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Die Iwans in Osteuropa

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Seit 1945 befinden sich in osteuropäischen Staaten Sowjetgarnisonen, die gemeinsam mit ihren „Bruder-Armeen“ die „heiligen Grenzen der sozialisti-schen Staatengemeinschaft“ schützen. Warum sie dort stationiert sind und wie sich das Leben in diesen Sowjetgarnisonen abspielt, analysiert dieser Beitrag eines Experten.

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Seit 1945 befinden sich in osteuropäischen Staaten Sowjetgarnisonen, die gemeinsam mit ihren „Bruder-Armeen“ die „heiligen Grenzen der sozialisti-schen Staatengemeinschaft“ schützen. Warum sie dort stationiert sind und wie sich das Leben in diesen Sowjetgarnisonen abspielt, analysiert dieser Beitrag eines Experten.

Nach neuesten Angaben von zuverlässigen westlichen Militär- Kreisen befinden sich zur Zeit im osteuropäischen Vorfeld der Sowjetunion etwa 560.000 Soldaten (siehe untenstehenden Kasten). Dies sind 32 Divisionen in voller Kampfstärke und ausgerüstet mit der modernsten Kriegstechnik, unter anderem Raketen, Panzern und anderen Kampfmitteln, über die die nationalen „Bruder-Armeen“ noch lange nicht verfügen.

Die Stationierungsrechte der sowjetischen Truppen in den osteuropäischen Volksdemokratien wurden noch unter dem Kreml- Diktator Stalin geregelt. De facto basierten sie auf der Tatsache, daß die Rote Armee Ost- und Mitteleuropa im Zweiten Weltkrieg der deutschen Wehrmacht in schweren und verlustreichen Schlachten entrissen hatte.

De jure hatten die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs der Sowjetunion das Recht eingeräumt, bis zum Abschluß eines-Friedens- vertrags mit Deutschland und Österreich Truppen zur Aufrecht-erhaltung von Ordnung und Sicherheit in den von der Roten Armee kontrollierten osteuropäischen Gebieten zu belassen. Mit Deutschland gibt es bekanntlich bis zum heutigen Tag kefften Frie-densvertrag, deshalb hat die Sowjetregierung das Recht zur Stationierung von Truppen in Polen und in der DDR.

Mit Österreich wurde 1955 ein Friedensvertrag ausgehandelt — der Staatsvertrag. Demzufolge zogen die Westmächte und auch die Sowjetunion ihre Truppen im Herbst 1955 aus der Alpen-Repu- blik zurück. Zu diesem Zeitpunkt hätten die Sowjets sich auch aus Ungarn und aus Rumänien zurückziehen müssen. Denn mit der Wiederherstellung der staatlichen Souveränität Österreichs waren keine sowjetischen Nachschublinien mehr durch Ungarn und Rumänien von Rotarmisten zu sichern!

Doch die Sowjetregierung war nicht bereit, ihre militärische Vormachtstellung im Donauraum aufzugeben! Den sowjetischen Politikern kam „rechtzeitig“ eine Glanzidee:

Einen Tag vor der Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrags in Wien, also am 14. Mai 1955, beriefen die Sowjets die Regierungschefs und die Verteidigungsminister aller ihrer osteuropäischen Satelliten in die polnische Hauptstadt. Unter der Obhut von Sowjetmarschall Iwan Konjew wurde nun „gemeinsam“ und in „voller Einigkeit“ beschlossen, einen roten Militärpakt zu schließen — mit dem Ziel, gemeinsam gegen die „Kriegsgefahr“ auftreten zu können, die man vom Westen und insbesondere von dem „von amerikanischen Imperialisten neuerweckten westdeutschen Militarismus“ erwartete: Der Warschauer Pakt war geboren!

Die Bestimmungen dieses kommunistischen Militärbündnisses ermöglichten es dann Moskau unter anderem, weiterhin Sowjetgarnisonen auf dem Staatsgebiet der osteuropäischen Volksdemo-kratien zu unterhalten. So verblieben auch nach dem Inkrafttreten des österreichischen Staatsvertrags von 1955 die roten Divisionen in Ungarn, bis Mitte 1959 auch in Rumänien.

So viel zum Hintergrund der sowjetischen Militärpolitik in Osteuropa. Uns interessiert hier aber vor allem die Frage, wie diese Sowjetgarnisonen in den verschiedenen „Bruderländern“ etabliert sind, wie die Kommandeure und die einfachen Soldaten fern von der Heimat leben und wie sich ihre persönlichen Beziehungen zu ihrer — im Grunde genommen — fremden Umwelt gestalten.

