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Im Banne des Fundamentalismus

1945 1960 1980 2000 2020

In den letzten Jahren hat man sich angewöhnt, über fundamentalistische Tendenzen zu sprechen, dabei vornehmlich islamische Entwicklungen zu meinen und zu übersehen, daß „Nazistische Bewegungen" und „Revitali-sierungsprozesse" weltweit zu beobachten sind. Und das nicht erst im 20. Jahrhundert. Viele der radikalen Bewegungen erreichen nie das Ohr der Menschen der Ersten Welt, weil sie unbedeutend bleiben. Manche halten die ganze Welt in Atem. Kompromisse scheinen ausgeschlossen zu sein.

1945 1960 1980 2000 2020

In den letzten Jahren hat man sich angewöhnt, über fundamentalistische Tendenzen zu sprechen, dabei vornehmlich islamische Entwicklungen zu meinen und zu übersehen, daß „Nazistische Bewegungen" und „Revitali-sierungsprozesse" weltweit zu beobachten sind. Und das nicht erst im 20. Jahrhundert. Viele der radikalen Bewegungen erreichen nie das Ohr der Menschen der Ersten Welt, weil sie unbedeutend bleiben. Manche halten die ganze Welt in Atem. Kompromisse scheinen ausgeschlossen zu sein.

Der Vielzahl von Erklärungsversuchen, wie es zur Ausbildung von Revitalisierungsprozessen und Nati-vistischen Bewegungen kommt, ist allen eines gemeinsam: Als Ursache wird die starke Desorganisation aufgrund des Einwirkens einer Kraft oder der Kombination von Kräften angesehen, die das gesellschaftliche System über die Grenzen seines Gleichgewichtes bringt. Entscheidend für den Beginn eines kollektiven Aktionsablaufs, welcher das von einer als überlegen empfundenden Fremdkultur erschütterte Gruppenselbstgefühl wieder herstellen soll, ist das Auftreten einer charismatischen Persönlichkeit. Die eigene Persönlichkeit muß als Bestandteil der Botschaft aufgefaßt werden können, um das Um-sich-Scharen einer Anhängerschaft zu ermöglichen, die für das kollektive In-Bewegung-Kommen mit verschiedenen Ausdrucksformen verantwortlich ist.

Das klingt sehr theoretisch und ist am einzelnen Beispiel viel leichter nachvollziehbar: Als erfolgreiches Beispiel einer nativistischen Bewegung ist der Mau-Mau-Aufstand in Kenya zu sehen.

Mau-Mau war der Name eines Schwurverbandes bei den Kikuyu (eine Ethnie in Kenya). Diese lebten von Ackerbau und Viehzucht. Ihre komplizierte Sozialstruktur war auf besondere Weise mit Landerwerb und Nutzungsrecht verbunden. Obwohl es bei ihnen kein eigentliches Privateigentum an Land gab, kauften die britischen Siedler nach der Errichtung des britischen Protektorats 1895 das angeblich „herrenlose" Land von den Eingeborenen. Damit war der Grundstein zur Entstehung von Terrororganisationen gelegt. Die „Kenya Afri-can Union" unter Jomo Kenyatta vertrat die Forderungen der Kikuyu.

1948 begann für die Briten der relativ blutige Aufstand, der folgende Forderungen der Mau-Mau zum Inhalt hatte:

- die Rückgabe des von den Weißen gestohlenen Landes

- die Selbstregierung der Kikuyu

- die Vernichtung des Missionschristentums

- die Wiederherstellung der alten Bräuche

- die Vertreibung der Fremden

- die Abschaffung der Bodenreform

- die Verbesserung der weltlichen Erziehung.

Die Mau-Mau-Organisation bestand aus Schwurverbänden, die alte Initiation war durch den Mau-Mau-

Eid ersetzt worden. Die ursprünglichen christlichen Lieder der Mission wurden zu Propagandahymnen mit politischen Forderungen und Haßliedern auf die Weißen und Loyalisten. Jomo Kenyatta wurde als Messias und Heiland verehrt, der das Land zurückbringt und die Bevölkerung vom Joch befreit.

