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"Indien hat Gandhi vergessen!"

Das Gespräch zwischen den Religionen zu fördern, ist die Lebensaufgabe von Francis D'Sa. Die Pogrome von Hindus an Muslimen in seiner Heimat treffen ihn daher zutiefst. Im furche-Gespräch analysiert D'Sa die Hintergründe der Gewalt und zeigt Friedenswege auf.

die furche: Blutige Auseinandersetzungen zwischen fanatischen Hindus und Muslimen beherrschen die Nachrichten aus Indien. Ist der einst so starke Geist Mahatma Gandhis in ihrem Land überhaupt noch zu spüren?

francis d'sa: Leider nein! Wie wir Christen Jesus vergessen haben, hat Indien Gandhi vergessen. Leider, leider, leider, die heutige Zeit ist ein Paradebeispiel dafür. Soviel Gewalt! Würde Gandhi noch leben, er würde sagen: Ich bin kein Inder mehr! Diese alte Kultur hat mit einem Mal das Bekenntnis an die Gewaltlosigkeit aufgegeben. Natürlich ist das jetzt extrem formuliert, denn die Mehrheit der Inder ist nach wie vor für den Frieden. Doch die Extremisten in allen Lagern sind um so viele mehr und um so vieles stärker geworden.

die furche: Was sind die Hintergründe für diese Gewaltexzesse?

d'sa: Die rechtsradikalen Hindus meinen, jetzt seien sie an der Reihe, und Indien solle ein Hindu-Staat werden. Früher waren jahrhundertelang die Muslime, vertreten durch die Mogulenkaiser, am Ruder, dann kamen mit der Kolonialzeit die Christen. Ihre Religion, meinen die Hindus nun, kam zu kurz. Pakistan und Bangladesch sind islamische Staaten, warum fragen diese Radikalen, sollte Indien, das einzige mehrheitliche Hindu-Land, nicht ein Hindu-Staat werden.

die furche: Und die Politik spielt mit?

d'sa: Ja, man bekommt den Eindruck, die Extremisten tun das mit Billigung der Zentralregierung. Wo immer sie ihrem Fanatismus freien Lauf lassen, ist kaum etwas gegen sie unternommen worden. Man darf aber die Hintergründe nicht außer Acht lassen: Die Kongresspartei, die mehr als 50 Jahre regiert hat, konnte und wollte das Problem der Armut nicht lösen. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist nur noch größer geworden. Dazu kommt die unverschämte Korruption. Die Bevölkerung hatte keine andere Alternative als die Hindu-Partei BJP. Und die Hindu-Fanatiker sind somit über Nacht zu einer Nationalpartei geworden, doch sie sind noch schlimmer als die Kongresspartei. Jetzt, wo die Zentralregierung aus dieser Gruppe besteht, meinen die Extremisten, sie könnten die alten Rechnungen mit den Minderheiten begleichen.

die furche: Die Extremisten finden sich aber doch nicht nur auf den Seiten der Hindus.

d'sa: Natürlich gibt es auch unter den Muslimen Extremisten. Wo gibt es die nicht? Jetzt haben die Muslime in Indien Angst, niemand schützt sie. In Gujarat ist es eindeutig, dass die extrem-hinduistische Regierung die Muslime ausschalten will, während sie früher vor allem gegen die Christen vorgegangen sind. Und diese Regierung gibt uns nicht das Gefühl, dass es ihnen um das Wohl des Landes geht, es geht ihr um das Wohl dieser Extremisten. Ansonsten haben sie kein Konzept, weder für eine nationale noch für eine internationale Politik. Alle diesbezüglichen Chancen werden vergeudet: Es gelingt nicht, mit Pakistan einen Kompromiss zu erreichen, es gelingt nicht, im Inneren des Landes Frieden zu schließen.

die furche: Ist ganz Indien von den Auseinandersetzungen betroffen?

d'sa: Die Extremisten in Gujarat haben gemeint, wenn sie beginnen, werde das auch auf die anderen Bundesländer übergreifen. Dass das nicht passiert, ist wirklich ein Hoffnungszeichen. Früher war es so: Wenn es in einem Gebiet zu Eskalationen kam, hat es sich wie ein Waldfeuer überall hin verbreitet. Dieses Mal nicht. Das war für die Extremisten eine große Enttäuschung. Das zweite Hoffnungszeichen ist die Reaktion der anderen Hindus. In allen Zeitungen finden sich Leserbriefe gegen dieses Vorgehen, gegen diese Auslegung des Hinduismus, und ich hoffe, dass das so bleibt.

die furche: Bedeutet das, dass sich die Religionen der Instrumentalisierung durch Fanatiker zunehmend entziehen können?

d'sa: Nur bedingt, denn jede Religion redet nach wie vor nur mit sich. Kulturen müssen sich begegnen, damit sie bestehen können, damit sie sich weiter entwickeln können. Die Zeit, in der Kulturen wie Öl und Wasser gelebt haben, ist vorbei. Jede Kultur muss sich heute mit den Nachbarkulturen abgeben. Das geschieht nicht. In keiner Kultur in Indien geschieht das. Niemand hat etwas zu verlieren, wenn man mit den anderen in Dialog tritt. Wir als Christen müssen so sprechen, dass die anderen uns verstehen. Das setzt voraus, dass ich mich mit dem Hinduismus befasse, dass ich mich mit dem Islam und mit der Religion der indischen Urstämme befasse. Dann verstehe ich, wie sie denken. Jetzt reden wir parallel, und dadurch entstehen alle Missverständnisse.

die furche: Hören Sie diese Forderungen auch von Hindus und Muslimen?

