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Kein Streicheldialog

Das Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen muss auch in Österreich schrittweise erlernt werden.

Ereignisse wie vor kurzem in den Niederlanden geben zum Denken. Denkwürdig ist aber auch, dass es in Österreich eine sehr alte Islamgesetzgebung gibt, begründet durch das Islamgesetz von 1912. Am 6. Dezember feierte die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich ihr 25-jähriges Gründungsjubiläum. Und die katholische Kirche wird sich 2005 an die Verlautbarung der Konzilserklärung "Nostra Aetate" vor 40 Jahren erinnern, die ihr Verhältnis zum Islam positiv geklärt hat. Dies alles sind sehr gute Grundlagen für das Miteinander von Christen und Muslimen.

Doch im Alltag der Begegnung von Muslimen und Nichtmuslimen, die meist christlicher Herkunft sind, spielen diese Daten eine relativ geringe Rolle. Von einem lieben Streicheldialog halten die Beteiligten auch nicht viel.

Islam an der Basis

Denn trotz der Jubiläen beginnt sich der Islam als österreichische Religion an der Basis erst jetzt nach 40 Jahren Migration von "Gastarbeitern" vor allem aus der Türkei und Bosnien zu institutionalisieren. Der Islam an der Basis, wie man ihm besonders in den Bundesländern begegnet, organisiert sich immer noch von der eigenen Herkunft her, d.h. wir haben in unseren Dialogbemühungen in der Praxis relativ wenig mit der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich bzw. deren vier Religionsgemeinden (Wien, Graz, Linz, Bregenz), sondern mit unterschiedlichen islamischen Vereinen zu tun.

Die Österreichisch-Türkische Islamische Union (ATIB) ist der zahlenmäßig größte türkische Verein. Er steht in enger Beziehung zur Republik Türkei, die deren Vorbeter finanziert. Der "Verband islamischer Kulturzentren" mit der Zentrale in Deutschland war ursprünglich eine Gründung gegen das damalige religiöse Unterrichtskonzept in der Türkei. Bildung ist ihm bis heute ein Anliegen, vor allem im technisch-wirtschaftlichen Bereich, worin er neben der religiösen Bildung ("Koranschule") bis heute seine Jugendlichen unterstützt.

Die "Österreichische Islamische Föderation", meist als "Milli GörüÛs" bekannt, hat vor allem unter einfacheren türkischstämmigen Muslimen ihre Anhänger, die auch im Westen ihre islamischen Werte möglich unbeeinflusst leben wollen. Auch deren Zentrale ist in Deutschland.

Es gibt bosnische islamische Vereine, die ihr mitgebrachtes Brauchtum pflegen, ebenso wie die arabischen Vereine, in denen neben den bisher genannten hanefitischen Sunniten auch die anderen islamischen Rechtsschulen vertreten sind. Manchmal ist nicht ganz klar auszumachen, ob der Schwerpunkt in der Kultur oder in der Religion liegt.

Unter den türkischstämmigen Muslimen ist davon auszugehen, dass ca. 25 Prozent Aleviten, also Anhänger einer von den Hauptströmungen des Islam nicht anerkannten Konfession sind. Natürlich gibt es auch unter Muslimen solche, die nicht organisiert oder säkularisiert sind.

Verwirrende Situation

Diese Situation ist sowohl für die Nachbarn von Muslimen, die feststellen müssen, dass Muslim nicht Muslim ist, als auch für Institutionen wie Schulen, Krankenhäuser, soziale Organisationen usw., die einen klaren Gesprächspartner suchen, oft verwirrend.

So zeigt sich in der Praxis etwa, dass alevitische Kinder, oder auch Kinder, deren Eltern Mitglieder der ATIB sind, meistens aus konfessionellen bzw. gesellschaftspolitischen Gründen den in den Schulen - staatskirchenrechtlich völlig korrekt - über die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich angebotenen islamischen Religionsunterricht nicht besuchen.

