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Abschied von der Opferrolle

Der Wiener Islamtheologe Ednan Aslan rät seinen Glaubensgeschwistern in Europa, sich dem europäischen Islam-Diskurs zu stellen und auch Missstände im eigenen Haus anzusprechen. Das Gespräch führte Otto Friedrich

Immer noch erhitzt das Schweizer Minarettverbot die Gemüter. Für Ednan Aslan, Leiter der Islamischen Religionspädagogik an der Uni Wien, ist die Debatte auch aus muslimischer Perspektive notwendig und wichtig.

Die Furche: Gut eine Woche nach dem Schweizer Volksentscheid für ein Minarettverbot sind zunehmend Klagen zu hören, die ganze Welt würde nun über die Schweiz herfallen …

Ednan Aslan: … Sie meinen, die Schweiz würde nun eine Opferrolle einnehmen ….

Die Furche: … ja.

Aslan: Ich will in dieser Diskussion vermeiden, dass sich die Muslime in ihrer Opferrolle bestätigt fühlen. Die Muslime sollten sich daraus befreien und ihre Position in der Mitte der Gesellschaft finden. Durch Abwehr kann man den Islam nicht schützen. Es ist daher auch nicht gut, wenn nun die Schweiz ihrerseits in eine Opferrolle verfällt: Wir verteidigen Demokratie, die Welt versteht unsere Demokratie nicht … In einer Opferrolle kann man aber keine sachliche Debatte führen.

Die Furche: Ein Hauptargument der Befürworter des Minarettverbots war und ist, Minarette seien nicht notwendig, um den Glauben zu praktizieren.

Aslan: Es geht eigentlich nicht um die Minarette, auch nicht um die Moscheen, das wissen auch die Schweizer Initiatoren, sondern es geht um die Zukunft der Muslime in Europa. Darüber müssen wir sprechen. Wer die Debatte auf die Minarett-Diskussion reduziert, hat das Problem nicht verstanden.

Die Furche: Dennoch: Sollen Muslime das Recht haben, Minarette zu bauen?

Aslan: Ein Minarett bauen zu dürfen ist Teil der Religionsfreiheit. Darauf sollte eine demokratische Gesellschaft nicht verzichten. Aber die Islam-Debatte darf man weder auf das Minarett noch auf das Kopftuch reduzieren. Wir haben andere Sorgen – Integrationsprobleme, Schulprobleme (Warum schaffen es so wenige Muslime in höhere Schulen?) usw. Die Muslime in Europa haben keine Konzepte für die eigene Zukunft. Diese Probleme sollten uns Muslime beschäftigen.

Die Furche: Die Minarett-Debatte ist aber nicht von den Muslimen ausgegangen …

Aslan: … doch sie können daraus lernen. Nämlich eine sachliche Debatte über die Zukunft des Islam in Europa zu führen. Dies ist auch deshalb wichtig, weil die Muslime erkennen sollten, dass sie selbst ihren Beitrag für die Demokratie leisten müssen. Isolation rettet die Muslime nicht. Die Muslime dürfen nicht nur Bittsteller der demokratischen Toleranz sein, sondern müssen auch einen eigenen Beitrag zur demokratischen Toleranz leisten.

Die Furche: In der Debatte wird oft Reziprozität in Spiel gebracht: In der Türkei oder in Saudiarabien dürfen keine Kirchen gebaut werden, deshalb soll man hierzulande beim Moscheebau zurückhaltend sein.

Aslan: Im Vergleich kann man die Qualität einer Demokratie nicht feststellen. Ist die Demokratie in der Türkei besser als in Syrien, und Syrien besser als Dschibuti? Auf der anderen Seite müssen wir auf die Missstände in den islamischen Ländern schon hinweisen und sagen: Wir sind für die Freiheit – aber die muss auch für die Christen in islamischen Ländern gelten. Das ist eine moralische und eine demokratische Verpflichtung. Das ist auch gut für die Zukunft des Islam in Europa. Wenn die Muslime über derartige Missstände nicht sprechen, dann reden die anderen davon. Es hilft auch dem innerislamischen Diskurs, wenn wir über die Situation der Menschen in Ägypten, in Saudiarabien, der Türkei sprechen. Ich wohne in der Nähe von Pottendorf südlich von Wien, dort gibt es eine kleine Moschee. Ich wünsche mir, dass auch in einer Stadt in Ostanatolien oder Ägypten Christen einen solchen Gebetsraum haben können, in dem sie in Frieden beten können. Zu fragen: Was können wir in Österreich denn schon tun? Ja, wir können Impulse zum Wandel in den islamischen Ländern geben, weil deren Demokratieprozess noch im Werdegang ist.

