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In einer Welt der schlechten Leben

1945 1960 1980 2000 2020
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"Der Terrorismus ist überall, wie die Viren. Es gibt keine Demarkationslinie mehr, die es gestatten würde, ihn genau auszumachen, er befindet sich selbst im Herzen jener Kultur, die ihn bekämpft..." Diese Zeilen schreibt der französische Philosoph Jean Baudrillard am 11. September 2001, Rauch und Staub des eingestürzten World Trade Centers in New York haben sich noch nicht gelegt. Und dieser Terror-Rauch wird seither immer wieder aufgewirbelt - in Israel, im Irak, in Saudi-Arabien, in Madrid... - und lässt immer wieder neu fragen: Warum? Redaktion: Wolfgang Machreich Nachdenken über den Terrorismus schmerzt: Weil sich dieses Nachdenken nicht abschließen lässt, weil es keine schnell tröstenden Antworten gibt.

Über den Terrorismus nachzudenken, ist keine unbeschwerte Angelegenheit, die man abschließen könnte, so wie man ein Kreuzworträtsel löst. Nachdenken über den Terrorismus tut weh. Hier stellen sich bohrende, quälende Fragen. Die Fragen nach dem menschlichen Leben schmerzen: Sind Menschenleben ungleich viel wert? Wiegt das Leben eines US-Amerikaners schwerer als das Leben einer Irakerin? Können Menschenleben gegeneinander aufgerechnet werden? Ist eine Katastrophe, bei der drei Menschen ums Leben kommen weniger tragisch als eine Katastrophe, bei der dreitausend Menschen sterben? Kann man die Toten des 11. September vergleichen mit den 24.000 Menschen, die täglich an Hunger sterben? Kann man Leben und Sterben überhaupt messen und ermessen?

"Warum meine Schwester?"

Das Nachdenken über diese Fragen schmerzt, weil diese Fragen nach eindeutigen Antworten zu lechzen scheinen. Klare Botschaften können trösten. Gründliches Nachdenken führt in vielen Fällen aber gerade zu einem vorsichtigen abgestuften, differenzierten Urteil. Das ist das Los von Philosophinnen und Philosophen: Sie können in der Regel die Sehnsucht nach Eindeutigkeit nicht erfüllen. Die Sätze "Der Terrorismus ist schlecht", "Terroristen sind böse", "Die Opfer sind unschuldig", "der Kampf gegen den Terrorismus ist gut" könnten für viele tröstende Sätze sein - und gleichzeitig ebensoviel verschleiern wie enthüllen, ebensoviel verzerren wie klarstellen.

Der Blick auf Opfer von Terrorismus tut weh, wenn sich dieser Blick auf einzelne Menschen mit ihren besonderen Geschichten richtet. Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami hat Opfer des Sarin-Anschlags auf die U-Bahn in Tokyo durch die Aum-Sekte befragt. Bedrückend ist seine Begegnung mit Shizuko Akashi, einer jungen Frau, die durch den Anschlag so schwer verletzt wurde, dass sie zeitweise nur mehr vor sich hin vegetierte, ihr Gehirn wurde schwer geschädigt. Tatsuo Aksahi, der Bruder Shizukos, "liebte seine Schwester sehr und kann seinen Zorn über das sinnlose Verbrechen gar nicht recht in Worte fassen: "Warum wurde ausgerechnet seine pflichtbewusste, liebe Schwester, die doch nicht mehr für sich beanspruchte als eine kleine Nische zum Leben, das Opfer dieser Leute?"

Die Mutter Shizukos sagte über ihre eigene Tochter, dass es besser wäre, sie wäre tot. Das hat ihren Bruder am meisten getroffen: "Es war schon grausam, dass meine Schwester verunglückt war. Aber dass jetzt meine Eltern sagten, es wäre besser, sie wäre tot, konnte ich kaum ertragen."

