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Arbeit und Verteidigung

„UND BR HATTE FRIEDEN AUF ALLEN SEITEN RINGSUM. Und Juda und Israel wohnten in Sicherheit, ein jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum, von Dan bis Beersebaa, alle Tage Salomos.“ Dieser Satz steht in dem ersten Buch der Könige von König Salomo geschrieben. Er umreißt die Aufgabe des Staates Israel und seiner jungen Armee, ja, das gesamte Konzept der israelischen Wehrpolitik. /

Das schlagkräftige Heer und die stets einsatzbereite Reserve, die mit beträchtlichem Kostenaufwand erhalten werden (fast 40 Prozent des Gesamthudgets werden für die Landesverteidigung ausgegeben, eine Relation, die nahezu an amerikanische Verhältnisse heranreicht), dienen nicht dazu, Eroberungsfeldzüge zu unternehmen. Sie dienen denjenigen Juden, die sich genötigt sahen, ihre Wohnländer zu verlassen, oder den Wunsch hatten, als Juden in einem jüdischen Staat zu leiben, eine Heimat zu geben und vor äußeren Feinden zu schützen. Israel hat keinen Frieden „auf allen Seiten ringsum“, sondern mächtige Gegner, die vom Atlantischen Ozean bis zum Persischen Golf ein Gebiet von fast elf Millionen Quadratkilometer bewohnen. Diesem Riesenterritorium mit einer Bevölkerung von mehr als 100 Millionen Menschen steht der „Zwergstaat“ Israel mit knapp 2,5 Millionen und einer Fläche, die etwa der Niederösterreichs entspricht, entgegen. Auf je einen Israeli kommen also 40 Araber. Noch nie in der Geschichte ist ein so Meiner David einem so großen Goliath gegenübergestanden.

AUF GRUND SEINER GEOPOLI- TISCHEN LAGE war Israel als Landbrücke zwischen Europa, Asien und Afrika seit altersher stets das Ziel der Invasionen seiner Nachbarn: Hyxos und Hittiter aus dem Norden, Ägypter und Araber aus dem Süden, Philister, Griechen und Römer aus dem Westen, Perser und Babylonier aus dem Osten. Jahrhundertelang, genauer gesagt 900 Jahre, konnte sich das kleine judäische Königreich (mit Unterbrechungen) im Kräfteparallelogramm der Großmächte als souveräner Staat erhalten. Es konnte sich nicht nur erhalten, sondern war überdies in der Lage, der Welt die Idee des Monotheismus zu schenken. Trotz der Diaspora riß die Verbindung der Juden zu Israel nie ab. Auf dem Boden des Zionismus wurde der Gedanke der jüdischen Nation, untrennbar verbunden mit dem Gedanken an einen selbständigen jüdischen Staait, seit den Anfängen unseres Jahrhunderte aufs neue genährt. Auch die Beispiele Griechenlands, der südamerikanischen Länder (Simon Bolivar), Italiens, Deutschlands und der Balkanländer blieben nicht ohne Wirkung auf die quasi „in der Luft liegende“ Idee der Staatsgründung. In allen Teilen der W lt wurde diese Frage heftig diskutiert und es ergab sich zu guter Letzt auch das Problem der Verteidigung eines „solchen“ Landes.

Während vor allem pazifistische Kreise vorschlugen, sich mit einer Polizeitrupp.e zu begnügen, oder glaubten, Israel könnte eventuell von seinen Garantiemächten geschützt werden, schlugen Realisten ein aus zwei Teilen (einer Garnison- und einer Feldtruppe) bestehendes Heer vor. Obwohl all dies zur damaligen Zeit noch als Theorie erschien, die sogar noch vom Fleur der Utopie umgeben war, erlangte das Verteidigungsproblem bald brennende Aktualität. Nachdem im Jahre 1870 die erste landwirtschaftliche Schule der damaligen ottomanischen Provinz Palästina errichtet wurde, der im Abstand von zwölf Jahren vier weitere derartige Einrichtungen folgten, wurden diese Zentren landwirtschaftlicher Regenerierungen bald zum beliebten „Ausflugsziel“ arabischer Räuberbanden. Es ergab sich eine ähnliche Situation, wie sie im vierten Kapitel des Buches Nehemia beschrieben wird: „Und es geschah, als Saniballat hörte, daß wir die Mauer bauen, da wurde er zornig und sprach vor seinen Brüdern: Was machen die ohnmächtigen Juden? ... Aber wir bauten weiter an der Mauer. Und das Volk hat den Mut zur Arbeit. Und die Bauleute und die Lastträger luden auf, mit der einen Hand am Werke arbeitend, während die andere die Waffe hielt.“ Vielleicht dachten auch die Araber damals, was denn die „ohnmächtigen Juden“ wollten. Das veranlaßte Theodor Herzl auf dem ersten Zionistenkongreß in Basel im Jahre 1897 zu folgendem Ausspruch: „... ist es noch eine Frage, ob sie (die Juden in Palästina) die Arbeit dem Elend und der Wehrlosigkeit vorziehen? Man frage sie! An dem Tag aber, wo wieder der Pflug in der erstarkten Hand des jüdischen Bauern ruht, ist die jüdische Frage gelöst“ „Awodah we Haganah“ — Arbeit und Verteidigung — war von da an und ist es noch heute — der Kemgedamke des spezifisch israelischen Pioniergeistes.

