Amira Hafner Al-Jabaji - Amira Hafner-Al Jabaji - © Laurent Burst
Religion

„Muslime setzen sich intensiver mit Koran auseinander"

1945 1960 1980 2000 2020

<br /> „Die Auseinandersetzung zwischen religiösen Quellen und der Gestaltung des Alltags ist nicht neu“: Für Amira Hafner-Al Jabaji, Muslima, Journalistin und TV-Moderatorin in der Schweiz, gab es Streit um die rechte Auslegung des Koran von Anfängen an.

1945 1960 1980 2000 2020

<br /> „Die Auseinandersetzung zwischen religiösen Quellen und der Gestaltung des Alltags ist nicht neu“: Für Amira Hafner-Al Jabaji, Muslima, Journalistin und TV-Moderatorin in der Schweiz, gab es Streit um die rechte Auslegung des Koran von Anfängen an.

Ihre Mutter: Deutsche, der Vater: Iraker; sie lebt seit ihrer Kindheit in der Schweiz: Amira Hafner-Al Jabaji ist Muslima, Islamwissenschafterin und Journalistin, sie leitet den „Interreligiö­sen Think-Tank“, über den sich religiöse Frauen in den öffentlichen Diskurs einbringen (interrelthinktank.ch). Im Schweizer Fernsehen moderiert Hafner-Al Jabaji die Sendung „Sternstunde Religion“.

Die Furche: Am 6. Mai beginnt der Ramadan. Wie wichtig ist dieser Monat für Sie?
Amira Hafner-Al Jabaji: Für mich ist der Ramadan sehr wichtig. Ich faste seit meinem 14. Lebensjahr und erlebe das auch als eine Phase des In-sich-Kehrens. Gerade in Jahren, wo die Fastentage sehr lang sind, ziehe ich es vor, die Zeit etwas ruhiger anzugehen. Je nördlicher man hier in Europa ist, desto länger die Fastentage, desto anspruchsvoller ist diese Zeit. In Gegenden, die weit nördlich sind und die Sonne faktisch kaum untergeht, gibt es die Regel, sich nicht nach der lokalen Zeit, sondern nach jener von Mekka zu richten, sodass ein Fasten­tag etwa zwölf Stunden dauert.

Die Furche: Man kann also die wörtliche Auslegung des Fastengebots an die örtlichen Gegebenheiten anpassen?
Hafner-Al Jabaji: Ja. Hier kommen verschiedene islamische Prinzipien zum Zuge: Zum einen heißt es, keine religiöse Regel darf für den Menschen schädlich sein. Wenn in Norwegen Fastentage 23 Stunden Tageslicht haben, dann ist es nicht mehr sinnvoll, 23 Stunden zu fasten. Man geht da pragmatisch vor und findet einen Kompromiss zwischen der Einhaltung des Gebots und dem Prinzip, dass es vernünftig und nicht schädlich sein soll. Hier haben die islamischen Kulturen über 1400 Jahre gezeigt, dass sie sich mit den örtlichen Gegebenheiten auseinandersetzen und Kompromisse finden. Das ist in der Geschichte des Islams nichts Außergewöhnliches.

Die Furche: Nicht nur die Auslegung des Fas­tengebots, sondern die Auslegung des Koran überhaupt ist eine diskutierte Frage. Es gibt da Versuche, wissenschaftliche Methoden wie die historisch-kritische oder kontextuelle Exegese mit anderen Auslegungen des Korans zu versöhnen. Ist das möglich?
Hafner-Al Jabaji: In irgendeiner Weise ist das ja immer geschehen: Wenn man jetzt den Eindruck hat, das seien neue Arten der Auseinandersetzung, dann ist das nur in dem Aspekt neu, dass historisch erstmals so viele Muslime aus ganz unterschiedlichen Traditionen und kulturellen Kontexten hier in Europa leben. Aber die Auseinandersetzung zwischen den religiösen Quellen und der Gestaltung des Alltags ist an sich nichts Neues. Muslime setzen sich heute viel intensiver mit dem Koran auseinander als die Breite der Masse es vermutlich je getan hat: Auch durchschnittliche Muslime sind heute mehr und mehr gefordert, gerade von der nichtmuslimischen Umgebung, sich mit „ihrem Text“ auseinanderzusetzen. Da ist es gut und richtig, sich mit neuen Methoden und Gegebenheiten zu befassen. Dass es da Kontroversen gibt, ist nur natürlich. Es wird sich das durchsetzen, was als Kompromiss gefunden wird zwischen der Einhaltung von Regeln und dem gelebten Alltag.

