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Religion

Wendezeit für die muslimische Welt

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Wie wird die islamische Welt damit umgehen, dass ein und demselben Koran humanistische und terroristische Weisungen entnommen werden können?

Langsam löst sich der Blick von den furchtbaren Bildern des 11. September 2001 auf den Fernsehschirmen, doch die Angst ist geblieben. Es wird wieder geschehen. Mehr wissen wir nicht. Wann, wo, wer und vor allem wie - nichts lässt sich vorhersehen. Es gibt keine Forderungen, keine Erklärungen, keine Bekennerschreiben jener Menschen, die die Massaker von New York und Washington zu verantworten haben oder noch Schlimmeres planen. Diese Art des potentiellen Terrors, "der ohne jedes Wort über unseren Köpfen schwebt" (André Glucksmann), erlaubt keine einzige, alles erklärende Antwort, auch wenn sich im Moment schon fast jeder zu Wort meldet, der einmal über Afghanistan gelesen hat oder das Wort Taliban buchstabieren kann. In dieser Situation denkend irgendwie wieder Fuß zu fassen, ist nicht leicht.

Solche Bedrohungen sind schwer auszuhalten, auch wenn neben dem Bild von Osama Bin Laden jetzt die Gesichter der 19 Terroristen überall veröffentlicht wurden. Wir können wenigstens an konkrete Personen denken, um das Unbeschreibliche doch irgendwie anschaulich zu machen. Aber die Bilder sagen nicht, wie wir diese Menschen begreifen können, die ihr Leben einsetzten und dabei auch noch tausendfach andere Menschenleben vernichtet haben.

Der Theologe und Psychotherapeut Richard Picker spricht von "religiösem Wahn". Schlagend ist uns auch deutlich geworden, was in diesem Wahn für das Böse gehalten wird: der Westen und die Unkultur der Ungläubigen, allen voran die USA. Dagegen muss gekämpft werden. Blutigst, wenn es sein muss: "Kämpft gegen die Ungläubigen und wisset, dass Allah mit den Gottesfürchtigen ist." Dazu kommt der Glaube daran, sich damit auch den Zutritt zum Paradies zu sichern. Was für eine Belohnung! "Der Himmel lächelt, mein junger Sohn, denn Du marschierst zum Himmel. Engel rufen Deinen Namen und tragen für dich die schönsten Kleider!" Verheißungen, wie sie in der Reisetasche von Mohammed Atta, einem der Terrorpiloten von New York, gefunden wurden ...

Opfer eines Wahns? In den Augen aufgeklärter Menschen steht heute jeder Fundamentalismus an der Grenze zur Unvernunft, zur Verbohrtheit. Verdrängt wird dabei gern, dass Fundamentalismus in diesem Sinn viele Jahrhunderte hindurch ein Merkmal des Christentums war. Moderne Christen und Humanisten würden heute die Kreuzfahrer des Mittelalters sicher auch für "Opfer eines Wahns" halten. Ebenso jene Katholiken und Protestanten, die sich im 16. und 17. Jahrhundert totgeschlagen haben. Wechselseitig, nur wegen einer Bibelauslegung oder Kirchenordnung.

Diese bitteren Erfahrungen waren offensichtlich nötig, damit die Christenheit gemerkt hat, dass das gegenseitige Umbringen nicht der Wille Gottes sein kann. Heute sieht man die Andersgläubigen nicht mehr als Werkzeuge des Bösen, sondern als Brüder und Schwestern. Die Beziehungen zu den anderen Religionen sind solche des "Dialogs" und nicht des Kampfes. Der Papst schämt sich für die Inquisition, für die Hexenverbrennungen ...

Es gab also lange Lernprozesse. Den Schlusspunkt hat das letzte Konzil gesetzt, indem es die Glaubens- und Gewissensfreiheit proklamiert hat. Vor 40 Jahren! Dran muss erinnert werden, wenn drüber diskutiert wird, was vom Islam zu halten ist.

Ist der "Dschihâd" der bewaffnete Kampf gegen Ungläubige und Verdorbene? Oder die innere Anstrengung, der Kampf gegen das Böse in sich selbst? Dazu gibt es ganz unterschiedliche Lehren. Das eine Extrem vertritt der mutmaßliche Drahtzieher des Terrors, Osama Bin Laden. Die andere Lehre ist die des humanistisch gesinnten Theologen Mohammed Sayed Tantawi, des Großscheichs der AlAzhar-Universität in Kairo, der angesehensten religiösen Autorität des sunnitischen Islam.

