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Tödlicher Hass

Im Kampf um die indische Seele haben wieder hinduistische und muslimische Fanatiker das Sagen

Ein Zug wird angehalten, Waggons werden in Brand gesteckt, Dutzende Menschen kommen in den Flammen ums Leben: diese entsetzlichen Bilder aus Godhra im indischen Bundesstaat Gujarat wecken schlimmste Erinnerungen und rühren an bis heute nicht verheilten Wunden.

"Der Zug wurde angehalten. Die Passagiere, die der anderen Konfession angehörten, wurden herausgeholt. Einer nach dem anderen wurden sie aus dem Zug gezerrt und erschossen oder erstochen", heisst es in einem Text über die Massaker im Zuge der Teilung des Subkontinents 1947. Der Autor spricht einfach von "communities" (Religionsgemeinschaften), ohne Namen zu nennen. Denn es traf alle, Muslime, die aus Indien in den eigens für sie geschaffenen Staat Pakistan zogen, Hindus und Sikhs, die in die Gegenrichtung migrierten. Unzählige Züge, die diese Menschen in ihre jeweils neue Heimat hätten bringen sollen, wurden angegriffen, die Passagiere ermordet und die Züge dann häufig mit den Leichen über die Grenze geschickt. Die nach einem langen Unabhängigkeitskampf von den Briten erlangte Freiheit war überschattet von den Gräueln, bei denen bis zu zwei Millionen Menschen ums Leben kamen.

Bei den Opfern Ende Februar in Godhra handelte es sich um keine Migranten, sondern um Menschen, die sich an der Kampagne für den Bau eines Tempels in Ayodhya beteiligt hatten. Dieser soll nach dem Willen des Welthindurates (Vishwa Hindu Parishad, VHP) an genau jener Stelle entstehen, wo fanatische Hindus eine Moschee zerstört hatten. Der Platz, heisst es, sei der Geburtsort des Gottes Ram, die einst von den Mogulenherrschern errichtete Moschee habe ihn entweiht und müsse daher fallen. Die VHP hat den 15. März als Stichtag für den Baubeginn festgelegt, seit Tagen strömen aus dem ganzen Land hunderttausende sogenannte Kar Sevaks (Freiwillige) nach Ayodhya, obwohl der Rechtsstreit um den Ort noch nicht entschieden ist und ein offizielles Bauverbot besteht.

Diese Aktivisten sind nicht "auf dem Weg zu einer wohltätigen Versammlung". Sie beteiligen sich an einer "gravierenden und widerrechtlichen Mobilisierung, um einen Tempel zu errichten und die Muslime in Indien zu provozieren" erinnerte Testa Seetalvad von dem in Bombay ansässigen Organisation "Communalism Combat" (Kampf dem religiösen Chauvinismus) nach dem Zwischenfall in Godhra. So tragisch und verdammenswert der Überfall auf den Zug gewesen sei, so tragisch sei auch die Tatsache, dass ein derart gewaltsamer Zwischenfall "infolge der aggressiven Kampagne der VHP absolut vorhersehbar war" betonte ein Analyst.

Mehr als 2.000 Menschen verloren bei den landesweiten gewaltsamen Ausschreitungen nach der Zerstörung der Moschee 1992 ihr Leben. Hunderte Muslime wurden binnen weniger Tage jetzt wieder bei Racheakten in Gujarat getötet, ganze muslimische Wohnviertel in einigen Städten niedergebrannt.

Neben radikalen Muslimen wurde, wie in Indien praktisch unvermeidlich, auch der pakistanische Geheimdienst (ISI) ins Spiel gebracht. Doch unabhängig von der Urheberschaft stellt sich auch diesmal die Frage nach der Rolle der staatlichen Organe. "Selbst während der Teilung (des Subkontinents) trugen die Staatsorgane die größte Verantwortung. Sie waren auf der Basis der Religion gespalten. Auch so viele Jahre dazwischen haben keine Unterschiede gebracht. Trotz ihrer Verpflichtung, die Verfassung hochzuhalten, laut deren Präambel Indien eine säkulare, demokratische Republik ist, sind die Regierungsbeamten verseucht. Die Religion, und nicht ihre Pflicht, kommt für sie zuerst", klagte der renommierte Publizist und Ex-Diplomat Kuldip Nayar, der selbst 1947 von Pakistan nach Indien geflüchtet war.

