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Die vierte Spaltung

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Die Wochen nach Prag haben — ab- stenz als Ideologie ist untrennbar seits der tragischen Ereignisse in der mit diesem Grundatz verbunden, sozialistischen Volksrepublik — ein weltweites Phänomen sichtbar gemacht, dessen zukunftsträchtige Strahlkraft noch gar nicht abzuschätzen ist. Der Weltkommunismus ist neuerlich auseinandergebrochen, der Marxismus-Leninismus als ideologischer Kitt über dem Erdball ist brüchig geworden, der Sozialismu hat einen Tiefstand seiner Entwicklung erreicht.

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Die Wochen nach Prag haben — ab- stenz als Ideologie ist untrennbar seits der tragischen Ereignisse in der mit diesem Grundatz verbunden, sozialistischen Volksrepublik — ein weltweites Phänomen sichtbar gemacht, dessen zukunftsträchtige Strahlkraft noch gar nicht abzuschätzen ist. Der Weltkommunismus ist neuerlich auseinandergebrochen, der Marxismus-Leninismus als ideologischer Kitt über dem Erdball ist brüchig geworden, der Sozialismu hat einen Tiefstand seiner Entwicklung erreicht.

Im „Kommunistischen Manifest“ sagte Marx, daß der Arbeiter kein Vaterland habe. So versteht sich der Kommunismus als proletarischer Internationalismus, und seine Exil-

Trotz der Spaltung im Laufe seiner Geschichte, trotz des Zusammenbruchs und der Fehlschläge der verschiedenen Internationalen, trotz Mißtrauen in Komintern und Kom- inform war Kommunismus gleich Internationalismus, die Einheit der Weltbewegung sein höchstes Ziel. Als Chruschtschow 1960 den 81 in Moskau versammelten Parteien eine neue Formel der internationalen Bewegung vorlegte, hieß es in diesem Dokument: „Die Sorge für die ständige Festigung der Einheit der kommunistischen Weltbewegung ist die höchste internationale Pflicht

jeder marxistisch-leninistischen Partei.“

Allerdings — schon zu diesem Zeitpunkt war die Einheit empfindlich gestört. 1948 hatte Stalin nicht verhindern können, daß der Bund der Kommunisten Jugoslawiens, die bis dahin unbestrittene Primatstellung des „sowjetischen Weges zum Sozialismus“ angriff. Tito bezog sich auf Marx, der die unterschiedlichen Voraussetzungen der Revolution in den verschiedenen Ländern hervorhob — und Jugoslawien wollte seinen eigenen Weg gehen.

Stalins Verdammung durch Chruschtschow am 20. Parteitag der KPdSU fiel zusammen mit dem

internationalen Tauwetter und mit der Verkündigung der These vom „eigenen Weg“ der verschiedenen Parteien. Die Erfahrungen der Sowjetunion sollten nun nicht mehr Muster, sondern „Ratschlag“ sein. Doch nach der Revolution in Budapest vollzog sich die zweite Spaltung der Weltbewegung. Die Chinesen wurden zu heftigsten Kritikern der Sowjets, denen sie Vermengung von natinalrussischen Interessen und kommunistischen Führungsfunktionen vorwarfen. 1964 stellte Mao fest, daß Rußland in Europa und Asien mehr gefressen habe, als es verdauen könne. So scheiterte Chruschtschow an der bereits unmöglich gewordenen Front gegen die Chinesen — durch die Genossen in seiner eigenen Partei, die einen neuen Internationalismus postulierten.

Der „Polyzentrismus“ wurde zum Ziel der nach Unabhängigkeit suchenden kommunistischen Parteien. Nur 24 Parteien folgten Breschnjew 1967 nach Karlsbad — um die sowjetische Position nur noch mehr zu untergraben. Und 1968 — fünf Monate vor Prag — trafen sich nach langem Auf und Ab 64 Parteien in Budapest. Ihr Ergebnis: der Kampf gegen den Imperialismus ist nur durch die „Festigung der Einheit der kommunistischen Bewegung“ zu führen. Ziel eines Weltgipfels: „Aktionseinheit der kommunistischen und Arbeiterparteien“.

Das „Establishment“ in Budapest, die „dicken und fettten Panteikarrie- ristien“ (so Rudi Duitschke) hatten freilich übersehen, daß außerhalb ihrer Organisationen eine „Neue Linke“ geboren wurde — und die dritte Spaltung des Marxismus- Leninismus einzuleiten im Begriffe war.

Zuerst finanziell unterstützt, dann belächelt, stürmte eine neue Avantgarde der Revolution, nämlich die Studenten, unter dem Zeichen von Marx, Engels und Lenin auf die Barrikaden ihrer Länder. Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit proklamierten die permanente Revolution, die „Revolution ohne Schale“, die Reinigung der Lehre des deutschen Juden v.on den Schlacken der Organisation, der Parteiräson, der Karrieristen und der Bourgois- Gesinnung unter roten Hemden.