Der Wille Gottes

Was wir jetzt erleben, ist eine dramatische Auseinandersetzung beider Extreme: die humanistische, den Terrorismus absolut verdammende Auslegung des Islam und die terrorismusfreundliche Auslegung. Noch ist es so, dass die einen Muslime den anderen den "wahren" Glauben absprechen. Die Frage ist nur, ob das so bleiben kann? Kann die muslimische Welt ernsthaft damit leben, dass ein und demselben Koran absolut unvereinbare Weisungen entnommen oder in ihn hineingelegt werden können? Gerade jetzt wird in Pakistan darüber diskutiert, ob im Namen beider Glaubenshaltungen wechselseitig der "Dschihâd" ausgerufen werden darf.

Mit anderen Worten: Nach dem Massaker vom 11. September sind alle gläubigen Muslime zur Stellungnahme aufgefordert. Ist dieser Terror als gottgefällig oder als verdammenswert zu betrachten? Sind die, die ihre grauenhaften Taten mit dem Koran legitimieren, Ungläubige? Die Frage muss gestellt werden: Was ist der wirkliche Wille Gottes?

Die Muslime stehen jetzt vor Problemen ihres Selbst- und Weltverständnisses, die wir schon vor 300 Jahren bewältigt haben, ist dieser Tage oft zu hören. Ja. Aber wer so redet und schreibt, vergisst in einer gewissen Überheblichkeit etwas Entscheidendes: Das Christentum entstand vor 2000 Jahren. Mohammed lebte hingegen erst 600 Jahre nach Jesus von Nazareth. Die muslimische Welt ist, relativ, also gar nicht weit zurück in ihrer Entwicklung!

Ja, wir leben in einer Zeit der Angst. Es wird wohl noch weitere Terrorakte geben. Aber es könnte sein, dass unsere Zeit auch noch etwas anderes in Gang bringt: Den Islam gibt es seit fast anderthalb Jahrtausenden. Wenn es gelingt, die Korandeutung auf einen eindeutigen Punkt zu bringen und die Gegensetzlichkeit der Auslegungen zu beseitigen, wäre das ein Vorgang von großer weltgeschichtlicher Tragweite.

Wenn der 11. September 2001 dem Islam somit letztlich das bringt, was die Erfahrungen des 17. Jahrhunderts und der Folgezeit den Christen gebracht haben - dann könnte dieses Datum tatsächlich den Übergang in eine neue Welt bedeuten.

Wie wird die islamische Welt damit umgehen, dass ein und demselben Koran humanistische und terroristische Weisungen entnommen werden können?

Langsam löst sich der Blick von den furchtbaren Bildern des 11. September 2001 auf den Fernsehschirmen, doch die Angst ist geblieben. Es wird wieder geschehen. Mehr wissen wir nicht. Wann, wo, wer und vor allem wie - nichts lässt sich vorhersehen. Es gibt keine Forderungen, keine Erklärungen, keine Bekennerschreiben jener Menschen, die die Massaker von New York und Washington zu verantworten haben oder noch Schlimmeres planen. Diese Art des potentiellen Terrors, "der ohne jedes Wort über unseren Köpfen schwebt" (André Glucksmann), erlaubt keine einzige, alles erklärende Antwort, auch wenn sich im Moment schon fast jeder zu Wort meldet, der einmal über Afghanistan gelesen hat oder das Wort Taliban buchstabieren kann. In dieser Situation denkend irgendwie wieder Fuß zu fassen, ist nicht leicht.

Solche Bedrohungen sind schwer auszuhalten, auch wenn neben dem Bild von Osama Bin Laden jetzt die Gesichter der 19 Terroristen überall veröffentlicht wurden. Wir können wenigstens an konkrete Personen denken, um das Unbeschreibliche doch irgendwie anschaulich zu machen. Aber die Bilder sagen nicht, wie wir diese Menschen begreifen können, die ihr Leben einsetzten und dabei auch noch tausendfach andere Menschenleben vernichtet haben.

Der Theologe und Psychotherapeut Richard Picker spricht von "religiösem Wahn". Schlagend ist uns auch deutlich geworden, was in diesem Wahn für das Böse gehalten wird: der Westen und die Unkultur der Ungläubigen, allen voran die USA. Dagegen muss gekämpft werden. Blutigst, wenn es sein muss: "Kämpft gegen die Ungläubigen und wisset, dass Allah mit den Gottesfürchtigen ist." Dazu kommt der Glaube daran, sich damit auch den Zutritt zum Paradies zu sichern. Was für eine Belohnung! "Der Himmel lächelt, mein junger Sohn, denn Du marschierst zum Himmel. Engel rufen Deinen Namen und tragen für dich die schönsten Kleider!" Verheißungen, wie sie in der Reisetasche von Mohammed Atta, einem der Terrorpiloten von New York, gefunden wurden ...

