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Morgenröte über Schatt-el-Arab

Der vor kurzem begangene siebte Jahrestag der islamischen Revolution hat eine neue iranische Offensive gebracht, die den Südirak überschwemmt. Andererseits hatte sich die Islamische Republik Iran noch nie zuvor so eng an das kommunistische Rußland angeschlossen wie jetzt nach dem Besuch der ranghöchsten sowjetischen Delegation in Teheran seit der Vertreibung des Schah. Diesen Gesprächen mit dem Moskauer Vizeaußenminister Kornenko sind inzwischen Erklärungen des iranischen Parlamentspräsidenten Hodschatoll-

Islam Rafsandschani gefolgt, die keine Zweifel an der neuen Achse zwischen dem persischen Schiiten-Halbmond und dem roten Kremlstern mehr lassen.

Wie Rafsandschani auf einer Pressekonferenz zum Vorstoß der iranischen Streitkräfte über den Schatt-el-Arab und zum neuen Nahverhältnis mit Rußland ausführte, herrscht jetzt wieder ein gutes Verhältnis zwischen Teheran und Moskau. Meinungsverschiedenheiten gäbe es noch über die sowjetische Truppenpräsenz in Afghanistan und die sowjetische Militärhilfe an das jetzt so schwer bedrängte Bagdad. Kornenko habe aber auch bei diesen beiden heißen Eisen für die persisch-russische Annäherung „Flexibilität“ bewiesen.

Zwei weitere heiße Eisen und

der wichtigste gemeinsame Nenner des „Abkommens von Teheran“ wurden durch den Hodscha-toll-Islam (islamischer Würdenträger) nicht öffentlich angesprochen. Es ging zunächst um die Unterstützung fast aller kommunistischen Parteien außerhalb des Ostblocks für die inneriranischen Gegner der klerikalen Diktatur: um die Volksmudschaheddin. Zu ihrem Februargedenken am vierten Jahrestag der Ermordung von Aschraf Radschawi und Mussa Chiabani, der Frauenführerin und des Vizekommandanten dieser „Mudschaheddin Chalq“, hatte sich erneut die ganze europäische KP-Prominenz von den „pazifistischen Sozialisten“ der Niederlande bis zum griechischen Bürgerkriegshelden Manolis Gle-zos mit Solidaritätsbotschaften eingestellt.

Das zweite heimliche Sorgenkind Chomeinis in Zusammenhang mit der sowjetisch-atheistischen Unterwanderung seines Gottesstaates ist die Lage in Ira-nisch-Balutschistan. Die sowjetische Sezessionspropaganda in Richtung des pakistanischen Landesteiles hat auch vor dem iranischen Anteil an dem Sied-

lungsraum des Fünf-Millionen-Volkes der Balutschen nicht halt gemacht. Die kommunistische Tudeh-Partei hatte hier bis zur Zerschlagung durch Chomeini 1983 eine ihrer Hochburgen. Und bis jetzt ist gerade hier die Zahl der Regimegegner und Sabotageakte besonders hoch. So ist Balut-schistan für die Ayatollahs genau das, was nach dem Zweiten Weltkrieg das nordwestliche Aserbaidschan in der Kraftprobe zwischen dem Schah und Stalin gewesen war.

Die gemeinsame Gegnerschaft zum Westen und der abgrundtiefe Haß der derzeitigen iranischen Machthaber gegen alles Abendländische haben sich jedoch viel stärker als diese Differenzen und Gegensätze erwiesen. Nur wenige Stunden vergingen, und das neue gemeinsame iranisch-sowjetische Konzept wurde gegen die prowestlichen Kleinstaaten am anderen Golfufer in die Tat umgesetzt. Die Stoßrichtung der Großoffensive „Morgenröte über Bas-ra“ zielte gar nicht so sehr gegen den Irak unter Moskaus Schirm wie gegen die gemeinsamen „reaktionären“ Widersacher Kuwait, Bahrain und Qatar.

Diese jetzt so überraschende Wende des persisch-russischen Zusammenspiels am Golf hat sich in aller Stille schon seit über einem Jahr angebahnt. Nach dem 1984 wegen Unterdrückung der Tudeh-Partei und dem Schauprozeß gegen ihre Führer erreichten Tiefpunkt in den Beziehungen zwischen Teheran und Moskau machte sich der profilierte Sowjetbotschafter Boldyrew gezielt an die Wiederannäherung. Zunächst nur auf wirtschaftlichem Gebiet, wo die regierende „Partei Allahs“ in ihrer Kriegs- und Notlage jede Hilfe annehmen mußte. Sogar von dem bis dahin beschimpften „roten Teufel“ im Kreml.

Ungarn und Bulgarien wurden zum Aufkauf der iranischen Baumwolle ins Treffen geschickt, und Vizeaußenminister Ardebili sprach im April 1985 in Moskau vor, nachdem sein Regierungschef Mussawi zuvor auf Kuba und in Nicaragua das Zusammengehen der islamischen mit der kommunistischen Weltrevolution in Lateinamerika vereinbart hatte. Der DDR-Minister Wyschofsky brachte den Ayatollahs einen Warenaustausch im Wert von 20 Millionen Dollar, und Ende September 1985 trafen in Teheran die ersten sowjetischen Raketen ein: über Libyen, Syrien und Nordkorea 70 SAM und 60 SAM verschiedener Typen.

Von da bis zur ,Kornenko-Mis-sion nach Teheran und der aus ihr resultierenden iranischen Golfaktion mit Fernzielen im erklärt westlichen Einfluß- und Interes-sensbereich war es dann nur mehr ein kleiner Schritt.

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