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Revolution aus Frustration

Mit den Studentenunruhen im Iran stößt die Mullah-Politik des "flexiblen Durchwurstelns" an ihre Grenzen. Wo der Deckel hinfliegt, wenn er hochgeht, weiß man aber weder in der EU, geschweige denn in den USA.

Dieses Mal ist es ganz anders als früher", ist Nasrin Ramzanali überzeugt. "Dieses Mal wird es gelingen, das iranische Regime zu stürzen. Dieses Mal lassen wir uns nicht mehr zurückschicken." Seit zehn Jahren lebt Ramzanali in Deutschland. Trotzdem spricht sie von "wir" und von "uns", wenn sie von den protestierenden Studenten im Iran spricht. Die Furche erreicht die Repräsentantin der "International Federation of Iranian Refugees" (IFIR) auf dem Weg zu einer Iran-Kundgebung in Bochum. Ihrer Solidarität mit den Regimegegnern im Iran, aber auch ihrer Wut über die Inhaftierung zahlreicher Volks-Mudjahedin in Frankreich und Deutschland will sie Stimme und Ausdruck verleihen. "Nicht diese iranischen Oppositionellen, sondern die Machthaber im Iran sind die Terroristen", schimpft sie ins Telefon.

Obwohl der Teheraner Polizeichef die Studentenproteste Anfang dieser Woche offiziell für beendet erklärt hat, Demonstrationen, Krawalle und wilde Schlägereien in den großen Städten des Landes setzen die Regierung zunehmend unter Druck. Heute - so wie vor 50 Jahren. Es braucht daher nicht zu verwundern, wenn das Mullah-Regime die Demonstranten als "Agenten fremder Mächte" abstempelt und damit böse Erinnerungen wachrufen will.

Frühling 1953: US-Präsident Dwight D. Eisenhower gibt der CIA grünes Licht für einen Staatsstreich im Iran. Ministerpräsident Mohammed Mossadegh, der auf eine Demokratisierung des politischen Systems und die Nationalisierung der iranischen Ölindustrie hinarbeitet, ist das Ziel des Putsches. Das CIA-Büro in Teheran erhält eine Million Dollar für "alle Aktivitäten, die den Sturz Mossadeghs bewirken können".

Pfauenthron von US-Gnaden

Iranische CIA-Mitarbeiter, ist in einer Geheimdienst-Chronik über die damaligen Ereignisse zu lesen, lenken Mitte August 1953 Demonstranten in das Zentrum der Hauptstadt, bringen Armeeteile dazu, sich dem Zug anzuschließen und "heizen die Stimmung weiter an". Die Büros der Iran-Partei, die Mossadegh unterstützt, werden gestürmt, Radiosender besetzt, Zeitungsredaktionen gehen in Flammen auf. Dennoch, der erste Putschversuch gegen die demokratische Regierung Mossadeghs, der bis heute im Iran ungebrochene Popularität genießt, scheitert. Schah Mohammed Reza Pahlewi muss kurz ins Exil flüchten, bis ihn die USA nach einem weiteren Anlauf zum Staatsstreich auf den Pfauenthron zurückholt.

Dieses amerikanische Vorgehen legt den Keim für die islamische Revolution und die Rückkehr von Ajatollah Khomeini. "Es war nicht zuletzt der Widerstand gegen die Amerikaner", analysiert die deutsch-iranische Orientalistin Katajun Amirpur, "der das iranische Volk 1978 auf die Straßen trieb." Denn unter der Schah-Herrschaft gebärden sich die Amerikaner wie Besatzer, "für die Recht und Gesetz oder auch nur die Reihenfolge bei der Kinoschlange nicht relevant sind". Die Unterstützung Saddam Husseins, als dieser den Iran angreift, das Wirtschaftsembargo, der Abschuss eines iranischen Passagierflugzeugs und die Auszeichnung der dafür Verantwortlichen - Amirpur nennt diese und andere Gründe, die Amerika zwanzig Jahre lang zum "identitätsstiftenden Feindbild" im Iran machen.