Was ist das für ein Ereignis, das eine Mutter dazu bringt, zu sagen: "Es wäre besser, meine Tochter wäre tot." Was ist das für ein Ereignis, das die Lebensmöglichkeiten einer jungen Frau auf ein Minimum an Alternativen reduziert und in einen Zustand absoluter Abhängigkeit bringt? Wie soll man mit einem solchen Ereignis umgehen? Terroristische Anschläge können das Leben von Menschen irreversibel und unwiederbringlich verändern, beeinträchtigen, zerstören.

Unser Beitrag zum Terror

Nachdenken über den Terrorismus kann bitter sein, wenn wir an unseren eigenen Beitrag zum Terrorismus denken. Der Terrorismusforscher Walter Laqueur hat Terrorismus mit Ungerechtigkeit in Zusammenhang gebracht: "Terrorismus ist eine Folge der Ungerechtigkeit. Bestünde politische und soziale Gerechtigkeit, gäbe es keinen Terrorismus." Es ist kein Geheimnis, dass wir von Strukturen der Ungerechtigkeit, die mit dem Terrorismus in Verbindung gebracht werden können, profitieren und diese aufrecht erhalten. Der Philosoph Ted Honderich hat deswegen nicht von ungefähr in seinem Buch "Nach dem Terror" auf unsere Mittäterschaft hingewiesen: "Es ist wahr, wenn nicht die einzige Wahrheit, dass wir unermesslich viel mehr als die Mörder des 11. September getan haben, über einen sehr viel längeren Zeitraum hinweg." Wir leben in einer Welt, die für viele Menschen unmenschlich ist, in einer Welt der schlechten Leben.

Nachdenken über den Terrorismus ist auch deswegen bitter, weil uns die Sprache fehlt. Von Grausamkeiten und Scheußlichkeiten, die innerhalb einer Kultur verübt werden, bleibt auch die Sprache nicht unberührt. George Steiner hat dies in seinem berühmten Aufsatz "Das hohle Wunder" in Bezug auf die deutsche Sprache zu zeigen versucht, die durch den Nationalsozialismus schwer gelitten habe, wenn nicht gar zerstört worden sei. Wurde unsere Sprache durch den Terrorismus beschädigt?

Der deutsche Soziologe Ulrich Beck hat einen Vortrag vor der Staatsduma in Moskau nicht von ungefähr mit einer Anspielung auf Hugo von Hofmannsthal begonnen, der Anfang des 20. Jahrhunderts über den Verlust der Integrität der Sprache geklagt hatte: "Die Begriffe zerfallen im Munde wie modrige Pilze." Beck macht darauf aufmerksam, dass durch die Erfahrungen des Terrorismus wichtige Zuordnungen und Kategorien aufgelöst worden sind: "Die unser Weltbild tragenden Unterscheidungen von Krieg und Frieden, Militär und Polizei, Krieg und Verbrechen, innerer und äußerer Sicherheit, ja von innen und außen ganz allgemein sind aufgehoben."

Wie Terror verstehen?

Dies ist von nicht zu unterschätzender Tragweite: Unterscheidungen sind das wichtigste Werkzeug, um Ordnung zu schaffen und in Ruhe über eine Sache nachzudenken. Hier sind wir alle gefordert, eine gleichzeitige, behutsame und deutliche Sprache zu finden, in der wir über den Terrorismus sprechen können.

Das Nachdenken über den Terrorismus ist der Versuch, zu erkennen und zu verstehen. Natürlich können wir uns fragen, ob man Ereignisse wie den Sarin-Anschlag in Tokyo 1995 oder den 11. September 2001 "verstehen" kann. Die von Haruki Murakami befragten Opfer haben immer wieder darauf hingewiesen, dass der Anschlag für sie "absurd" sei. Natürlich kann man diese Ereignisse nicht "verstehen", wie man das Funktionieren eines Mobiltelefons "verstehen" kann. Und doch ist es wichtig, auf die Verstehbarkeit zu insistieren. Denn wenn der Terrorismus nicht verstanden werden kann, wird er mit einer Aura des Übermächtigen umhüllt, die ein Auftreten gegen den Terrorismus erschwert, wenn nicht unmöglich macht. Es ist möglich, Mosaiksteine zu einem Verstehen zusammenzutragen. Terrorismus hat eine erkenntnistheoretische Komponente, hat mit Erkennen und Verstehen zu tun.

