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Feuilleton

Salom, Teheran!

1945 1960 1980 2000 2020

Der Iran, noch immer als terroristischer Gottesstaat international in Verruf, präsentiert sich Besuchern jetzt auch von einer überraschenden Seite: weltoffen, interessiert und äußerst gastfreundlich.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Iran, noch immer als terroristischer Gottesstaat international in Verruf, präsentiert sich Besuchern jetzt auch von einer überraschenden Seite: weltoffen, interessiert und äußerst gastfreundlich.

Sanft, fast zärtlich streicht die Hand des Mannes über das Gitter aus Aluminium. Dann drückt er die Stirn dagegen, sein Gesicht verkrampft sich ein paarmal wie im tiefen Schmerz. Schließlich wendet er sich ab und geht langsam, mit gebeugten Schultern, Richtung Ausgang.

Außer dem alten Mann sind heute nur wenige Menschen hier. Hier, das ist im Süden der iranischen Hauptstadt Teheran, im Aramgah-e Imam Khomeini, im Mausoleum des 1989 verstorbenen Revolutionsführers. Nicht weit davon entfernt liegt der Märtyrerfriedhof Behescht-e Zahra (Paradiesgarten), letzte Ruhestätte der "Helden der Revolution" und des iranisch-irakischen Krieges.

Eine Reise zu den heiligen Stätten des Iran, zu den Moscheen, Sehenswürdigkeiten und Denkmälern alter, persischer Kultur ist heute für den westlichen Besucher fast problemlos möglich. Ablehnung, Mißtrauen oder Feindseligkeit sind nicht zu spüren. Im Gegenteil: "Salom" - der persische Gruß gilt jetzt besonders auch für Ausländer.

Penibel werden die Besucher des Mausoleums auf Waffen hin abgetastet, Frauen und Männer streng getrennt, wie es in diesem Gottesstaat vorgeschrieben ist. Die Angst vor Attentaten ist groß, denn das milliardenteure Denkmal mit der goldenen Kuppel und den goldenen Minaretten ist umstritten wie sonst kaum etwas im von Arbeitslosigkeit, Inflation und Wohnungsnot gebeutelten Land.

Aus dem häßlichen Beton-Komplex soll irgendwann einmal durch Tausende glasierte Keramikfliesen außen und innen eine farbenprächtige Moschee werden. Dazu werden Restaurants, Einkaufspassagen und Hotels für die rund eine Million Pilger gebaut, die sich jedes Jahr am Todestag des Ayatollah hier drängen.

Der erste Blick ins Innere der in der Nacht angestrahlten Moschee, die vom Flugzeug aus einen imposanten Anblick bietet, gerät zu einer Enttäuschung. Eine unpersönliche Bahnhofshalle. Oben an der Decke hängen häßliche Eisenverstrebungen und Lüftungsrohre, lediglich die mit roten Tulpen bemalten Glasfenster sind eine farbliche Pracht.

Kicker bei Khomeini Der Marmorboden der Moschee ist mit unzähligen Teppichen ausgelegt, auf denen sich die meisten Besucher niedergelassen haben. Frauen, in ihre schwarzen Tschadors gehüllt, wiegen den Oberkörper im Gebet. Männer sitzen einfach nur zusammen. Einige schlafen auf den Teppichen, andere trinken Tee aus den mitgebrachten Thermosflaschen. Daneben spielende Kinder.

Fensterreihen in der Kuppel werfen helles Licht auf den grün bedeckten Sarkophag unter einem roten Samthimmel in der Mitte der Halle. Rundherum das Gitter aus Aluminium. Die entspannte, ruhige Atmosphäre überrascht. Sie verschafft auch einem westlichen Besucher das Gefühl der Ruhe und Besinnung.

Kürzlich war eine Gruppe Männer hier am Grab Khomeinis, die das Land wohl ebenso erschütterte wie einst der Ayatollah selbst - wenn auch aus einem anderen, ganz und gar unislamischen Grund. Es war die iranische Fußball-Nationalmannschaft.

