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Ein Blasorchester von sturen Greisen

1945 1960 1980 2000 2020

Die jugoslawische Arbeiterselbstverwaltung ist bankrott. Systemkritiker fordern nicht Glasnost, sondern Demokratie. Was wird aus der Vielvölker-föderation?

1945 1960 1980 2000 2020

Die jugoslawische Arbeiterselbstverwaltung ist bankrott. Systemkritiker fordern nicht Glasnost, sondern Demokratie. Was wird aus der Vielvölker-föderation?

Vor zehn Jahren sang er in schnulzigen Versen davon, wie stolz er und die Jugend des Vielvölkerstaates seien, daß „Partisanenblut in ihren Adern fließe”. Und das Publikum klatschte Beifall. Es liebte Djordje Balasevics patriotische Lieder.

Nun tourt der ehemalige Parteiliebling wieder durch die Lande, und erneut singt er vor ausverkauften Konzerthäusern — diesmal heißt es aber: Die kommunistische Regierung benimmt sich wie ein „Blasorchester sturer Greise”, in dem „keiner auf den anderen hört und jeder seine eigene Melodie dudelt”; und unterbrochen von tobendem Beifall ertönt als Refrain: „Jetzt weiß ich, das alte Orchester hatte noch nie und von nichts eine Ahnung.”

Wer glaubt, Balasevics Publikum sei heute ein anderes als einst, der irrt. Seine Fans blieben ihm treu. Nur deren politische Einstellung - wie auch seine - hat sich geändert. War es noch Ende der siebziger Jahre für viele eine Ehre, Mitglied im „Bund der Kommunisten” zu sein, und sah Tito die Gefahr, die Partei könne durch Uberzulauf den „Avantgardecharakter als Vorhut der Arbeiterklasse” verlieren, laufen Titos Erben heute die Mitglieder davon.

Seit Koca Popovi6, Kommandant der ersten Aufständischen Partisanenarmee während des Zweiten Weltkrieges, 1984 sein Parteibuch demonstrativ zurückgab, sind Massenaustritte an der Tagesordnung. Manche erregen landesweites Aufsehen, wie die des Juristen Tihomir Zivkovic, von 1962 bis 1986 Mitglied des „Bundes der Kommunisten”.

Der forderte nun auf gerichtlichem Wege seine Mitgliedsbeiträge zurück. Denn nach Ansicht des spitzfindigen Rechtsanwaltes bestand zwischen ihm und der Partei ein Vertragsverhältnis, das die Partei zur Verwirklichung ihres Programms („Die Sicherung des gesellschaftlichen Fortschritts”) und das Mitglied zur Zahlung des Mitgliedsbeitrages verpflichtete. Nun sei aber die Partei vertragsbrüchig geworden, argumentiert Zivkovic, weil sie das Land in die wirtschaftliche Katastrophe geführt habe und die nationalen Spannungen ein Ausmaß angenommen hätten, das den Zusammenhalt der Vielvölkerföderation ernsthaft gefährde.

Was die Mehrzahl der Jugoslawen einst mit Stolz erfüllte, die sogenannte „Arbeiterselbstverwaltung”, zeigt sich mittlerweile als vollkommen bankrottes System.

Zwar erkämpften die Arbeiter zwischen 1965 und 1978 ein Mitspracherecht in den Betrieben und die Betriebe eine Autonomie gegenüber der Zentralregierung, von der trotz „Glasnost” und „Perestrojka” in der Sowjetunion nur geträumt werden kann, wurden schon zu jener Zeit bei Wahlen mehrere kommunistische Kandidaten nominiert, erschienen Bücher von Leo Trotzki, Michail Ba-kunin, Herbert Marcuse und Alexander Solschenizyn, die noch heute in Budapest, Warschau und Moskau im „Giftschrank” - wie man die Zensurstellen in Osteuropa spöttisch nennt—lagern, und doch blieb alles beim alten.