Das Opfer ist bloß Objekt

Um terroristische Akte setzen zu können, bedarf es bestimmter Erkenntnisvorgänge. Damit ein Mensch Opfer eines terroristischen Anschlags wird, muss eine Menge an Erkenntnisarbeit geschehen sein. Hier wird ein Mensch mit einer konkreten Geschichte, mit Sehnsüchten, Hoffnungen und Ängsten verwandelt in den Repräsentanten einer Kategorie. Der IRA-Terrorist Eamon Collins schreibt in seiner Autobiografie: "Als ich den Mord an Ivan Toombs plante, ging es für mich darum, eine UDR-Uniform zu töten." Jemand wird zur Zielscheibe des Terrorismus, weil er einer bestimmten Kategorie angehört; ein Spanier hat dies in die Formel gefasst: "Es wäre weniger schlimm, wenn sie (die Terroristen) jemanden umbrächten, weil sie ihn persönlich hassen; das Unmenschliche besteht darin, dass sie ihn töten, ohne eigentlich etwas gegen ihn zu haben." Das ist die Transformation von konkretem Einzelfall in das, was wir ein "epistemisches Objekt" nennen könnten.

Zur erkenntnistheoretischen Komponente des Terrorismus gehört schließlich die religiöse Dimension des Terrorismus. Sie scheint besonders bedenklich aufgrund ihrer Unkontrollierbarkeit. Wie begegne ich einem Terroristen, der der Überzeugung ist, dass er durch sein Selbstmordattentat direkten Zugang zum Paradies hat? Diese religiöse Dimension ist erkenntnistheoretisch besonders beunruhigend, da die religiöse Interpretation der Welt insofern willkürlich ist, als erstens jedes Ereignis in religiöser und in nicht religiöser Weise interpretiert werden kann und als zweitens eine religiöse Interpretation eines Ereignisses auf viele Weisen möglich ist. Wenn zwei Menschen eine Meinungsverschiedenheit haben, kann diese dadurch bewältigt werden, dass sich beide auf einem gemeinsamen Boden treffen, den beide anerkennen. Ein Vater, eine Mutter, die in einem Scheidungsprozesses um ihr Kind streiten, müssen sich (wenigstens offiziell) auf dem gemeinsamen Boden der Einstellung "Es geht um das Wohl des Kindes" treffen. Auf welchen gemeinsamen Boden kann ich mich aber beziehen, wenn ich mit einem Menschen interagiere, der bereit ist, sein Leben, das Leben seiner Kinder und Freunde zu opfern? Hier wird die Luft dünn, die gemeinsam geatmet werden kann, weil wir uns in nicht-irdischen Dimensionen bewegen. Das stimmt bedenklich. Hier können die Philosophin, der Philosoph nur darauf drängen, dass die Verantwortung von Religionen für das "Hier und Jetzt" herausgearbeitet wird, um einen gemeinsamen Boden zu sichern, auf dem Zusammenleben von Menschen in einer Kultur von Menschlichkeit möglich ist.

Leise und behutsam wird man wohl auch die Idee der Versöhnung und Vergebung in das Nachdenken über den Terrorismus einbringen. Nelson Mandela hatte seinerzeit gemeinsam mit Desmond Tutu darauf gedrängt, dass es nur dann eine Zukunft Südafrikas geben könne, wenn alle Südafrikaner/innen gemeinsam in diese Zukunft eingebunden würden. Und das wiederum sei nur möglich, wenn es auch Versöhnung gebe. Versöhnung ist eine andere Kategorie als "Gerechtigkeit". Das macht das Nachdenken über den Terrorismus philosophisch schwierig. Denn mit philosophischen Gerechtigkeitstheorien allein, mit einer Sprache von "Recht" oder gar "Vergeltung" werden wir nicht das Auslangen finden. Im Gegenteil: Es ist mein Verdacht, dass wir mit dieser Sprache fundamental in die Irre gehen.