UND WIEDER ZEIGT SICH DER WAHRHAFT PROPHETISCHE GEHALT des Buches Nehemia in bezug auf das israelische Verteidigungssystem, wie es sich auch heute noch präsentiert. Wenig hat sich in 2500 Jahren verändert: „Weder ich noch meine Brüder, noch die Männer der Wache zogen unsere Kleider aus; ein jeder hatte seine Waffe zu seiner Rechten.“ Ein markantes Beispiel dafür bilden die sogenannten „Nahalsetttements“, die überall im Lande an strategisch wichtigen Punkten errichtet wurden. Nicht nur im Strategischen liegt die Bedeutung dieser oft über Nacht errichteten Armeesiedlungen. Wüstensand und unfruchtbarer Felsboden, die jahr tausendelang dem (wenn überhaupt vorhandenen) menschlichen Bemühungen zur Fruchtbarmachung getrotzt hatten, werden von den Männern und Frauen in der grünen Uniform des „Tsahal“ — der hebräische Name für Armee — unter unsäglichen Mühen bebaut. Bereits um vier Uhr früh begeben sich die „Wehrbauern“ auf die Felder, wobei eine obligate Zweiteilung vorgenommen wird: dem „aktiven“ Mann am Steuer des Traktors oder hinter dem Pflug folgt der „Passive“, der wie in biblischen Zeiten die Waffe in seiner Rechten hält. Allzuoft nur wird auch er gezwungen, „sekundäraktiv“ in die landwirtschaftliche Erschließung des Landes einzugreifen. Selbstverständlich bedeutet diese Zweiteilung keine strikte Trennung von militärischem und landwirtschaftlichem Dienst? Aim nächsten Tag umklammern die Hände des Traktorführers den abgegriffenen Kolben der Maschinenpistole, während sein Bewacher von gestern mit der Pflugschar das widerspenstige Erdreich furcht.

Das hebräische Wort „Nahal“ bedeutet kämpfende Pionierjugend. Keine anderen Worte könnten den Charakter und den Geist dieser Bewegung besser definieren. Nahal hat eine Mission und eine Struktur, zu der es keine Parallelen oder Beispiele anderswo gibt. Der Erfüllung der Sicherheitsfunktion widmen andere Armeen sowohl im Krieg als auch im Frieden ihre gesamte Zeit. Nahal, als ein Teil der Israel Defence Forces, leistet mehr, als man es von einer Truppe erwartet. Ähnlich der Militärgrenze der alten österreichisch-ungarischen Monarchie wird nämlich in Israel stufenweise ein „Limes“ errichtet. In der Nahal-

Organisation, die ihre Mitglieder darauf vorbereitet, nach der Entlassung aus der Wehrpflicht kooperative Siedlungen mit wehrhaftem Bestimmungsgeist zu errichten oder zu bewohnen, macht der Soldat nur eine knapp zwölfmonatige rein militärische Ausbildungszeit durch, wäh rend die restlichen vierzehn Monate der Dienstzeit mit landwirtschaftlichen Belangen ausgefüllt werden. Damit die Grenzen des Staates mehr sind als nur sinnlose Linien auf der Landkarte, wurde der seit altersher sicherste Weg eingeschlagen, um den Straßen, Ortschaften und Feldern, die sich in unmittelbarer Nähe der Nachbarländer befinden, die notwendige Sicherung zu geben: Man baut paramilitärische Camps auf. Dazu kommt noch, ganz nebenbei, daß die Regierung in dem hohen Stand der soldatischen Ausbildung ihrer „jungen“

Bürger einen Garanten für eine wirklich „Right-Time-at-the-right- Spot-Defence“ sehen kann.

SO SCHLOSS DIE „KÄMPFENDE PIONIERJUGEND“ den Ring wehrhafter Ansiedlungen längs der nördlichen Grenze mit ihren Niederlassungen Ha’ on, Tel Katoir, in der Nähe des Berges Tabor. Dort konnte ich mir selbst ein Bild von der Situation machen. Gonen und No- tera, als auch Nahal Oz und Kerem Shalom auf der Gegenseite des ägyptisch besetzten Gaza-Streifens, setzen die Linie fort. Ein Geddi, Yot- vata, Ktziot und Ezuz zeigen den Weg der zukünftigen Expansion in die Wüste Negev und in die Wildnis von Judäa, die sich südlich des Toten Meeres erstreckt. Mit Ausnahme der völlig unfruchtbaren Regionen des Südens und Zentralgaliläas im Norden ist das ganze Land heute mit einem Netz von Ortschaften überzogen, von denen die Mehrheit im Jahre 1948 (dem Ordnungsjahr des Staates), nicht existierte. Ein Großteil dieser Neugründungen geht auf Nahal und ähnliche Organisationen zurück.

