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FREIHEIT NACH LANGEM UND LEIDVOLLEM UMWEG

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Im Jahre 1970 ist in dem Zürcher Diogenes Verlag ein schmaler Band erschienen. Der Autor war ein Russe, ein junger Politologe namens Andrej Amalrik. Ein „Dissident", wie man damals im Westen die mutigen Oppositionellen aus der Sowjetunion des Leonid Breschnew genannt hat. Das Buch wies einen etwas merkwürdigen Titel auf: „Kann die Sowjetunion das Jahr 1984 überleben?" Was soll das sein -fragten die „Kremnologen" im Westen und waren allgemein der Meinung, daß Herr Amalrik hier eher utopistische Auffassungen von einem Imperium hatte, das damals - in den siebziger Jahren - auf dem besten Weg war, eine militärische Supermacht zu werden.

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Im Jahre 1970 ist in dem Zürcher Diogenes Verlag ein schmaler Band erschienen. Der Autor war ein Russe, ein junger Politologe namens Andrej Amalrik. Ein „Dissident", wie man damals im Westen die mutigen Oppositionellen aus der Sowjetunion des Leonid Breschnew genannt hat. Das Buch wies einen etwas merkwürdigen Titel auf: „Kann die Sowjetunion das Jahr 1984 überleben?" Was soll das sein -fragten die „Kremnologen" im Westen und waren allgemein der Meinung, daß Herr Amalrik hier eher utopistische Auffassungen von einem Imperium hatte, das damals - in den siebziger Jahren - auf dem besten Weg war, eine militärische Supermacht zu werden.

Vergewissem wir uns: damals hatte die UdSSR ein ansehnliches Wirtschaftswachstum. Stützpunkte wurden eingerichtet an verschiedenen Stellen der Welt; sogenannte Volksdemokratien existierten außerhalb Europas bereits in Afrika und Asien, der „Sozialismus" in Kuba war eine Realität. Die Kommunistischen Parteien im Westen begannen nach dem „Prager Frühling" (1968) wieder ihre Kräfte zu sammeln - die Zukunft der marxistisch-leninistischen Ideologie schien weltweit an Boden zu gewinnen. Und nun prophezeit der junge Amalrik: dieses mächtige Reich mit seinen „unerschöpflichen" Ressourcen wird das Jahr 1984 nicht überleben!?

Andrej Amalrik hat aber recht behalten. Wenn auch nicht genau 1984, aber sieben Jahre später, Ende Dezember 1991, wurde der Name „Sowjetunion" von der Landkarte getilgt. Das Imperium, das Wladimir Iljitsch Lenin und seine zahlenmäßig kleine bolschewistische Partei im Oktober 1917 durch einen ganz gewöhnlichen Staatsstreich in Petrograd (heute St. Petersburg) an sich gerissen hatte, existiert nicht mehr. Die „Volksdemokratien" wurden geräumt, die Randstaaten der Sowjetunion in die Unabhängigkeit entlassen und was übrig blieb - vornehmlich der slawische Teil der einstigen UdSSR - in einem losen und keineswegs stabilen Staatenbund als „Gemeinschaft Unabhängiger Staaten" (GUS) zusammengefaßt. Ihre Zukunft ist mehr als fraglich.

Wir alle waren - und sind noch heute - Zeugen eines weltpolitischen Ereignisses; denn vor unseren Augen ist doch ein Weltreich (Gott sei Dank: ohne Krieg und ohne Revolution) in sich zusammengefallen, hat nach so vielen Jahrzehnten des Schreckens und der Leiden in seiner ursprünglichen Form zu existieren aufgehört.

Und alles begann vor 75 Jahren. In Petrograd Ende Februar 1917, nach heutiger Zeitrechnung am 12. März: der Tag, als in der Hauptstadt des Russischen Imperiums die alte Macht, der Zarismus, von einer spontanen Revolte gestürzt wurde. Eine kriegsbedingte Versorgungskrise rief die unzufriedenen Massen auf die Straßen. Die militärischen Niederlagen derZaren-Armee im Ersten Weltkrieg hatten das vorhandene Herrschaftssystem bereits schwer angeschlagen. Die Unzufriedenheit nahm Tag um Tag zu und als die Frauen der Arbeiter kein Brot mehr kaufen konnten und dies in offenen Unmut umschlug, waren die Stunden des Zarentums gezählt.

