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Ein Bischof spielt Fußball

Es war am 10. August des Vorjahres. Die Augustsonne brannte am Nachmittag dieses Sonntags auch in Dublin heiß auf die Häuser und Straßen, während eine ganze Völkerwanderung zum Fußballscad'on in der Nähe der Bahn hinauszieht. In einer Entfernung von etwa einem Kilometer sind die Straßen bereits dicht gesäumt mit vorschriftsmäßig parkenden Autos. Polizei und improvisierte Helfer sorgen für ein dichtes und raumsparendes Parken. Meine österreichischen Augen werden immer größer. Das ist also das arme Irland. Neben einfachen Geschäftsautos, die heute Personen führen, gibt es eine stattliche Zahl von Luxusautos, die mit ihren Doppelbuchstaben auf der Nummera- tafel die Provinz, des Freistaates verraten, aus der sie kommen.

Nach einer Viertelstunde Wanderung an endlosen Autoreihen vorbei kommen wir zu einem der vielen Eingänge ins Fußballstadion. Wir weisen unsere Karte vor. „Hogan Stand, weiter nach links“, gibt uns ein großgewachsener Polizist in freundlicher Ruhe und Gelassenheit zur Antwort. Wir wandern nodi ein Stück weiter. Das Gedränge wird immer größer. Der Zulassungs dienst funktioniert tadellos und wenige Minuten nach dem Betreten des Stadions haben wir bereits unsere Plätze hoch oben im gedeckten Hogan Stand erreicht. Ein wunderbarer Anblick: in der Mitte einer ungeheuren Menschenmenge das gepflegte Sportfeld, leuchtend im satten Grün. Die Musikkapelle einer bekannten Dubliner Schule zieht — Lieder und Märsche spielend — über den in der warmen Sonne hell leuchtenden Rasen. Eine lebhafte, zwischen

60.0 bis 70.000 zählende Zuschauermenge säumt wie ein breites wogendes Band die terrassenförmig gebauten Anlagen für die Besucher. Die Farben des heutigen Tages, blau und gelb, schmücken nicht nur als Ab zeichen viele Zuschauer, sondern auch blaue oder gelbe Mützen aus Seidenpapier werden getragen und Fahnen größeren und kleineren Formats werden etwas erregt von denen geschwungen, die ihre besondere Verbundenheit mit einem der Teams zum Ausdrude bringen soll.

Schon unterwegs hatte ich mich gewundert über die vielen Geistlichen, die in ihrer einheitlichen schwarzen Kleidung — schwarzer Anzug mit kurzem schwarzem Rock und schwarzem Hute — allenthalben in den Straßen auftauchten. Und jetzt sehe ich überall vor mir und hinter mir geistliche Herren, jung und alt, in großer Zahl mitten unter dem Volk in eifriges Gespräch vertieft. Der junge Kaplan vor mir und die beiden älteren Pfarrer hinter mir wissen in gleicher Weise Bescheid über die Namen der Spieler, sie zeigen sich genau so bewandert wie die beiden. Dubliner Handelsangestellten zur Rechten und der Bahnarbeiter zur Linken. Zigaretten werden angeboten und geraucht und immer wieder wird eifrig die Frage erörtert, welches Team die größere Chance habe. Dort weiter unten sehe ich zu meiner nicht geringen Bewunderung drei Franzis kaner sitzen, die in ihrem Habit mitten unter den gedrängt sitzenden Zuschauern ihre Zigarre rauchen und alle Leute ringsum finden das so selbstverständlich wie nur etwas in der Welt. Die Franziskaner sind, nebenbei bemerkt, die einzigen Ordensleute, die ihre Ordenstracht auf der Straße beibehalten. Alle übrigen männlichen Ordensleute zeigen sich auf der Straße nur im schwarzen Anzug des Weltpriesters. Der Wehpriester selber trägt nie den Talar auf der Straße, sondern nur in der Kirche und in seinem Pfarrhof. Ich blicke weiter herum und glaube es jetzt gern, wie man es mir versichert, daß Hunderte von Priestern aus dem Welt, und Ordensklerus von weit und breit bier anwesend sind. Kein Mensdi wundert sich darüber. Die Leute würden sich wundern, wenn die vielen Geistlichen nicht da wären. „Und wissen Sie, Hoch würden“, so erklärt mir mein Begleiter, „diese vielen Menschen hier, die Sie da sehen, sind alle Katholiken, die heute alle in ihrer Sonntagsmesse gewesen sind.“ Ich zweifle nicht mehr daran, seitdem ich am letzten Sonntage Kirchen in Dublin besucht habe, wo fast den ganzen Vormittag hindurch alle halbe Stunde eine Messe war und wo jede Kirche bei jeder Messe bis aufs letzte Plätzchen gefüllt war. Der statistische Ausweis sagt, daß 93 Prozent aller Katholiken am Sonntag ihre Messe besuchen. Und von den restlichen 5 Prozent seien die meisten aus irgendeinem Grund als entschuldigt zu betrachten. Ich habe mich damals für das „katholische Österreich“ geschämt.

