Gebete und Hilfe kommen via Internet

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Der Schock über die immer wiederkehrenden verheerenden Erdbeben in Indien hat besonders die in Großbritannien lebenden Inder getroffen. Sie starteten die ersten Hilfsaktionen für die Opfer.

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Der Schock über die immer wiederkehrenden verheerenden Erdbeben in Indien hat besonders die in Großbritannien lebenden Inder getroffen. Sie starteten die ersten Hilfsaktionen für die Opfer.

Tränen fallen aus niedergeschlagenen Augen. Ich konnte Schreie hören und die bange Frage: Warum, warum, warum ...? Die Zeit tickt davon", heißt es in dem Gedicht, das eine Neunjährige zum jüngsten Erdbeben im westindischen Bundesstaat Gujarat verfasste. Neben ihrem Text hängen andere, von etwa gleichaltrigen Kindern niedergeschriebene Gedanken an einer Tafel hier im Swami Narayan-Tempel im Londoner Stadtteil Neasden. Auf weiteren Tafeln bezeugen Fotos die verheerenden Zerstörungen, die die Erdstöße in der Höhe von 7,9 auf der Richterskala verursachten. Ein Videofilm berichtet von der Lage vor Ort davon, was an Hilfsgütern dringend gebraucht wird und was bereits an erster Notversorgung geleistet wurde und wird. Und überall prangen in großen Lettern die Worte "Erdbeben-Spendenaufruf".

Zuflucht im Tempel Neben diesen zwei Worten werden gleich am Eingang zum Tempel, dem größten hinduistischen Gotteshaus in Großbritannien, die wichtigsten Informationen über Spendenkonten und Notnummern angegeben. Im Tempelbereich selbst weisen Schilder zu den Tischen, wo die Spenden entgegen genommen werden. Ausschließlich um Geld wird nun ersucht, Decken, Kleidung und Schuhe habe man schon mehr als genug gesammelt, gleich nachdem die Erde am 26. Jänner, dem indischen Tag der Republik, gebebt hatte, sagt einer der Verantwortlichen.

Nur wenige Stunden, nachdem sich das Ausmaß der Tragödie abzuzeichnen begann, strömten Mitglieder der britisch-indischen Gemeinde zum Tempel. "Die Menschen wollten helfen, aber sie suchten auch Zuflucht, einen Ort, wo sie ihre Ängste mit anderen teilen konnten." Viele mussten befürchten, dass Verwandte und Freunde unter den Opfern waren, sind doch rund 300.000 der mehr als eine Million Inder in Großbritannien Gujaratis.

Nur ein Teil von ihnen mag in Gujarat geboren sein, manche mögen diese Region noch nie besucht haben, denn eine große Zahl der im Vereinigten Königreich ansässigen Inder kam nicht vom Subkontinent hierher, sondern aus Afrika, wohin sie im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert als Händler, Arbeiter beim Eisenbahnbau, aber auch als Anwälte (wie Mahatma Gandhi) und Lehrer gegangen waren. Kenia mussten sie wegen politischer Spannungen in den 60er Jahren verlassen, aus Uganda wurden sie im folgenden Jahrzehnt von Diktator Idi Amin vertrieben und fanden danach in Nordamerika und Großbritannien fanden eine neue Heimat. Doch wenn die Vorfahren aus Gujarat stammten, dann sind auch die Angehörigen der heute jungen Generation Gujaratis, dessen, sagt ein Ehepaar im Tempel, "sind wir uns gerade jetzt in dieser Notsituation wieder ganz bewusst geworden."

Einzelne hielten die Spannung nicht aus, noch dazu, wo tagelang kein telefonischer Kontakt mit den vom Beben zerstörten Gegenden möglich war. Also nahmen sie das nächste Flugzeug, um auf eigene Faust nach Familienmitgliedern zu suchen. Als erste Geschichten von den verzweifelten Heimkehrern bekannt wurden, ersuchte Claire Short, Ministerin für Internationale Entwicklung in der britischen New Labour-Regierung, die britisch-indische Gemeinde dringend, von solchen Reisen Abstand zu nehmen, da sie die Rettungs- und Hilfsmaßnahmen nur behindern würden. Man werde so schnell wie möglich die Satellitenverbindung mit der Stadt Bhuj wieder herstellen, die dem Epizentrum des Bebens am nächsten lag. Auch sei man bemüht, alle verfügbaren Informationen über Tote und Verletzte weiterzugeben, versicherte die Ministerin und bat zugleich, von weiteren Sachspenden Abstand zu nehmen. 36 Tonnen wogen allein die Hilfsgüter, die in den ersten Tagen nach dem Erdbeben in den Hindu-Tempeln und auch einigen Moscheen Großbritanniens zusammengekommen waren und die die British Airways kostenlos nach Indien brachte. Air India und andere Fluglinien brachten ebenfalls Dutzende Tonnen an Sachspenden auf den Subkontinent.

