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Prag 1948: Der Kalte Krieg wird heiß

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Der Prager Putsch vom Februar 1948 und die Auswirkungen auf Österreich: Statt den Staatsvertrag zu bekommen, wurden wir ein westlicher Brückenkopf.

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Der Prager Putsch vom Februar 1948 und die Auswirkungen auf Österreich: Statt den Staatsvertrag zu bekommen, wurden wir ein westlicher Brückenkopf.

Am 20. Februar 1948 waren die zwölf Minister der gemäßigten Parteien aus der tschechoslowakischen Regierung der "nationalen Front" ausgetreten. Ihr Plan, auf diese Weise Neuwahlen herbeizuführen, ging nicht auf. Sie hatten sich verspekuliert. Präsident Eduard Benes akzeptierte nämlich unter kommunistischem Druck ihren kollektiven Rücktritt.

Die Kommunisten, geführt von Klement Gottwald, bildeten nun zusammen mit den kooperierenden Sozialdemokraten Zdenek Fierlingers eine neue Regierung. Der englische Außenminister Ernest Bevin kommentierte den Umsturz: "Sogar der nach außen hin sich so bourgeois gebende Herr Gottwald hat sich als ein Wolf im Schafspelz entpuppt."

Welche Auswirkungen hatte die "elegante" kommunistische Machtübernahme in Prag auf die Ost-WestBeziehungen? Erstens verschärften sich nun die Spannungen zwischen den Supermächten ungemein. Stalins Politik war ja bereits nach der Ankündigung des Marshallplans aggressiver geworden. Tage vor der Marshall-Rede in Harvard, Anfang Juni 1947, hatten die Kommunisten mit ihrer "Salamitaktik" in Ungarn Erfolg gehabt und die Macht an sich gerissen. Aus der Sicht des Kreml hatte sich die Prager Regierung für das Angebot der amerikanischen Wirtschaftshilfe als viel zu "anfällig" gezeigt und daher wollte Stalin auch in Prag die Verhältnisse klarstellen und sie im Sinne Moskaus konsolidieren. In seinem geostrategischen Weltbild gehörte die Tschechoslowakei zur sowjetischen Einflußsphäre und die Westmächte hatten diese Interessenteilung in Europa akzeptiert.

1947/48 ging der "Eiserne Vorhang" nieder. In den westlichen Hauptstädten gingen die Alarmsignale hoch, stellte doch die subversive Machtübernahme durch die kommunistischen "fünften Kolonnen" nach Prager Muster nun das neue Schreckensszenario dar. Vor allem vor den starken kommunistischen Parteien in Italien und Frankreich hatte man in Washington große Angst. Das Gespenst der "fallenden Dominosteine" begann in Europa umzugehen. Vor dem Kongreß malte Präsident Harry S. Truman ein düsteres Bild: "Der tragische Tod der tschechischen Republik hat Schockwellen durch die gesamte zivilisierte Welt gesandt."

Prompt wurden die nächsten Wahlen in Italien aufgrund der Prager Ereignisse zum ersten Mal vom neuen amerikanischen Geheimdienst CIA massiv beeinflußt. Mit Erfolg - die Kommunisten kamen nicht ans Ruder. In Frankreich investierten die USA massiv Marshallmittel, um die marode Wirtschaft zu konsolidieren, die Budgetdefizite abzudecken und Arbeitsplätze zu retten. Alles, um die Gefahr kommunistischer Generalstreiks, die zu Putschversuchen eskalieren konnten, einzudämmen.

Die Ost-West-Krise im Gefolge von Stalins aggressiverer neuer Außenpolitik, das Straffen der Zügel der kommunistischen Parteien in aller Welt durch die "Kominform-Büros" sowie der Prager Coup wirkten sich auch auf die deutsche Frage aus. Die Konsolidierung der drei Westzonen führte zum Auszug des Sowjetrepräsentanten aus dem Berliner Kontrollrat und zum endgültigen Kollaps der Viermächteregierung in Deutschland.

