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Abschied von der Opferrolle

Das vor 100 Jahren verabschiedete Islamgesetz gilt europaweit als Vorbild. Jetzt geht es darum - abseits der Herkunftsländer der Muslime - den Islam in Österreich zu kontextualisieren.

Obwohl die Geschichte des Islam in Österreich viel weiter zurückreicht als jene der Arbeitsmigration von Muslimen, wird er hierzulande nahezu ausschließlich in Verbindung mit diesem Phänomen wahrgenommen. Dies mag darin begründet sein, dass der Islam durch die Migranten ein Gesicht erhielt, das zuvor weder Reiseberichte noch der Blick auf die historischen Berührungspunkte zwischen Österreich und der muslimischen Welt offenbart hatte. Dass an der Universität Wien seit dem 18. Jahrhundert islamisches Recht und orientalische Sprachen gelehrt werden, dass ein Geistlicher bzw. Mufti einen ständigen Sitz in Wien hatte, ist bei der Begegnung mit dem Islam im Alltag ohne Belang. Was hierbei zum Tragen kommt, ist vielmehr das Bild der unqualifizierten Arbeitskraft mit geringem Bildungsniveau und eingehaust in ärmlichen Verhältnissen. Und dieses den Muslimen angeheftete Stereotyp ist zu einem eigentümlichen, erst hier in die Welt gekommenem Identifikationsmerkmal geworden.

Dergestalt an den Rand der Gesellschaft gedrängt, errichteten die Muslime dort ihre eigene - oft mühsam improvisierte, aber funktionierende - Infrastruktur; es entstand eine kulturelle und religiöse Parallelwelt, die von den Entwicklungen in den Herkunftsländern ebenso abgekoppelt war wie von der Mehrheitsgesellschaft. Im Bemühen, den neuen Lebenswelten und ihren Anforderungen gerecht zu werden, legten sich die Menschen die entsprechenden Bewältigungstechniken bisweilen auch unter bewusster Ignoranz ihrer Umgebung zu.

Wandel in der Wahrnehmung der Muslime

Mit der Erkenntnis, dass der Aufenthalt der Muslime im Land, anders als geplant, von Dauer sein würde, der damit verbundenen wachsenden Zahl muslimischer Kinder an den öffentlichen Schulen und nicht zuletzt infolge der gesellschaftlichen Umbrüche in den islamischen Ländern ging auch ein Wandel in der Wahrnehmung der Muslime, ihrer Symbole und ihrer Lebensweise einher, insbesondere sahen sich weite Teile der Bevölkerung durch die nun immer häufiger werdenden Berührungspunkte verstört.

Dass der Islam jenseits von Politik und Öffentlichkeit längst ein Teil der österreichischen Gesellschaft geworden war, wurde von Politik und Gesellschaft sehr spät zur Kenntnis genommen, sodass - wenig verwunderlich - keine Konzepte vorlagen, mit denen dieser Herausforderung angemessen zu begegnen wäre. Nun aber stehen wir vor der Frage, wie der Umgang mit den Muslimen, die Österreich als ihren Lebensmittelpunkt betrachten und ihre Präsenz auch öffentlich sichtbar machen wollen, zu gestalten sei.

In dieser um die Frage "Was tun?“ kreisenden Debatte haben sich zwei Argumentationslinien herausgebildet, die sich jeweils lautstark Gehör zu verschaffen suchen. Die eine erachtet die Muslime als eine Gefahr für die europäische Zivilisation und sähe sie am liebsten in ihre Heimatländer zurückkehren. Weil dies aber aus taktischen Gründen nicht in dieser Deutlichkeit formuliert werden kann, ertönt der Ruf nach einer nicht näher definierten "Anpassung“, worunter freilich nichts anderes zu verstehen ist als die totale Assimilierung unter völliger Aufgabe der muslimischen Identität. Diese Position ist mittlerweile europaweit in Form von verschiedenen rechtsradikalen Parteien, die einen politischen Kampf gegen den Islam zu führen, etabliert.