Auch zur Lösung des Problems der ungleichen und für einen Staat auf die Dauer budgetär untragbaren Relationen zwischen produktiven und nichtproduktiven Arbeitern, die sich in den ersten Jahren des neuen Staates aus den übergroßen europäischen Einwanderungswellen ergab, trug das Militär bei. Die oft recht zweifelhafte Anziehungskraft der lärm- und lichterfüllten Straßen Tel Avivs und Haifas wurde durch Pioniergeist und ein neuerstarktes Nationalitätsbewußtsein wesentlich vermindert.

Das im Jahre 1949 von der Knesset, dem israelischen Parlament, in Jerusalem angenommene Wehrgesetz sieht für Männer im Alter von 18 bis 26 Jahren eine aktive Dienstzeit von zweieinhalb Jahren vor, die erst kürzlich wegen der verstärkten Geburtenjahrgänge und der damit unausweichlich verbundenen Mehrbelastung des Verteidigungsbudgets auf 26 Monate herabgesetzt wurde. Frauen — Israel ist das einzige Land der Welt, in dem zu Friedenszeiten Wehrpflicht für weibliche Bürger besteht — dienen zwei Jahre, entsprechend der Dienstverkürzung der Männer, jetzt nur noch 20 Monate. Da man sich bemüht, ein Sicherheitsund Milizsystem nach Schweizer Vorbild aufzuziehen, dienen Männer in der Reserve bis zum 49. Lebensjahr,

davon die letzten vier Jahre beim zivilen Luftschutz, der allerdings auch unter militärischem Kommando steht. Mit dem Moment, wo sie Kinder bekommen; scheiden Frauen aus dem aktiven und Reservedienst aus, müssen sich ansonsten aber bis zum 34. Lebensjahr „allzeit bereit“ halten. Jeder Reservist kann im Jahr für 30 Tage, Offiziere für 37 Tage, zu Übungen eingezogen werden. Jeden dritten Monat muß er sich bei seiner Formation melden. Dabei wird auch seine Uniform und die anderen Ausrüstungsgegenstände einer genauen Kontrolle unterzogen. Die im ganzen Lande verstreuten Waffendepots machen es möglich, im Zuge einer totalen Mobilisation innerhalb von 48 Stunden 350.000 Mann „Gewehr bei Fuß“ auf die Beine zu stellen. Im Rundfunk werden dann auch Kennworte wie „Dornröschen“ oder „Schneewittchen“ durchgegeben, die bestimmte Truppenteile bezeichnen, so daß dem Reservisten, der genau weiß, wo und bei wem er sich zu melden hat, der Zeitpunkt seiner Stellung bekannt wird. Besonders in den Grenzgebieten wurde dieses System „total“ zur Anwendung gebracht. Ein Beispiel: Das einzige Schiff, das auf dem Tiberiasee verkehrt, wird von einem Kapitän gelenkt, der früher einmal auf dem Heustadelwasser in Wien eine Bootsvermietung besaß. Nebenbei befindet er sich im Range eines Oberkommandierenden der dort stationierten und ansässigen Reservegrenzschutzkompanie. Das System hat sich bis jetzt bewährt.

Die Armee umfaßt folgende Truppeneinheiten: Infanterie, Panzer korps, Fallschirmjäger, die zum Unterschied von den Amerikanern (und auch Österreichern) rote Barette tragen, Artillerie, Signaltrup- pen, Ingenieurkorps, Feldzeugmeiste- rei, Sanität, Flotte und Luftwaffe. Den Oberbefehl über die gesamten Streitkräfte hat der Chef des Gene- ralsitabes ihne. Vier Hauptgruppen sind im Generalstab vereinigt: Planung und Kriegsführung, Truppenmaterial, Nachrichtendienst und Logistik.

SELBSTVERSTÄNDLICH IST DIE ISRAELISCHE ARMEE heute mit den modernsten Kriegsgeräten, darunter auch mit Luftabwehrraketen und anderen taktischen Waffen, ausgerüstet, heißt es doch schon im zweiten Buch der Könige: ,,... so falle Feuer vom Himmel und fresse dich ...“ Trotzdem: Als sich an einem sonnigen Sonntagmorgen die Caravelle der Austrian Airlines von der Startbahn des Flughafens Lod hei Tel Aviv abhob. tauchte plötzlich aus dem gleißenden Gegenlicht ein Geschwader von Mirage-Jägern auf und entschwand Sekunden später, sechs weiße Kondensstreifen hinter sich lassend, am Firmament, Merkwürdig: Diese kriegerische Demonstration erweckte in mir eine friedliche Assoziation. In diesem Moment fiel mir ein Wort ein, in welchem die geistige Grundhaltung Israels auch im Alltagsleben zum Ausdruck kommt: Shalom — Friede.

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