Zu oft wirtschaftlich bedingten Problemen und auch der durchschnittlich schlechteren Bildung oder mangelnden Sprachkenntnissen vieler Muslime vor allem aus dem ehemaligen Gastarbeitermilieu kommen Vorurteile der Mehrheitsbevölkerung, die sich von der Zuwanderung überrumpelt fühlt.

Fast 30 Jahre lang hat es auf muslimischer wie nicht muslimischer Seite geringe Integrationsbemühungen gegeben, da beide Seiten nach dem Vogel-Strauß-Prinzip dachten, der Aufenthalt der Muslime - vor allem der "Gastarbeiter" - in Österreich sei vorübergehend.

Dem ist nicht so. Allein in Vorarlberg sind schon ca. 50 Prozent der Muslime österreichische Staatsbürger. Die Tendenz ist stark steigend. Dies sind Muslime, deren Kinder und Kindeskinder in Österreich leben und sterben werden.

50 Prozent Österreicher

Allein darum können wir es uns heute nicht mehr leisten, nur einen theoretischen Dialog zu betreiben. Um des sozialen Friedens willen sind Wege zu einem Miteinander zu finden. Wie eng dieses Miteinander sein muss, ist eine andere Frage. Katholiken sind allerdings durch die Konzilserklärung aufgefordert, neben der theologischen Ebene auch die Frage der sozialen Gerechtigkeit zu beachten.

Dazu gehört es, Rechte, die Muslimen zustehen, umzusetzen. Hier möchte ich das jüngste Beispiel aus Vorarlberg vorstellen, nämlich die Möglichkeit der islamischen Bestattung für alle Muslime. An diesem Projekt lässt sich beobachten, wie Wege der Zusammenarbeit der islamischen Gruppen von diesen selbst und hin zur Islamischen Glaubensgemeinschaft gesucht werden mussten: Die Vereine vertreten zwar die Basis, aber nur die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich ist der öffentliche Vertreter der Muslime.

Dazu kommt die Mehrheitsgesellschaft, die sich mit dieser Frage bisher kaum auseinander gesetzt hat und im wahrsten Sinne des Wortes Raum teilen muss. Die Projektstelle für Zuwanderung und Integration des Landes Vorarlberg ließ eine Studie über den Bedarf und die Besonderheiten einer islamischen Begräbnisstätte erstellen. Der Vorarlberger Gemeindeverband nahm die Herausforderung an, da die Gemeinden für das Bestattungswesen zuständig sind. Nun wird sich eine Arbeitsgruppe bestehend aus Gemeindeverbandsmitgliedern, Muslimen und je einem Vertreter des Landes und der katholischen Kirche mit den Detailfragen der Umsetzung beschäftigen.

Ein Zwischenergebnis

Dies ist erst ein Zwischenergebnis in einem Prozess, in dem es viel um Rechte und Pflichten der Zuwanderer und der Mehrheitsgesellschaft, den Umgang mit demokratischen Strukturen sowie die Loyalität zu einer Verfassung, die den Religionen Raum zuweist und gleichzeitig das Gemeinwohl vor Fundamentalismen schützt, geht.

Aber auch der Umgang mit Religion in der Öffentlichkeit wird damit neu thematisiert. Christen wie Muslime finden sich als Glaubende in einer Gesellschaft, die zunehmend unter "Religionsfreiheit" Freisein von Religion statt freie Religionswahl und -ausübung versteht. Die Kirche wird allerdings immer noch als Garant für soziale Gerechtigkeit auch in Glaubensfragen einbezogen.

Bis der Islam mit seinen Institutionen in Österreich auch gefühlsmäßig beheimatet ist, wird es noch länger dauern. Der Prozess wird spannend bleiben. Aber einen Vorteil haben wir Österreicher: das Islamgesetz und eine bisher gute Gesprächsbasis auf verschiedensten Ebenen, zumeist auf der Basis von Würde und Respekt zueinander.

Die Autorin ist Islambeauftragte der Diözese Feldkirch sowie für das Christlich-Muslimische Forum in Istanbul-St.Georg und Batschuns/ Vorarlberg verantwortlich.

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