Der Autor ist Professor für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg.

"Der Terrorismus ist überall, wie die Viren. Es gibt keine Demarkationslinie mehr, die es gestatten würde, ihn genau auszumachen, er befindet sich selbst im Herzen jener Kultur, die ihn bekämpft..." Diese Zeilen schreibt der französische Philosoph Jean Baudrillard am 11. September 2001, Rauch und Staub des eingestürzten World Trade Centers in New York haben sich noch nicht gelegt. Und dieser Terror-Rauch wird seither immer wieder aufgewirbelt - in Israel, im Irak, in Saudi-Arabien, in Madrid... - und lässt immer wieder neu fragen: Warum? Redaktion: Wolfgang Machreich Nachdenken über den Terrorismus schmerzt: Weil sich dieses Nachdenken nicht abschließen lässt, weil es keine schnell tröstenden Antworten gibt.

Über den Terrorismus nachzudenken, ist keine unbeschwerte Angelegenheit, die man abschließen könnte, so wie man ein Kreuzworträtsel löst. Nachdenken über den Terrorismus tut weh. Hier stellen sich bohrende, quälende Fragen. Die Fragen nach dem menschlichen Leben schmerzen: Sind Menschenleben ungleich viel wert? Wiegt das Leben eines US-Amerikaners schwerer als das Leben einer Irakerin? Können Menschenleben gegeneinander aufgerechnet werden? Ist eine Katastrophe, bei der drei Menschen ums Leben kommen weniger tragisch als eine Katastrophe, bei der dreitausend Menschen sterben? Kann man die Toten des 11. September vergleichen mit den 24.000 Menschen, die täglich an Hunger sterben? Kann man Leben und Sterben überhaupt messen und ermessen?

"Warum meine Schwester?"

Das Nachdenken über diese Fragen schmerzt, weil diese Fragen nach eindeutigen Antworten zu lechzen scheinen. Klare Botschaften können trösten. Gründliches Nachdenken führt in vielen Fällen aber gerade zu einem vorsichtigen abgestuften, differenzierten Urteil. Das ist das Los von Philosophinnen und Philosophen: Sie können in der Regel die Sehnsucht nach Eindeutigkeit nicht erfüllen. Die Sätze "Der Terrorismus ist schlecht", "Terroristen sind böse", "Die Opfer sind unschuldig", "der Kampf gegen den Terrorismus ist gut" könnten für viele tröstende Sätze sein - und gleichzeitig ebensoviel verschleiern wie enthüllen, ebensoviel verzerren wie klarstellen.

Der Blick auf Opfer von Terrorismus tut weh, wenn sich dieser Blick auf einzelne Menschen mit ihren besonderen Geschichten richtet. Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami hat Opfer des Sarin-Anschlags auf die U-Bahn in Tokyo durch die Aum-Sekte befragt. Bedrückend ist seine Begegnung mit Shizuko Akashi, einer jungen Frau, die durch den Anschlag so schwer verletzt wurde, dass sie zeitweise nur mehr vor sich hin vegetierte, ihr Gehirn wurde schwer geschädigt. Tatsuo Aksahi, der Bruder Shizukos, "liebte seine Schwester sehr und kann seinen Zorn über das sinnlose Verbrechen gar nicht recht in Worte fassen: "Warum wurde ausgerechnet seine pflichtbewusste, liebe Schwester, die doch nicht mehr für sich beanspruchte als eine kleine Nische zum Leben, das Opfer dieser Leute?"

Die Mutter Shizukos sagte über ihre eigene Tochter, dass es besser wäre, sie wäre tot. Das hat ihren Bruder am meisten getroffen: "Es war schon grausam, dass meine Schwester verunglückt war. Aber dass jetzt meine Eltern sagten, es wäre besser, sie wäre tot, konnte ich kaum ertragen."

