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Auf dem Weg zum Frieden

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Begegnung der Religionen findet auch in Österreich statt. Ein Streifzug durch ambitionierte Initiativen und vielfältige Angebote.

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Begegnung der Religionen findet auch in Österreich statt. Ein Streifzug durch ambitionierte Initiativen und vielfältige Angebote.

Den wachsenden fundamentalistischen Tendenzen zum Trotz: es gibt in Österreich Menschen in allen Weltreligionen, die die Angst vor dem Fremden überwinden und sich auf einen interreligiösen Dialog einlassen, ohne ihren eigenen Standpunkt aus den Augen zu verlieren. Sie sind keine offiziellen Vertreter ihrer Religion, und ihre Projekte machen selten Schlagzeilen. Sie kennen einander oft nicht, doch haben sie ein gemeinsames Ziel: Vorurteile und Ängste abzubauen, bei aller Verschiedenheit Gemeinsamkeiten zu entdecken, letztendlich als gläubige Menschen zum Frieden in der Welt beizutragen. Der oft konfliktreiche Weg zu diesem Ziel ist geprägt durch ein Ringen um gegenseitiges Verständnis in intellektuellem Gedankenaustausch. Mindestens genauso wichtig ist aber die Begegnung von Menschen verschiedener Religionen in Alltag und Gebet.

Auch in Osterreich lassen sich Buddhisten, Hindus, Juden, Muslime und Christen aus allen Berufen und Schichten auf einen interreligiösen Lernprozeß ein. 1989 gründete Petrus Bsteh, Rektor des Afroasiatischen Instituts Wien, die österreichische Sektion der „Weltkonferenz der Religionen für den Frieden" („The World Conference on Religion and Peace", WCRP). Ihr geht es um viel mehr als um die bloße Organisation von nationalen und internationalen Podiumsgesprächen und Friedensfahrten. Im Vordergrund steht der persönliche Er-fahrungs- und Gedankenaustausch von Menschen, die ihre verschiedenen religiösen Traditionen als Motivation begreifen, um gemeinsam für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt einzutreten. Im internationalen WCRP knüpfen zahllose Gläubige aller Weltreligionen auf ganz persönlicher Ebene ein Netz der gegenseitigen Anerkennung und Freundschaft.

Selbstverständlich bedarf es nicht unbedingt einer internationalen Organisation, um sich im Dialog mit anderen Weltreligionen zu engagieren. Auch auf regionaler Ebene gibt es Menschen, die sich an diesem Dialog aktiv beteiligen. Sie sitzen zwischen mehreren Stühlen, denn ihr persönli eher Einsatz stößt oft auf Vorurteile aller Beteiligten.

Die Vorarlbergerin Elisabeth Dör-ler, katholische Theologin und Or densfrau, weiß um die Schwierigkeit interreligiöser Gespräche. Siesetztsich schon seit Jahren für den Dialog mit dem Islam ein. Gemeinsam mit der Türkin Necla-Güngörmüs hat sie mehrere Jahre einen Gesprächskreis für Österreicherinnen und Türkinnen, den „Fünf-Uhr-Tee", geleitet. In den stets zweisprachig geführten Gesprächen über Themen wie „Erziehungsprobleme" oder „Doppelbelastung in Haushalt und Beruf" entdeckten die Frauen viele Gemeinsamkeiten. Religiöse Gespräche waren dagegen komplizierter. Doch Dörfer gab nicht auf. Als pädagogische Mitarbeiterin des Bildungshauses Batschuns (Vorarlberg) organisierte sie gemeinsam mit dem Bildungswerk der Diözese Feldkirch, dem Kirchenblatt und dem OBF Vorarlberg das Medienver-bundprogramm „Mein Nachbar ist Muslim". Auch heute bemüht sich Dörfer nach wie vor um den christlich-islamischen Dialog, der ihrer Meinung nach „nicht nur auf intellektueller Ebene, sondern auch auf der Ebene der Erfahrung verlaufen muß." Denn Begegnungen in Gesprächsrunden, aber auch bei religiösen Festen, bauen Berührungsängste ab und überbrücken dogmatisch festgefahrene Positionen.

Diese Verbindung von Reflexion und unmittelbarer Erfahrung steht auch im Mittelpunkt einer anderen Initiative, die gerade erst konkrete Formen anzunehmen beginnt: Zwischen Februar und Ostern 1998 sind im Dekanat Marchfeld Begegnungen zwischen Christen, Juden, Muslimen und Buddhisten geplant. Johannes Pesl, Pastoralassistent in Großenzersdorf und einer der Initiatoren, betont, daß es über Vortragsabende hinaus auch um gezielte Informationen für die politische Gemeinde, für Schulen und Krankenhäuser geht. Gerade hier - im ganz normalen Alltag prallen nämlich die Gegensätze seiner Erfahrung nach am deutlichsten aufeinander. „Was macht man mit muslimischen Kindern bei einer Nikolausfeier in der Schule?" Oder: „Wie erfüllt man im Spital die Speisevorschriften für Nicht-christen?" Pesl ist der Meinung, daß „wir eigentlich schon längst in einer multikulturellen Gesellschaft leben und unbedingt mehr von den anderen Beligionen erfahren müssen". Er lädt daher besonders Schulen und Pfarren ein, sich z.B. in Elternabenden, Moscheeführungen und Pessahfeiern dieser Herausforderung zu stellen. Als Höhepunkt und Abschluß der Begegnung soll dann beim „Fest der Religionen" gemeinsam gefeiert werden.