Folge war die Währungsreform im Westen, die Stalin mit der Blockade der westlichen Sektoren Berlins beantwortete. Der Westen machte mit der Versorgung der Millionenstadt aus der Luft, und dies ein ganzes Jahr hindurch, ungeahnte Kraftreserven frei. Stalin mußte klein beigeben. Die fehlgeschlagene Berlinblockade war seine größte Niederlage im Kalten Krieg. Der westdeutsche Staat wurde aus der Taufe gehoben.

Ein weiteres Fiasko der Stalinschen Außenpolitik zur selben Zeit war der Bruch mit Marschall Tito und seinem Jugoslawien. Der kommunistische Monolith zeigte die ersten Sprünge, die man nun in Washington gezielt auszunützen begann.

Vojtech Mastny, Amerikaner tschechischer Herkunft und vielleicht der beste Kenner der sowjetischen Politik in jener Zeit, zeigt denn auch in seinem neuen Buch "The Cold War and Soviet Insecurity" (Oxford University Press 1997), wie unsicher diese fatalen Fehlschläge den Kreml unter Stalin machten. Der paranoide Diktator ergriff mit einer schrecklichen neuen Säuberungswelle zu Hause und in den Satellitenstaaten die Flucht nach vorne. Er brachte damit alle kritischen Stimmen im Kreml zum Schweigen.

Auch an den Flanken des Sowjetimperiums machte Stalin Druck. Mitten in der tschechoslowakischen Krise drängte er die Finnen und Norweger zu "Freundschaftsverträgen" nach Satellitenmuster. Geschicktes Taktieren, und wohl auch die Erinnerung an das sowjetische Fiasko im Winterkrieg von 1940, ermöglichten es den Finnen, ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Sie mußten der Sowjetunion aber die Abstimmung ihrer Außenpolitik mit Moskau zugestehen, so daß keine Annäherung an den Westen erfolgen konnte.

Ebenso wie die Satellitenstaaten, wagte es auch Finnland nicht, Amerikas Großzügigkeit in Anspruch und Marshallmittel entgegenzunehmen. In den folgenden Jahren machte im Westen ein weiteres Gespenst die Runde: Die "Finnlandisierung".

Die Koexistenzbereitschaft der Finnen rettete ihre Unabhängigkeit. Für die USA aber waren in dieser Phase des Kalten Krieges neutralistische Kleinstaaten unsichere Kantonisten, daher ging man daran, die Finnlandisierung einzudämmen. "Containing coexistence" nennt es der brillante junge finnische Historiker Yussi Hanhimäki in seinem gleichnamigen neuen Buch (Kent State University Press, 1997). Die Norweger sowie Dänemark schlossen sich als einzige skandinavische Staaten der NATO an, um so Stalins Umarmung zu entgehen.

Die zweite entscheidende Folge des Prager Putsches war die Militarisierung des Kalten Krieges. Im amerikanischen Verteidigungsministerium witterte man Kriegsgefahr. Mehr und mehr nahmen jetzt die Generäle die amerikanische Außenpolitik in die Hand. Einer von ihnen, Marshall, war ja bereits Außenminister. So wurde Außenpolitik zunehmend zur nationalen Sicherheitspolitik und von geostrategischen Gesichtspunkten bestimmt. Der qualitative und quantitative Ausbau des Arsenals an Kernwaffen wurde rasant in Angriff genommen. Vor der Berlinkrise war keine einzige Atombombe einsatzbereit. Nach der Blockade lagerten Dutzende für den möglichen Berlineinsatz in England.

Auf Drängen der Westeuropäer ließen sich die Amerikaner zum ersten Mal in der Geschichte auf ein militärisches Bündnis in Friedenszeiten ein. Die Verhandlungen um die "North Atlantic Treaty Organisation" (NATO) kamen ins Laufen. Im April 1949 wurde jener Vertrag unterzeichnet, worin sich die Amerikaner (gegen ihre Verfassung, könnte man argumentieren) verpflichteten, ihren Verbündeten in Westeuropa bei einem sowjetischen Angriff vor allem mit ihren atomwaffenbestückten Langstreckenbombern zu Hilfe zu eilen.

