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Indien allein den Hindus

Acht Jahrhunderte lang regierten muslimische Herrscher den Subkontinent. Das haben Hindu-Nationalisten ihren muslimischen Mitbürgern bis heute nicht verziehen - der religiöse Extremismus wächst.

Den Muslimen muss eine Lektion erteilt werden": Wenn diese Forderung in Indien ausgesprochen wird, geschieht dies selten im Zusammenhang mit dem 11. September 2001 und dem Kampf gegen internationalen Terrorismus. Die Anschläge auf das World Trade Center haben zweifelsohne auch im Subkontinent Wirkung gezeigt. "Der 11. September spielte in die Hände der Hindunationalisten, die sofort die säkularen Kräfte anklagten und sagten: Wir hatten euch ja stets gesagt, wie die Muslime sind. Die Vorurteile sind massiv gestiegen", betont der liberale Muslim Javed Anand.

Wenn der Ruf nach einer "Lektion für die Muslime" heute in Indien weithin akzeptabel geworden ist, so liegt der Grund dafür in der eigenen Geschichte und im Aufstieg der Hindunationalisten in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten, sagt Anand. Vor zehn Jahren lancierte er mit seiner Frau Teesta Setalvad, einer Hindu, in Mumbai (ehemals Bombay) die Zeitschrift "Communalism Combat", eine führende Plattform im Kampf gegen den Kommunalismus, wie religiöser Chauvinismus in Indien genannt wird. Ende 2003 gehörte er zu den Begründern des Forums "Muslime für säkulare Demokratie" (MSD).

Ein Hindu-Reich

Indien, heißt es in der Erklärung des Forums, befinde sich an einem kritischen Punkt. Die Ideologie der Sangh Parivar, der Familie hindunationalistischer Parteien und Organisationen, darunter die seit 1998 auf Bundesebene regierende "Indische Volkspartei" (BJP), beruhe auf Majoritarismus und tiefem Hass auf die Minderheiten. Das Ziel der Sangh Parivar, Indien zum Hindu Rashtra, zum Reich der Hindus, zu machen, gefährde die Verfassungsgrundsätze von Demokratie und Säkularismus. Nur in einer säkularen Demokratie aber hätten religiöse Minderheiten die Chance auf "ein Überleben in Würde".

Zwei Ereignisse, sagt Anand, haben dazu geführt, dass Indiens Muslime sich "zunehmend verunsichert und bedroht" fühlen: die Zerstörung der Babri-Moschee in Ayodhya im Dezember 1992 durch fanatische Hindus und die darauf folgenden landesweiten Unruhen sowie der "induHiGenozid" in Gujarat im Frühjahr 2002. Nach einem Überfall muslimischer Fanatiker auf einen Zug mit Hinduaktivisten im westlichen Bundesstaat Gujarat wurden damals bis zu zweitausend unschuldige Muslime niedergemetzelt. Der Genozid kam nicht nur als gewaltiger "Schock für die muslimische Gemeinde", erklärt Anand. Er habe die Ghettoisierung der Gemeinde weiter verstärkt.

Fünfte Kolonne Pakistans

Die Verwundbarkeit und Entfremdung der indischen Muslime sind bereits seit 1947 Thema. Acht Jahrhunderte lang regierten muslimische Herrscher über weite Teile des Subkontinents, im 19. Jahrhundert wurde ihre Macht durch die britischen Kolonialherren gebrochen. Als diese den Subkontinent 1947 in die Unabhängigkeit entließen, erhielten die Muslime mit Pakistan zwar einen eigenen Staat. Dorthin emigrierte, wie Anand betont, aber vor allem jene muslimische Elite, von der die Forderung nach Pakistan ausgegangen war. Zurück blieben mehrheitlich ärmere, ungebildete Muslime. Heute leben in Indien mehr als 120, nach manchen Angaben gar 140 Millionen Muslime, in etwa so viele wie in Pakistan. Nur Indonesien zählt noch mehr Muslime. Dennoch sind die indischen Muslime eine Minderheit - 82 Prozent der mehr als eine Milliarde Inder sind Hindus.

Die Hindunationalisten haben den Muslimen ihre einstige Vorherrschaft so wenig verziehen wie die Gründung Pakistans. Die Vorurteile gegenüber den Muslimen fasst Anand zusammen: Eroberer, Fremde, fünfte Kolonne Pakistans und "per Definition intolerant, fanatisch und schmutzig sowie unfähig, mit anderen Religionen friedlich zusammenzuleben. Dies entspreche der Lehre des Islam, der als Religion des Schwerts gilt."