Die Furche: Das ist aber kein L’art-pour-l’art-Diskurs, sondern dahinter stecken ganz massiv politische und ökonomische Faktoren, etwa die Dominanz wahhabitischer Auslegung der Texte, die sehr rigide ist. Das hat damit zu tun, dass die Wahhabiten politisch wie ökonomisch sehr stark sind.
Hafner-Al Jabaji: Das kann sein, aber zumindest für die Schweiz zeigen Studien, dass sich die zweite und dritte Generation von Muslimen nicht mehr bloß auf eine Lehrmeinung abstützt, wenn sie zu einer Meinungsfindung bezüglich einer Fragestellung kommen wollen. Das heißt, sie setzen sich mit verschiedenen Quellen und Positionen auseinander, und sie wählen sehr bewusst, was sie für ihr Leben umgesetzt haben wollen. Die Verbände, wie sie in Deutschland und Österreich eine gewisse Macht haben, sind hier in der Schweiz nicht so ausgeprägt. Unser politisches System bezieht viel stärker die lokalen Gegebenheiten ein, und es gibt eine breite Vielfalt von muslimischen Lebensentwürfen. In der Schweiz ist diese Zuspitzung auf eine rigide Religions­praxis so nicht erkennbar.

Die Furche: Um eines der vielen kontrovers diskutierten Probleme anzusprechen, die Kopftuchfrage: In Österreich ist das ein Politikum ersten Ranges, bei der es auch gesetzliche Regelungen gibt – etwa ein Kopftuchverbot in Kindergärten oder Primarschulen. Wie gehen Sie als muslimische Europäerin mit diesen Konflikten um?
Hafner-Al Jabaji: Auch hier ist es eine Frage des Zulassens der Vielfalt und auch des pragmatischen Gangs beider Seiten. Die Herausforderungen sind hier nicht nur innermuslimischer Art, sondern werden viel stärker von den vielen nichtmuslimischen Positionen auf der anderen Seite ausgetragen. Ich nehme stark wahr, dass sich die Muslime hier vermehrt auf die pragmatische Seite hin entwickeln und weniger auf die ideologische. Das heißt, sie empfehlen einmal den Töchtern für die Zeit, wo sie eine Lehre machen, das Kopftuch nicht anzuziehen, wenn dies zu Konflikten führt. Auf der anderen Seite tragen es die jungen Frauen selber und sagen: Nein, für mich wäre das ein fauler Kompromiss.

Ihre Mutter: Deutsche, der Vater: Iraker; sie lebt seit ihrer Kindheit in der Schweiz: Amira Hafner-Al Jabaji ist Muslima, Islamwissenschafterin und Journalistin, sie leitet den „Interreligiö­sen Think-Tank“, über den sich religiöse Frauen in den öffentlichen Diskurs einbringen (interrelthinktank.ch). Im Schweizer Fernsehen moderiert Hafner-Al Jabaji die Sendung „Sternstunde Religion“.

Die Furche: Am 6. Mai beginnt der Ramadan. Wie wichtig ist dieser Monat für Sie?
Amira Hafner-Al Jabaji: Für mich ist der Ramadan sehr wichtig. Ich faste seit meinem 14. Lebensjahr und erlebe das auch als eine Phase des In-sich-Kehrens. Gerade in Jahren, wo die Fastentage sehr lang sind, ziehe ich es vor, die Zeit etwas ruhiger anzugehen. Je nördlicher man hier in Europa ist, desto länger die Fastentage, desto anspruchsvoller ist diese Zeit. In Gegenden, die weit nördlich sind und die Sonne faktisch kaum untergeht, gibt es die Regel, sich nicht nach der lokalen Zeit, sondern nach jener von Mekka zu richten, sodass ein Fasten­tag etwa zwölf Stunden dauert.

Die Furche: Man kann also die wörtliche Auslegung des Fastengebots an die örtlichen Gegebenheiten anpassen?
Hafner-Al Jabaji: Ja. Hier kommen verschiedene islamische Prinzipien zum Zuge: Zum einen heißt es, keine religiöse Regel darf für den Menschen schädlich sein. Wenn in Norwegen Fastentage 23 Stunden Tageslicht haben, dann ist es nicht mehr sinnvoll, 23 Stunden zu fasten. Man geht da pragmatisch vor und findet einen Kompromiss zwischen der Einhaltung des Gebots und dem Prinzip, dass es vernünftig und nicht schädlich sein soll. Hier haben die islamischen Kulturen über 1400 Jahre gezeigt, dass sie sich mit den örtlichen Gegebenheiten auseinandersetzen und Kompromisse finden. Das ist in der Geschichte des Islams nichts Außergewöhnliches.

