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Blut für Chomeini: Die Perser murren

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Das Blut für den Export der islamischen Revolution Chomeinis über die Grenzen von Iran hinaus fließt dieser Tage wieder in Strömen: nicht nur im wieder angeheizten Golfkrieg oder in Libanon.

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Das Blut für den Export der islamischen Revolution Chomeinis über die Grenzen von Iran hinaus fließt dieser Tage wieder in Strömen: nicht nur im wieder angeheizten Golfkrieg oder in Libanon.

Zunächst einmal im schiitischen Gottesstaat selbst: Auf Weisung des sogenannten Revolutionsanwaltes in Teheran wird dort neuestens die Todesstrafe des Verblutens vollstreckt. Regimegegnern, Sündern gegen die islamischen Gebote und Bekennern des Bahai-Glaubens zapft man ihr Blut mit Injektionsnadeln langsam ab.

Der kostbare Saft wird für die Herstellung von Blutkonserven verwendet. Diese werden den Truppen an der Golf front und den Revolutionsgarden nach ihren oft hohen Verlusten und Verwundetenzahlen bei den inneren Auseinandersetzungen mit kurdischen und aserbaidschanischen Aufständischen sowie mit den Stadt-Guerillas der Mudschaheddin und Feddajin Chalk zur Verfügung gestellt.

Die letzteren „Volks-Feddajin” konnten eine Kopie der Verordnung mit der Protokollnummer 3250 herstellen und als Flugblatt in allen größeren Städten und unter den iranischen Soldaten verbreiten. Was diese am meisten erschütterte, war die ausdrückliche Billigung dieses nur mit den schrecklichsten KZ-Praktiken vergleichbaren Vorgehens durch Ayatollah Chomeini.

Seine Person war bisher bei allen inneriranischen Auseinandersetzungen und Machtkämpfen tabu geblieben. Die wachsende Kritik an den militärischen wie wirtschaftlichen Mißerfolgen, den harten religiösen Satzungen und zunehmender Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten, an Folter und Willkürjustiz hatte sich immer gegen die „Partei Gottes”, die Regierung, Polizei, gegen einen Mussauwi, Montaseri oder Raf-sandschani, doch nie gegen Ru-hollah Chomeini persönlich gewendet.

In seiner Eigenschaft als Velat-jat-e-Fakih, als mit der Verfassung der Islamischen Republik Iran von 1980 auf Lebenszeit eingesetzter „Religionswächter”, stand er über den tagespolitischen Auseinandersetzungen, war über jede Verdächtigung und jede üble Nachrede im Volk erhaben. Seine ausdrückliche Billigung für den „Bluterlaß” des Revolutionsanwaltes hat Chomeini seinen Nimbus jedoch genommen.

So sind Widerspruch und Widerstand dem extremen schiitischen Regime gegenüber heute nicht mehr eine Sache der verschiedenen oppositionellen Bewegungen allein. Zunächst hatte die Opposition gegen die Islamische Republik überhaupt nur aus den wenigen noch immer Getreuen der Schah-Familie, der Gefolgschaft des letzten konstitutionellen Ministerpräsidenten Bachti-jar und den Anhängern des zunächst um die Präsidentschaft der neuen Republik bemühten, doch bald ebenfalls nach Paris geflohenen Admirals Ahmad Madani bestanden.

Als ihm auch sein Wahlkampfgegner, der erste iranische Präsident Bani Sadr ins Exil folgte, entfalteten auch die vorher mit der Islamischen Revolution verbündeten „Volks-Mudschaheddin” eine spektakuläre Terrorwelle in der Hauptstadt und den anderen iranischen Metropolen.

Nach dem Bruch des Regimes mit seinen besten Verbündeten beim Sturz des Schah, den Tudeh-Kommunisten, ging auch deren Miliz der „Volks-Feddajin” in den Untergrund.

Zu einer regelrechten Volksbewegung ist der iranische Widerstand aber erst durch die Grausamkeit aller Regierungsorgane geworden. Während der Golfkrieg seinen patriotischen Solida-risierungseffekt der Massen mit der politischen Führung noch immer nicht eingebüßt hat, beginnen die tagtäglichen brutalen Ubergriffe der Revolutionsgardisten vom Pasdaran eine ähnlich zerstörende Wirkung auszuüben wie früher die unmenschlichen Praktiken des Savak, der geheimen Staatspolizei unter dem Schah.

Die erste Zeit nach der Islamischen Revolution hatte den Menschen in Iran in dieser Hinsicht wirklich ein Aufatmen gebracht. Inzwischen ist vor allem die Folter in den ohnedies überfüllten iranischen Gefängnissen wieder zu einer Routinepraxis geworden.

Dafür werden in erster Linie die Schergen des verhaßten Pasdaran verantwortlich gemacht.

Wo früher Kinder aus den besten islamischen Familien von ganz Iran die katholische Schule besuchten, werden schon fünf Jahre lang jene Pasdaran geschult, die Verhaftungen vornehmen, Verhöre durchführen und in den Gefängnissen als Wärter tätig sind.

Besonders traurige Berühmtheit für Auspeitschungsorgien der Revolutionsgardisten hat die frühere Müchfarm Salehabad zwischen Teheran und der „heüi-gen” Stadt Chom erlangt. Sie ist schon seit 1982 ein Straflager für politische Gefangene aller Richtungen.

Der Eindruck, den heute die innere Szenerie der Islamischen Republik Iran nach einem Besuch hinterläßt, erinnert an die Berichte über Paris oder die Vendee auf dem Höhepunkt der Französischen Revolution: viele gute Absichten, ein paar Reformen, die geradezu historisch sind, doch alles in einem Meer von Blut.

Auch auf den weiteren Gang der Dinge in Iran bezogen, scheint seine Islamische Revolution mit dem Umbruch von 1789 viel Gemeinsam zu haben: Während die Islamische Republik im Inneren schon längst in den letzten Zügen zu liegen scheint, machen ihre Generäle den strategisch und rüstungstechnisch klar überlegenen Irakern die Hölle heiß, gewinnen die Ideen Chomeinis und seines geistigen Vorläufers Ali Schariati nicht nur in der islamischen Welt, sondern auch in Indien, Lateinamerika und bei den Schwarzen Südafrikas an Boden.

Der äußere Siegeszug der islamischen Revolution iranischen Stils ist sicher noch lange nicht zu Ende. Im Inneren jedoch ist ein Wandel nicht unwahrscheinlich.

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