Die Ordnungskräfte schlössen sich der Arbeiterschaft an. Am 12. März 1917 bildete sich ein Provisorisches Komitee, an dem bürgerliche Parteien, die Sozialdemokraten und die Agrarier beteiligt waren. Drei Tage später mußte der Zar abdanken. Eine demokratische Provisorische Regierung wurde ins Leben gerufen; Arbeiterräte entstanden, der neue „starke Mann" Alexander Kerenski, der als Ministerpräsident am 14. September 1917 das Russische Reich auch offiziell als Republik proklamierte, versuchte die verworrene innenpolitische Lage zu meistern und vor allem Rußland aus der Fortsetzung des unseligen Krieges herauszuführen.

Die bolschewistische Partei - eine verschworene kleine Gemeinschaft: ehemalige linke Sozialdemokraten, im Februar 1917 lediglich über 20.000 Anhänger im Russischen Reich verfügend - trat jedoch radikal gegen Kerenski und seine Demokratie auf. Die Bolschewiken verfügten über zielbewußte Führer: Lenin, Trotzkij, den jungep Stalin - um hier nur einige später berühmt und berüchtigt gewordene Berufsrevolutionäre zu nennen. Diese organisierten am 7. November (neuer russischer Kalender) den Sturm auf den Winterpalast in Petrograd, wo Kerenski und seine Regierung ihren Amtssitz hatte.

In wenigen Stunden nahmen sie die Regierung in Gewahrsam. Der Putsch der Bolschewiken und ihrer Verbündeten war fast unblutig: Zwölf Verwundete und einige Tote kostete die Schießerei um den Winterpalast. Die Macht ging in den nächsten Wochen überall im Lande in die Hände der Lenin-Anhänger über. Das Versäumnis Kerenskis, die junge russische Demokratie mit Militär zu schützen, nützte Lenin zu seinem Sieg im November 1917 aus. Im Jänner 1918 schritt er dann zur puren Diktatur, als die Bolschewiken die „Verfassunggebende Versammlung", die sich weigerte, die neu proklamierte „Sowjetmacht" vorbehaltlos anzuerkennen, gewaltsam auflösen ließ.

Was nachher geschah, kann hier nur in groben Zügen geschildert werden.

Die Geschichte der „Sowje t -macht" in Rußland und in ihren Randstaaten läßt sich wie folgt periodisieren:

Unter Lenin (1918-1924) wurde mit den Mittelmächten ein Vernunft-Friede geschlossen (1918); eine Landverteilung organisiert, die vollständige Verstaatlichung des Wirtschaftslebens durchgeführt und somit der Lebensstandard der Bevölkerung auf ein Minimum heruntergedrückt („Kriegskommunismus"). Ein Bürgerkrieg tobte im Lande, zwischen den „Weißen" gegen die „Roten". Leo Trotzkij stellte die neue bewaffnete Macht des Sowjetreiches auf: das Millionen-Heer der Roten Armee.

Der Bürgerkrieg wurde 1924 von ihr gewonnen. Aber noch am 30. Dezember 1922 gelang es Lenin, den Grundstein für die „Union der Sozialistischen Sowjet-Republiken" (UdSSR) zu legen. Rußland, die Ukraine, Weißrußland und die Transkaukasischen Sowjetrepubliken gründeten hierbei auf föderativen Prinzipien einen Staat. Er wurde von Moskau aus jedoch zentral geführt. Lenin, der noch immer an der Weltrevolution arbeitete (deswegen wurde 1919 auch die Kommunistische Internationale gegründet) wollte einmal ganz Europa und Asien in der „UdSSR" vereinigt sehen. Er starb jedoch mit 54 Jahren am 24. Jänner 1924. Seine Politik und Bestrebungen wurden nicht in seinem Sinn fortgeführt.

Nun kam Jossip Wissarionowitsch Stalin, ein 45jähriger Georgier, der seinen Aufstieg zur Alleinherrschaft in der UdSSR mit viel List und Gewalt in fünf Jahren (1924-1929) meisterte. Er verwarf Lenins Theorie von einer Weltrevolution. Die Kommunistische Internationale wurde zur Durchsetzung politischer Ziele der UdSSR umfunktioniert und Stalin verkündete seine These: man müsse den Sozialismus (die Vorstufe zum Kommunismus) vorerst in einem Land der Erde, in der UdSSR, verwirklichen. Die Erfolge hierzulande sollten den Niedergang der kapitalistischen Welt beschleunigen.