Was ist das für ein Ereignis, das eine Mutter dazu bringt, zu sagen: "Es wäre besser, meine Tochter wäre tot." Was ist das für ein Ereignis, das die Lebensmöglichkeiten einer jungen Frau auf ein Minimum an Alternativen reduziert und in einen Zustand absoluter Abhängigkeit bringt? Wie soll man mit einem solchen Ereignis umgehen? Terroristische Anschläge können das Leben von Menschen irreversibel und unwiederbringlich verändern, beeinträchtigen, zerstören.

Unser Beitrag zum Terror

Nachdenken über den Terrorismus kann bitter sein, wenn wir an unseren eigenen Beitrag zum Terrorismus denken. Der Terrorismusforscher Walter Laqueur hat Terrorismus mit Ungerechtigkeit in Zusammenhang gebracht: "Terrorismus ist eine Folge der Ungerechtigkeit. Bestünde politische und soziale Gerechtigkeit, gäbe es keinen Terrorismus." Es ist kein Geheimnis, dass wir von Strukturen der Ungerechtigkeit, die mit dem Terrorismus in Verbindung gebracht werden können, profitieren und diese aufrecht erhalten. Der Philosoph Ted Honderich hat deswegen nicht von ungefähr in seinem Buch "Nach dem Terror" auf unsere Mittäterschaft hingewiesen: "Es ist wahr, wenn nicht die einzige Wahrheit, dass wir unermesslich viel mehr als die Mörder des 11. September getan haben, über einen sehr viel längeren Zeitraum hinweg." Wir leben in einer Welt, die für viele Menschen unmenschlich ist, in einer Welt der schlechten Leben.

Nachdenken über den Terrorismus ist auch deswegen bitter, weil uns die Sprache fehlt. Von Grausamkeiten und Scheußlichkeiten, die innerhalb einer Kultur verübt werden, bleibt auch die Sprache nicht unberührt. George Steiner hat dies in seinem berühmten Aufsatz "Das hohle Wunder" in Bezug auf die deutsche Sprache zu zeigen versucht, die durch den Nationalsozialismus schwer gelitten habe, wenn nicht gar zerstört worden sei. Wurde unsere Sprache durch den Terrorismus beschädigt?

Der deutsche Soziologe Ulrich Beck hat einen Vortrag vor der Staatsduma in Moskau nicht von ungefähr mit einer Anspielung auf Hugo von Hofmannsthal begonnen, der Anfang des 20. Jahrhunderts über den Verlust der Integrität der Sprache geklagt hatte: "Die Begriffe zerfallen im Munde wie modrige Pilze." Beck macht darauf aufmerksam, dass durch die Erfahrungen des Terrorismus wichtige Zuordnungen und Kategorien aufgelöst worden sind: "Die unser Weltbild tragenden Unterscheidungen von Krieg und Frieden, Militär und Polizei, Krieg und Verbrechen, innerer und äußerer Sicherheit, ja von innen und außen ganz allgemein sind aufgehoben."

Wie Terror verstehen?

Dies ist von nicht zu unterschätzender Tragweite: Unterscheidungen sind das wichtigste Werkzeug, um Ordnung zu schaffen und in Ruhe über eine Sache nachzudenken. Hier sind wir alle gefordert, eine gleichzeitige, behutsame und deutliche Sprache zu finden, in der wir über den Terrorismus sprechen können.

Das Nachdenken über den Terrorismus ist der Versuch, zu erkennen und zu verstehen. Natürlich können wir uns fragen, ob man Ereignisse wie den Sarin-Anschlag in Tokyo 1995 oder den 11. September 2001 "verstehen" kann. Die von Haruki Murakami befragten Opfer haben immer wieder darauf hingewiesen, dass der Anschlag für sie "absurd" sei. Natürlich kann man diese Ereignisse nicht "verstehen", wie man das Funktionieren eines Mobiltelefons "verstehen" kann. Und doch ist es wichtig, auf die Verstehbarkeit zu insistieren. Denn wenn der Terrorismus nicht verstanden werden kann, wird er mit einer Aura des Übermächtigen umhüllt, die ein Auftreten gegen den Terrorismus erschwert, wenn nicht unmöglich macht. Es ist möglich, Mosaiksteine zu einem Verstehen zusammenzutragen. Terrorismus hat eine erkenntnistheoretische Komponente, hat mit Erkennen und Verstehen zu tun.