So jedenfalls empfindet es der einfache Mann auf der Straße in Belgrad heute: Zugeständnisse

Dogmatiker Stane Dolanc hätte es genug gegeben, gesteht er ein, Reisen wohin man wolle auch, aber letztlich sei am Machtmonopol der Bonzen nicht zu rütteln gewesen. Trotz mehr Mitspracherechts in den Betrieb stieg die Staatsverschuldung, erreichte die Inflation lateinamerikanische Rekorde, kletterte die Arbeitslc-r. senrate auf 18 Prozent, in einigen Regionen gar auf 45 Prozent, und fiel der Lohn von umgerechnet rund 5.000 Schilling (1969) auf 1.400 (1987). Und was das Schlimmste ist, kein einziger Spitzenpolitiker mußte den Hut nehmen, Säuberungen gab es nur unten.

An dieser Stelle gehen die Meinungen über Gorbatschow unter Jugoslawiens Arbeitern, Intellektuellen und treuen Parteileuten weit auseinander. Man sieht nämlich, daß es in der Sowjetunion

Löhne fallen, Preise steigen auch auf höchsten Stellen zu einschneidenden Veränderungen gekommen ist. Bedeuten „Glasnost” und „Perestrojka” eben doch mehr als „Samouprava” (Arbeiterselbstverwaltung) ?

Wer in der Parteipresse Jugoslawiens eine Antwort sucht, wird bitter enttäuscht werden und bei Kenntnis folgender Daten unweigerlich zum Gorbatschow-Fan: Nach intensiver Auswertung aller Wochen- und Politmagazine steht fest, seit dem Machtwechsel im Kreml erschien in Jugoslawien kein einziger Text, der sich mit der Problematik beschäftigte: „Was bedeuten die Reformen in der UdSSR für unsere Arbeiterselbstverwaltung?”.

Im Theorieblatt des „Bundes der Kommunisten”, „Socijali-

Am Steuer: Branko Mikuliö (Votava)zam”, fiel sogar der Name Gorbatschow kein einziges Mal. Man schrieb über neue Entwicklungen des Eurokommunismus, über die DDR-Wirtschaft, aber die Sowjetunion, der mit Abstand größte Handelspartner Jugoslawiens, wurde fein säuberlich ausgeklammert.

Nicht anders in den Philosophie- und Soziologiezeitschriften „Socijalizam u svetu”, „Marksi-stiöka misao”, „Nase teme” und „Gordogan”. „Glediäta”, das Theorieorgan der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Belgrader Universität, brachte in seiner Jännerausgabe erstmals das Thema „Die Notwendigkeit von Wirtschaftsreformen in sozialistischen Ländern” zur Sprache, allerdings mit zwei Schönheitsfehlern. Die Autoren stehen nicht im besten Ruf, Kenner der Problematik zu sein, und das Heft wurde den Abonnenten erst am 30. Juli zugestellt. Solange hielt die unsichtbare Zensurstelle das Zweimonatsmagazin zurück.

Noch härter schlug die Zensur allerdings Mitte Juli zu: Wieder waren es Philosophen, die eine Konferenz unter dem Titel „Möglichkeiten von Reformen in sozialistischen Gesellschaften” organisierten. Der Titel wurde, damit Jugoslawien ausgeklammert bleibt, sofort geändert in „Möglichkeiten von Reformen in sozialistischen Gesellschaften sowjetischen Typs”.

Als Zdenek Mlynar, ehemaliger Sekretär des Zentralkomitees der Tschechoslowakischen KP zur Zeit des „Prager Frühlings”, in Belgrad auftauchte, verbot die Geheimpolizei, wie das Wochenmagazin „Danas” freimütig enthüllte, kurzerhand die Konferenz. Mlynar mußte wieder abreisen, wobei ihm das dogmatischeste Parteiblatt Belgrads, die Tageszeitung „Borba”, zum Abschied ein nichtssagendes Interview gewährte - „glasnost na jugosla-venski”. <

.Alle Probleme werden bei uns angeschnitten, aber keines klar beim Namen genannt”, erzählt II-ja Moljkovic, der sich seit Jahren um die Herausgabe einer von Staat, Partei und Kirche unabhängigen privaten Zeitschrift bemüht, wie das nun in Polen „Res Publica” gewährt wurde. „Doch in unserem Land”, so der Schriftsteller, „gibt es keinerlei tiefgreifende Dialoge, weder in der Partei noch unter Intellektuellen. Oberflächliche Monologe beherrschen das Geistesleben. Auf dem Schriftstellerkongreß in Novi Sad sprach man von der Abschaffung des Paragraphen 133 (Verbreitung staatsfeindlicher Propaganda durch Geschriebenes) im allgemeinen, während auf dem Kongreß der Schriftsteller in Moskau konkret an die Rehabilitierung von Pasternak, Mandelstein und Schalomow herangegangen wurde.”