Die Furche: Nicht nur die Auslegung des Fas­tengebots, sondern die Auslegung des Koran überhaupt ist eine diskutierte Frage. Es gibt da Versuche, wissenschaftliche Methoden wie die historisch-kritische oder kontextuelle Exegese mit anderen Auslegungen des Korans zu versöhnen. Ist das möglich?
Hafner-Al Jabaji: In irgendeiner Weise ist das ja immer geschehen: Wenn man jetzt den Eindruck hat, das seien neue Arten der Auseinandersetzung, dann ist das nur in dem Aspekt neu, dass historisch erstmals so viele Muslime aus ganz unterschiedlichen Traditionen und kulturellen Kontexten hier in Europa leben. Aber die Auseinandersetzung zwischen den religiösen Quellen und der Gestaltung des Alltags ist an sich nichts Neues. Muslime setzen sich heute viel intensiver mit dem Koran auseinander als die Breite der Masse es vermutlich je getan hat: Auch durchschnittliche Muslime sind heute mehr und mehr gefordert, gerade von der nichtmuslimischen Umgebung, sich mit „ihrem Text“ auseinanderzusetzen. Da ist es gut und richtig, sich mit neuen Methoden und Gegebenheiten zu befassen. Dass es da Kontroversen gibt, ist nur natürlich. Es wird sich das durchsetzen, was als Kompromiss gefunden wird zwischen der Einhaltung von Regeln und dem gelebten Alltag.

Die Furche: Das ist aber kein L’art-pour-l’art-Diskurs, sondern dahinter stecken ganz massiv politische und ökonomische Faktoren, etwa die Dominanz wahhabitischer Auslegung der Texte, die sehr rigide ist. Das hat damit zu tun, dass die Wahhabiten politisch wie ökonomisch sehr stark sind.
Hafner-Al Jabaji: Das kann sein, aber zumindest für die Schweiz zeigen Studien, dass sich die zweite und dritte Generation von Muslimen nicht mehr bloß auf eine Lehrmeinung abstützt, wenn sie zu einer Meinungsfindung bezüglich einer Fragestellung kommen wollen. Das heißt, sie setzen sich mit verschiedenen Quellen und Positionen auseinander, und sie wählen sehr bewusst, was sie für ihr Leben umgesetzt haben wollen. Die Verbände, wie sie in Deutschland und Österreich eine gewisse Macht haben, sind hier in der Schweiz nicht so ausgeprägt. Unser politisches System bezieht viel stärker die lokalen Gegebenheiten ein, und es gibt eine breite Vielfalt von muslimischen Lebensentwürfen. In der Schweiz ist diese Zuspitzung auf eine rigide Religions­praxis so nicht erkennbar.

Die Furche: Um eines der vielen kontrovers diskutierten Probleme anzusprechen, die Kopftuchfrage: In Österreich ist das ein Politikum ersten Ranges, bei der es auch gesetzliche Regelungen gibt – etwa ein Kopftuchverbot in Kindergärten oder Primarschulen. Wie gehen Sie als muslimische Europäerin mit diesen Konflikten um?
Hafner-Al Jabaji: Auch hier ist es eine Frage des Zulassens der Vielfalt und auch des pragmatischen Gangs beider Seiten. Die Herausforderungen sind hier nicht nur innermuslimischer Art, sondern werden viel stärker von den vielen nichtmuslimischen Positionen auf der anderen Seite ausgetragen. Ich nehme stark wahr, dass sich die Muslime hier vermehrt auf die pragmatische Seite hin entwickeln und weniger auf die ideologische. Das heißt, sie empfehlen einmal den Töchtern für die Zeit, wo sie eine Lehre machen, das Kopftuch nicht anzuziehen, wenn dies zu Konflikten führt. Auf der anderen Seite tragen es die jungen Frauen selber und sagen: Nein, für mich wäre das ein fauler Kompromiss.

Bei der Kopftuchfrage nehme ich stark wahr, dass sich die Muslime vermehrt auf die pragmatische Seite hin entwickeln und weniger auf die ideologische.