Die Antworten sind nicht leicht zu finden. Uber die Sowjetgarnisonen schweigt sich die sowjetische und die osteuropäische Presse aus. Denn das gesamte Militärwesen ist im Sowjetblock — auch in Friedenszeiten — höchstes Staatsgeheimnis. Ein Sondergesetz aus dem Jahr 1966 verfügt eine totale Informationssperre, sogar über so harmlose Dinge wie das Alltagsleben der Rotarmisten. Deswegen ist der Berichterstatter gezwungen, sich auf Aussagen ehemaliger Sowjetsoldaten zu beschränken.

Beginnen wir mit dem Dienst in den sowjetischen Streitkräften im allgemeinen. Der Grundwehrdienst dauert für die Wehrpflichtigen, die 18 Jahre alt sein müssen, bei den meisten Waffengattungen zwei Jahre, bei der Kriegsmarine und bei diversen Spezialtruppen drei Jahre.

16 Militärakademien und 120 Offiziersschulen bilden — in Friedenszeiten — den Kadernachwuchs für die Streitkräfte der UdSSR aus. Die Offiziere sind — wie in der Zarenzeit — eine privilegierte Schicht in der Gesellschaft, die viele Alltagssorgen der Bevölkerung gar nicht kennen.

In den osteuropäischen Volksdemokratien lebt der Sowjetoffizier noch mehr als in der Heimat beinahe isoliert von der Bevölkerung. Er verfügt über eigene Klubs, Einkaufsläden, Kinos und Theater, Zeitungen und Bücher, die ausschließlich Offizieren und Generälen Vorbehalten sind, hat damit auch keinen Anlaß, seine spärliche Freizeit außerhalb der Armee zu verbringen.

Außerdem könnte das für ihn „gefährlich“ sein. Denn — so lehrt man ihn in seiner Ausbildungszeit — „die imperialistischen Spione“ und „die Feinde des Sozialismus“ lauern überall außerhalb der Kasernenmauern, um geschwätzigen Uniformierten „Geheimnisse“ zu entlocken.

Der Dienst der Sowjetoffiziere in diesen osteuropäischen Garnisonen — eigentlich „Vojennij go- rodok“, das heißt: „Militär-Städte“ — gilt als Auslandsaufenthalt und untersteht den üblichen Be-stimmungen der Sowjetarmee. Der Sowjetoffizier in Osteuropa arbeitet und lebt hauptsächlich hinter den Mauern dieser Militärstädte, in die er — von gewissen Rängen aufwärts — auch seine Familie aus der Sowjetunion nachholen darf.

Um eine solche Kasernenstadt zu verlassen, bedarf es einer Erlaubnis des politischen Vorgesetzten, die nur auf ein gut begründetes Gesuch hin erteilt wird.

Jene jungen Offiziere der Sowjetarmee, die Leutnante und Oberleutnante, die noch keine Fa- milien haben oder sie in der UdSSR zurücklassen mußten, müssen ihr Quartier in den Militärstädten mit anderen Kameraden teilen. So leben sie zu dritt oder viert in einer Stube und versuchen ihre Freizeit mit aus der Sowjetunion „eingeführten“ Zivilpersonen totzuschlagen, darunter auch Mädchen oder junge Frauen, die in der Verwaltung oder in der Küche beschäftigt sind.

Denn das Sexualleben der Jungoffiziere muß befriedigt werden, zumal Kontakte mit einheimischen Frauen nicht nur unüblich, sondern sogar untersagt sind. Grund dafür ist in erster Linie die Befürchtung der militärischen Obrigkeit, der Offizier könnte „Militärgeheimnisse“ im Kreis von Zivilisten preisgeben.

So gibt es kaum Kontakte zwischen Sowjetoffizieren und Offizieren der „Bruäerarmeen“, also mit Waffenkameraden aus den Ländern, in denen die Sowjetgarnisonen stationiert sind. Abgesehen davon, daß solche Kontakte von den meisten Offizieren der volksdemokratischen Armeen auch gar nicht gesucht werden (diese betrachten die Sowjetarmee in ihrem Land als etwas Überflüssiges, als Überbleibsel aus der Zeit des Kalten Krieges), leben die Sowjetoffiziere in ihren „Vojennij gorodok“ ungefähr so, wie die Briten im 19. Jahrhundert in Indien gelebt haben. Nur von der „splendid isolation“ ist ihnen bloß die „isolation“ geblieben ...

Und nun zum Leben des einfachen Soldaten, der „Iwans“ in den „Vojennij gorodok“ fern der Heimat: Kurz gesagt ist es nicht viel anders als in der Zarenarmee im späten 19. Jahrhundert. Denn die Sowjetarmee ist die letzte imperiale Armee unserer Zeit. Die persönlichen Rechte der jungen Rekruten sind den strengen Diszipli- narregeln der Sowjetarmee vollständig untergeordnet. Die Persönlichkeit muß völlig zugunsten der Gemeinschaft aufgegeben werden.

