Pakistan am Rande des Abgrunds

Pakistan befindet sich in einer Zerreißprobe: Der erste eigens für Muslime gegründete Staat hat nie Stabilität erreicht.

Sie nennen sich Sipah (Armeen), Jaish (Brigaden), Lashkar (Armeen auf dem Vormarsch), Tehriks und Harakats (militante Bewegungen). Wie viele es von ihnen gibt, weiß keiner genau. Schätzungen sprechen von mehr als 80 derartigen radikalen islamischen Gruppen in Pakistan. "Die meisten von ihnen sind bewaffnet sind und bekämpfen einander rücksichtslos", betonte ein Kommentator der angesehenen englischsprachigen Zeitung "The Friday Times". "Dies alles", beklagte er, "geschieht trotz der Tatsache, dass der Islam eine Religion ist, die sich zur Einheit bekennt: Ein Gott, Ein Prophet (der Friede sei mit ihm), ein Buch und eine Umma (Gemeinschaft)". Die ernüchterte Schlussfolgerung: "Allein in dieser islamischen Republik hat der religiöse Extremismus die Botschaft der Einheit in einen grausamen Witz verkehrt."

Seit Pakistan sich der internationalen Allianz gegen den Terrorismus angeschlossen hat, fragen Beobachter, wann Islamabad denn den Kampf gegen Terroristen endlich auch zu Hause zu führen gedenke. "Muslime begrüßen einander mit ,Assalam', ,Friede'. Nur allzuoft aber kommt es heute in Pakistan vor, dass ein Muslim einen anderen mit einem Dutzend Kugeln durchlöchert", so ein Experte.

Die Gewalt, die die Beobachter ansprechen, ist keinesfalls jüngeren Datums. Dass sofort nach den ersten Luftangriffen der USA auf Afghanistan militante Gruppen in diversen Städten Pakistans auf die Straße gingen, Gebäude in Brand steckten und sich Straßenschlachten mit der Polizei lieferten, ist kein Novum. Die drohende weitere Radikalisierung der Islamisten aber nehmen Experten zum Anlass, die Entwicklung Pakistans einer kritischen Betrachtung zu unterziehen.

Welches Pakistan?

54 Jahre nach der Unabhängigkeit des indischen Subkontinents von den Briten bedeutet das ein Zurückgehen zur fundamentalen Frage, auf die das Land bis heute keine schlüssige Antwort gefunden hat: Was für ein Staat sollte Pakistan eigentlich sein? Wie hatte ihn sein Gründer Muhammad Ali Jinnah konzipiert? Es sollte zweifelsohne ein Staat für die Muslime des Subkontinents sein, der weltweit erste und bislang einzige Staat, der eigens für die Muslime geschaffen wurde.

"Die Hindus und Muslime gehören zwei verschiedenen Religionsphilosophien und Gesellschaftssystemen an ... Zwei solche Nationen in einem einzigen Staat zusammenzubinden, die eine als nummerische Minderheit, die andere als Mehrheit, muss zu wachsender Unzufriedenheit und schließlich zur Zerstörung des Gewebes oder der Regierung eines so errichteten Staates führen", hatte Jinnah 1940 erklärt. Von den Muslimen migrierte bei der Teilung des Subkontinents allerdings nur ein Teil aus jenen Regionen, die zu Indien gehörten, in jene, die Pakistan zufielen. Bis heute leben in Indien mehr Muslime als in Pakistan.

Abgesehen davon sagte die Religionszugehörigkeit von mehr als 90 Prozent der Bewohner noch nichts aus über die Staatsform. Wollte Jinnah einen säkularen oder einen islamischen Staat? Über diese Frage läuft seit Jahren eine Debatte mit einem weiten Meinungsspektrum. Am einen Ende stehen Larry Collins und Dominique Lapierre mit der Feststellung: "Einen unwahrscheinlicheren Führer der muslimischen Massen ... könnte man sich kaum vorstellen. Er trank Alkohol, aß Schweinefleisch, rasierte sich jeden Morgen andächtig den Bart und vermied ebenso andächtig jeden Freitag die Moschee. Gott und der Koran hatten keinen Platz in Jinnahs Weltbild." Am anderen Ende stehen islamistische Parteien wie die Jamaat-e-Islami, die Jinnah für sich reklamieren. In der Mitte finden sich Leute wie Jinnah-Biograph Akbar S. Ahmed, nach dessen Ansicht sich Jinnah mit zunehmendem Alter immer mehr dem Islam zuwandte, dabei allerdings eine tolerante und gerechte islamische Gesellschaft mit einer demokratischen Staatsform vor Augen hatte.