Damit steht Jomo Kenyatta in eii\er sehr breiten afrikanischen Tradition, die daran gewöhnt ist, mit Propheten, messianischen Persönlichkeiten zu tun zu haben. Grundsätzlich lassen sich drei Typen beschreiben:

Propheten, die aus den alten, einheimischen Religionen hervorgegangen sind. Propheten, die ihre Lehre im Islam begründen. Propheten, die aus dem Missionschristentum hervorgegangen sind.

Um die Verhältnisse noch schwieriger füreine adäquate Beurteilung zu machen, sei darauf hingewiesen, daß der Ursprung des aus den alten, einheimischen Religionen entstandenen Prophetismus eindeutig im alten Wahrsager- und Zauberpriestertum zu suchen ist. Die islamischen Prophe ten können in dreierlei Gestalt auftreten:

- in der des Mahdi

- des auferstandenen Jesus -eines Vorläufers des Mahdi Den Prophetismus hat der Islam aus dem Heidentum übernommen.

Im Bereich des Christentums äußern sich die nativistischen Tendenzen ebenfalls sehr vielgestaltig. Neben den reinen Missionskirchen, auch Tochterkirchen genannt, existiert eine Vielzahl von selbstän-digen afrikanischen Kirchen im Sinne von Bruderkirchen. Weiters gibt es separatistische afrikanische Kirchen, die nach dem Typus in äthiopische mit Vorbild der Mission, zionistische (eigene Rituale und Propheten) und messianische (Heilserwartung eines schwarzen Messias) unterschieden werden können.

In Südafrika, wo mindestens jeder dritte Schwarze einer Kirche angehört, angeblich gibt es an die 4.000 unterschiedliche

Organisationen, läßt sich am deut-1 ichsten erkennen, wie aus der Vermischung mehrerer Kulturen das Ringen um eine Aufwertung des Gruppenselbstgefühls vor sich geht. In der „Nazarite Church" in Natal, deren Gründer Isaiah Shembc zum Gott erhoben wurde, wurde die Rassenschranke im Himmel umgedreht: Ihr schwarzer Messias bewacht die Himmelspforte und anhand der Parabel von Lazarus und dem Reichen verwehrt er den Weißen den Zutritt und läßt nur Schwarze ein. Zu den Weißen sagt er: „Nein, niemand kann zweimal herrschen."

Bisweilen ist die Verbindung von traditionellen afrikanischen Vorstellungen und dem Christentum für europäische Vorstellungen sehr merkwürdig. Das Austreiben böser Geister ist in allen traditionellen afrikanischen Religionen von fundamentaler Bedeutung. Das spiegelt sich in den Namen der kleinen Kirchen wider. Castor Oil Dead Church (Castor Oil bedeutet Rizinusöl) und die Sunlight Soap Church (Kirche der Sonnenlichtseife). Vielen dieser kleinen Glaubensgemeinschaften ist eigen, daß sie bloß Mitglieder einer ethnischen Gruppe zusammenschließen, die im städtischen Gebiet leben und dringend soziale und spirituelle Unterstützung brauchen.

An den zuletzt genannten Beispielen zeigt sich das problematische Verhältnis zwischen christlichen Missionen und einheimischen Kirchen, das seine Wurzeln in den unterschiedlichen Zielvorstellungen hat. Die Mission betonte und betont nachdrücklich die Evangelisierung, obwohl sich manche Zielvorstellungen während der letzten Jahre deutlich gewandelt haben, die nationalen Kirchen sehen ihre Hauptaufgabe im erzieherischen Bereich. Dazu kommen große Differenzen im wirtschaftlichen Bereich, im Erziehungsgrad, in den kulturellen Eigenheiten und in der Berücksichtigung traditioneller Vorstellungen. Was für einen Afrikaner seit der Zeit der Ahnen als richtiges Verhalten gilt, kann für europäische Priester der blanke Wahnsinn sein.

