimbrüder, Hassan al-Banna, wiederholt betont wird.

Schließlich umfasst die eingeschränkte Wahrnehmung auch Zitate, die dastehen, ohne das Umfeld zu beleuchten. So wird etwa die Kritik des österreichischen Muslim Günther Ahmed Rusznak am Umfeld der Islamischen Glaubensgemeinschaft wiedergegeben, ohne anzuführen, dass es da eine lange Konfliktgeschichte gibt und was die Hintergründe dieser Auseinandersetzungen sind. Auch wird Rusznaks "Islamisches Informations- und Dokumentationszentrum" kommentarlos angeführt, ohne dass der Leser weiß, worum es sich dabei handelt: um "politischen Islam" wie bei anderen offenbar nicht, aber warum nicht?

Ideologie des Argwohns

All die angesprochenen und von den Kritikern monierten Defizite lassen die Bewertung dieses "Handbuchs" durchwachsen erscheinen. Den Autoren ist zu konzedieren, dass sie keinesfalls behaupten, in Österreichs Hinterhöfen würden Selbstmordattentäter herangezogen. In den theoretischen Kapiteln zu Islam und Politik finden sich interessante Zusammenhänge und Querverbindungen, aber der unkundige Leser wird hier mehr mit einer Ideologie des Argwohns, denn mit Nüchternheit und notwendiger Distanz bedient. Zu den Muslimbrüdern oder dem Star des selbstbewussten Euro-Islam Tariq Ramadan ist die Lektüre anderer Publikationen zum Thema nötig.

Das Buch "Zwischen Gottesstaat und Demokratie" unternimmt aber immerhin den - wie gezeigt wurde: auch fragwürdigen - Versuch, die Heterogenität der muslimischen Milieus in Österreich anzudeuten. Die Einteilung einzelner Organisationen nach dem Migrationshintergrund (arabisch, türkisch, bosnisch etc.) ist ein legitimes Ordnungsprinzip. Die Kategorisierung als "politischer Islam" hingegen erweist sich als die eigentliche Schwachstelle des Unterfangens. Abgesehen davon, dass dem Buch jede Art von Register fehlt, wäre ein "Handbuch des Islam in Österreich" ohne das Attribut "politisch" die sicher lohnendere Lektüre, aber zweifelsohne nicht mehr durch "ehrenamtliche" Autor/inn/en zu bewältigen.

Natürlich sind auch die Institutionen des "offiziellen" Islam in Österreich zu hinterfragen und in den öffentlichen Diskurs zu bringen. Allerdings sollten die Prämissen der Kritik weniger fragwürdig sein als im gegenständlichen Buch.

ZWISCHEN GOTTESSTAAT UND DEMOKRATIE. Handbuch des politischen Islam

Hg. Thomas Schmidinger, Dunja Larise Deuticke Verlag, Wien 2008

320 Seiten, kt., € 20,50

Eine antireligiöse Ideologie? Anmerkungen zum "Handbuch des politischen Islam".

Von Mouhanad Khorchide

Der Begriff "Islamismus" bzw. "politischer Islam" ist ein breit gefasster Begriff, der heute oft auf eine inflationäre Weise verwendet wird. Im Buch "Zwischen Gottesstaat und Demokratie" bezeichnet Thomas Schmidinger Bewegungen und Gruppierungen, die den Islam als Richtschnur politischen Handelns verstehen, als Islamisten. Jeder Muslim, der sein politisches Handeln für sich mit dem Islam begründet, gerät demnach in den Islamismusvorwurf. So wirft Schmidinger allen islamischen Vereinen in Österreich, ausgenommen den beiden nationalistischen (dem türkischen ATIB und dem bosnischen Dachverband), vor, sie würden die Islamisierung der Gesellschaft anstreben. Was den politischen Islam ausmacht, ist jedoch nicht, wie Schmidinger definiert, die islamische Begründung von Handeln, denn welcher gläubige Mensch - Muslim, Christ, Jude usw. - möchte sein Handeln nicht in Einklang mit seinem Glauben bringen und sucht daher sein Handeln durch den Glauben zu begründen?

Falsche Kritik und …

Der politische Islam bzw. Islamismus ist durch die Ablehnung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung gekennzeichnet. Islamisten lehnen es ab, diese Grundordnung mit ihrem Glauben in Harmonie zu bringen, denn sie sehen in der freiheitlichen demokratischen Grundordnung einen Widerspruch zu ihrer Auffassung vom Islam. Die Grenze zwischen Islam und Islamismus liegt nicht in einer religiösen versus weltlichen Begründung politischen Handelns, sondern in der Anerkennung versus Ablehnung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung aufgrund religiöser Überzeugungen. Es entsteht der Eindruck, dass das Buch eine antireligiöse Ideologie verfolgt, die jegliches Handeln, das sich religiös begründet, verurteilt.

… berechtigte Kritik

Dennoch weist das Buch berechtigte Kritik an muslimischen Organisationen und Personen auf, die soziale und religiös begründete Probleme in der muslimischen Community in Österreich nicht wahrnehmen wollen und bemüht sind, in der Öffentlichkeit ein heiles Bild zu vermitteln. Die Autor/inn/en übersehen aber, dass es sich hierbei nicht immer um ein Phänomen des politischen Islam handelt, sondern zum Teil um Machtinteressen innerhalb der Community, aber vor allem um das Gefühl vieler Muslime, eine Minderheit zu sein, und die daraus resultierende Verunsicherung und Angst, die eigene Identität zu verlieren. In der Überbetonung mancher Muslime des Eigenen verbirgt sich weniger das Streben nach einer Islamisierung der Gesellschaft, sondern vielmehr die Selbstvergewisserung der eigenen Identität.

Um den Islam als Teil gemeinsamer europäischer Kultur zu erfassen, sind zum einen die Muslime in Europa gefordert, moderne demokratische Werte religiös zu begründen, und zum anderen europäische Gesellschaften, der auch jüngst bei einem Vortrag in Wien formulierten Forderung des Theologen Christian Troll SJ nach Anerkennung der Muslime als in Europa gleichberechtigte Partner nachzukommen.

Der Autor ist Islamwissenschafter und Imam in Wien-Ottakring.

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