Stalins Herrschaft erstreckte sich auf beinahe 25 Jahre (1929-1953). Es waren für die UdSSR und für einen Teil Europas Schreckensjahre. Stalins Taten und sein Wirken prägten die Sowjetunion nachhaltig. Er verkörperte in seiner Person gleichzeitig einen sowjetischen „Peter den Großen" (Erneuerer des Reiches), aber auch einen „Iwan den Schrecklichen". Er hat zwar die Sowjetunion territorial vermehrt - in der Glanzzeit zählte man 16 Sowjetrepubliken -, die Methoden deren er sich bediente, waren jedoch identisch mit denen der Kolonialherren des 18. Jahrhunderts. Er erhob die Sowjetunion zu einem Industriestaat und gab der Landwirtschaft neue Formen - gleichzeitig wurden jedoch Stalins Arbeiter und Bauern moderne Leibeigene, mit denen man beliebig umspringen konnte.

Der Georgier im Kreml militarisierte die Gesellschaft; bediente sich ausgiebig des Staatsterrors, perfektionierte die bereits unter Lenin eingerichteten Arbeitslager und schuf die geschlossene Welt des „Archipel Gulag" - jener Straflager, in denen zehn Millionen von Arbeitssklaven unter menschenunwürdigen Umständen den „Sozialismus" mitzugestal-ten halfen.

Gleichzeitig war aber Stalin auch ein Landesvater, der „Genius der gesamten fortschrittlichen Menschheit" und auch Generalissimus der siegreichen Roten Armee, die - im Bunde mit den Westmächten - Adolf Hitler und sein Großdeubches Reich vernichtete.

Als Stalin mit 73 Jahren in Moskau an den Folgen eines Gehirnschlags verstarb, war „seine" Sowjetunion eine aggressive Großmacht, deren Grenzen sich weit nach Asien und Mittel-Europa erstreckten, in der auf Moskaus Kommando mehr als 800.000 Millionen Menschen (beinahe ein Drittel der damaligen Weltbevölkerung) hörten.

Der Nachfolger Stalins wurde der Ukrainer Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, ein gerissener KP-Funktionär, der nun von 1954 bis 1964 das Geschick des Sowjet-Imperiums in Händen hielt. Er versuchte das Unmögliche: den „Sozialismus" im Lande zu reformieren, eine (Schein-) Aussöhnung mit dem Westen wirtschaftlich zu nutzen und dabei den politischen Einfluß der UdSSR in der Dritten Welt mit jedem Mittel (außer Krieg) voranzutreiben. Man könnte Chruschtschow auch als den Vater der „Perestrojka" bezeichnen.

Die Rückschläge, die er dann 1956 in Ungarn und in Polen und 1961 in Kuba einstecken mußte, die Widersprüche in der sowjetischen Wirtschaft und in der Innenpolitik besiegelten auch sein persönliches Schicksal. In einer „Palastrevolution" wurde Chruschtschow am 15. Oktober 1964 von den „Falken" des Kreml abgelöst und in die innere Verbannung (eine Art ,JEhrenhaft") geschickt.

Leonid Breschnew, ein ausgedienter „Politgeneral" der Roten Armee und typischer Parteifunktionär, ein Russe, wurde zum Kremlchef erhoben. Breschnews Jahrzehnte an den Schalthebeln der Macht waren voll von Widersprüchen. Mit Gewalt gelang es ihm, das Imperium zu festigen (Prag 1968), in Afrika und in Südostasien neue „Volksdemokratien" zu schaffen, den Ausbau der Roten Armee zu einer Super-Militärmacht voranzutreiben und die Westmächte in Helsinki 1975 durch eine internationale Konferenz zur Zementierung der Ost-West-Nachkriegsgrenzen zu bewegen.

Gleichzeitig und vorerst unbemerkt begann jedoch der Niedergang der Sowjetmacht. In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre zeigten sich die tiefgreifenden ökonomischen Probleme der Wirtschaft; die Schwächen der Planwirtschaft zeigten sich offen. In Moskau wurde die zweite und dritte „Industrielle Revolution" des Westens verschlafen. Immer mehr Getreide mußte für Gold und Erdöl im Westen eingekauft werden. Die militärischen Ausgaben - die Rüstungsspirale - verschlang enorme Summen, zu Lasten anderer notwendiger Investitionen. Die Arbeitsproduktivität sank.

In denOst- und Mittel-Europäischen Volksdemokratien brodelte es unter den Intellektuellen; Reformen, politische Änderungen wurden in Ungarn und in Polen gefordert. Die Kommunisten wurden in eine Defensivdisposition gedrängt.