In welche historische Tiefen die Auseinandersetzung zwischen traditionellen Vorstellungen und Christentum reichen, läßt sich am Beispiel des Antonismus erkennen. Das Königreich Kongo wurde seit dem Ende des 15. Jahrhunderts von Portugal aus missioniert. In einer Zeit von Thronstreitigkeiten trat 1704 die Prophetin Kimpa Gita auf, die sich als auferstandener hl. Antonius deklarierte. Sie verbot heidnische Kulte, sowie die Verehrung anderer Heiliger. Als neues Gebet entstand aus dem Ave Maria und Salve Regina das „Salve Anto-niana".

Kimpa Gitas Plan war die Befreiung von europäischer Bevormundung und Errichtung eines unabhängigen Kongoreiches, außerdem hatte sie eine christliche, aber von Rom unabhängige Nationalkirche geplant. Nachdem es ihr gelungen war, eine Anhängerschaft zu gewinnen und ihre Botschaft zu verbreiten, mußte sie sich wegen einer Schwangerschaft zurückziehen. Sie wurde später wegen Staatsverbrechen und Ketzerei zum Tode verurteilt und verbrannt.

Als Nachfolgebewegung des Antonismus ist der Kimbangismus anzusehen. 1921 entstanden die ersten Berichte über einen neuen Propheten im Belgisch-Kongo: Simon Kiman-gu. Erst stellte er Gesetze auf, die gegen die traditionelle Ordnung gerichtet waren, wie Zerstörung der

Fetische, der Tanztrommeln und Verbot der Polygamie. Gesellschaftlich wandelte sich das Bild vom Propheten Kimangu in einen Messias, gleichzeitig änderte sich das Feindbild der Bewegung. Sie wurde antiweiß.

Kimbangu erließ folgende Gebote: Das Verbot Steuern zu zahlen, neue Maniokpflanzungen anzulegen. Er befahl, die Friedhöfe zu reinigen, weil die Ahnen wiederauferstehen würden an dem Tag, an dem die Weißen das Land verlassen hätten.

Kimbangu wurde verhaftet und blieb bis zu seinem Tod 1951 im Gefängnis. Um 1940 entstand der „Mvungismus", der sich zwar auf Kimbangu berief, aber durch seinen Gründer Simon Mpadi einen wesentlichen Unterschied kannte: Mpadi gestattete die Polygamie. Der Mvungismus lehrte, Gott würde als Person erscheinen, die Ahnen würden wieder auferstehen und die Weißen verschwinden. In einem benachbarten Gebiet trat die Bewegung des „Tonsi" auf. Tonsi lehrte das Ende von Krankheit und Tod in den ihm angehörenden Familien, die Rückkehr der Ahnen, die Vernichtung der Weißen und die Errichtung eines Königreiches der weiß gewordenen Schwarzen.

1961 wurde die Kimbanguistische Bewegung offiziell anerkannt, nachdem sich auch die UNO mit der traditionsreichen nativistischen Bewegung auseinandergesetzt hatte. Die zahlreichen Gruppen wurden zu „Church of Christ on Earth by the Prophet Kimbangu Simon" (EJCSK) zusammengeschlossen. Ziel der Kirche ist nicht, afrikanischen Glauben zu widerlegen, sondern den Menschen zu helfen, der Realität und den Umständen des Lebens zu begegnen und ihre Angst zu überwinden.

Nativistische Bewegungen sind nicht nur in Afrika, sondern in allen Staaten der sogenannten Dritten Welt zu finden. Menschen, die unter Druck geraten sind, schließen sich Bewegungen an, die eine Verbesserung der Lebenssituation versprechen.

1790 beschlossen die Briten in Indien den Permanent Zamindari Settlement Act. Durch diesen wurden die Santals veranlaßt, sich in dem Gebiet um die Rajmahal Hügeln niederzulassen. Gleichzeitig wurde eine neue Klasse von Menschen geschaffen, die Zamindars. Diese sind hin-duistische Landbesitzer. Die Einführung der britischen Rechtssprechung bewirkte, daß das Land nicht mehr Eigentum der Dorfgemeinschaft war, sondern eines Zamindars, an den man Pacht bezahlen mußte. Die Zamindars waren in der Folge daran interessiert, immer mehr Land urbar zu , machen, um ihre Pachteinnahmen zu erhöhen. Auch wurde die Eigenproduktion von Alkohol verboten, wodurch die Santals gezwungen waren, bei den Hindu-Händlern ihre alkoholischen Getränke für teures Geld einzukaufen.