Kehren wir aber wiederum zu unserem großen Match zurück. Es ist jetzt plötzlich eine neue Unruhe in die Masse gekommen und ein tosender Beifallssturm bricht plötzlich los: die eine der Wettspielmannschaften ist aus ihren Unterkünften herausgekommen und zeigt sich spielbereit in der Arena. Im nächsten Augenblick kommt auch schon der Gegner auf der anderen Seite zum Vorschein — in blaugestreiften Pullovers —, mit dem gleichen Beifallssturm bedacht. Die beiden Spielmannschaften nehmen Aufstellung und defilieren unter klingendem Spiel an den reichlich Beifall spendenden Zuschauern vorbei. Dann nehmen sie im Spielfeld Aufstellung. Auf einmal wird es still ringsum. Alles erhebt sich und entblößt das Haupt. Einen Augenblick ist eine feierliche, ehrfürchtige Stille. Die Spieler haben „Habt- achtstelluug" eingenommen und blicken auf die hoch über dem „Hogan Stand“ flatternde irische Fahne. Die Musikkapelle intoniert die Nationalhymne und die vielen Tausend — genau sind es 65.000 ,— singen ihr in den Revolutionsjahren geborenes Lied vom Kampfe um Irlands Freiheit. In diesem feierlichen Augenblicke schweigen die Gegensätze der Farben, die in der nädisten Minute alle in atemberaubender Spannung halten werden. Irlands Farben im Banner sind Symbol einer großen, politischen Vergangenheit, sind getränkt mit dem Blute vieler, die in dem Jahrhunderte langen Ringen um Freiheit und Ehre im Kampf gegen England gefallen sind. Der Blick des Irländers ist immer noch in die Vergangenheit gewendet und die mit Blut bezeichnete Geschichte Irlands erfüllt schon den Volksschüler mit Stolz und Ingrimm zugleich. In, einem unglaublich zähen nationalen und religiösen Ringen ist Irland das geworden, was es heute ist. Der Haß gegen England ist heute im großen und ganzen begraben, aber das Ressentiment gegen England ist geblieben. Das alles spüre ich jetzt wieder, wo ich als Österreicher in stummer Ergriffenheit dieses Volk beneide, das sich um ein Symbol und ein Lied scharen kann, während alle Zwiste und Konflikte schweigen.

Und jetzt — ja, es ist tatsächlich richtig —, ein Bischof Ln langem schwarzem Rock betritt das Spielfeld, um das große Match zu eröffnen. Begleitet vom Verbandsobmann betritt er den grünen Rasen. Seine Exzellenz macht durchaus keinen unsicheren Eindruck. Wer weiß, wie oft er selber als Student und Theologe bei ähnlichen Spielen noch mitgespielt hat. Ein Pfiff des Schiedsrichters — der hochwürdigste Herr, der heute das Brust. kreuz unsichtbar unter seinem schwarzen Rock trägt, wirft schwungvoll und kunstvoll den Ball über seinen eigenen Kopf nach rückwärts und im nächsten Augenblick hängen 65.000 Augenpaare am bereits heftig umstrittenen Ball, der eben aus der bischöflichen Hand ins Spielfeld rollte.