Die Furche: Wenn sich die Muslime in die Gesellschaften Europas integrieren, dann hat das also auch positive Auswirkungen auf die islamischen Länder?

Aslan: Wenn wir einen Islam europäischer Prägung entwickeln, dann hilft das auch dem Islam in islamischen Ländern – auch den Demokraten dort. Die brauchen unsere Solidarität. Wir benötigen derartig neue Diskussionskultur ebenso in theologischen Fragen. Ich kann nicht sagen: Die Scharia gilt hier nicht, weil wir uns in Österreich zur Demokratie verpflichtet haben. Das würde ja bedeuten: Ich lehne die Polygamie hier ab, aber wenn ich in Ägypten bin, werde ich die Polygamie unterstützen. Ich ignoriere die Strafgesetzgebung der Scharia hier in Europa, aber ich werde in Saudiarabien mitsteinigen. Der Islam europäischer Prägung braucht auch in der Theologie eine eigene und befreite Definition.

Die Furche: Heißt das, Muslime in Europa sollten die Scharia in Frage stellen?

Aslan: Ich meine nicht, dass wir weniger beten oder im Ramadan nicht fasten sollten. Aber wir müssen darüber reden, wie man mit dem Strafgesetz umgehen soll. Oder mit der Stellung der Frau. Oder mit der Religionsfreiheit. Oder mit dem Zinsverbot. Wir brauchen da eine innerislamische Diskussion, die die Widersprüche zwischen Glauben und Leben klärt, aber nicht durch Widersprüche Konflikte und Spannung erzeugt. Wenn wir darauf verzichten, dann verpflichten wir uns auf eine Theologie, die nicht mehr aktuell ist. Es wäre für die Zukunft des Islam fatal, zu glauben, dass Theologie ein abgeschlossener Prozess ist. Über die Scharia zu sprechen und sie der Gegenwart anzupassen, war immer ein Teil der islamischen Tradition. Aus theologischer Unfähigkeit darf keine falsch verstandene religiöse Tugend entstehen. Religiöse Unmündigkeit war im Islam nie eine Tugend.

Die Furche: Hierzulande gibt es offiziell die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), die in die Kritik geraten ist – sie sei nicht repräsentativ, zu konservativ …

Aslan: Selbst die Glaubensgemeinschaft ist kein abgeschlossener Prozess. Auch sie ist ein Teil des islamischen Diskurses. Muslime kennen so eine Institution aus ihrer Tradition nicht. Dass Muslime mit diesen Institutionen noch nicht professionell umgehen können, ist daher kein Zufall – aber es wird besser. In der klassischen Theologie gibt es keine Institution, die den Islam nach außen vertritt und als Partner des Staates handelt. Die Glaubensgemeinschaft ist also in einem Entwicklungsprozess: Wir entwickeln eine Institution, die wir aus der Tradition nicht kennen.

Die Furche: Bis vor zwei, drei Jahren ist die IGGiÖ immer als Idealmodell für den Islam in Europa dargestellt worden. Trägt dieses Modell auch in Zukunft?

Aslan: Österreich ist in Bezug auf den Islam ein Modell für Europa. Deshalb muss es uns einfach gelingen. Wenn der Islam in Österreich scheitert, scheitert er auch in Europa. Es wäre daher gut für die Muslime, wenn ihnen das Projekt einer österreichweiten Glaubensgemeinschaft gelingt. Da tragen wir eine große Verantwortung. Eine Institution des Islam in Europa muss den Islam mit einem freiheitlich-demokratischem Verständnis prägen. Von daher ist die Moschee- und Minarett-Diskussion gut für den Islam, weil er sich Fragen stellen muss, die wir aus unserer Geschichte nicht kennen. Es hilft keinem, das Votum in der Schweiz nur auf Islamfeindlichkeit zu reduzieren. Wir müssen die Ängste ernst nehmen und fragen, warum sie da sind. Wir können diese Diskussionen nicht einfach nur den Rechten überlassen – etwa Fragen, ob Parallelgesellschaften entstehen, warum so viele Muslime und da vor allem die Frauen an den Rand der Gesellschaft geraten.

Die Furche: Seit einigen Tagen ist endlich die neue Verfassung der IGGiÖ approbiert.

Aslan: Diese Verfassung ist eine gute Sache. Wenn wir nun nach dieser Verfassung die Wahlen organisieren, dann haben wir eine wichtige demokratische Aufgabe bewältigt. Das wäre ein wichtiges Signal.

Ednan Aslan ist seit 2006 Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Wien. Der 1959 in Ostanatolien Geborene studierte u.a. in Stuttgart, Tübingen und Wien Politikwissenschaft und (Sozial-)Pädagogik. Seit 2005 ist er auch Fachinspektor für den islamischen Religionsunterricht an den Pflichtschulen.

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