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Die Paradiestür blieb zu

Kaum eine andere Revolution hat auf eine so große Unterstützung durch das Volk bauen können wie die des Ayatollah Khomeini im Iran - 25 Jahre später ist hingegen klar: Die Islamische Republik ist gescheitert.

Es war ein Moment ungezügelter religiöser Freude, für die es wahrscheinlich keine Parallele in der modernen Welt gibt. Wenn der verborgene Imam (der islamischen Schiiten) nach elfhundert Jahren in die Welt zurückkehrte, könnte die Begeisterung kaum größer sein", berichtete der berühmte ägyptische Journalist Mohammed Heikal. Der einstige enge Berater Präsident Gamal Abdel Nassers hatte am 1. Februar 1979 den 75-jährigen iranischen Ayatollah Ruholla Khomeini auf seinem Flug von Paris nach Teheran begleitet. Millionen von Menschen hatten dem weißbärtigen Greis einen einzigartigen Empfang bereitet. "Die Tore des Paradieses haben sich wieder geöffnet", riefen Tausende.

Während das Flugzeug noch über der Hauptstadt kreiste, warnten Offiziere der Armee Schah Reza Pahlevis, dass sie angesichts des Volksaufruhrs nicht für die Sicherheit des nach 13-jährigem Exil heimkehrenden Imams garantieren könnten. Freilich, das Hinscheiden Khomeinis erschien zu jener Zeit weder der Armee, noch der Regierung des 16 Tage zuvor ins ägyptische Exil geeilten "Königs der Könige" unwillkommen. "Wäre es nicht besser, der Revolutionsführer würde durch die Liebe seiner Anhänger erdrückt, als durch die Panzer der Armee", beschreibt Heikal die Stimmung. Doch Ayatollahs Anhänger übernahmen die Verantwortung für die Sicherheit ihres Helden und das Volk bewies Disziplin.

Historiker sind sich einig, dass kaum eine andere Revolution in der Geschichte derart breitgefächerte Zustimmung aus dem Volk fand. Die Iraner glaubten Khomeinis Beteuerungen, dass von allen Revolutionen der modernen Zeit einzig seine von Gott inspiriert sei. Und auch wenn viele der Herrschaft der reaktionären Geistlichen einen raschen Untergang vorhersagten, die "Islamische Republik" überdauerte.

Eine spirituelle Autorität

Wie konnte ein alternder Theologe, der nichts wusste von Politik und Revolution, den mächtigsten, Militärherrscher des Orients vom Pfauenthron stürzen - und das noch dazu aus 4.500 Kilometer Entfernung? Es waren vor allem zwei Eigenschaften, die dem strengen Ayatollah die Herzen der tiefgläubigen iranischen Massen öffneten: Sein spartanischer Lebensstil, der in krassem Gegensatz zu den Ausschweifungen des Kaisers und dessen Aristokratie stand; und die Tatsache, dass Khomeini über spirituelle Autorität verfügte, die den säkularen Führern fehlte. Khomeini hielt seine Botschaft simpel: Er kritisierte die Monarchie als "eines der schändlichsten und schmachvollsten reaktionären" Systeme und verhieß eine gerechte Ordnung.

Vereinigte Opposition

In seinem Pariser Exil konzentrierte er sich auf den Sturz der Monarchie und hielt seine Vorstellungen von der politischen Zukunft des Landes vage. Damit klammerte er die kontroversiellen Themen aus und erreichte eine Vereinigung aller anti-monarchischen Kräfte, der sich sogar Atheisten anschlossen. Da der Schah jeder Opposition im Lande das Rückgrat gebrochen hatte und nur die Moscheen verschonte, blieben die Geistlichen als einzige Kraft, die einen Widerstand formieren konnte. "Die Revolution", so Khomeinis erster stellvertretender Premier, Ibrahim Yazdi, "bestand aus einem Mann, dem Imam, und Millionen seiner Anhänger. Dazwischen gab es niemanden."