Andere Länder, andere Sitten. Der zwei Seiten lange Bericht der irischen Tages-

zeitung „The Irish Press“ am nächsten Morgen verrät mir außerdem, daß noch zwei andere Bischöfe und ein Erzbischof zu den i düstren Gästen des Wettspieles gehörten. — Der Kampf auf dem Rasen wogt in spannungsreicher Abwechslung auf und ab. Das irische Fußballspiel — Gaelic Football von den Einheimischen genannt — ist eine Kombination von Fland- und Fußball und hat oft einen blitzschnellen Situationswandel im Gefolge. Nach einigen Minuten erzielt die eine Partei bereits das erste Tor. Es löste einen brausenden Jubel bei den Anhängern der erfolgreichen Mannschaft aus. Am Rande des Spielfeldes, in den sogenannten sidelines, fliegen Hüte und Mäntel in die Höhe als sichtbarer Ausdruck der Begeisterung und da und dort springt einer in die Höhe und zeigt mit Händen und Füßen zugleich seine Begeisterung über das erzielte Tor. Ich glaube, bei den Italienern und Franzosen zu sein, co temperamentvoll sind die Zuschauer. Die Irländer sind als Kelten auch im Temperament andere Menschen als die Engländer. Einer meiner irischen Freunde bestätigte es mir auch später im Gespräche, daß die Engländer nach ihrer Auffassung temperamentlose Menschen seien. Romanen könnten wahrhaftig nicht lebhafter sein als diese keltischen Iren an jenem Augustsonntag.

Das Spiel ist vorüber. Die Massen strömen zu den Ausgängen — strahlende Gesichter die ij ien und mit betrübten Mienen die anderen. Zwei Tage später kann ich den Bischof von Cavan in seiner schönen Residenz außerhalb des Städtchens besuchen. Nach kurzer Zeit erfahre ich aus der Konversation, daß auch der Bischof von Cavan dem sonntägigen Spiel am Radio mit Interesse gefolgt ist. Er läßt sich in verschiedene Details des spannungsreddien Kampfes ein und läßt.sich gerne von Augenzeugen seine Beobachtungen ergänzen. Wenn Geistliche Zusammenkommen, so sei — so sagt man mir — ungefähr eine Woche hindurch das große Match vom letzten Sontag Konversationsthema.

Der irische Klerus lebt aufs epgste mit seinem Volke verbunden. In den Zeiten der Unabhängigkeit waren sie die Führer des Volkes im Kampf um die wirtschaftliche, nationale und religiöse Freiheit. Heute ist es noch immer der Stolz jeder irischen Familie, einen Sohn zum Priestertum emporsteigen zu sehen.

Seit jenem für mich denkwürdigen Fußballmatch habe ich noch viel andere schöne Dinge auf der Grünen Insel gesehen und bin manchem lieben und sympathischen Menschen begegnet, der mir nach einem Gespräche über meine Heimat mitfühlend und herzlich die Fland drückte.

Und wieder geht ein sdiöner Spätsommer, tag zu Ende. Ich stehe an Deck eines von Irland ostwärts ziehenden Schiffes. In majestätischem Fluge kreisen und schweben über und neben uns hungrige Möwen. Un- W'illkürhch denke ich an einige Flugzeugtypen des letzten Krieges, die in ihrem Tragflächenbau offenbar diese eigenartigen Möwenflügel nachahmten. Die Hafenanlagen vo i Kingstown weichen von uns zurück. Die Abenddämerung von hellem Gold zu dunklem Blau löst die immer rascher sich entfernenden festen Linien des Festlandes auf und meine Augen bleiben noch lange in der Richtung hängen, wro ich so friedlichschöne Wodicn bei lieben Menschen verbradit habe.

Mit einer entschiedenen Wendung blicke ich wieder in die Fahrtrichtung des Schiffes: wir fahren nach Engeland. Es geht jetzt wieder heimwärts in mein armes, aber geliebtes Österreich!

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