Jeder gibt, was er kann Geld aber wird weiter benötigt, heißt es im Tempel in Neasden und auch im Shreeswaminarayan-Tempel in Willesden im Nordwesten von London. Umgerechnet rund 40 Millionen Schilling wurden bereits in Willesden gespendet, war vor wenigen Tagen auf der Internetseite des Tempels zu lesen. Dazu kommen Zig-Millionen in anderen Gotteshäusern sowie von indisch-stämmigen Unternehmern, Künstlern und Medienstars. "Jeder gibt, was er kann", sagt ein Verantwortlicher im Tempel in Neasden, "Kinder ihr Taschengeld, Erwachsene einen Teil ihres Gehalts, die Wohlhabenden mehr." Rote, gelbe, orange und blaue Sammelbüchsen stehen vor dem Mann. Jeder Schul- oder Firmendirektor kann eine abholen und damit um Gaben ersuchen. Am Samstag werden Freiwillige wieder mit den Büchsen sammeln gehen. Für ein britisches Pfund (knapp 22 Schilling) kann man Milchpulver für ein Kind für eine Woche kaufen, steht auf dem Informationsblatt im Tempel zu lesen. Um 500 Pfund kann man einem Waisenkind für ein Jahr das Leben finanzieren, um 400 Pfund kann eine fünfköpfige Familie Getreide für ein Jahr erstehen.

Die Hilfsmaßnahmen des Swami Narayan-Tempels konnten unmittelbar nach dem Beben anlaufen, da die Swami Narayan Hindu-Mission mit eigenen Tempeln in der betroffenen Region vertreten ist und auf rund 100 Sadhus (heilige Männer) und tausende Freiwillige zählen kann. Wieviel Reis, Linsen, Gemüse, Trinkwasser, Kerosin oder Kerzen an welchen Orten verteilt wurden, ist auch hier auf der tempeleigenen Webseite nachzulesen. Diese von einer Reihe von Gotteshäusern geführten Seiten geben regelmäßig neueste Nachrichten aus dem Katastrophengebiet weiter, melden die Ankunft von Ärzten und Krankenpflegern und versuchen, die Opferzahlen auf dem aktuellen Stand zu halten.

Gebete für die Opfer Immer wieder müssen diese Angaben revidiert werden, manchmal und für einzelne Orte erfreulicherweise auch nach unten. Das ganze Ausmaß der Verwüstung ist noch nicht bekannt, wieviele Tote das Beben wirklich gefordert hat, wird man möglicherweise nie mit Sicherheit wissen, erklärte jüngst der indische Verteidigungsminister George Fernandes. Von 10.000 war zunächst die Rede gewesen, dann von 20.000 und 30.000, aber die Sorge, daß es bis zu 100.000 sein könnten, ist nicht ausgeräumt, selbst wenn derzeit nach offiziellen Angaben erst knapp 20.000 Leichen geborgen wurden.

Wer hier in Großbritannien lebt - in London, oder Bradford, Leicester, Manchester und Birmingham, wo sich besonders viele Inder niedergelassen haben -, kann nur warten und hoffen, dass vermisste Verwandte doch noch auftauchen. In dieser schwierigen Zeit sind die Tempel, die häufig über Schulen verfügen und vielfältige Gemeindeaktivitäten organisieren, für viele zu Orten der Zuflucht geworden. "Im normalen Alltag mag so mancher nie einen Tempel aufsuchen und sich auch nicht für besonders religiös halten", sagt ein Mann, der den Tod einer Tante und zweier Onkel beklagt. "Aber jetzt ist das anders. So groß die Halle im Tempel auch ist, bei den Gebeten und Gedenkfeiern für die Opfer ist sie gesteckt voll."

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