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Das ist ihr Amt...

,£>er Bolschewismus stürzte jegliche Ordnung, kommunistische Banden besetzten in den ersten Monaten des Jahres die Hälfte unserer Missionsstationen, zerstörten oder verschleppten die Einrichtungen und hetzten die Christen zum Abfall vom Glauben auf. Einer unserer Patres meldete, daß alle seine Außenstationen verwüstet worden waren. Eine Beschwerde des Präfekten bei der obersten Behörde der Kommunisten brachte folgende Antwort: ,Die katholische Kirche hat sich in einem Scheiben an uns beschwert, daß die Mitglieder des Tan-pu (der Kommunistenzentrale) die Christen zum Abfall reizen und die Heiden abhalten, Christen zu werden. Das ist eben ihr Amt, das sie zu erfüllen haben!' Deutlicher kann man die Absichten des Kommunismus wohl nicht mehr aussprechen!“ Die Kommunisten konnten China nicht im Handumdrehen einstecken. Sie mußten mehr als 20 Jahre lang verbissen kämpfen, sie mußten schwere Niederlagen und Verluste hinnehmen, ja, sie mußten sogar ihre Kampfmethode und ihre Parteiprinzipien revidieren, um immer weitere Volksschichten ansprechen zu können. Der Kampf um die Vorherrschaft ist bekannt: 1931/32 besetzte Japan die Mandschurei, 1937 provozierte das Reich der aufgehenden Sonne den offenen Krieg mit der Regierung in Nanking und besetzte in den nächsten Monaten Schanghai, Nanking, Hankau und Kanton. Während Europa im zweiten Weltkrieg in Trümmer sinkt und in Pazifik die Truppen MacArthurs Japans Vormachtstellung zerschlagen, braut sich auf dem chinesischen Festland der Bürgerkrieg zusammen, der 1945 zwischen Tschiangkaischek und Mao Tse-tung ausbricht. Große Heeresteile der Nationalarmee gehen zu Mao über, eine Provinz nach der anderen wird militärisch und ideologisch erobert. 1949 ist der Kampf entschieden. Der goldene Drache der Kaiserzeit, Symbol der Lebensfreude und des Glücks, Symbol auch der altchinesischen Tradition, hat sich rot gefärbt, China wurde kommunistisch. Der rote Drache wurde zum Leviathan, zum Symbol des Atheismus im Reich der Mitte.

Aufnahme in die UNO

Zwanzig Jahre sind seither vergangen. Der Kommunismus in China hat sich von dem Rußlands oder der russischen Satellitenländer losgelöst, hat sich verändert und selbständig gemacht. China, der „schlafende Riese“ von einst, ist aufgewacht. Heute, zwanzig Jahre nach der Machtergreifung, ist das kommunistische China ein Faktor, der bedrohlich zwischen West und Ost steht. Immer häufiger sind die Stimmen im Westen zu hören, die nicht mehr verstehen, warum der volkreichste Staat der Welt, der immerhin fast ein Viertel der gesamten Erdbevölkerung umfaßt, nicht Mitglied der Vereinten Nationen sein kann. Aber man durfte nicht fehlgehen, wenn man glaubt, daß es nicht mehr lange dauern wird, bis China wirtschaftlich, politisch und militärisch gleichwertig, wenn nicht dominierend, sich neben die USA und die Sowjetunion stellt. Senator Edward Kennedy trat kürzlich nachdrücklich für die Aufnahme Rotchinas in die UNO ein, was bisher , von den Vereinigten Staaten kategorisch abgelehnt worden war. Formosa, wo sich die Tschianffkaischek-Regierung befindet, soll nach Kennedys Vorstellung zwar weiterhin in der Weltorganisation verbleiben, seinen Sitz im Sicherheitsrat jedoch an Indien abtreten.

Annäherung an den „gelben Riesen“

Damit nicht genug: Westdeutschland baute seine Handelsbeziehungen zu Rotchina immer weiter aus, sogar ein kleines Land wie Österreich bemüht sich seit neuestem um intensivere Wirtschaftskontakte mit Peking. Italiens Außenminister Nenni schlug im Jänner sogar vor, Rom solle endlich diplomatische Beziehungen zu Peking aufnehmen. Die nationalchinesische Regierung auf Formosa antwortete voll Entrüstung und drohte mit dem Abbruch der diplomatischen Kontakte mit Rom, falls Italien Nennis Vorschlag akzeptiere.