Die Furche: Das eine ist das Argument der Freiheit und der Selbstbestimmung der Frau, auf der anderen Seite das Argument, dass es eben in traditionellen patriarchalen Communitys wieder eine Unfreiheit ist, sodass man sich eben nicht selbstbestimmt als Frau entscheiden kann. Die Diskussion um gesetzliche Regelungen ist ja auch von dieser Spannung bestimmt.
Hafner-Al Jabaji: Das ist richtig. Auch hier sehe ich, dass die Diskussion nicht in einem eng verstandenen religiösen Kontext stattfindet, sonders dass es vielmehr ein gesellschaftliches Aushandeln ist. Das sind keine Diskussionen mehr, die zwischen Islam und Nichtislam oder innerhalb der muslimischen Community stattfinden, sondern grundgesellschaftliche Auseinandersetzungen. Für mich hat die Selbstbestimmung, aus welchen Quellen sie auch immer beschrieben ist, da die höchste Prio­rität. Es geht auch um die Deutungshoheit über die Kopfbedeckung. Es sind ja nur gewisse feministische Kreise, die behaupten, das Kopftuch sei Ausdruck der patriarchalen Strukturen und würde die Frau als Besitztum des Mannes und der Familie deklarieren. Diese Deutung ist in gewissen Punkten nicht ganz falsch. Sie wird aber pauschal auf alle angewendet. Das halte ich für nicht angebracht. Es gibt ja auch Frauen, die entgegen den Empfehlungen ihrer Männer, Väter oder Brüder das Kopftuch tragen, und solche, die es ohne irgendeinen Einfluss von außen tragen, einfach weil sie es ­wollen.

Die Furche: In Österreich gibt es – anders als in der Schweiz – mit der Islamischen Glaubensgemeinschaft einen Zentralkörper der Muslime, der vom Staat auch definiert wird als Vertretung der Muslime. Wenn die Glaubensgemeinschaft aber eine Fatwa herausgibt, dass das Tragen eines Kopftuchs eine religiöse Pflicht ist, dann ist ja auch eine Vorgabe in dieser Frage da.
Hafner-Al Jabaji: Aber die Frage ist nicht nur, was sie herausgeben, sondern auch, wie viele Menschen dieser Vorgabe folgen. Sie können das gleiche Beispiel von der katholischen Kirche nehmen: Wie viele Katholiken folgen der katholischen Sexualmoral? Man muss also fragen: Welche Autorität hat eine Fatwa überhaupt? Ich bin immer wieder überrascht, wie stark man diese Empfehlungen hier hervorhebt. Als etwa 2017 in Berlin von Seyran Ateş die liberale Ibn-Ruschd-Moschee gegründet wurde, hieß es sofort, die Al-Azhar in Kairo hätte eine Fatwa herausgegeben, dass das haram sei. Die Muslime in Europa nehmen das zwar zur Kenntnis, aber es bedeutet nicht automatisch, dass alle die Empfehlung teilen und ihr nachkommen. Ob etwas „islamisch legitim“ ist, entscheiden die Muslime in hohem Maß selbst und nicht ein „Klerus“. Die Autorität einer Person und einer Institution wird durch die Gemeinschaft der Gläubigen legitimiert, zumindest im sunnitischen Islam. Eine Fatwa ist nur eine Empfehlung, sie hat keinen rechtsbindenden Charakter.

Die Furche: Fühlen Sie sich als Muslima in der säkularen Gesellschaft ernst ge­nommen?
Hafner-Al Jabaji:
Grundsätzlich schreitet natürlich die Säkularität fort. Es gibt weniger Verständnis für einen Lebensentwurf, den man auch religiös begründet, mit den Konsequenzen, die das in verschiedenen Lebensbereichen auch hat. Da sitze ich in einem Boot mit Menschen, die sich christlich, jüdisch oder in einer anderen religiösen Tradition sehen. Es scheint mir aber wichtig, dass sich die religiöse Seite in die säkularen Debatten einbringt. Als Beispiel nenne ich die ökologische Frage. Die kann man natürlich rein pragmatisch hernehmen: Wie gehen wir mit der ökologischen Bedrohung um? Aber wir können auch die Frage stellen: Vor welchem geistigen Hintergrund verhalten wir uns als Menschen gegenüber der Mitschöpfung? Da haben die Religionen mit ihren Quellen Ansichten, die sie über Jahrtausende entwickelt haben, die große und wichtige Beiträge leisten.

Die Furche: Ist der Interreligiöse Think-Tank, dem Sie vorstehen, ein Versuch, in bestimmten Bereichen so eine Stimme der Religiösen zu sein?
Hafner-Al Jabaji: Genau. Wir haben uns vor allem vorgenommen, dass wir uns als religiöse Frauen in die politischen Debatten vor dem Hintergrund unserer eigenen Religiosität einschalten. Und das möglichst auf eine konstruktive und vernünftige Art und Weise, wo es eben nicht um einen Rückzug in die eigenen Traditionen geht, sondern um ein echtes Mitwirken an den Problemen, die wir lösen müssen.