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"Dialog ist die einzig sinnvolle Lebensform"

Warum freuen wir uns nicht über die Unterschiede? Warum wollen wir die Unterschiede überwinden und eliminieren? Warum feiern wir sie nicht? (Mohammed Sammak)

Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Dieser Satz aus den "Minima Moralia" des Theodor W. Adorno ist nicht defätistisch in der Art von "da kann man nichts machen", sondern impliziert die Mahnung, nicht zu vergessen, dass die Welt nicht aus krassen Gegensätzen besteht, sondern sich dialektisch bewegt. Es gibt, bildlich gesprochen, keine Autobahnen zur raschen Erreichung ethischer Zielvorgaben, jedoch führen Landstraßen und Umwege weiter. Es ist eine ebenso realistische wie der Hoffnung verpflichtete Haltung. Daran musste ich denken, als ich den Gesprächen zwischen internationalen Vertreterinnen und Vertretern der großen Religionen zuhörte. "In the Spirit of Dialogue" hieß die Veranstaltung, die in der vergangenen Woche im Radiokulturhaus in Wien stattgefunden hat, organisiert vom KAICIID.

Die von Saudi-Arabien, Spanien, dem Vatikan und Österreich seit 2012 finanzierte zwischenstaatliche Organisation KAICIID will durch interreligiösen Dialog zur Lösung von Konflikten beitragen und Frieden und Zusammenhalt unterstützen. Dazu bietet das KAICIID auf der Makroebene für Entscheidungsträger aus Politik und Religion Plattformen für Gespräche an. Für Konfliktlösungen sind Gespräche auf höchster Ebene langfristig gesehen wichtig, doch bewegen sich die Dinge oft nur sehr langsam. Auf der Ebene von NGOs und gesellschaftlich relevanten Gruppen wie z. B. regionalen religiösen Gemeinden, mit denen das KAICIID kooperiert, ist das anders. Davon berichteten etwa Imam Layama und Kardinal Nzapalainga, beide aus der Zentralafrikanischen Republik (CAR).

2013, während des blutigen Konflikts zwischen christlichen und muslimischen Milizen, nahm der Kardinal den Imam samt Familie in sein Haus auf. Zusammen mit dem evangelischen Pastor Guérékoyame-Gbangou gründeten sie die CAR Interfaith Platform, um die Spaltung des Landes zu verhindern. 2014 zählte sie das Time Magazine unter die 100 weltweit einflussreichsten Personen. Wie schwierig es ist, die Instrumentalisierung von Religion durch Machtpolitik zu verhindern, illustrierte der hochrangige muslimische Gelehrte Mohammed Sammak, der u. a. den Mufti des Libanon berät. 2010 wollte das Militärregime im Sudan die Scharia auch für Christen einführen. Sammak erklärte dem sudanesischen Justizminister, dass dies vom Koran nicht erlaubt sei -was der Justizminister mit Erstaunen hörte.

Gegen "Narzissmus der Differenz"

Leider kam die Intervention zu spät, erzählte Sammak mit Bedauern. Für Sammak -Generalsekretär des Nationalen Komitees für islamisch-christlichen Dialog im Libanon -ist Dialog die einzig sinnvolle Lebensform. Statt einen "Narzissmus der Differenz" zu pflegen und kleine Unterschiede als wichtige Merkmale der eigenen Identität herauszukehren, sollte man Verbindendes suchen, meint er nach der Erfahrung von 20 Jahren Bürger-und Religionskrieg im Libanon.

Wie sehr politische Machtverhältnisse auf die Beziehungen zwischen Religionen Einfluss haben, berichtete Harry Myo Lin, der in Myanmar eine NGO für Menschenrechte und Frieden gegründet hat. In Myanmar gilt der Buddhismus als Identitätsmerkmal der Mehrheitsbevölkerung und ist daher ein wesentlicher Motor für religiöse Konflikte. Lins NGO "Seagull" - benannt nach dem Roman "Die Möwe Jonathan" - versucht, in den bewaffneten Konflikten zwischen Regierungstruppen und ethnischen Gruppen wie den Shan und den Kachin auf lokaler Ebene zu vermitteln. Seine Bemühungen haben dem jungen Muslim internationale Beachtung verschafft.

Politik kann auch positive Einflüsse auf Entwicklungen im Religionsbereich haben, wie etwa in den jüngsten Entwicklungen in Saudi-Arabien, das Amal Yahya Almoallimi vertrat. Sie arbeitet seit langem in internationalen Organisationen und im 2003 gegründeten King Abdul Aziz Center for National Dialogue. Ihr Arbeitsschwerpunkt: Empowerment von Frauen. Lächelnd betonte sie, wie wichtig die Unterstützung von Frauen ist, wenn es um sozialen Wandel geht. Denn damit erreicht man die ganze Familie, sagt sie.

Wie wichtig die Ausbildung für Konfliktbearbeitung ist, berichtet Nargiz Balakishiyeva. Die junge Juristin aus Aserbaidschan arbeitet bei einer internationalen Consulting-Firma und ist führendes Mitglied der nationalen Pfadfinder-Organisation. Bei einem überregionalen Treffen von rund 200 Pfadfindern kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung über sexuelle Diskriminierung unter den Teilnehmern. Erschrocken unterbrach das Leitungsteam das Gespräch. Rund ein Drittel der Anwesenden hatte zuvor am "Dialogue for Peace"-Programm des KAICIID teilgenommen. Durch ihre Vermittlung gelang es, eine gemeinsame Erklärung zu verabschieden, in der Diversität bejaht wurde.

Dialog mag manchmal schwierig sein, doch es ist der einzige Weg für gutes Zusammenleben: "Wir müssen Dialog führen, weil wir unterschiedlich sind. Warum freuen wir uns nicht über die Unterschiede? Warum wollen wir die Unterschiede überwinden und eliminieren? Warum feiern wir sie nicht?" Da kann man Mohammed Sammak nur beipflichten.

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