Aber die Welt denkt eben nicht nach nationalchinesischen Maßstäben. Was sind die 13 Millionen der praktisch von Amerikas Gnaden lebenden Nationalchinesen, verglichen mit den 750 bis 800 Millionen Festlandchinesen, die unter Maos Kommando stehen? Viele Staaten, darunter sogar fünf NATO-Länder, (Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Holland und Norwegen) haben deshalb schon seit Jahren diplomatische Beziehungen mit Rotchina aufgenommen. Sogar Schweden und die Schweiz haben China bereits 1950 anerkannt. Rotchina hat sich in diesen 20 Jahren fest behauptet und ist als Großmacht, als ernst zu nehmender Faktor im Weltgeschehen, nicht mehr wegzudenken. Immer mehr Staaten, vor allem solche, die nicht über das Machtpotential der Vereinigten Staaten oder der Sowjetunion verfügen, wollen sich mit dem „gelben Riesen“ gut stellen. Die Kulturrevolution, von der viele sagten, sie sei das einzige Mittel, Mao das Genick zu brechen, ist abgeebbt. Und wenn man hört, daß auf dem chinesischen Festland der Partisanenkrieg immer weiter um sich greift, dann ist der Europäer skeptisch, denn zu oft in der Geschichte hat man ihn mit derartigen Falschmeidungen gefüttert. Man braucht nur die vorsichtigen Formulierungen zu lesen, wie sie die Publikationen „Freies Asien“ veröffentlichen (Bad Godesberg, Nr. 3/1969): „Wie aus informierten Kreisen bekannt wurde, soll es in den Provinzen Fukien, Kwangtung und Yun-nan erneut zu Unruhen und Überfällen auf kommunistische Truppen und die dortigen Revolutionskomitees gekommen sein. Die antimao-istischen und antikommunistischen Kräfte hätten eine Reihe von Siegen über die rote Armee und die Revolutionskomitees errungen.“ Die Formulierungen („soll“, „hätten“ usw.) sind derartig vage gehalten, daß es angesichts der Behauptung Nationalchinas, es unterhalte auf dem Festland ein ausgezeichnet funktionierendes Nachrichtennetz, nicht verständlich ist, warum diese Meldungen nicht als absolut feststehende Tatsachen berichtet werden. Zweifellos wird es da und dort antikommunistische Bewegungen geben, zweifellos wird es auch da und dort immer wieder zu bewaffneten Zusammenstößen kommen und gekommen sein — aber daraus auf einen ganz China umfassenden Partisanenkrieg zu schließen, ist absurd.

Moskau und Peking:

Inzwischen geht die Feindschaft gegen Rotchina nicht im Westen, sondern in der Sowjetunion verschärft weiter. Die sowjetische Propaganda hat Anfang 1969 an Schärfe zugenommen, soweit sie gegen die chinesische Parteiführung gerichtet ist. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, daß, wie es Heinz Lathe CMünchner Merkur“, 28. Jänner 1969) nennt, „der Schatten Maos auf der für Mai in Moskau geplanten kommunistischen Weltkonferenz lastet. In der Jahren 1966 und 1967, als die Idee eines solchen roten Konzils von Moskau aus vorangetrieben worden war, schien die Konstellation für die sowjetische Führung in der kommunistischen Weltbewegung günstig zu sein. Mao Tse-tung war im Innern voll mit der Kulturrevolution beschäftigt und nach Rückschlägen in Indonesien und im Nahen Osten isoliert. In dieser Schwächeperiode Rotchinas konnte Moskau mit einer eindeutigen Mehrheit zur Eindämmung des Pekinger Einflusses in der kommunistischen Bewegung rechnen...“

Inzwischen haben sich jedoch die Akzente verschoben. Mao ist iieute stärker den je. Der ehemalige Staatspräsident Liu Schao-tschi wurde ausgeschaltet, „Kronprinz“ Lin Piao ist gefestigt wie noch nie zuvor. Aber dieser Mann hat für den Kommunismus sowjetischer Prägung nicht das geringste übrig. Er ist im Geist Maos groß geworden. Sein „Glaubensbekenntnis“ liegt nicht in den Marxschen oder Leninschen Schriften, sondern ausschließlich in der „Roten Bibel“ Mao Tse-tungs. Aber die Sowjets sehen nicht nur, daß Mao mit den inneren Krisen überraschend schnell fertig geworden ist, sie sehen auch mit Sorge, daß er immer heftiger aus seiner außenpolitischen Isolation ins Freie drängt. Die ganze Welt horchte auf, als Tsehw En-lai Nixon das Angebot machte, eine Konvention über die „fünf Koexistenzprinzipien“ anzustreben. Aber die rotchinesische Propaganda tat noch mehr: Sie erklärte angesichts der tschechoslowakischen Krise den Warschaupakt für überflüssig, ja, Rotchina verurteilte das Eingreifen der fünf Paktstaaten noch schärfer als dies der Westen tat. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als sei Mao endgültig von der Defensive in die Offensive übergegangen.

Wo ist der „reine Kommunismus“?

Für die Sowjetunion ist es keine sehr sympathische Situation, wenn amerikanische politische Kreise immer häufiger davon sprechen, es gebe zwischen den USA und Rotchina weit weniger Konfliktstoffe als zwischen Peking und Moskau. Albanien ist nicht der einzige europäische Staat, der seine Arme lieber dem gelben Bruder in Peking als dem roten Bruder in Moskau entgegenstreckt, von diversen afrikanischen Staaten ganz zu schweigen. Dies ist vielleicht das erstaunlichste Fazit der vergangenen zwanzig Jahre, daß Afrika und der Westen die Linie Pekings als „reineren Kommunismus“ hinstellen als den Moskauer Prägung. Auch Amerikas Neger fanden Rotchinas Sympathie. Nach dem Mord an dem radikalen Negerführer „Malcolm X“ schrieb die „Pekinger Volkszeitung'' (24. Februar 1965): „Aus dem Mord an Malcolm X werden die amerikanischen Neger unzweifelhaft die Lehre ziehen, daß im Kampf gegen die imperialistischen Aggressoren Gewalt mit Gewalt vergolten werden muß. Malcolm X wurde kaltblütig ermordet. Hinter den Mördern steht die finstere Macht der reaktionären imperialistischen Herrschaft und der Rassenhaß...“ Die Diktion ist fast dieselbe, mit der Rotchina in den Jahren zwischen 1949 und 1955 gegen die Missionare losgezogen ist, gegen den Vatikan, gegen die Wallstreet oder gegen Kennedy und später gegen Johnson.

Inzwischen hat sich viel verändert Im chinesischen Zentralkomitee der kommunistischen Partei sind von 174 Mitgliedern 130 diskreditiert worden — eine direkte Folge der Kulturrevolution. Aber „Säuberungen“ sind nicht immer ein gutes Zeichen, man denke an die Säuberungen während und nach der Stalin-Ära. Wenn Änderungen nicht durch demokratische Wahlen, sondern durch Volksgerichtshöfe, öffentliche „Beichten“ oder Schauprozesse durchgeführt werden, ist etwas faul im Staate, gleichgültig, wie dieser Staat nun heißen mag. So gesehen, ist in Rotchina noch vieles faul, auch wenn chinesische Wissenschaftler H-Bomben erfunden haben und die Maschinfabriken von Jahr zu Jahr steigende Leistungen vollbringen. Ja, auch dann, wenn immer mehr westliche Länder mit dem Riesen China zu liebäugeln beginnen. Und auch dann, wenn am Ende dieser „Säuberungen“ nicht der Henker, sondern die Verspottung oder das Lächerlichmachen steht.

Aber was wird die Zukunft bringen? Die beiden China, das kommunistische mit Mao Tse-tung auf dem Festland und das nationale unter Tschiangkaischek auf Formosa (Taiwan), werden nie zu einer Einigung finden, In einer Informationsschrift Nationalchinas heißt es: „Vom menschlichen Standpunkt aus, der der erste und wichtigste ist, kann es nicht länger hingenommen werden, daß Millionen Chinesen unnötigerweise an Unterernährung sterben müssen, weil der kommunistische Bambusvorhang jede Hilfe unmöglich macht. Zweitens: Die Chinesen greifen Korea an. Sie bedrohen direkt oder indirekt Indien, Laos und Südvietnam. Solange auf dem Festland keine freie demokratische Regierung herrscht, bleibt der Friede in Asien ungesichert. Das Pekinger Regime hat feierlich verkündet, die USA aus den westlichen pazifischen Gebieten zu verdrängen. Und es beabsichtigt, dieses Versprechen wahrzumachen.

Drittens: Wer abwartet, gibt den Kommunisten die Chance, den Ort und die Zeit eines Angriffs selbst zu bestimmen. Das bedeutet auch atomare Verwüstungen. Peking probt seine Atombomben aus und verletzt in flagranter Weise das Atomteststopabkommen. Peking sucht verzweifelt nach Atombombenträgern. Mao Tse-tung hat selbst erklärt, daß China nach der Weltherrschaft strebt, selbst um den Preis einer weltweiten nuklearen Verwüstung. Schließlich muß darauf hingewiesen werden, daß die dauernden vergeblichen Versuche, gegen den größten Störenfried Asiens vorzugehen, zur Nachgiebigkeit und Kompromißbereitschaft, vor allem in der Frage der Aufnahme des kommunistischen China in die UNO, führen kann. Sollte dies je geschehen, werden alle freien Nationen Asiens gezwungen sein, sich von den USA und ihrem Vertragssystem zu lösen. Das wäre das Ende des freien Asien.“ Diese Worte wurden 1966 geschrieben. Heute, drei Jahre später, hat es den Anschein, als würden diese Kassandrarufe Wahrheit werden.

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