Schah Reza Pahlevi hatte durch seine autoritäre Politik, durch fehlgeleitete Reformen der "Weißen Revolution", durch Korruption und Auswüchse einer raschen Verwestlichung das ganze Volk - mit Ausnahme der höchsten Elite - vergrämt. Die einflussreichen Bazar-Händler und die Ulema, die islamische Geistlichkeit, verärgerte der Kaiser als er ihnen ihre ökonomische Unabhängigkeit zu rauben suchte. Die Intellektuellen erzürnte er durch die Weigerung, sie am politischen Entscheidungsprozess zu beteiligen. Es waren diese "Mustazafin", die Entrechteten, denen Khomeini eine gerechte Ordnung verhieß, in der auch sie an den Ölmilliarden des Landes teilhaben sollten. Ein Versprechen, das unerfüllt blieb.

Wie nichts anderes sah Khomeini seinen revolutionären Erfolg durch die 700.000 Mann starken, von den USA ausgestatteten und trainierten Streitkräfte gefährdet. In unzähligen, über Tonbändern in den Moscheen verbreiteten Aufrufen, empfahl er dem Volk ein einzigartiges Rezept, um die Moral der Armee zu brechen:

Mit Blumen gegen Soldaten

"Konfrontiert die Soldaten mit Blumen. Bekämpft sie durch Martyrium, lasst sie so viele Zivilisten töten, wie sie wollen, bis die Massaker, die sie verüben, sie in der tiefsten Seele erschüttern." Dann werde die Armee auseinanderbrechen. Und so geschah es. Der Appell an den "Märtyrerkomplex, der tief in der Psyche der iranischen Schia verankert ist, hatte Erfolg. Insgesamt mussten 60.000 Iraner Khomeinis Sieg mit dem Leben bezahlen. Hunderttausend Menschen machte die Revolution zu Invaliden. Mit ihrem Sieg und der Demütigung der Supermacht durch die Besetzung der US-Botschaft in Teheran heizten die Ayatollahs die antiwestliche Stimmung im ganzen Orient auf.

Doch der von Khomeini erstrebte "Export der Revolution" misslang. Gravierende politische Fehlschläge raubten der islamischen Revolution ihre Anziehungskraft. Intern verlor die "Islamische Republik" nur ein Jahr nach dem Sieg der Revolution bereits einen großen Teil ihrer Anhänger. Willkürliche Verhaftungen und Exekutionen von Tausenden schreckten das Volk.

Theokraten vs. Reformer

Im Laufe der Jahre begannen die Iraner die Mullahs noch mehr zu hassen als einst den Schah. Alle ihre Bemühungen, dem Volk anti-westliche Gefühle, islamistisch-revolutionäre Ideen einzuimpfen, bewirkten das Gegenteil. Irans Kinder der Revolution (rund 70 Prozent der Bevölkerung sind nach 1979 geboren) lieben den Westen, sie sehnen sich nach ihm, nach seiner Kultur und Lebensstil.

Die Widersprüche, die der Islamischen Republik zugrundeliegen, haben das Regime bedrohlich gespalten. Khomeinis Staat stützt sich auf zwei völlig unterschiedliche Grundpfeiler: die Souveränität des Volkes und die Souveränität der Religion. "Beide waren in der Person des Imams verkörpert. Nach dessen Tod 1998 rückten diese beiden Legitimitäten der islamischen Republik immer weiter auseinander", erläutert der Publizist Murad Saghafi.

25 Jahre nach Khomeinis Sieg kämpfen die Theokraten heute um ihre Pfründe, während die Masse des Volkes, vertreten durch die reformorientierten iranischen Parlamentarier, nach Souveränität ruft. Der Ausgang dieses Ringens um die "Seele der Revolution" wird den gesamten Mittleren Osten wesentlich prägen: Die Entscheidung wird zwischen Theokratie, Republik oder einem völlig neuen dritten Weg fallen - einer Art islamischer Demokratie.

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