Ablehnende und wohlwollende Diskurse

Demgegenüber steht jene Sichtweise, derzufolge es sich bei der durch die muslimische Migration entstandene gesellschaftliche Herausforderung um ein künstliches Problem handelt. Sie hebt vor allem eine von ihr konstatierte "Schutzbedürftigkeit“ der Muslime hervor, denen man daher eine kritische Reflexion ihrer Situation im Rahmen einer öffentlichen Debatte keinesfalls zumuten könne. Als Beleg für diese Sichtweise kann auch das kürzlich erschienene Buch "Muslime in Österreich“ (Tyrolia 2012) gelten, in dem versucht wird, auf Grundlage von in anderen Ländern erzielten Untersuchungsergebnissen die besondere Situation der Muslime in Österreich zu beschreiben. Die "Parallelgesellschaft“ wird als Chance dargestellt, ohne dass die negativen Folgen für die muslimischen Migranten erwähnt würden. Insgesamt präsentiert sich dieses Werk als ein Anti-Sarrazin-Buch, das die vorhandenen Strukturen verteidigt und die Muslime in ihrer Opferrolle bestätigt. Dass Letztere daraus Impulse beziehen, ihre eigene Rolle kritisch zu hinterfragen, ist jedenfalls nicht zu erwarten. (Anm.: vgl. dazu auch Seite 22.)

Was beiden Diskursen - ob ablehnend oder wohlwollend - gemeinsam ist, ist der Umstand, dass sie ohne die Beteiligung der Muslime geführt werden und so einen weiteren Beitrag zu deren gesellschaftlicher Isolierung leisten.

Durch die Heftigkeit der Debatte unter Druck gesetzt, sehen sich die Muslime nun zum Handeln gezwungen, wobei ihre Reaktion die langjährige Isolation infolge von Angst, Verunsicherung und Misstrauen widerspiegelt. So setzen manche muslimische Organisationen auf eine Immunisierungsstrategie - die Übertragung der Repräsentation nach außen an junge, zumeist bereits hier aufgewachsene Muslime soll gewährleisten, dass die bestehenden, vorwiegend vom Ausland verwalteten Strukturen unangetastet bleiben. Denn auch wenn die Art des öffentlichen Auftritts die inneren Strukturen infrage zu stellen scheint, sind diese immer noch von der Ideologie und Theologie der Isolation geprägt. Und in der Tat belegen Untersuchungen aus anderen europäischen Ländern, dass sich hinter sehr aktiven muslimischen Jugendorganisationen teils altbekannte Ideologien als deren Inspirationsquellen verbergen.

Steiniger Weg zu einem europäischen Islam

Jene intellektuelle Bewegung innerhalb der muslimischen Gemeinschaft aber, die versucht, dem Islam eine europäische Prägung zu verleihen, die den Weg in die Mitte der Gesellschaft sucht und darum bemüht ist, Religiosität in diesem Kontext neu zu definieren und danach zu leben, sieht sich nicht nur Anfeindungen seitens der etablierten muslimischen Organisationen ausgesetzt, sondern auch von der Mehrheitsgesellschaft weitgehend ignoriert. Dazu kommt, dass die breite Masse der Muslime offenbar wenig gewillt ist, diese Entwicklung mitzutragen; sich ihrer Ohnmacht bewusst, zieht sie ein Verharren in ihrer theologischen und sozialen Isolation vor.

Der IGGiÖ - der offiziellen religiösen Vertretung der Muslime - obliegt die entscheidende Aufgabe, den notwendigen Integrationsprozess so zu gestalten, dass sich die Muslime letztendlich in der Mitte der Gesellschaft wiederfinden. Dies setzt jedoch voraus, dass sie sich vom Einfluss der in den Herkunftsländern ihrer Mitglieder vorherrschenden Ideologie und traditionsorientierten Vereine und Verbände befreit und die institutionelle und theologische Führung der Muslime selbst in die Hand nimmt. Andernfalls verbliebe ihr nur die Rolle einer Verwalterin des Status quo - ohne Aussicht darauf, die im Land lebenden Muslime 100 Jahre nach Verabschiedung des Islamgesetzes, das europaweit als Vorbild gilt, endlich aus der theologischen Unmündigkeit herauszuführen und den Islam zu kontextualisieren.

Der Autor ist Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Wien

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