Völlig unerwartet qualifizierte sie sich - mit Hilfe Allahs - für die Weltmeisterschaft in Frankreich. Millionen Menschen trieb dieser Sieg auf die Straßen. So viele wie seit der Revolution 1979 nicht mehr. Die "satanischen Fersen", wie sie in einem deutschen Magazin genannt wurden, entfachten einen unbeschreiblichen Jubel. Die Kopftücher und Tschadors rutschten schamlos tief in den Nacken, die Menschen zeigten erstmals wieder hemmungslos in der Öffentlichkeit ihre Emotionen.

Dieses Ereignis war bislang der letzte Höhepunkt eines bemerkenswerten Stimmungswandels im Iran, seit die neue, liberalere Regierung Mohammed Khatamis hier das Sagen hat. Das Land erlebt förmlich eine Revolution - der konservative Klerus sieht sich nach zwei Jahrzehnten plötzlich mit einer liberalen Strömung konfrontiert, die von einem Großteil der Iraner getragen wird.

Die Zeichen sind unübersehbar. Polizisten und Revolutionswächter (Pasdaran) stehen nicht mehr hinter jeder Ecke, um gegen "unislamisches Verhalten" vorzugehen. Man sieht, zwar immer noch selten, Mädchen und Jungen zusammen auf der Straße, ohne daß sie verwandt oder verheiratet sind. Paare schlendern händchenhaltend mit ihren Kindern durch die Straßen. Die Haare der Frauen lugen wieder unter dem Kopftuch oder dem Tschador hervor, Schminke auch außerhalb der eigenen vier Wände wird nicht mehr hart bestraft.

Begehrte US-Touristen Doch hinter den Kulissen tobt der Kampf um den zukünftigen Kurs des Landes. Dieser Machtkampf zeigt sich auch an Kleinigkeiten, beispielsweise im Tourismus. Nach langem Hin und Her setzt der Iran jetzt massiv auf Gäste aus dem Westen, die die dringend benötigten Devisen bringen sollen. Kontakte werden geknüpft, man bemüht sich besonders auch um den amerikanischen Markt.

Umso mehr irritiert es, wenn verschiedene Hotels, wie etwa das elegante "Homa" in Schiraz, im Süden des Landes, seine Gäste mit solchen großen, goldenen Lettern empfängt: "Down with U.S.A." Nieder mit jenen, die man gleichzeitig hierher bringt, um ihnen den Iran schmackhaft zu machen?

Einige Besucher aus den Staaten zeigen sich auch entsprechend betroffen: "Ich war sehr irritiert und habe den Hotelmanager gefragt, was das zu bedeuten hat", erzählt ein Reisejournalist der Los Angeles Times. Ähnlich die Reaktion einer Hausfrau aus Cheyenne, Wyoming. Sie findet den Iran wunderbar, sagt sie. "Ich habe mich bei der Ankunft ganz unsicher gefühlt und mir fest vorgenommen, alle Vorschriften im Land zu beachten und mich gut zu benehmen." Zwar sei sie dann völlig überrascht gewesen von der Herzlichkeit, mit der Amerikaner hier behandelt werden. Aber: "Man hätte diesen Spruch abmontieren sollen." Ein pensionierter Wissenschaftler aus Morris Plains, New Jersey, wurde vom Hotelmanager mit den Worten getröstet: "Nieder mit den USA ist doch nur gegen eure Regierung, aber nicht gegen das Volk. Wir lieben doch die Amerikaner!" Es sei ihm aber einfach nicht erlaubt worden, die Lettern wieder zu entfernen. Am nächsten Morgen posierte die ganze Reisegruppe bereits gelassen vor dem Hoteleingang fürs Familienalbum (siehe Foto oben).

Sieht man von solchen "Überraschungen" einmal ab, so sind die Herzlichkeit und Gastfreundschaft, die westlichen Touristen derzeit im Iran in der Regel uneingeschränkt zuteil werden, wirklich bemerkenswert. Vor allem junge Menschen sind ungemein neugierig, suchen das Gespräch mit den Ausländern. Selbst die Frauen können ihre Neugierde kaum verbergen. Nichts ist zu bemerken von einer anti-westlichen Verbissenheit, die eigentlich nach fast 20 Jahren Indoktrinierung nicht ungewöhnlich wäre. Hat eine neue Ära im gefürchteten Gottesstaat begonnen? Lesen Sie mehr darüber in der nächsten Furche-Ausgabe.

