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Die Schweiz Zentralasiens

1945 1960 1980 2000 2020

Nach der Elefantenhochzeit der Präsidentenkinder von Kasachstan und Kirgisien droht dem zentralasiatischen Land der Hirten wieder die Vergessenheit: gute Zeiten für heiße Geschäfte in einem kalten Land.

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Nach der Elefantenhochzeit der Präsidentenkinder von Kasachstan und Kirgisien droht dem zentralasiatischen Land der Hirten wieder die Vergessenheit: gute Zeiten für heiße Geschäfte in einem kalten Land.

Dollar, yes?" Das Glitzern in den Augen der Polizeistreife, die sich auf die Jagd nach etwas Frühstücksgeld begeben hatte, verhieß wenig Gutes. Essen ist teuer, und die paar Touristen sind auch nach der Öffnung der einstigen Sowjetrepublik Kirgisien nicht mehr geworden - da heißt es rechtzeitig zupacken, wenn sich verdächtige Gestalten am Basar mit Importkaviar versorgen wollen. Austria? Schwarzenegger? Karascho, Kamerad - die täglichen Psycho-Spiele mit der Militsia in ihren blankgeputzten Stiefeln sind längst Routine.

Ein zentralasiatischer Markt im Morgengrauen: Da sind uralte Busse, die als Wechselstuben für das neue zentralasiatische Währungsspiel fungieren: kirgisische Som gegen usbekische Sum gegen kasachische Tenge, und alles sofort gegen den Zauber des amerikanischen Dollars, der in abenteuerlichen Farbkopien neben den vergitterten Luken des Kassiers prangt - Kiosk-Ökonomie pur. Davor dick vermummte Babuschkas, die Kaffee aus Thermoskannen zu ofenfrischem Brot verkaufen, das unter staubigen Wolldecken auf antiken Kinderwägen warmgehalten wird. Die unvermeidlichen Melonenhändler rollen ein, auf langen Leinen werden Plastiktaschen mit Marlboro-, Lego- und Aldi-Aufdruck befestigt, und die feisten Gewürzfrauen dösen bald im Schatten der Sonnenschirme.

Sperrgebiet bis 1991 Die heutige Republik Kirgisien war sowjetisches Sperrgebiet bis 1991. "Der Kontakt mit Ausländern ist immer noch suspekt", meint Boris, der früher Lehrer an der tadschikischen Grenze war und jetzt zweimal wöchentlich auf textile Einkaufstour in das benachbarte Usbekistan geht - 20 Stunden Bus für Bettwäsche und Handtücher, zahlbar in Dollar, sonst könne man nicht mehr überleben. Doch was tut man nicht alles für die umgerechnet 1.000 US-Dollar Monatsgewinn, das Zwanzigfache seines Lehrergehaltes zu Sowjetzeiten.

Es ist ein rauhes Land - nicht nur wegen der nächtlichen Wodka-Or-gien in unbeschilderten Herbergen und gelegentlicher Überfälle auf die spärlichen Trekker, die die Gebirge auf dem Weg ins kasachische Almaty passieren. Bei einer Durchschnittshöhe von 2.750 Metern liegen 40 Prozent des Gebirgslandes auf einer Seehöhe von über 3.000 Metern, fast ein Drittel der Staatsfläche vom Ausmaß des alten Österreich-Ungarn ist vergletschert. Gerade sieben Prozent des Landes sind bebaubar, doch mehr als ein Drittel der Bevölkerung lebt von und mit der Landwirtschaft - mehr schlecht als recht, denn die postkommunistische Privatisierung ging konform mit einem dramatischen Rückgang der Produktivität. Bürgerkriege blieben auch in der unmittelbaren Postsowjet-Phase aus, die ethnischen Spannungen im Ferghana-Tal scheinen zumindest oberflächlich bereinigt. Die Inflation war stets deutlich unter jener der Nachbarstaaten, und die zügige Liberalisierung der Wirtschaft brachte sogar den zweifelhaften Ruf einer "zentralasiatischen Schweiz": Präsident Askar Akajew, beruflich Physiker, setzt - im klaren Gegensatz zu seinen autoritären GUS-Nachbarn - auf mittelfristige Demokratisierung und Marktreform. Doch all das kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß das Bruttonationalprodukt noch Mitte der neunziger Jahre unter dem des Sudan lag und die Arbeitslosenrate auf über 35 Prozent geschätzt wird.

So isoliert der südöstliche Stützpunkt des Sozialismus aufgrund seiner topographischen Lage zwischen Tienschan- und Alatau-Gebirge auch war, so bedeutsam wurde vor allem der Norden als Stützpunkt gegen islamische Bestrebungen aus Tadschikistan und Usbekistan. Nicht zufällig hieß die kirgisische Hauptstadt ab 1926 Frunse, nach dem Bolschewiken-General, der die Zarentruppen in die Berge versprengt hatte; erst 1991 wurde die alte Karawanserei an der legendären Seidenstraße wieder zu Biskek: eine graue Industriestadt am Fuß einer gigantischen Gebirgskulisse, deren menschenleere Boulevards inmitten sozialistischer Renommierbauten den Charme einer ausgedienten Garnisonsstadt versprühen. Die klassizistische Oper oder das monumentale Weiße Haus, Parlament des jungen Staates, stehen inmitten struppiger braungrüner Wiesen, mit Respektabstand davor einige Schaschlikstände im Schatten armseliger Ziersträucher, wo alte Gärtner hingebungsvoll Karten spielen.