Die Gefahr, dass künftig mehr indische Muslime zur Waffe greifen, sieht Anand gegeben, allerdings infolge der Indifferenz des Staates und des Hindunationalismus. "Für uns steht fest: Gewalt ist nicht zu rechtfertigen, kein Konflikt lässt sich mit Gewalt lösen. Wir können aber nicht hinnehmen, dass gesagt wird, so sind die Muslime." Selbst offizielle Quellen sprechen von höchstens einigen tausend indischen Muslimen, die in terroristischen Organisationen aktiv sind. Geheimdienstdokumente zeigen: Das Phänomen des muslimischen Extremismus in Indien ist nach 1992 entstanden. Der pakistanische Geheimdienst (ISI), der den Terrorismus in Indien fördern soll, ist aber nicht 1992 entstanden. "Etwas anderes ist 1992 passiert, etwas, über das sich der Staat Rechenschaft ablegen muss, etwas, womit die Muslime erst fertig werden müssen", erklärt Anand. Der Staat trage die Hauptverantwortung für den muslimischen Extremismus, "er hat Gerechtigkeit verwehrt." Die Muslime, meint Anand, "müssen sich ihrerseits fragen, wohin dieser Terrorismus führen soll."

Wenig gemäßigte Stimmen

Muslimische Politiker und Kleriker spielen nach Anands Worten eine oft schlimme Rolle, steigen auf die Konfrontationsrhetorik ein und tragen mit dazu bei, dass sich die Stimmung aufschaukelt. Dagegen war bei Angriffen auf die Muslime "die fast gänzliche Absenz gemäßigter muslimischer Stimmen" auffällig, "solche waren weder zu hören noch in den Medien zu lesen. Wenn Hindunationalisten sich aggressiv äußerten, gab es stets liberale Hindus, die ihnen widersprachen. Daher konnte man nicht einfach die Hindus mit Stereotypen abstempeln. Aber auf muslimischer Seite gab es leider nicht genügend Stimmen."

Nach Ayodhya 1992/93 gegründete muslimische Foren verloren rasch an Elan. Das nun lancierte Forum ist ein neuer Versuch. "Es geht uns nicht um Islaminterpretation. Es geht um die Existenzbedingungen für die Muslime" und um "säkulare Demokratie. Denn die ist nicht nur eine Frage der moralischen Präferenz, sondern eine des Überlebens." So wie die Dinge jetzt laufen, verstärken die religiösen Extremismen einander wechselseitig. "Die Hindunationalisten setzen auf die Gewalt durch den Mob, sie verbreiten Hass durch Reden, Pamphlete und über die Massenmedien. Das führt regelmäßig zu Gewaltausbrüchen gegen die Muslime oder andere Minderheiten. Die Polizei sieht oft tatenlos zu, in vielen Fällen haben die Sicherheitskräfte sich gar beteiligt. Das weckt unter Muslimen das Gefühl, dass Staat und Polizei parteiisch sind.

Bomben - Wut - Bomben - ...

"Einige kommen zu der Überzeugung", sagt Anand, "dass sie mit Bomben antworten müssen. Natürlich wird der ISI daran interessiert sein, solche Gruppen zu fördern. Weitere Bombenanschläge folgen, die Wut auf die Muslime steigt, was wieder die Hindupropaganda verschärft, die sagt: So sind die Muslime. Und unter letzteren wachsen einige neue Fanatiker heran. Es ist ein Teufelskreis."

Anand schließt nicht aus, dass hinter den Bombenanschlägen von Mumbai, bei denen vorigen August mehrere Dutzend Menschen getötet wurden, Muslime stehen, die Rache für die Pogrome in Gujarat üben wollten. "Die Versionen der Polizei divergieren. Aber es würde mich nicht überraschen, sagt Anand und betont: "Es ist etwas Schreckliches, noch dazu wo es sich nicht um arme, ungebildete, sozial schlecht gestellte Muslime handelt, wo man sagen kann: Denen hat jemand Geld gegeben oder man hat sie einer Gehirnwäsche unterzogen und dann mit einer Bombe losgeschickt. Es handelt sich bei den Attentätern um Ärzte, Ingenieure, Leute mit Managementausbildung. Ich bin überzeugt, dass das, was die muslimische Gemeinde erlebt, zunehmend zur Rechtfertigung terroristischer Aktivitäten dienen wird."

Mehr im Internet unter:www.mfsd.org

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