Wenn Jinnah das künftige Pakistan als "eine der großen Nationen der Welt" sah, so musste er trotz seines frühen Todes 1948 noch die Schwierigkeiten bei der Gestaltung des neuen Gebildes miterleben. Clans in der Nordwestprovinz und in Belutschistan pochten auf Autonomie, Sindhis im Süden verwahrten sich gegen den Zustrom von Muslimen aus Indien, Punjabis und Sindhis rangen um die Vormacht in Westpakistan. Die Bengalen in Ostpakistan empfanden die Einführung von Urdu als Staatssprache als Benachteiligung. Ihr Gefühl, von Westpakistan übervorteilt zu werden, führte 1971 - mit indischer Unterstützung - zur Loslösung von Ostpakistan als unabhängiger Staat Bangladesch.

Mit dem Verlust des Ostteils war nicht mehr zu leugnen, dass der Islam als Kitt für die junge Nation versagt hatte. Ethnische und regionale Antagonismen hatten sich als stärker erwiesen als eine "pakistanische" Identität. Aber auch das amputierte Pakistan hat bis heute keine Stabilität gefunden, innerreligiöse Konflikte führen seit Jahrzehnten zu blutigen Auseinandersetzungen. Sie liegen in den unterschiedlichen Auffassungen des Islam und ihrer politischen Instrumentalisierung begründet. So begegnet die puritanische Deobandi-Sekte den mystischen Sufis mit Misstrauen; die schiitische Minderheit gerät mit den Sunniten über Rechtsfragen, die Förderung ihrer Moscheen sowie ihr politisches Mitspracherecht aneinander.

Hätten vergangene Regierungen nur gewollt, sie hätten durchgreifen können, klingt in Analysen bisweilen durch. Tatsächlich hat sich seit Jinnahs Tod der bis heute unentschiedene Kampf um die Identität Pakistans verschärft. Wenn Zulfikar Ali Bhutto (1971-77) aus populistischen Gründen erste Schritte in Richtung Islamisierung unternahm, so gilt das Militärregime von Zia ul Haq (1977-88) als für das Abgleiten in den religiösen Extremismus verantwortlich. "Pakistan, das im Namen des Islam geschaffen wurde, wird nur überleben, wenn es dem Islam treu bleibt. Deshalb halte ich die Einführung eines islamischen Systems für eine essenzielle Bedingung für das Land", erklärte Zia. Die von oben verfügte Islamisierung verstärkte die zentrifugalen Kräfte im Land nur noch.

Scharia gilt weiter

Die von Zia initiierten, an der Scharia orientierten Gesetze aber wurden von seinen demokratisch gewählten Nachfolgern, den Premiers Benazir Bhutto und Nawaz Sharif nicht nur nicht rückgängig gemacht. Sharif führte selbst Scharia-Gesetze ein. Vor dem Hintergrund der Revolution im Iran und des Afghanistankonflikts wuchs eine neue Generation radikaler Aktivisten heran. "Diese sind durch die Untätigkeit und das ,Appeasement' der Regierungen noch weiter ermutigt worden, bis sie zu der Überzeugung gelangten, dass sie ihre Gegner ungestraft töten können", beklagte ein Experte in der Tageszeitung "Dawn" die Gewalt im Land.

Wie groß aber ist die Gefahr, die von den Radikalen ausgeht, nun da Islamabad sich auf die Seite der USA gestellt hat? Der vor zwei Jahren durch einen Putsch an die Macht gelangte general Pervez Musharraf hat die Führer mehrerer militanter Organisationen, die die Taliban stützen, unter Hausarrest gestellt. Er betonte, dass sein Regime gegen "jede Koranschule, die Terrorismus oder militante Aktionen predigt, vorgehen" wolle. Er entließ den Taliban-freundlichen Chef des mächtigen Geheimdienstes ISI sowie andere islamistische Offiziere. Jene, die sich gegen die Regierung stellten, machten nur eine kleine Minderheit aus, so der selbsternannte Präsident.

Doch nicht alle Experten sind überzeugt, dass sich nun "die Gemäßigten um Musharraf konsolidiert" hätten, wie es das indische Wochenmagazin "India Today" sehen wollte. Was immer passiert, auch schlimmste Szenarien - vom Bürgerkrieg bis zur Übernahme der Macht und des Atomknopfes durch fanatische Islamisten werden in warnenden Analysen angesprochen.

Selbst wenn Pakistan den aktuellen Krieg gegen Afghanistan relativ unbeschadet übersteht, bleiben weiter die tiefen Spaltungen bestehen. Sie haben die vor Jahren aufgestellte Behauptung, Pakistan sei ein gescheiterter Staat, nie mehr verklingen lassen.

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