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Eine Nacht, aber tausend Gedanken

Der Iran erwacht allmählich aus seinem touristischen Dornröschenschlaf.

Dogubayazit, ein früher kalter Morgen in den Hochebenen Ostanatoliens. Fahl liegt die Sonne über dem schneebedeckten Ararat, und die LKW-Schlange an der türkisch-iranischen Transitgrenze dümpelt lustlos vor sich hin. Die Westembargos lockern auf und man lebt wieder miteinander. Die Kurden jenseits des Stacheldrahts wussten ohnedies immer Bescheid, wie man Fremde rupft. "Foto Problem", meinen dunkelgewandete Zivilstreifen nach harmlosen Schnappschüssen und verfrachten die Übeltäter immer noch für Stunden in Grenzpolizeikotter, zu Taschendieben und Uhrenschmugglern.

Seit 1979 regieren die Ayatollahs mit eiserner Faust, trotz spürbarer Erleichterungen in den letzten Jahren. Khomeinis Konterfei lacht überlebensgroß von Häuserwänden und Brückenpfeilern, und die Wächter der Revolution sind überall, wie unter vorgehaltener Hand versichert wird. Zu viele Jahre der Abschottung von den kapitalistischen Teufeln machen neugierig, und selbst harmloses Flanieren durch die Dörfer am Kaspischen Meer endet nicht selten mit langwierigen Einladungen in örtliche Polizeistationen: "Passport, Mister", und viel zu viele Verbrüderungstees vom Türsteher bis zum Vorstand, bis der Weg frei ist zum Sandstrand von Nowshara.

"Husseini" heißt das Gestade, das drei Bereiche umfasst: Da ist die neutrale Zone mit Bretter-Strandlokalen, wo sich die örtliche Schickeria bei Chelo Kebab und Cola ein schattiges Stelldichein gibt. Rechts und links davon, jeweils durch einen Fetzenplanenzaun ins Meer hinein vor den Blicken des anderen Geschlechts geschützt, sind die badenden Männlein und Weiblein unter sich. Mehr als die Aussicht auf neckische schwarze Tschadors über den Planken ist nicht drin.

Neckische Tschadors

Bei aller Liberalisierung durch das neue Regime, das der gemäßigte Regierungschef Khatami anführt: Der Tschador der Frauen mag mittlerweile dunkelgrün oder hellbraun sein, die Jeans darunter offensichtlich, doch rotlackierte Fingernägel sind weiterhin suspekt. Offenes Haar findet man bestenfalls in den Bergregionen des Elburs nördlich von Teheran, wo die Kopfhüllen feiertäglicher Wanderinnen fallen. Der Mount Touchal, einer der kargen Viertausender, ist mit einer Umlaufseilbahn made in France bestens erschlossen - kein Wunder, denn auch die iranische Skinationalmannschaft muss für ihre legendären Olympiaauftritte trainieren, wo sommers nur einige rostige Liftstützen zwischen kiesbedeckten Schneefeldern einen Hauch von Winter in das Land treiben. Der Blick auf das dunstige Häusermeer der Metropole Teheran mit ihren sieben Millionen Einwohnern ist berauschend und die 5.000er Gletscher des Damavand scheinen zum Greifen nahe.

Der Schah mag tot sein, die Mullahs seit 1979 an der Macht, doch sein Vermächtnis ist allgegenwärtig: Ältliche Peugeots und Renaults als Zeugen franko-persischer Freundschaft. Asphaltierte Straßen im flimmernden Nichts, auch abseits der Hauptrouten, die antike Mercedes-Luxusliner mit roten Plüschvorhängen bedienen. "God remember", klebt über dem Autokennzeichen in Farsi-Lettern, "we go to trip good bye". Alle paar Stunden ein Checkpoint, beruhigende Hinweise auf die nächste Tankstelle in 210 Kilometern: Ein weites Land, fürwahr. Die rotweißen Busse von "Tavoni Nr. 1" beginnen Langdistanzen meist unchristlich früh, um der brütenden Nachmittagshitze des Wüstenstaates zu entgehen, der auch zu den Blütezeiten der Mullahs, trotz Golfkrieg und Wirtschaftsboykott, keine Entwicklungsregion wurde, so abgekapselt von der Außenwelt man auch war.

Beim Busterminal Azadi starten wieder Langstreckenbusse bis Paris und Mailand, zur langen Fahrt in eine fremde Welt, die rosa Scheinwerfer und hellblaue Bremslichter als orientalisch verdammt. Payfan und Saipa sind Autos, die man nur in Persien baut und kennt; die alten ausrangierten bundesdeutschen Stadtautobusse von Täbriz und Isfahan wiederum werden seltener. "Wochenkarte beim Fahrer, Stadtwerke Flensburg" bleibt den meisten unverständlich - was Wunder bei einer Analphabetenrate von 48 Prozent. Die konservative Geistlichkeit hatte kein Interesse an einer Bildungsoffensive, die liberales Gedankengut allzu weit verbreiten würde. Das war nicht immer so.