Sanft, fast zärtlich streicht die Hand des Mannes über das Gitter aus Aluminium. Dann drückt er die Stirn dagegen, sein Gesicht verkrampft sich ein paarmal wie im tiefen Schmerz. Schließlich wendet er sich ab und geht langsam, mit gebeugten Schultern, Richtung Ausgang.

Außer dem alten Mann sind heute nur wenige Menschen hier. Hier, das ist im Süden der iranischen Hauptstadt Teheran, im Aramgah-e Imam Khomeini, im Mausoleum des 1989 verstorbenen Revolutionsführers. Nicht weit davon entfernt liegt der Märtyrerfriedhof Behescht-e Zahra (Paradiesgarten), letzte Ruhestätte der "Helden der Revolution" und des iranisch-irakischen Krieges.

Eine Reise zu den heiligen Stätten des Iran, zu den Moscheen, Sehenswürdigkeiten und Denkmälern alter, persischer Kultur ist heute für den westlichen Besucher fast problemlos möglich. Ablehnung, Mißtrauen oder Feindseligkeit sind nicht zu spüren. Im Gegenteil: "Salom" - der persische Gruß gilt jetzt besonders auch für Ausländer.

Penibel werden die Besucher des Mausoleums auf Waffen hin abgetastet, Frauen und Männer streng getrennt, wie es in diesem Gottesstaat vorgeschrieben ist. Die Angst vor Attentaten ist groß, denn das milliardenteure Denkmal mit der goldenen Kuppel und den goldenen Minaretten ist umstritten wie sonst kaum etwas im von Arbeitslosigkeit, Inflation und Wohnungsnot gebeutelten Land.

Aus dem häßlichen Beton-Komplex soll irgendwann einmal durch Tausende glasierte Keramikfliesen außen und innen eine farbenprächtige Moschee werden. Dazu werden Restaurants, Einkaufspassagen und Hotels für die rund eine Million Pilger gebaut, die sich jedes Jahr am Todestag des Ayatollah hier drängen.

Der erste Blick ins Innere der in der Nacht angestrahlten Moschee, die vom Flugzeug aus einen imposanten Anblick bietet, gerät zu einer Enttäuschung. Eine unpersönliche Bahnhofshalle. Oben an der Decke hängen häßliche Eisenverstrebungen und Lüftungsrohre, lediglich die mit roten Tulpen bemalten Glasfenster sind eine farbliche Pracht.

Kicker bei Khomeini Der Marmorboden der Moschee ist mit unzähligen Teppichen ausgelegt, auf denen sich die meisten Besucher niedergelassen haben. Frauen, in ihre schwarzen Tschadors gehüllt, wiegen den Oberkörper im Gebet. Männer sitzen einfach nur zusammen. Einige schlafen auf den Teppichen, andere trinken Tee aus den mitgebrachten Thermosflaschen. Daneben spielende Kinder.

Fensterreihen in der Kuppel werfen helles Licht auf den grün bedeckten Sarkophag unter einem roten Samthimmel in der Mitte der Halle. Rundherum das Gitter aus Aluminium. Die entspannte, ruhige Atmosphäre überrascht. Sie verschafft auch einem westlichen Besucher das Gefühl der Ruhe und Besinnung.

Kürzlich war eine Gruppe Männer hier am Grab Khomeinis, die das Land wohl ebenso erschütterte wie einst der Ayatollah selbst - wenn auch aus einem anderen, ganz und gar unislamischen Grund. Es war die iranische Fußball-Nationalmannschaft.

Völlig unerwartet qualifizierte sie sich - mit Hilfe Allahs - für die Weltmeisterschaft in Frankreich. Millionen Menschen trieb dieser Sieg auf die Straßen. So viele wie seit der Revolution 1979 nicht mehr. Die "satanischen Fersen", wie sie in einem deutschen Magazin genannt wurden, entfachten einen unbeschreiblichen Jubel. Die Kopftücher und Tschadors rutschten schamlos tief in den Nacken, die Menschen zeigten erstmals wieder hemmungslos in der Öffentlichkeit ihre Emotionen.