Die jungen Wehrpflichtigen mit 18 Jahren, deren Schicksal es ist, ihren Militärdienst in einer der vielen osteuropäischen Sowjet'- garnisonen zu absolvieren, sind schlechter daran, als wenn sie einem Wehrkreis in der Sowjetunion zugeteilt würden. Der Soldat darf den Kasernen- beziehungsweise Militärlagerbereich praktisch nie verlassen.

Der Dienst ist streng und wird täglich durch ein festes Programm geprägt: Exerzieren, politischer Unterricht, Kampfausbildung und Waffenputzen. Vor dem Schlafengehen hat der Soldat höchstens eine Stunde Freizeit.

Auch die Wochenenden verbringen die Soldaten in ihren Kasernen. Es werden ihnen dann Sportveranstaltungen oder Kinovorführungen geboten.

Alles wird gemeinsam ausgeführt. So auch das Essen. Jede Truppeneinheit besitzt einen Speisesaal, der groß genug ist, um alle Soldaten auf einmal aufzunehmen. Das bedeutet, daß tausend Mann gleichzeitig „abgefüttert“ werden: Ės ist Vorschrift, daß binnen 30 Minuten alles ^uf- gegessen werden muß.

Die Soldaten-Unterkünfte können nicht mit westlichen Maßstäben gemessen werden. Es sind große Schlafsäle für etwa je 100 Mann. Sämtliche Einrichtungen, die den Militärdienst einigermaßen erträglich machen sollten, fehlen. Dadurch wird das Soldatenleben von Sowjetarmisten noch spartanischer.

Die Mannschaftsquartiere gleichen Massenunterkünften, in denen junge Leute in qualvoller Enge Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat verbringen müssen. Es ist leicht einzusehen, daß unter solchen Umständen kein Platz für individuelle Lebensgestaltung bleibt.

Überall in den Kasernen sind Lautsprecher installiert, über die das Erste Programm des Radiosenders Moskau oder die Sendun gen des Militärradios „Wolga“ zu hören sind. Den Soldaten ist der Privatbesitz von Radioapparaten zwar nicht verboten, aber sie dürfen diese nur in der Freizeit benützen. Diese Einschränkung wurde Anfang der siebziger Jahre auf Befehl der Politischen Hauptverwaltung der Sowjetarmee verordnet, weil befürchtet wurde, daß die Soldaten Sendungen des „kapitalistischen Auslands“ abhören könnten.

Der Sowjetarmist erhält pro Monat 10 Rubel Sold. Davon muß er noch Toilettenartikel, Schreibpapier und Briefumschläge kaufen. Die Briefe und Pakete werden kostenlos durch armeeigene Einrichtungen befördert. Selbstverständlich werden die Briefe der Soldaten von der Vorgesetzten Stelle zensuriert.

Der Sowjetsoldat wird vom ersten bis zum letzten Diensttag psychologisch auf einen bevorstehenden Krieg vorbereitet. Der gut eingespielte Propagandaapparat der Sowjetarmee arbeitet bei der Truppe mit zahlreichen Informations- bzw. Desinformationsmethoden. Dem Soldaten wird unaufhörlich „klargemacht“, daß die „kapitalistischen Länder“ nur ein Ziel haben: den Dritten Weltkrieg vom Zaun zu brechen, für den sie ununterbrochen aufrüsten.

Der Kapitalismus könne nicht ohne Krieg auskommen. Die Rüstungsbarone mit ihren riesengroßen Profiten förderten ständig die Kriegsgefahr. Der Sowjetsoldat müsse daher in jeder Hinsicht gegen diese Feinde des Sozialismus und der „friedliebenden Völker der Welt“ bestens gewappnet sein und die Kapitalisten nicht nur verachten, sondern hassen!

Die USA werden als „Gendarm der Welt“ und ihre Streitkräfte als „Söldner und Banditen“ bezeichnet.

Die deutsche Bundeswehr ist der Feind Nummer 2 in den Augen der sowjetischen Militärobrigkeit. Ungeachtet der Tatsache, daß Bonn in den siebziger Jahren von einer sozialdemokratischliberalen Regierungskoalition mit einer freundschaftlichen Einstellung zum Osten regiert wurde, verteufeln die Sowjets weiterhin die westdeutsche Armee.

Diese, so die zentrale Parole, ist auf ein Revanche gegen die Sowjetunion gedrillt. Die Bundeswehr sei nach faschistischen Vorbildern aufgebaut, und ihr Oberkommando bestehe noch immer aus Offizieren, die Hitler treu gedient hätten. Auch die anderen NATO-Armeen gelten als „Banditen und-/Mörder“.

All dies wird während zwei bis drei Jahren Tag für Tag in die Köpfe von 18- bis 20jährigen jungen Männern eingehämmert. Damit wird für sie die Welt, in der sie leben, eine Scheinwelt mit anderen Dimensionen und Werten, die für einen Amerikaner oder Westeuropäer unbegreiflich ist.

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