Und in Frankreich setzten die Studenten der Sorbonne eine Tait, auf die die Traditionsmarxlisten der KPF Jahrzehnte gewartet haben — die fast gelungene Revolution.

Doch auch die gallischen Kommunisten unter ihrem Chef Waldeck- Rochet lernten die „Führungsrolle“ Moskaus kennen: man pfiff sie in Moskau zurück, als es um Sein und Nichtsein de Gaulles ging: Weil Moskau beim alten General auf Gegengeschäfte für Rußland hoffte.

Und dennoch ist diie Revue dieser zwar gespaltenen, aber ideologisch an den Propheten von Trier gebundenen Bewegung spektakulär. Ausgehend von der Sowjetunion stellen in 14 Staaten der Erde kommunistische Parteien die Regierungsmacht. Waren vor dem zweiten Weltkrieg nur 700.000 Kommunisten in kapitalistischen Ländern tätig, wurden es 1956 fünf und sind es heute fast sieben Millionen Menschen. Zwölf Millionen KP-Mitglieder in der Sowjetunion, 21 Millionen in China, 1,7 Millionen in der CSSR, 1,8 Millionen in Polen und mehr als fünf Millionen in den anderen sozialistischen Ländern Osteuropas und Asiens führen fast ein Drittel der Menschheit. 1,5 Millionen KP-Mit- gliieder in Italien und 250.000 in Japan garantieren mobile Bataillone in den westlichen Demokratien; und 250 Kommunisten in El Salvador repräsentieren ebenso wie die 50 im Basutoland einen stets bereiten revolutionären Untergrund.

Diese Weltbewegung ist nach dem 20. August, nachdem Panzer unter dem roten Stern den Frieden eines sozialistischen Landes störten, ein viertes Mal auseinandergebrochen.

Der leichte Windhauch gebremster und lauwarmer Reformen eines Dub- cek genügte, um den Koloß des Weltkommunismus als das zu entlarven, was er ist: ein tönernes Gebilde, hohl und angestopft mit Phrasen.

Mao reagierte zuerst; die Intervention in der CSSR sei ein weiterer Beweis für den russischen Großmachtchauvinismus — und der Lüge von der „Gleichberechtigung“. Japans KP-Chef Miyamoto verwarf die Intervention ebenso wie Österreichs KPÖ-Führer Muhri. Italiens und Frankreichs Kommunisten griffen sogar zur Methode der Demonstration, Finnlands exponierte Nachbarschaft hielt die dortige KP nicht ab, ihre Feiern zum 50. Jahrestag abzusetzen und die Glückwünscher aus Moskau wieder heimzuschicken.

Kommunist Jean-Paul Sartre nannte die Intervention ein „Kriegsverbrechen“, Initiator des „Antivietnamtribunals“, der englische Linksmarxist Bertrand Russell, forderte, • „die;Intervention müsse so- j fort aufhören“, Marxist Ernst Bloch erklärte anläßlich des Philosophiekongresses unmißverständlich, daß ' es keine Entschuldigung für Prag gebe — und der Vater der „Neuen Linken“, Herbert Marcuse, sprach von der „Eiskälte“, die von Prag ausgeht.

So ist dem proletarischen Internationalismus der Totenschein auszu-

stellen. Die westlichen Parteien spalten sich endgültig von Moskau ab und suchen nach neuen Wegen in der parlamentarischen Demokratie des Mehrparteiensystems. Sie werden in Zukunft nach einer Gratwanderung zu jenen Sozialdemokraten finden, die noch immer vom marxistischen Ursprung ausgehen, aber ihren Frieden mit dem Kapitalismus gesucht und gefunden haben. In den Entwicklungsländern wird der revolutionäre Weg Pekings die Losung der heißen Stunden werden. Und zur Revolution gegen Erstarrung, Establishment und Konformismus wird die Neue Linke — allein und antibolschewistisch rufen.

Der bärtige Marx wird eine neue Mißdeutung seiner philosophischen Prophetie hinnehmen müssen. Die „Akkumulation“ ist nur beschränkt eingetreten und hat statt „Verelendung“ Wohlstandssteigerung gebracht. Die „Sozialisierungsreife“ haben nicht die kapitalistischen Industrieländer, sondern das agrarische Rußland und die primär agrarischen osteuropäischen und asiatischen Staaten erlangt, dier „Zusammenbruch“ ist nicht eingetreten, die „proletarische Revolution“ hat nicht zur Aufhebung des Staates geführt, und die „klassenlose Gesellschaft“ ist in der steinernen Bürokratisierung eines bourgeois gewordenen Apparats versandet

Das „Reich der Freiheit" hat die Ketten von Prag angelegt, und die Welt hat sich nicht revolutioniert. Und welche Wahrheit im „Kommunistischen Manifest“ noch liegt, wird eine Nachwelt entscheiden, für die vielleicht Prag der Nadelstich im Zirkelkreis des obduzierten Marxismus wird:

„Mit dem Gegensatz der Klassen im Innern der Nation fällt die feindliche Stellung der Nationen gegeneinander ..

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