Der unselige Krieg in Afghanistan - leichtherzig im Dezember 1979 begonnen - hatte der Sowjetgesellschaft neue Lasten finanzieller und menschlicher Art gebracht, mit denen man auf die Dauer nicht fertig werden konnte. Breschnew starb im November 1982.

Seine Nachfolger an der Spitze des Sowjetimperiums - Andropow und Tschernenko - waren bereits bei ihrem Amtsantritt alte und verbrauchte Parteibürokraten. Von ihnen durften keine Ideen zur Erneuerung der UdSSR erwartet werden. Bis Mitte der achtziger Jahre wurde es dem Kreml klar: nur ein neuer und jüngerer Mann könnte die Union aus ihrer mißlichen Lage befreien. Der „Königsmacher", der zu diesem Zeitpunkt der Geschehnisse genau so wichtig gewesen war, wie der „Erbprinz", hieß Andrej A. Gromyko - ein Parteiveteran, aber ein exzellenter Kenner der Welt - war er doch über drei Jahrzehnte hindurch Außenminister der Sowjetunion. Er „fand" den 54jähri-gen Michael Gorbatschow, einen Russen und Landwirtschaftsminister, dernachTschernenkos Ableben (März 1985) in Windeseile zum neuen Generalsekretär der KPdSU und somit zum Kremlchef gemacht wurde.

Was nachher kam - ist in sich ein Kapitel abgeschlossene Weltgeschichte. „Glasnost" und Perestrojka" - Transparenz und Umgestaltung - mit diesen Schlagwörtern umriß Gorbatschow kurz sein Programm. Es ging bei ihm noch immer um eine Erneuerung des „Sozialismus", wobei er sich den Umbau der Sowjetunion in einem sehr utopistischen Rahmen vorgestellt hatte. Er zielte nämlich darauf, eine wirtschaftliche Prosperität zu entfalten, wobei er hierfür eine grundlegende Neugestaltung der bestehenden politischen Strukturen als unumgänglich betrachtete. Das war das Ende des seit Lenin vorherrschenden Einparteisystems. Gorbatschows Versuch - man weiß es heute - scheiterte. Durch die von oben verordnete Lockerung der bisherigen Machtstrukturen kamen neue Gegensätze zu Wort (zum Beispiel die Nationalitäten-Zwistigkeiten), die, gepaart mit der modernen Wirtschaft den ganzen Demokratisierungsprozeß auf eine von Gorbatschow nicht gewünschte Bahn lenkten.

Die Union begann sich aufzulösen, wobei Moskau sich schon ab 1989 bereit erklärte, seinen europäischen Satellitengürtel aufzugeben und militärisch zu evakuieren. Ende Dezember 1991 wurde dann die seit Dezember 1922 offiziell bestehende Sowjetunion aufgelöst. An ihre Stelle trat die „Gemeinschaft der Unabhängigen Staaten" (GUS), die bis heute lediglich elf der 15 ehemaligen Sowjetrepubliken (provisorisch) vereinigt.

Was in St. Petersburg vor genau 75 Jahren begonnen hat - war eine breite Volksbewegung mit dem Ziel, das autokratische Zarenregime abzulösen und dem Russischen Reich eine demokratische Entwicklung zu ermöglichen. Lenin und die Bolschewiken usurpierten in einer messianistischen Mission die Macht der jungen russischen Demokratie und lenkten das Geschick Rußlands in eine bisher nie gekannte Richtung.

Die Geschichte besteht nicht nur aus Ideen und Dogmen. Die Geschichte wird von Persönlichkeiten gestaltet. Auch in der Sowjetgeschichte ist dies der Fall. So prägten diese Männer, die sieben Jahrzehnte die „Kreml-Herren" waren, die Geschichte der Sowjetunion.

Der Kreis der Geschichte hat sich 1991 geschlossen. Die Februar-Revolution von 1917 hatte Rußland die sehnlich gewünschte Freiheit und Demokratie nicht gebracht. Hoffen wir, daß dies an der Schwelle des 21. Jahrhunderts - wenn auch durch große und leidvolle Umwege - nachgeholt werden kann.

Der Autor ist Leiter der Stiftung Schweizerische Osteuropa-Bibliothek in Bern, Historiker. Autor von zahlreichen Büchern betreffend Zeitgeschichte und Militärgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Sein letztes Buch trägt den Tite! „Stalins fremde Heere. Das Schicksal der nicht sowjetischen Truppen im Rahmen der Roten Armee 1941-1945". Bemard und Grae-fe Verlag. Bonn 1991.

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