Bis der iranische Präsident Mohammed Khatami mit einem CNN-Interview 1998, in dem er die "großartige amerikanische Zivilisation" lobt, eine erste Aufweichung der Frontstellung anregt. Die Clinton-Administration sendet wohwollende Zeichen einer Annäherung zurück. Nicht zuletzt durch das Eingeständnis der damaligen Außenministerin Madeleine Albright, am Putsch 1953 beteiligt gewesen zu sein.

Kein "Marg bar amrika" mehr

Erst mit George W. Bushs Definition der "Achse des Bösen" und der Einbeziehung des Iran in den Kreis der "Schurkenstaaten" gewinnen auch im Iran wieder die Hardliner die Oberhand. Zuvor war nach den Attentaten des 11. Septembers sogar der Ruf "Marg bar amrika" ("Nieder mit Amerika") ausgesetzt worden. Und Khatami propagierte weltweit den "Dialog der Kulturen". Mit dieser "Gegenrede zum clash of civilizations ist Khatami ein wichtiger und geschickter Schachzug gelungen", meint der Iran-Experte Johannes Reissner von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Damit konnte der Präsident im Ausland seinen Ruf als liberaler Reformer festigen. Im Iran hingegen, sagt Reissner, sei das Volk von Khatami "schon lange enttäuscht". Die Demonstrationen sind für den Iran-Kenner "Frustrations-Erscheinungen" mit unsicherem Ausgang: "Wo der Deckel hinfliegt, wenn er hochgeht, kann zum jetzigen Zeitpunkt keiner sagen." Es ist aber keineswegs ausgemachte Sache, gibt er zu Bedenken, dass alles, was kommt, besser sei als das jetzige Regime.

Doppelleben macht krank

Nasrin Ramzanali, mittlerweile mit Transparent und Megafon ausgerüstet auf der Demo in Bochum, widerspricht heftig: "Es kann nur besser werden. Bespitzelung, Angst, Folter, Hinrichtungen müssen endlich wieder einmal vorbei sein." Neben der kontinuierlich steigenden Zahl der Drogenabhängigen (mehr als zwei Millionen) wird aus dem Iran ein alarmierender Anstieg psychischer Erkrankungen gemeldet. Depressionen und Schizophrenie befallen vor allem junge Leute, die das aufgezwungene Doppelleben nicht mehr ertragen können: ein öffentliches Leben nach den strengen Regeln des Islam und ein privates, das von der geheim praktizierten Gegenkultur geprägt ist.

Und diese Gegenkultur wird von den USA dominiert. "Über Internet und die verbotenen Satellitenanlagen ist die amerikanische Kultur in fast jedem iranischen Wohnzimmer präsent", rechnet Katajun Amirpur vor. Das führt zur paradoxen Situation, zeigt sich die Orientalistin verwundert, dass trotz der großen Vorbehalte gegen die US-Politik in der Vergangenheit, "die iranische Bevölkerung inzwischen sicherlich die bei weitem amerikafreundlichste der islamischen Welt ist".

Vor einer Einmischung der USA in die iranische Innenpolitik fürchtet sich Nasrin Ramzanali: "Dann wird aus dem Iran Afghanistan und Irak zugleich", warnt sie. Außerdem weiß die IFIR-Sprecherin aus Oppositionskreisen, dass "die Amerikaner mit den Monarchisten verhandeln". Sie plädiert indes eindeutig für eine "säkulare Demokratie" und auch die allgemeine Stimmung im Iran sieht sie "in Richtung der Linken" tendieren.

Johannes Reissner ist da viel skeptischer. Für ihn ist die "Politik des flexiblen Durchwurstelns" im Iran noch lange nicht zu Ende. Eine Alternative zu Khatami, dessen Amtszeit 2005 unwiderruflich ausläuft, ist für ihn nirgends in Sicht. Reissner hofft nur, dass "sich die Europäer nicht irremachen lassen und bei dem dummen Geblase der Amerikaner nicht mitmachen". Der im letzten Dezember begonnene "echte politische Dialog" zwischen der EU und Iran gehöre unbedingt fortgesetzt. Nur so könnte nämlich Nasrin Ramzanali Recht behalten, und es wird dieses Mal wirklich ganz anders als früher.

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