Natürlich zogen diese Ereignisse nach dem Prager Putsch auch Österreich in ihren Bann, lag doch Prag "westlich von Wien", wie Außenminister Karl Gruber die Westmächte eindringlich mahnte. Die eskalierenden Spannungen führten zum Einfrieren der erfolgversprechenden Verhandlungen über den österreichischen Staatsvertrag. Dabei hatte sich in der Londoner Verhandlungsrunde der stellvertretenden Außenminister im Frühjahr 1948 gerade ein Durchbruch in der entscheidenden Frage des "Deutschen Eigentums" abgezeichnet, da die Sowjets wichtige Konzessionen machten.

Nun wollten aber Außenminister Gruber und die Militärs im Pentagon keinen Vertrag mehr unterzeichnen, wenn Österreich keine eigenen Streitkräfte besaß.

Im Westen meinte man, neben Italien sei Österreich dem Prager Szenario des Putsches durch kommunistische Subversion in Europa am nächsten. Zudem gingen schon seit dem ungarischen Umsturz und Kanzler Leopold Figls diskreten Gesprächen mit dem KP-Politiker Ernst Fischer ("Figl-Fischerei") Gerüchte von einem kommunistischen Putschversuch in Wien durch Regierungskreise um, die vor allem vom sozialistischen Vizekanzler Adolf Schärf immer wieder genährt wurden. Tatsächlich fiel dem französischen Geheimdienst im Herbst 1948 der ausführliche Plan einer kommunistischen Machtübernahme durch die KPÖ in die Hände (siehe Furche 25/1987).

Es kam nun zur Militarisierung Westösterreichs und zunehmenden Anlehnung des Landes an den Westen. Die Teilnahme am Marshallplan hatte diesen Trend eingeläutet. Der alte Traum von der Brückenfunktion zwischen Ost und West war vorerst ausgeträumt, Österreich wurde zu einem westlichen Brückenkopf. Noch im Herbst 1948 begannen die Amerikaner und Briten, österreichische Polizisten, geheim, militärisch auszubilden und zu bewaffnen.

Nach dem Oktoberstreik 1950 (den die heimische Politik zum kommunistischen Putschversuch hochstilisierte) wurde die geheime Wiederbewaffnung Österreichs weiter ausgebaut. Die Amerikaner wünschten den Kern einer künftigen österreichischen Armee ("B-Gendarmerie"), ohne den sie keinen Österreich-Vertrag unterzeichnen würden. Während des Koreakrieges wurden in Österreich an die 10.000 Gendarmen ausgebildet. Für diese und weitere 18.000, die nach dem Abschluß des Staatsvertrages dazukamen, standen in Italien und Bayern bereits Waffen bereit, darunter schweres Gerät. Es gab geheime Absprachen mit der NATO über die Verteidigungsstrategie in den österreichischen Alpen. Im Ernstfall hätten sich die westlichen Besatzungstruppen nach Oberitalien zurückgezogen, während österreichische Guerillaeinheiten, aus Waffenlagern der CIA versorgt, Rückzugsgefechte liefern sollten.

All dem lag ein richtiger Gedanke Außenminister Grubers zugrunde, den man in der heutigen Diskussion um Österreichs NATO-Teilnahme auch wieder ins Treffen führen könnte: Die Lehre aus der fatalen hausgemachten Passivität im März 1938 könne nur sein, daß Österreich im nächsten Ernstfall einen Beitrag zu seiner eigenen Verteidigung zu leisten hätte, auch wenn er nur klein und symbolisch sein könnte.

Die internationale Gemeinschaft hätte kein Verständnis dafür, wenn sich der österreichische David nochmals widerstandlos von einem übermächtigen Goliath überrollen ließe. Deshalb eben der Versuch, eine heimische Guerillatruppe aufzubauen, die sich teilweise aus Feuerwehrleuten und Schützen rekrutierte. Zudem gab es noch Zehntausende Österreicher mit Kriegserfahrung aus dem Dritten Reich. Auf Grubers Gedanken reagierend, meinte ein amerikanischer Beobachter voller Anerkennung, der Westen habe eine solche Chance in der Tschechoslowakei verabsäumt. Kluge Leute lernen eben aus der Geschichte.

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