Made-in-Japan-Kleber Leben wird man außer in einigen müden Straßencafes am Alatau-Platz keines finden, und die sozialistischen Heldenbüsten starren ins Leere: Die Mehrzahl der 700.000 Einwohner scheint sich auf den boomenden Open-Air-Märkten aufzuhalten, wo nur mit undurchsichtigen Import-Export-Geschäften mit chinesischen Radios, dänischem Bier und Kameras ein karges Überleben möglich wird - Made in Japan-Kleber gibt es ein paar Gassen weiter.

Kirgisien oder Kirgisistan oder Kirgistan: Ein Land auf der Suche nach einem international einheitlichen Namen hat sich selbst noch nicht gefunden.

Das sowjetische Hauptinteresse lag stets drei Autostunden weiter östlich und rund tausend Meter höher: Nikolaj Prschewalskij, russischer Asienforscher des 19. Jahrhunderts und Zeitgenosse Sven Hedins, war unbewußt zum Wegbereiter der Roten Armee in die unzugänglichen Weiten des östlichen Tienschan geworden. Der Issyk-Kul, der "warme See", wurde zur Riviera der russischen High Society und zum geheimnisumwobenen Torpedo-Testgebiet der Marine gleichermaßen, und dezidiertes Sperrgebiet für den Westen bis zur kirgisischen Unabhängigkeit. Mit einer Länge von 170 Kilometern stellt er den zweitgrößten Gebirgssee der Welt dar, dessen unterirdische Thermalquellen ein Zufrieren verhindern - optimal für staatliche Opium-Plantagen und eine Fülle luxuriöser Kurhotels für die Sowjet-Schickeria, die sich hier bei Tretboot, Sandstrand und Datscha-Disco ein diskretes Stelldichein gab und den Rubel rollen ließ. Schlammpackung gefällig? Für harte Devisen ist längst auch für kapitalistische Eindringlinge der bröselnde Charme der Sanatorien zu genießen.

Heute verhindert nur der allgegenwärtige Benzinmangel ein rasches Vorwärtskommen entlang der 600 Kilometer Küstenlinie am Fuß entfernt blitzender Gletscher. So heißt es oft lange warten, im Schatten herbstlich-gelber Pappelalleen, zwischen bunten Holzhäusern und eingekeilt zwischen Rübensäcken und rundlichen Bauersfrauen mit Äpfelkörben, die alle in das nächstbeste Fahrzeug wollen - ob Dolmus-Taxi, Pferdefuhrwerk oder vielleicht doch noch ein klappriger Bus. Doch was ist schon Zeit in den kahlen Hochtälern des Tienschan, wo die kirgisischen Cowboys, die Skotovods, Schafe und Ziegen hüten wie zu Zeiten des großen Prschewalskij und die Staubwolken rasselnder Ursus-Traktoren die einzige Erinnerung an die Holzplanwirtschaft aus Chruschtschows Zeiten sind. Ein Mann, drei Tiere - die alte Faustregel gilt für die goldzähnigen Alten von Dzalal-Abad genauso wie für die jungen Tataren mit ihren schwarzen Filzmützen, die ihre Ferkel im Kofferraum hellgrüner Ladas auf die Viehmärkte bringen.

Wandern liegt im Wesen der Kirgisen, die etwa 60 Prozent der Fünf-Millionen-Bevölkerung stellen. Von den Mongolen um Dschingis Khan aus den sibirischen Steppen auf die Hochebenen des Südens vertrieben, hatte das Manas, ein Heldenepos auf die Reitervölker des Ostens von der historischen Bedeutung der antiken Odyssee, immer mehr Bedeutung als Marx - zumindest an den Lagerfeuern vor den Jurten (Wohnzelten) in der Einsamkeit der Siebentausender, fernab der sowjetischen Hemisphäre im Norden des Landes.

Wodka, Reis, Brot Jeder fünfte Russe hat seit 1991 das Land verlassen - doch vieles blieb: Nastrowje, so lautet immer noch die Losung in den schummrigen Buden des nächtlichen Karakul, der östlichsten Bastion einstiger Moskauer Macht - Mütterchen Rußland denkt an seine Kinder, und Wodka in Dosen, Flaschen und Plastikbechern mit Pfirsich-, Himbeer- oder Zitronengeschmack ist keine Mangelware. Dazu Plov, der landesübliche Reiseintopf, und brockenweise weißes Brot: die Kur des kleinen Mannes, der die allgegenwärtige Stutenmilch den Frauen und Kindern überläßt.

Ohne Pferde geht immer noch wenig außerhalb der Städte, und die paar ungeteerten Straßen hinauf an die chinesische Grenze hatten früher bloß strategische Bedeutung - doch die legendären Steppenreiter haben Lunte gerochen, und der kleine Grenzverkehr mitten im Herzen Zentralasiens blüht: Drogentransit aus Tadschikistan und Afghanistan, Waffenschieberei und Stoffe aus Usbekistan - längst handelt jeder mit jedem alles und noch viel mehr, oft hart am Rand der Legalität. Doch ans große Geld kommt man derzeit vor allem in China - mehr und mehr Busse und Trucks kriechen über den schneebedeckten Torugart-Paß, die einzige Straßenverbindung, vollbeladen mit frierenden Pelzhändlern, rutschenden Fernsehgeräten und geheimnisvollen Holzkisten auf dem Weg in das chinesische Kaschgar. Auf 3.800 Metern ist die Stimmung frostig wie seit Jahrzehnten, als der Kalte Krieg der Supermächte UdSSR und China jedes politische Tauwetter verhinderte. Doch die Stacheldrähte sind löchrig geworden, und die Grenzbalken heben sich immer öfter, auch ohne Bakschisch. Gelingt Kirgisien der Sprung aus dem Schatten sowjetischer Isolation?

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