Gleichzeitig siedelten sich Hindu-Händler und Geldverleiher an, was zur Bildung von Marktgemeinden führte. Diese „Mahajans" brachten allmählich, mit Hilfe betrügerischer Methoden, die Santals in ein finanzielles Abhängigkeitsverhältnis und somit in die Schuldknechtschaft.

Die Unzufriedenheit und Verzweiflung der Santals äußerte sich im Entstehen von „rumors", die maßgeblich an der Steigerung der allgemeinen Unsicherheit und Aufbruchbereitschaft beteiligt waren.

Eines der Gerüchte besagte, daß gefährliche Schlangen herumkröchen und Menschen fräßen. Handlungen seien daher nötig, um die Santals vor den gefährlichen Schlangen zu schützen. Die Männer hatten rituelle Tänze durchzuführen, währenddessen Frauen im Bett liegen mußten und den Boden nicht mit den Füßen berühren durften. In dieser Zeit der Unruhe wurden Hindu-Händler überfallen und beraubt. Es kam zu Verhaftungen und Verurteilungen.

Da traten Sido und Kanhu an die Öffentlichkeit. Sie berichteten über ihre Begegnung mit dem höchsten Gott, der ihnen ein heiliges Buch überreicht hatte, in dem kein Wort geschrieben stand. Die Seiten desselben verteilten sie als Zeichen für die großen Ereignisse, die kommen würden: Die Santals würden von allen Nöten befreit und wieder ein freies Volk werden. Danach folgte eine Säuberung der eigenen Reihen (Hexenverfolgung, geistige Reinigung), Petitionen an englische Behörden, die keinen Erfolg zeitigten.

Am 30. Juni 1856 machten sich 30.000 Santals auf den Weg nach Kalkutta, um ihre Klagen vor dem Generalgouverneur persönl ich darzulegen. Die Strecke war länger als sie dachten, sie überfielen daher Bazare. Am 7. Juli wollte ein übereifriger indischer Polizist die beiden Propheten Sido und Kanhu verhaften, dabei wurde er von der wütenden Menge samt seiner Begleitung in Stücke gehackt. Daraufhin brach die Rebellion aus. Am 10. November 1855 wurde der Ausnahmezustand ausgerufen. Nach sechsmonatigem Kampf konnten die englischen und indischen Truppen die Rebellen vernichten. Sido starb am Schlachtfeld, Kanhu wurde mit einigen anderen Führern verhaftet und gehenkt.

Die historischen Folgen der Sido-Kanhu-Bewegung sind nicht festzustellen. Trotzdem bleibt sie lehrreich. Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, sind selbst für die irrationalsten Gedankengänge zugänglich, wenn diese nur ein Fünkchen Hoffnung auf Verbesserung ihrer Situation geben.

Weltweit ist das Ansteigen fundamentalistischer Tendenzen zu beobachten, und das vor allem in jenen Ländern, in denen Menschen große existentielle Sorgen haben. Es reicht nicht, sich immer wieder über Entwicklungen zu entsetzen, die mit europäischen Wertvorstellungen gar nichts zu tun haben und dabei zu übersehen, daß nur eine nachhaltige Veränderung der Lebensbedingungen geeignet ist, radikale Ausbruchsversuche zu verhindern. Viele der radikalen Bewegungen erreichen nie das Ohr der Menschen der Ersten Welt, weil sie viel zu unbedeutend bleiben. Manche der nativistischen Bewegungen sind dazu angetan, die ganze Welt in Atem zu halten, weil die Kränkung nicht mehr ausgehalten werden kann. Daß Kompromisse mit nativistischen Bewegungen so gut wie nicht zu schließen sind, läßt sich aus dem Gesagten unschwer erkennen.

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