Das Opfer ist bloß Objekt

Um terroristische Akte setzen zu können, bedarf es bestimmter Erkenntnisvorgänge. Damit ein Mensch Opfer eines terroristischen Anschlags wird, muss eine Menge an Erkenntnisarbeit geschehen sein. Hier wird ein Mensch mit einer konkreten Geschichte, mit Sehnsüchten, Hoffnungen und Ängsten verwandelt in den Repräsentanten einer Kategorie. Der IRA-Terrorist Eamon Collins schreibt in seiner Autobiografie: "Als ich den Mord an Ivan Toombs plante, ging es für mich darum, eine UDR-Uniform zu töten." Jemand wird zur Zielscheibe des Terrorismus, weil er einer bestimmten Kategorie angehört; ein Spanier hat dies in die Formel gefasst: "Es wäre weniger schlimm, wenn sie (die Terroristen) jemanden umbrächten, weil sie ihn persönlich hassen; das Unmenschliche besteht darin, dass sie ihn töten, ohne eigentlich etwas gegen ihn zu haben." Das ist die Transformation von konkretem Einzelfall in das, was wir ein "epistemisches Objekt" nennen könnten.

Zur erkenntnistheoretischen Komponente des Terrorismus gehört schließlich die religiöse Dimension des Terrorismus. Sie scheint besonders bedenklich aufgrund ihrer Unkontrollierbarkeit. Wie begegne ich einem Terroristen, der der Überzeugung ist, dass er durch sein Selbstmordattentat direkten Zugang zum Paradies hat? Diese religiöse Dimension ist erkenntnistheoretisch besonders beunruhigend, da die religiöse Interpretation der Welt insofern willkürlich ist, als erstens jedes Ereignis in religiöser und in nicht religiöser Weise interpretiert werden kann und als zweitens eine religiöse Interpretation eines Ereignisses auf viele Weisen möglich ist. Wenn zwei Menschen eine Meinungsverschiedenheit haben, kann diese dadurch bewältigt werden, dass sich beide auf einem gemeinsamen Boden treffen, den beide anerkennen. Ein Vater, eine Mutter, die in einem Scheidungsprozesses um ihr Kind streiten, müssen sich (wenigstens offiziell) auf dem gemeinsamen Boden der Einstellung "Es geht um das Wohl des Kindes" treffen. Auf welchen gemeinsamen Boden kann ich mich aber beziehen, wenn ich mit einem Menschen interagiere, der bereit ist, sein Leben, das Leben seiner Kinder und Freunde zu opfern? Hier wird die Luft dünn, die gemeinsam geatmet werden kann, weil wir uns in nicht-irdischen Dimensionen bewegen. Das stimmt bedenklich. Hier können die Philosophin, der Philosoph nur darauf drängen, dass die Verantwortung von Religionen für das "Hier und Jetzt" herausgearbeitet wird, um einen gemeinsamen Boden zu sichern, auf dem Zusammenleben von Menschen in einer Kultur von Menschlichkeit möglich ist.

Leise und behutsam wird man wohl auch die Idee der Versöhnung und Vergebung in das Nachdenken über den Terrorismus einbringen. Nelson Mandela hatte seinerzeit gemeinsam mit Desmond Tutu darauf gedrängt, dass es nur dann eine Zukunft Südafrikas geben könne, wenn alle Südafrikaner/innen gemeinsam in diese Zukunft eingebunden würden. Und das wiederum sei nur möglich, wenn es auch Versöhnung gebe. Versöhnung ist eine andere Kategorie als "Gerechtigkeit". Das macht das Nachdenken über den Terrorismus philosophisch schwierig. Denn mit philosophischen Gerechtigkeitstheorien allein, mit einer Sprache von "Recht" oder gar "Vergeltung" werden wir nicht das Auslangen finden. Im Gegenteil: Es ist mein Verdacht, dass wir mit dieser Sprache fundamental in die Irre gehen.

Der Autor ist Professor für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg.