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Sorgen mit dem eigenen Gewehr

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Linksradikale Reste innerhalb der chinesischen Volksbefreiungsarmee bereiten den Pekinger Machthabern Kopfzerbrechen. Nun soll der politische Einfluß der Armee zurückgedrängt werden.

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Linksradikale Reste innerhalb der chinesischen Volksbefreiungsarmee bereiten den Pekinger Machthabern Kopfzerbrechen. Nun soll der politische Einfluß der Armee zurückgedrängt werden.

Wie der Name besagt, war die chinesische Volksbefreiungs-Ar-mee (VBA) ursprünglich eine revolutionäre Einheit, die für Mao Zedong und seine Idee den Sieg davontrug und in den Jahren zwischen 1949 und dem Beginn der Kulturrevolution (1966) nicht sehr viel mehr zu tun hatte, als beim Aufbau der Infrastruktur des Landes mitzuhelfen, das Land zu bewachen und im Koreakrieg mitzukämpfen.

Das Image eines „Freundes des Volks", das die VBA praktisch wie theoretisch genoß, begann sich mit dem Ausbruch der Kulturrevolution zu ändern, als Mao und Zhou Enlai auf die Dienste der VBA zurückkommen mußten, um China das totale Chaos zu ersparen. Die VBA wurde damals zu einer ebenfalls politisch mächtigen Einheit.

Unter der Führung des 1971 bei einem angeblichen Flugzeugabsturz umgekommenen Lin Biao, Held des Befreiungskrieges und der Kulturrevolution, avancierte die VBA zum wichtigsten politischen Machtblock innerhalb Chinas, abgesehen von der KPCh und deren Politbüro. Unter Lin gelangten viele der heute nach wie vor mächtigen Offiziere zu Ehren und Position innerhalb der VBA.

Die neue chinesische Führung, besonders auf Betreiben des starken Mannes Deng Xiaoping, ist nun bereits seit einigen Jahren bemüht, die linksradikalen Reste innerhalb der VBA zu säubern. Bis jetzt jedoch nicht mit viel Erfolg.

Eine der Vier Modernisierungen betrifft die Landesverteidigung: Das Konzept der Volksarmee, die Menschenmassen technischer Überlegenheit vorzieht, soll der Vergangenheit angehören. Eine moderne, gut trainierte Armee, die den Aufgaben der Landesverteidigung gerecht werden kann, ist das Ziel.

Und, was vielleicht noch ausschlaggebender ist: Die VBA soll in Zukunft nicht mehr so viel politischen Einfluß besitzen. Denn schließlich wollen Deng, Zhao Zi-yang und Hu Yaobang ihre politischen Ziele verwirklichen, ohne in diesen Bestrebungen von Generälen und ihren Vorstellungen gestört zu werden.

Hatte die pragmatische Führung in Peking bis jetzt mehr oder weniger Erfolg mit ihren Modernisierungsbestrebungen, so ist es vor allem in den Kreisen der VBA zur Äußerung des heftigsten Widerstands gegen die neue Politik gekommen. Nicht zuletzt auch darum, weil der Großteil heutiger Offiziere im Mittelrang während dem Höhepunkt der Kulturrevolution aufsteigen konnte. Zudem haben Führungskreise der VBA berechtigte Angst, daß ihnen im Lauf der Jahre entstandene Sonderrechte und der politische Einfluß wieder genommen werden sollen.

Deng, der Vorsitzender der mächtigen Zentralen Militärkommission ist (ZMK), die als Brücke zwischen Partei und VBA dient, ist bis jetzt sehr vorsichtig vorgegangen, um radikale Kreise innerhalb der VBA nicht unnötig zu beunruhigen. Bis heute war ihm in den obersten Rängen durchaus Erfolg beschieden:

Alle Kommandanten der elf Militärregionen Chinas sind Dengisten oder zumindest für seine Politik. Innerhalb der ZMK sind zwar drei der vier Marshalle und Vize-Vorsitzenden Kritiker Dengs, doch ihr hohes Alter (Ye Jianying mit 87 der älteste) macht sie relativ ungefährlich.

Der vierte Vize, Yang Shang-kun, mit 77 der .jüngste" der vier Vizevorsitzenden der ZMK, ist ein loyaler Dengist und stammt aus der gleichen Provinz, Sichuan. Die weiteren Mitglieder der ZMK sind an einer Reform der VBA im Sinne Dengs interessiert. Generalstabchef Yang Dezhi, 74, und Verteidigungsminister Zhang Aiping, ebenfalls 74, sind als Deng-Anhänger bekannt.

Die wichtigste Aufgabe, die auf die ZMK wartet, und die sie letzten Meldungen zufolge begonnen hat, ist die Säuberung der Mittelränge der VBA. War es Deng letztes Jahr gelungen, neue Direktiven für die Personalbestellung innerhalb der VBA durchzusetzen — „jüngere, besser ausgebildete, professionellere und revolutionärere Offiziere und Generäle" — so geht es nun vor allem um die Kürzung von Privilegien und deren Mißbrauch. Abteilungsleiter haben laut Berichten aus China auf Staatskosten um Unsummen getafelt, Geschenke ausgeteilt und Geschäfte gemacht.

Vor allem aber steht politische Säuberung groß auf der Wunschliste der ZMK: Bei einem Treffen für „Parteirektifikation innerhalb der Armee" zu Beginn des Jahres warnte Vizevorsitzender Yang Shangkun: „Alle Einheiten müssen sich besonders um die Einheit des Gedankenguts bemühen ... Die Ideologie muß mit jener der Partei auf einer Linie sein." Ein direkter Hinweis auf das Hauptproblem der Dengis-ten: Festhalten an revolutionären Ideen Maos innerhalb der VBA.

Hatte man bei der VBA früher Kommandanten nach dem System „der jüngste unter den Ältesten" ausgesucht, so hat sich dies bereits geändert: Heute gilt die Regel: „Der Beste unter den Jüngeren".

Um die großen Reformziele innerhalb kürzester Zeit erreichen zu können, hat die ZMK etwa 100.000 Prüfungskader in alle Einheiten entsandt, die Unregelmäßigkeiten und ideologische Abweichungen orten und melden sollen. 20.000 Basisorganisationen der VBA, die Schulungen im ideologisch-politischen Bereich durchführen, sehen im ganzen Land zu, daß die unerwünschten Reste maoistischen Gedankenguts ausradiert werden.

Im Februar wurden dann neue Disziplinarregeln verkündet, die auf einem System von Bestrafung und Belohnung beruhen. Die Wiedereinführung von Rangabzeichen und der Militärparade am Nationalfeiertag ist ebenfalls geplant, beides während der Kulturrevolution abgeschafft.

Will die Pekinger Führung die VBA wirklich modernisieren, so darf ein adäquates Arsenal nicht fehlen. Die Militärmaschinerie Chinas ist gigantisch, aber zum Großteil zu veraltet, um einem möglichen Aggressor wie den Sowjets auf Dauer ernsthaften, technischen Widerstand leisten zu können.

Eine Vier-Mann Kommission unter der Führung des Sohns des Verteidigungsministers Zhang Aiping, Zhang Ping (Sohn), hat vor kurzem eine „Besichtigungsreise" in die USA beendet. Laut Informationen aus Amerika und aus Peking geht es um einen Mul-timillionen-Waffenvertrag, der zwischen den beiden Ländern vorbereitet wird. Auch England soll liefern.

Doch im Augenblick dürfte noch nicht in wirklich großem Rahmen gekauft werden, einfach weil den Chinesen das Kapital fehlt. Auch in den nächsten fünf Jahren werden die in China nachgebauten sowjetischen MIG-19 und der veraltete T-59 Panzer (eine Kopie des sowjetischen T-54) beherrschend bleiben.

China hofft, die größten Löcher zunächst mit ausländischer Technologie stopfen zu können: Boden-Luft Raketen, Radarstationen und zielsuchende Raketen. Doch der Weg von der revolutionären, technisch veralteten VBA zu einer modernen, effizienten und gut ausgerüsteten Armee ist noch weit.

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