Die von der hinduchauvinistischen Indischen Volkspartei (Bharatiya Janata Party, BJP) gestellte Regierung von Gujarat weist die Vorwürfe entschieden zurück. Eine Reihe von Untersuchungsberichten nach früheren Unruhen belegen freilich genau diese "kommunale" (von religiösen Vorurteilen geprägte) Einstellung von Polizei, zuständigen Politikern und Behörden. Wenn Innenminister L. K. Advani den Spitzenpolitikern von Gujarat sofort den Rücken deckte, so ist nicht vergessen, dass er es war, der 1992 mit einer von Hinduprozessionen inspirierten Fahrt vom Somnath-Tempel in Gujarat aus die Kampagne gegen Ayodhya einleitete ...

Beifall aus Delhi

Welche Rolle spielte Premierminister Atal Bihari Vajpayee, dessen BJP die grösste Partei in der auf Bundesebene regierenden Koalition stellt? Godhra und die nachfolgenden Massaker mag er via TV als "schwarzes Mal auf der Stirn der Nation" bezeichnen, doch, fragen Kritiker, musste es wirklich zu diesen Gewalttaten kommen, damit der Premier endlich an die VHP appellierte, ihr "widerrechtliches" Tempelprojekt zumindest aufzuschieben? So oft er auch als das liberale Gesicht respektive die liberale Maske der BJP bezeichnet wird, Vajpayee ist selbst in der Sangh Parivar groß geworden, jener Familie von Hindugruppierungen, der neben der BJP und VHP auch die ideologische Mutterorganisation RSS (Rashtriya Sewak Sangh, Nationale Freiwilligenorganisation) angehört.

Millionen Muslime entschieden sich 1947 für den Verbleib in Indien. Heute leben hier etwa so viele Muslime wie in Pakistan. "Doch warum sollte uns jemand vertrauen?", fragte kürzlich ein prominenter muslimischer Intellektueller und zählte einige der zentralen Vorwürfe an die Angehörigen seiner Konfession auf: "Wir haben Jahrhunderte über den Subkontinent geherrscht und Tempel zerstört, wir wollten die Teilung des Subkontinents und unseren eigenen Staat, Pakistan. Auch wer nicht hingezogen ist, muss damit als potentieller Pakistani gelten. Bei Cricketspielen zwischen Indien und Pakistan halten wir zu letzteren. Wir haben viel mehr Frauen und Kinder als die Hindus und drohen eines Tages die Hindus in die Minderheit zu drängen." (Derzeit sind 82 Prozent der eine Milliarde Inder Hindus, die Muslime stellen etwa 12,5 Prozent.) "Die Sangh Parivar aber will, dass wir nur zu den von ihr festzulegenden Bedingungen in diesem Land leben dürfen", ergänzte ein muslimischer Kommentator. Das war, bevor Graffiti von dieser Art in Gujarat auftauchten: "Lernt von uns, wie man Muslime tötet!"

"Indien konnte nach der Unabhängigkeit wählen, es hätte sich zu einer Hindunation erklären können, hätte es dies gewünscht. Aber es wollte sich als demokratischer und pluralistischer Staat verstehen", mahnt Kuldip Nayar. Genau dieses pluralistische und säkulare Gefüge sehen viele Analysten zunehmend gefährdet. Auch die Kongresspartei tendierte spätestens seit Indira Gandhi (1966-77, 1980-84) dazu, aus wahltaktischen Gründen die religiöse Karte zu spielen. Doch sie war offiziell dem Säkularismus verpflichtet, während die Gruppierung Sangh Parivar dem Traum von einem mythischen goldenen Hinduzeitalter vor der Ankunft der Muslime und Briten auf dem Subkontinent anhängt. Mit entsprechender Entschlossenheit hat sie, wo immer sie auf Regional- oder nun auch auf Bundesebene an die Macht gekommen ist, die Umschreibung der Geschichtsbücher betrieben.

Große Träume

Die Gegenvision beschrieb Salman Rushdie zum 50. Jahrestag der Unabhängigkeit in einem Artikel mit dem Titel "Land der Fülle": "Das Selbstverständnis von Indien ist so umfassend, so elastisch, dass es eine Milliarde Unterschiede integrieren kann. Das ist ein viel originelleres Denken als die alte pluralistische Idee eines Schmelztiegels oder eines kulturellen Mosaiks ... Daher fühlen sich die Inder so wohl mit der Stärke der nationalen Idee, daher ist es so leicht, sich zugehörig zu fühlen".

Das war knapp fünf Jahre nach Ayodhya und knapp fünf Jahre vor Godhra. Wieder betrauern heute tausende Inder ihre Toten oder stehen selbst vor dem Ruin ihrer Existenz. Und wieder haben Fanatiker das Sagen im Kampf um die indische Seele.

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