d'sa: Ja, allgemeiner Tenor ist, dass wir einander kennenlernen müssen. In der christlichen Theologie wird die Botschaft seit jeher immer wieder angesichts der Herausforderungen der Zeit neu befragt. Deswegen ist es für uns leichter, von Dialog zu reden. Die anderen werden sich dessen erst jetzt bewusst. Nehmen Sie den 11. September: Die Amerikaner haben gemeint, nur ihre Kultur, nur ihre Sprache, nur ihre Werte sind selbstverständlich. Und auf einmal bricht diese Welt zusammen. Und sie meinen jetzt, die Lösung läge darin, die anderen kaputt zu machen. So geht es nicht. Weder Amerika noch Israel werden auf diesem Weg erfolgreich sein. Ich verteidige die anderen nicht, ich will nur sagen: Der Weg des Friedens ist der Weg des Dialogs, der Weg der Verständigung, der Weg des Brückenbauens.

die furche: Vielerorts sind die Extremisten im Vormarsch. Warum?

d'sa: Jede Art von Denken verunsichert. Denken heißt, das Herkömmliche in Frage zu stellen: Wie ist das Überlieferte für uns heute relevant? Diese Frage ist schwierig, verunsichert. Lieber ohne Denken weiterhin das Traditionelle einfach praktizieren. Das ist der Untergang der Religion, denn Religion muss eine Antwort auf die Fragen der Zeit geben. Das neue Verständnis ist mühsam zu gewinnen. Das wollen die meisten Menschen nicht. Ob es um Religion, Kultur, Politik geht - wir wollen immer eine Fotokopie vom Alten machen.

die furche: Sie sind ein Vertreter der pluralistischen Religionstheologie. Was kann diese Richtung zu Dialog und Verständigung beitragen?

d'sa: Wir sagen, die vom Geiste Jesu beseelten Kräfte sind überall am Werk. Nicht nur im Christentum, sondern auch in den anderen Religionen. Wir müssen uns beseelen lassen vom Geiste des Pfingstfestes, vom Geiste des Pluralismus. Damit wollen wir keinen Relativismus betreiben. Wir sagen nur, dass die menschliche Aufnahmefähigkeit begrenzt ist. Selbst wenn wir von der Offenbarung reden: Offenbarung kann absolut sein, aber die Aufnahmefähigkeit des Menschen ist relativ. Das hochheilige Geheimnis offenbart sich ganz und gänzlich, dennoch können wir das Geoffenbarte nicht ganz und gänzlich aufnehmen. Und so müssen wir fragen: Wie können wir von unserem Standpunkt aus Gottes Wirken entdecken? Oder wie die indischen Theologen in neuerer Zeit sagen: Wie können wir die asiatischen Gesichter Jesu entdecken?

die furche: Können Sie diese asiatischen Gesichter näher beschreiben?

d'sa: Vom Hinduismus haben wir gelernt, dass Gott nicht nur geschichtlich, sondern ebenso kosmisch am Werk ist. Das heißt, der Geist Jesu sollte uns Augen und Ohren verleihen, damit wir seine Stimme auch in der kosmischen Offenbarung entdecken. Es kann keine andere als seine Stimme geben, die zum Heil führt. Wir glauben an den selben Gott, jetzt entdecken wir seine kosmische Seite.

die furche: Mit dem vatikanischen Schreiben "Dominus Iesus" aus dem Jahr 2000 sollte die pluralistische Religionstheologie unterbunden werden.

d'sa: Das ist ihnen nicht gelungen, das wird ihnen nicht gelingen. Die vatikanische Richtung predigt Wasser und trinkt Wein. Sie redet von Dialog, aber sie hat ein eigenartiges Verständnis davon. Dialog ist bei ihnen die Gelegenheit, den anderen beizubringen, was sie proklamieren. So ist das aber nicht. Das kann weder theologisch noch religionsgeschichtlich gerechtfertigt werden. Die Universalkirche kann erst wirklich universal werden, wenn sie sich auf die Lokalkirchen einlässt. Sonst bleibt sie abstrakt. Aussagen über Gott, die für alle gültig sein sollen, haben ihre Niederlassung in der jeweiligen Kultur. Ich nehme an, dass in den kommenden Generationen die Kirche bereit sein wird, katholisch - also allumfassend - zu werden. Sie ist noch nicht katholisch. Der Beitrag der pluralistischen Theologie dazu ist, dass wir das Wirken des hochheiligen Geheimnisses auch in anderen Kulturen sehen.

Das Gespräch führte Wolfgang Machreich.

Zur Person: Europa im Namen, Indien im Blut

Seinen Familiennamen hat er von einem portugiesischen Gouverneur in Indien namens D'sa. Zur Zeit der christlichen Missionierung des Subkontinents durch den Jesuiten Franz Xaver in der Mitte des 16. Jahrhunderts waren Massentaufen von ganzen Dörfern gang und gäbe. Der jeweilige Gouverneur war dann der Taufpate für alle. "Aus Begeisterung nahmen meine Vorfahren seinen Namen an", erklärt Francis D'Sa beim Rätselraten über seinen Namen. Sein Name steht in gewisser Weise aber auch für die Lebensaufgabe des indischen Jesuiten: Mittler zu sein zwischen dem Westen und seiner Heimat, zwischen dem Christentum und den asiatischen Religionen.

Francis D'Sa wurde 1936 in einer katholischen Familie geboren. Er besuchte das von spanischen Jesuiten geführte "De Nobili College" in Pune, gut 100 Kilometer westlich von Bombay. Sein Theologiestudium führte den Jesuiten dann nach Innsbruck und Wien, wo er über Indologie und Hinduismus dissertierte. Seither widmet sich D'Sa an der Hochschule der Jesuiten in Pune und bei zahlreichen Lehraufenthalten und Vorträgen in Europa und den USA dem hinduistisch-christlichen Dialog.

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