Opfer eines Wahns? In den Augen aufgeklärter Menschen steht heute jeder Fundamentalismus an der Grenze zur Unvernunft, zur Verbohrtheit. Verdrängt wird dabei gern, dass Fundamentalismus in diesem Sinn viele Jahrhunderte hindurch ein Merkmal des Christentums war. Moderne Christen und Humanisten würden heute die Kreuzfahrer des Mittelalters sicher auch für "Opfer eines Wahns" halten. Ebenso jene Katholiken und Protestanten, die sich im 16. und 17. Jahrhundert totgeschlagen haben. Wechselseitig, nur wegen einer Bibelauslegung oder Kirchenordnung.

Diese bitteren Erfahrungen waren offensichtlich nötig, damit die Christenheit gemerkt hat, dass das gegenseitige Umbringen nicht der Wille Gottes sein kann. Heute sieht man die Andersgläubigen nicht mehr als Werkzeuge des Bösen, sondern als Brüder und Schwestern. Die Beziehungen zu den anderen Religionen sind solche des "Dialogs" und nicht des Kampfes. Der Papst schämt sich für die Inquisition, für die Hexenverbrennungen ...

Es gab also lange Lernprozesse. Den Schlusspunkt hat das letzte Konzil gesetzt, indem es die Glaubens- und Gewissensfreiheit proklamiert hat. Vor 40 Jahren! Dran muss erinnert werden, wenn drüber diskutiert wird, was vom Islam zu halten ist.

Ist der "Dschihâd" der bewaffnete Kampf gegen Ungläubige und Verdorbene? Oder die innere Anstrengung, der Kampf gegen das Böse in sich selbst? Dazu gibt es ganz unterschiedliche Lehren. Das eine Extrem vertritt der mutmaßliche Drahtzieher des Terrors, Osama Bin Laden. Die andere Lehre ist die des humanistisch gesinnten Theologen Mohammed Sayed Tantawi, des Großscheichs der AlAzhar-Universität in Kairo, der angesehensten religiösen Autorität des sunnitischen Islam.

Der Wille Gottes

Was wir jetzt erleben, ist eine dramatische Auseinandersetzung beider Extreme: die humanistische, den Terrorismus absolut verdammende Auslegung des Islam und die terrorismusfreundliche Auslegung. Noch ist es so, dass die einen Muslime den anderen den "wahren" Glauben absprechen. Die Frage ist nur, ob das so bleiben kann? Kann die muslimische Welt ernsthaft damit leben, dass ein und demselben Koran absolut unvereinbare Weisungen entnommen oder in ihn hineingelegt werden können? Gerade jetzt wird in Pakistan darüber diskutiert, ob im Namen beider Glaubenshaltungen wechselseitig der "Dschihâd" ausgerufen werden darf.

Mit anderen Worten: Nach dem Massaker vom 11. September sind alle gläubigen Muslime zur Stellungnahme aufgefordert. Ist dieser Terror als gottgefällig oder als verdammenswert zu betrachten? Sind die, die ihre grauenhaften Taten mit dem Koran legitimieren, Ungläubige? Die Frage muss gestellt werden: Was ist der wirkliche Wille Gottes?

Die Muslime stehen jetzt vor Problemen ihres Selbst- und Weltverständnisses, die wir schon vor 300 Jahren bewältigt haben, ist dieser Tage oft zu hören. Ja. Aber wer so redet und schreibt, vergisst in einer gewissen Überheblichkeit etwas Entscheidendes: Das Christentum entstand vor 2000 Jahren. Mohammed lebte hingegen erst 600 Jahre nach Jesus von Nazareth. Die muslimische Welt ist, relativ, also gar nicht weit zurück in ihrer Entwicklung!

Ja, wir leben in einer Zeit der Angst. Es wird wohl noch weitere Terrorakte geben. Aber es könnte sein, dass unsere Zeit auch noch etwas anderes in Gang bringt: Den Islam gibt es seit fast anderthalb Jahrtausenden. Wenn es gelingt, die Korandeutung auf einen eindeutigen Punkt zu bringen und die Gegensetzlichkeit der Auslegungen zu beseitigen, wäre das ein Vorgang von großer weltgeschichtlicher Tragweite.

Wenn der 11. September 2001 dem Islam somit letztlich das bringt, was die Erfahrungen des 17. Jahrhunderts und der Folgezeit den Christen gebracht haben - dann könnte dieses Datum tatsächlich den Übergang in eine neue Welt bedeuten.