Andere wiederum können für Gorbatschow wenig Sympathien gewinnen. Pavlusko Imsirovic, mehrmals Opfer jugoslawischer Repression, 1973 als angeblicher Parteigründer einer „Trotzkistischen Sektion” für zwei Jahre inhaftiert, 1981 wegen seines Eintretens für die polnische Solidarnosc erneut in Haft genommen, desgleichen wieder 1984 und zuletzt vor ein paar Wochen, meint: „Wir brauchen keinen Gorbatschow, wir wollen Demokratie. Was der sowjetische Parteichef anstrebt, hat der .Bund der Kommunisten4 ideologisch bereits in den sechziger Jahren verwirklicht, was natürlich nicht bedeutet, daß sich bei uns für die Arbeiter Grundsätzliches geändert hat. Doch sucht man heute Parallelen zu Osteuropa, so kann man feststellen, in Jugoslawien bewegt sich zur Zeit nichts; außer in Slowenien. Und was in dieser nördlichsten Republik umgewälzt wird, hat nichts mit Glasnost zu tun, das ist ein neuer Prager Frühling.”

In der Tat, ein Imäirovic hat in der kleinsten Teilrepublik Jugoslawiens nicht mehr zu befürchten, stets mit einem Fuß im Gefängnis zu stehen. Während in der südlichen Provinz Kosovo Tausende Albaner aus politischen Gründen hinter Gittern sitzen, verzeichnet Slowenien keinen einzigen politischen Gefangenen.

Während in Belgrad kritische Initiativen von Intellektuellen im Keim erstickt werden, sprießen in Ljubljana (Laibach) Alternativblätter wie Pilze aus dem Boden.

Einem von ihnen, dem Kulturblatt „Mladina”, gab Stane Dolanc, jahrelang Innenminister und als Hardliner in Verruf, kürzlich ein aufschlußreiches Interview. Auf die Frage, weshalb er 1984 den Prozeß gegen Imäirovic und fünf weitere marxistische Oppositionelle mitinitiierte, antwortete Dolanc, das gehöre der Vergangenheit an, er sei mittlerweile für die Streichung des Paragraphen 133, und im übrigen mache ihm die Alternativbewegung Mut. Er teile mit ihr den Ausstieg aus der Atomenergie und deren Kritik an der Planwirtschaft.

Beobachter bewerten Dolanc* Aussage nicht als Zeichen der Änderung des Altkommunisten, sondern als Indiz dafür, daß in Slowenien die Erneuerung soweit fortgeschritten sei, daß selbst Dogmatiker einen liberaleren Kurs einschlagen müssen. Zudem, so hört man, will Dolanc Abschied von der großen Politik nehmen und seine Hände in Unschuld waschen.

Er ist aber nicht der einzige, der die Nase voll hat, der nicht weiß, wie die verfahrene Situation in der Vielvölkerföderation zu lösen ist. Denn die Kluft zwischen Nord und Süd klafft wirtschaftlich und kulturell immer mehr auseinander. Jede Republik macht ihre „Grenzen” dicht. Die im Süden achten darauf, daß der slowenische „Bazillus” nicht überspringt, und die Slowenen andererseits lassen sich von der Zentralregierung nicht mehr bevormunden. Was in Belgrad beschlossen wird, boykottieren slowenische Abgeordnete aus Prinzip. Und innerhalb der letzten zwei Monate forderten sie Regierungschef Branko Mikulic dreimal zum Rücktritt auf.

Der Bosnier gelassen: Er überlasse gerne das Steuer des sinkenden Schiffes, falls sich fähigere Leute fänden. Aber, und darin sind sich alle einig, weder ein Gorbatschow oder Duböek, nicht einmal ein Kädär ist in dem Vielvölkerstaat an der Adria bisher in Sicht.

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