Persien ist ein Land von 2.500 Jahren Geschichte, das in seiner Blütezeit die Größe Westeuropas hatte. Da regierten Xerxes und Darius, bis Alexander der Große auf seinem Zug nach Osten Persepolis zerstörte. Die Mausoleen von Hafez und Saadi in Shiraz, zwei mittelalterlichen Dichtern, verzaubern mit Springbrunnen und kühlen Säulenhallen - Erinnerungen an die Hochzeiten persischer Literatur, als noch keine satanischen Verse die heile Welt erregten und die Nachbarn in Afghanistan noch nicht Djihad spielten.

Persien war bereits ein Weltreich, als die Anglo-Persian Oil Company 1908 den Grundstein zu Reichtum und Macht legte - zu Iran, dem 'Land der Arier', wurde der Wüstenstaat erst 1935. Die Dynastie Pahlevi lenkte das Land von 1925 bis 1979, modernisierte mit Hilfe ausländischer Kapitalflüsse diktatorisch, und galt bald als Statthalter des dekadenten Westens. Der Schah verstaatlichte die Ölindustrie und führte gegen heftigen Widerstand der Geistlichkeit 1962 das Wahlrecht für Frauen ein. Khomeini musste daraufhin das Land verlassen, doch 1978 war er wieder da: An der Spitze der Islamischen Wiedergeburt wurde dem dekadent-westlichen Fortschritt ein blutiger Garaus gemacht, die traditionellen Werte des Islam triumphierten, und der kaiserliche Schah floh um sein Leben - mit ihm die Bildungselite, die den radikalen Weg zurück in die Vergangenheit nicht mitgehen wollte.

Die Islamische Präsidialrepublik vertraut seither wieder der Scharia, dem islamischen Recht. 99 Prozent der 65 Millionen Iraner sind Moslems, ein Gutteil davon Schiiten, die Freitage zu Feiertagen machen. Ungläubige werden geduldet, zumindest dort, wo Ungläubige erwartet werden: In der Masjid-e Shah Cheragh von Shiraz oder am imposanten Imam-Platz von Isfahan sind Touristengruppen keine Seltenheit mehr. Sie haben die strengen Bekleidungsvorschriften des Landes zu respektieren - Mantel und Kopftuch für Frauen, langärmelig die Männer, Shorts sind tabu.

In den Katakomben der unterirdischen Souks (Basare) scheint die Zeit auch stillzustehen: Eine Welt bärtiger Männer, Kesselflicker und Töpfer, feiste Gewürzhändler wie hagere Alte, die in Melonen machen: Gelbe, orange und grüne, in Farben und Formen, die kein europäischer Delikatessenladen bieten kann. Karren, auf denen riesige Eisblöcke dahintropfen, und Wasserfässer mit blechernen Trinkbechern an den gruftartigen Eingängen gegen den schnellen Durst. Bei Allah, ein Schluck, der gut tut und keine Folgen haben sollte, betrachtet man die Warteschlangen vor den paar überschwemmten Kommunaltoiletten.

"Komm mit"

Die oberirdische Seite des Iran ist heiß in jeder Weise. Von den Sümpfen am Persischen Golf und dem gewaltigen Elbursgebirge abgesehen, ist das Land ein karges Hochplateau - 60 Prozent des bunten Bevölkerungsgemisches aus Persern, Aserbaidschanern, Luren und Kurden leben in den Oasenstädten zwischen der Desht-i-Kevir, der größten Salzwüste der Welt, und der Wüste Lut. Verlassene Lehmstädte künden von den großen Zeiten der Seidenstraße, als die Karawanen von Meshed nach Bam zogen, kahl gefegt von den Sandstürmen an der Grenze zu Afghanistan - damals, als noch keine Taliban zur Buddha-Hatz bliesen und neue Karawanen der Verzweiflung im verwüsteten Niemandsland umherirrten.

"Komm mit", flüstert Ali Amiri, als Fernsehmechaniker einer der wichtigsten Männer in Bam, und tischt im Lehmhof seines Anwesens ein köstliches Mahl aus Datteln, Reis und Ayran auf, dem vergorenen Milchgetränk des Orients. Seine verschleierte Frau verweilt im Nebenraum, und schenkt auf einen kurzen Wink des Patriarchen artig Tee nach, bevor sie sich zurückziehen muss.

Wir schlafen draußen auf Teppichen, über uns die klare, kalte Nacht der Wüste. Eine Nacht, aber tausend Gedanken. Beim Barte des Propheten, es ist ein wundersames Land.

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