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Indien glänzt nur beim Cricket

Indien wählt eine neue Regierung. Die alte wirbt mit dem Slogan "India shining" (Indien glänzt). Doch der "Glanz" beschränkt sich auf maximal ein Drittel der Bevölkerung. Der übergroße Rest verarmt immer mehr.

Ich weiß nicht, was Leute wie der da haben", sagt ein Mitglied einer Politikerdelegation und zeigt auf einen in Fetzen gekleideten Dorfbewohner, der vor seiner Strohhütte steht. "Ich bringe ihnen lauter gute Nachrichten von den steigenden Aktienkursen, der florierenden Börse, den guten Wirtschaftsdaten und sage ihnen, dass wir noch dazu das Cricketspiel gegen Australien gewonnen haben. Aber er schimpft und klagt nur." Mit dieser Karikatur reagierte der angesehene Zeichner Laxman von der Tageszeitung The Times of India auf die Selbstbelobigungsstrategie der indischen Bundesregierung.

Vom "Feel good factor" war bereits vor den Ende 2003 in mehreren Bundesstaaten abgehaltenen Regionalwahlen die Rede gewesen. Unter dem Motto "India Shining" (Indien glänzt) lief zugleich eine Imagekampagne an, mit der die von der hindunationalistischen Indischen Volkspartei (BJP, Bharatiya Janata Party) geführte Koalition vor den kommenden Parlamentswahlen ihre Verdienste hervorstreichen will.

Wahlen ein Monat lang

"Für Indiens Studenten sind dies brillante Zeiten. Angesichts der rasch fortschreitenden Alphabetisierung, von mehr Schulen, neuen Colleges, weltweit berühmten Hochschulen für Informationstechnologie (IT) und Management sowie einer großen Anzahl von Medien-, Film- und Modeinstituten strahlt das Leben vor neuen Möglichkeiten. Sie haben neue Karrierechancen... Profitieren Sie von diesen exzellenten Zeiten. Bauen Sie Ihre Träume, verbreiten Sie den Enthusiasmus...", heißt es in einer von der Kampagne in führenden Magazinen geschalteten zweiseitigen Anzeige.

Die wohl genährten und gut gekleideten Kinder, die auf dem Bild zu dieser Annonce begierig ihre Hände zur Wortmeldung in die Höhe strecken, gibt es tatsächlich. So wie die Eliteschulen und -universitäten oder die guten makroökonomischen Daten, darunter ein Wirtschaftswachstum von mehr als sieben Prozent und die auf über einhundert Milliarden Dollar angestiegenen Devisenreserven. Auch weitere Cricketmatches hat Indien für sich entscheiden können, bevor der Urnengang am 20. April beginnt. Wie immer wird die Parlamentswahl angesichts der großen Wählerzahl und der erforderlichen Sicherheitsvorkehrungen in mehreren Etappen stattfinden. Der letzte Wahltag ist der 10. Mai, ab 13. Mai werden die Stimmen dann ausgezählt.

Organverkauf zum Überleben

Welche Erfolge darf sich die BJP selbst zuschreiben? Wo erntet sie hingegen die Früchte von Programmen und Entscheidungen der Kongresspartei, die das Land von der Unabhängigkeit 1947 bis zum Jahr 1996 die meiste Zeit regierte und nach Jahrzehnten staatlich gelenkter Wirtschaft 1991 eine Liberalisierung einleitete? Kritikern der "India Shining"-Werbeaktion geht es weniger um diese zwischen BJP und Kongress-Politikern heftig umstrittene Frage. Sie stellen die grundsätzliche Berechtigung einer Kampagne in Frage, die die Lebensrealität der überwältigenden Mehrheit schlicht ignoriert. "Wie kann Indien glänzen, wenn arme Menschen ihre inneren Organe verkaufen, um über die Runden zu kommen?", heißt es in einem Kommentar auf der Webseite von "India Shining". "Der Mangel an ordentlicher Bildung ist einer der Hauptgründe für die Rückständigkeit Indiens", mahnt ein anderer. Die Wirtschaftspolitik der derzeitigen Koalition unter Premier Atal Bihari Vajpayee laufe doch unter dem Slogan "Dollar für die Reichen, Brosamen für die Armen", betont ein dritter. Studien, Medienberichte und Statistiken (auch von offizieller indischer Seite), die solche Aussagen untermauern, gibt es zur Genüge.