Nicht nur katholische Initiativen forcieren den Dialog mit anderen Religionen. Auch das Evangelische Bil dungswerk mit seinem Geschäftsführer Alfred Garcia Sobreira-Majer sieTit starken Bedarf an interreligiöser Zusammenarbeit. Als Pfarrer einer evangelischen Gemeinde in Ottakring konzentriert sich Sobreira-Majer auf das Gespräch mit den „muslimischen Brüdern und Schwestern", wie er sie selbst bezeichnet. Seit 1995 finden jährlich Vorträge und Begegnungen statt, in denen größter Wert auf Zusammenarbeit mit der „Union islamischer Kulturzentren" gelegt wird. Mit den Jahren ist das Vertrauen so gewachsen, daß die evangelischen Christen öfters von Muslimen zur Iftar Feier (dem Fastenbrechen am Ende eines jeden Ramadantages) eingeladen werden. Bei solchen Anlässen sind es vor allem die Frauen, die die Angst voreinander überwinden. Sobreira Majer berichtet von einem Nachtgebet in der Moschee Mariengasse. „Da hat eine türkische Rehgionslehrerin plötzlich zu unseren Frauen gesagt: Wir beten das im Keller, nicht im Gebetsraum der Männer. Wir laden euch ein, mitzukommen!" Trotz mancher Konflikte sind viele Vorurteile auf beiden Seiten überwunden worden, gerade weil muslimische Partner gleichberechtigt und aktiv mit Sobreira-Majer zusammenarbeiten.

Darunter befindet sich auch Lise Abid, die Österreicherin ist und vor 28 Jahren zum Islam konvertiert. Da sie beide Kulturen gut kennt, engagiert sie sich seit ihrem Studium der Islamwissenschaften für den christlich-islamischen Dialog. Doch nicht nur verzerrte Darstellungen des Islam in den Medien, sondern auch politische und soziale Konflikte in der muslimischen Welt, bei denen der Name des Islam von religiösen Fanatikern mißbraucht wird, lösen auf beiden Seiten massive Angst aus. Abid versteht ihr Engagement als muslimische Referentin für Bildungswerke, bikulturelle Initiati ven und für den ORF deshalb als Einladung zu „Denkpausen", in denen man sich besser kennenlernen kann.

Mehr auf spirituelle Erfahrung setzt dagegen Gerhard K. Tucek, Direktor der „Schule für altorientalische Musik und Kunsttherapie". Er ist ebenfalls zum Islam übergetreten und praktiziert den Sufismus, eine mystische Strömung des Islam. Bei der wöchentlichen Meditation zu traditioneller Sufi-Musik wird nicht gefragt, weh eher Religion die Mitbetenden angehören, denn - so Tucek: „Die Erfahrungsebene ist entscheidend. Man muß den Apfel erst kosten, bevor man über ihn reden kann. Wir sind deshalb kein Diskussionsforum, aber die Tür, zum Gespräch ist immer offen." Seine Gruppe vertraut auf die Kraft des Gebets, das Liebe und Achtung vor allen Mitgeschöpfen erst ermögliche.

Spirituelle Wege im Dialog gehen auch die Buddhisten, wenn in der Frier denspagode am Wiener Donaukanal Gyosei Masunaga, Mönch des japaniT sehen Nipponzan Myohoji-Ordens, mit Menschen verschiedenster Beligionen gemeinsam für den Frieden be* tet, fastet oder Friedensmärsche aq Orte wie Auschwitz unternimmt. Das Zusammenleben mit anderen Religionen fällt Buddhisten relativ leicht, denn Toleranz gilt als Grundsatz; „Jede Religion ist ein Boot, das uns über den Fluß der Unwissenheit, bringt, und alle Boote sind gleich gut", zitiert Theodor Strohal einen Ausspruch des Buddha. Strohal, Vizepräsident der Österreichischen Buddhisten-Gesellschaft, ist zum Buddhismus konvertiert und ist ordinierter Priester des koreanischen Ordens Chogye. Der Rechtsanwalt arbeitet nebenberuflich als buddhistischer Religionslehrer viel mit christlichen, jüdischen und muslimischen Kollegen zusammen.

Religiöse Erziehung war auch schon Thema des „Arbeitskreises interreligiöser Dialog" (AID) in Salzburg. Josef Erbler, einer der Teilnehmer und Geschäftsführer des dortigen Afroasiatischen Instituts, berichtet von dem seit 1988 bestehenden umfassenden Projekt: „Unser Anliegen ist ein Dialog des Lebens, des Handelns und der religiösen Erfahrung. Wir diskutieren schon über verschiedene religiöse Fragen, ohne die Gegensätze unter den Tisch zu kehren. Aber wir unterstützen auch ganz konkret den Bau einer neuen Moschee, um die Muslime aus ihren Hinterhöfen herauszuholen." Gemeinsamer Höhepunkt ist das „Fne-densgebet der Weltreligionen", das seit 1990 jährlich in Salzburg stattfindet. Jede Religion - vertreten sind Juden, Muslime, Christen, Buddhisten, Hindus und die aus Persien stammende Raha'i-Religion trägt dabei jeweils ein Musikstück und eine I-esung aus ihren I ledigen Schriften vor.

„Es gibt keinen Frieden ohne die Weltreligionen", sagt Erbler. „Wir arbeiten alle irgendwie am Frieden, aber manchmal ist es ja schier zum Verzweifeln bei all den Konflikten! Dann bleibt nur das Gebet als letzter Punkt, wo man zusammenkommt und gemeinsam Gott betet, daß es weitergeht"

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