Dieses Ereignis war bislang der letzte Höhepunkt eines bemerkenswerten Stimmungswandels im Iran, seit die neue, liberalere Regierung Mohammed Khatamis hier das Sagen hat. Das Land erlebt förmlich eine Revolution - der konservative Klerus sieht sich nach zwei Jahrzehnten plötzlich mit einer liberalen Strömung konfrontiert, die von einem Großteil der Iraner getragen wird.

Die Zeichen sind unübersehbar. Polizisten und Revolutionswächter (Pasdaran) stehen nicht mehr hinter jeder Ecke, um gegen "unislamisches Verhalten" vorzugehen. Man sieht, zwar immer noch selten, Mädchen und Jungen zusammen auf der Straße, ohne daß sie verwandt oder verheiratet sind. Paare schlendern händchenhaltend mit ihren Kindern durch die Straßen. Die Haare der Frauen lugen wieder unter dem Kopftuch oder dem Tschador hervor, Schminke auch außerhalb der eigenen vier Wände wird nicht mehr hart bestraft.

Begehrte US-Touristen Doch hinter den Kulissen tobt der Kampf um den zukünftigen Kurs des Landes. Dieser Machtkampf zeigt sich auch an Kleinigkeiten, beispielsweise im Tourismus. Nach langem Hin und Her setzt der Iran jetzt massiv auf Gäste aus dem Westen, die die dringend benötigten Devisen bringen sollen. Kontakte werden geknüpft, man bemüht sich besonders auch um den amerikanischen Markt.

Umso mehr irritiert es, wenn verschiedene Hotels, wie etwa das elegante "Homa" in Schiraz, im Süden des Landes, seine Gäste mit solchen großen, goldenen Lettern empfängt: "Down with U.S.A." Nieder mit jenen, die man gleichzeitig hierher bringt, um ihnen den Iran schmackhaft zu machen?

Einige Besucher aus den Staaten zeigen sich auch entsprechend betroffen: "Ich war sehr irritiert und habe den Hotelmanager gefragt, was das zu bedeuten hat", erzählt ein Reisejournalist der Los Angeles Times. Ähnlich die Reaktion einer Hausfrau aus Cheyenne, Wyoming. Sie findet den Iran wunderbar, sagt sie. "Ich habe mich bei der Ankunft ganz unsicher gefühlt und mir fest vorgenommen, alle Vorschriften im Land zu beachten und mich gut zu benehmen." Zwar sei sie dann völlig überrascht gewesen von der Herzlichkeit, mit der Amerikaner hier behandelt werden. Aber: "Man hätte diesen Spruch abmontieren sollen." Ein pensionierter Wissenschaftler aus Morris Plains, New Jersey, wurde vom Hotelmanager mit den Worten getröstet: "Nieder mit den USA ist doch nur gegen eure Regierung, aber nicht gegen das Volk. Wir lieben doch die Amerikaner!" Es sei ihm aber einfach nicht erlaubt worden, die Lettern wieder zu entfernen. Am nächsten Morgen posierte die ganze Reisegruppe bereits gelassen vor dem Hoteleingang fürs Familienalbum (siehe Foto oben).

Sieht man von solchen "Überraschungen" einmal ab, so sind die Herzlichkeit und Gastfreundschaft, die westlichen Touristen derzeit im Iran in der Regel uneingeschränkt zuteil werden, wirklich bemerkenswert. Vor allem junge Menschen sind ungemein neugierig, suchen das Gespräch mit den Ausländern. Selbst die Frauen können ihre Neugierde kaum verbergen. Nichts ist zu bemerken von einer anti-westlichen Verbissenheit, die eigentlich nach fast 20 Jahren Indoktrinierung nicht ungewöhnlich wäre. Hat eine neue Ära im gefürchteten Gottesstaat begonnen? Lesen Sie mehr darüber in der nächsten Furche-Ausgabe.