Kein Recht auf Nahrung

In den neunziger Jahren ist die Zahl der Analphabetinnen in Indien zwar von 61 auf 46 Prozent gesunken, fast die Hälfte der indischen Mädchen und Frauen kann aber noch immer nicht lesen und schreiben, wurde anlässlich der Präsentation des aktuellen Unicef-Jahresberichts zur Lage der Kinder in der Welt bekannt. Ob das Ziel, bis zum Jahr 2010 alle Kinder im Alter zwischen sechs und 14 Jahren einzuschulen, erreicht werden kann, ist fraglich, ganz abgesehen davon, dass viele Schulen in ländlichen Gebieten kaum diesen Namen verdienen.

Hunderte Millionen Inder leiden weiterhin an "chronischem Hunger", ergab die Ende 2003 veröffentlichte jüngste einschlägige Regierungsstudie über den Zeitraum Juni 2001 bis Juni 2002. Anderen Untersuchungen zufolge sind mehr als zwei Drittel der indischen Frauen zwischen 15 und 49 Jahren unterernährt und leiden an Blutarmut. Rund die Hälfte aller Kinder unter fünf Jahren sind schwer unterernährt, was schwerwiegende Folgen für ihre körperliche und geistige Entwicklung verursacht. Die Kampagne "Recht auf Nahrung", eine Koalition von cirka 80 Nichtregierungsorganisationen (NGOs) im südlichen Bundesstaat Karnataka belegte kürzlich, dass infolge bürokratischer Lethargie und Indifferenz gerade die Allerärmsten von Regierungsprogrammen für die Nahrungssicherheit ausgeschlossen bleiben.

In diesem März kamen aus mehreren südindischen Bundesstaaten neue Meldungen über Dürre und Ernteausfälle. Für ohnehin nur saisonal beschäftigte Tagelöhner in der Landwirtschaft bedeutet dies noch weniger Arbeitstage und noch weniger Lohn. Kleinbauern geraten häufig in eine aussichtslose Schuldenfalle, die jährlich zu (zehn?)tausenden Selbstmorden führt, im Norden wie im Süden des Landes, im Osten wie im Westen, auch im Bundesstaat Maharashtra, dessen Hauptstadt Mumbai (ehemals Bombay) nach dem Willen einer Elite zur ultramodernen Business- und Finanz-Glitzermetropole werden sollte.

Zehntausende Selbstmorde

In Mumbais klimatisierten Shopping-Malls, Cafes und Restaurants, Discos und Night-Clubs lässt sich eine neue wohlhabende Schicht von einem neuen Mantra leiten. Die Genügsamkeit eines Mahatma Gandhi, zu der man sich noch vor zwei Jahrzehnten zumindest verbal zu bekennen verpflichtet fühlte, hat ausgedient. Lifestyle verpflichtet. "Geld ausgeben" ist angesagt, für Handys und Kosmetika, Designerkleidung und Autos, die in einer nie zuvor dagewesenen Markenvielzahl zum Verkauf stehen.

Je nach Quelle umfasst die kaufkräftige Mittelklasse zwischen 150 und 300 Millionen der mehr als eine Milliarde Inder. Mumbai glänzt, so wie Neu Delhi oder die IT-Metropole Bangalore - aber nur an wenigen Stellen. Die Hälfte der rund 16 Millionen Einwohner Mumbais leben in Slums. Während Fabriken in der Stadt schließen und zehntausende Arbeitsplätze verloren gehen, hält der Zustrom von Arbeitssuchenden an. Bisweilen kann das zu gewalttätigen Konflikten führen. So wurden Anfang des Jahres Migranten aus den nördlichen Bundesstaaten Uttar Pradesh und Bihar als unerwünschte Konkurrenz um die bei der Bundesbahn ausgeschriebenen Stellen angegriffen. Es ging um Jobs, die keine besondere Qualifikation erforderten, um Broterwerb für jene, die nie die Chance auf Bildung hatten.

Jobsuche mit geballter Faust

Bildung und Gesundheit, Lebenserwartung und Lebensstandard der Gesamtbevölkerung, nicht der Elite, aber sind die Kriterien, die das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) für seinen so genannten "Menschlichen Entwicklungsindex" heranzieht. Beim diesem jährlich neu berechneten Entwicklungsindex ist Indien 2003 glanzlos von Platz 124 auf Platz 127 (von insgesamt 175) abgerutscht, hinter Staaten wie Ägypten, Nicaragua oder Botswana. "Der am schnellsten wachsende Sektor in India Shining ist nicht IT oder Software, Textil oder Auto", formulierte es ein Kommentator im Zweiwochenmagazin Frontline: "Es ist die Ungleichheit."

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