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Der rot-braune Flirt

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Die deutsch-russische Zusammenarbeit erreichte ihren Höhepunkt zwischen August 1939 und August 1940. Beide Marineleitungen arbeiteten in der Ostsee und im Nördlichen Eismeer zusammen, die Deutschen lieferten der Roten Flotte einen halbfertigen Kreuzer, der allerdings nie einsatzfähig wurde, Geschütztürme und anderes mehr. Hitler ersuchte Stalin um Intervention bei der kommunistischen Partei Frankreichs. Er bot geheime militärische Hilfe an, als die Truppen des Leningrader Militärbezirkes samt skilaufender Verstärkung aus anderen Teilen der Sowjetunion vor den finnischen Linien blutige Schlappen erlitten, und hätte damit wahrscheinlich den Bruch zwischen Moskau und den Westmächten herbeizuführen vermocht.

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Die deutsch-russische Zusammenarbeit erreichte ihren Höhepunkt zwischen August 1939 und August 1940. Beide Marineleitungen arbeiteten in der Ostsee und im Nördlichen Eismeer zusammen, die Deutschen lieferten der Roten Flotte einen halbfertigen Kreuzer, der allerdings nie einsatzfähig wurde, Geschütztürme und anderes mehr. Hitler ersuchte Stalin um Intervention bei der kommunistischen Partei Frankreichs. Er bot geheime militärische Hilfe an, als die Truppen des Leningrader Militärbezirkes samt skilaufender Verstärkung aus anderen Teilen der Sowjetunion vor den finnischen Linien blutige Schlappen erlitten, und hätte damit wahrscheinlich den Bruch zwischen Moskau und den Westmächten herbeizuführen vermocht.

Die Deutschen anerkannten ausdrücklich den Anspruch der Sowjets auf Bessarabien und tauschten die Interessensphäre Litauen gegen russisch besetzte Teile Kongreßpolens. Die Russen wiederum zeigten sich in der westukrainischen Frage mehr als sorglos und arbeiteten, wenn man den Erinnerungen Nikita Chruschtschows glauben darf, in Lemberg mit der Gestapo zusammen. Die Deutschen unterhielten anderseits seit 1938 geheime Schulen für ukrainische Nationalisten, bildeten Sonderkommandos aus und bereiteten so einen Tag X im Sinne des Buches „Mein Kampf“ vor. Diese Einrichtungen befanden sich dm „Altreich“, im Generalgouvernement Polen und in Prag, Österreicher spielten dabei keine besondere Rolle. Die antibolschewistische Propaganda der NSDAP war seit dem August 1939 viel gedämpfter, wenn auch nicht völlig eingestellt, die Verfolgung von heimischen Kommunisten ging jedoch ungehindert weiter.

Die Chance einer endgültigen Ehe Deutschlands mit der Sowjetunion war jedenfalls der finnische Winterkrieg, als die Engländer und die Franzosen über Narvik und Nordschweden den Finnen zu Hilfe eilen und nebenbei eine Front gegen das Reich aufbauen wollten. Die Alliierten hätten den Zusammenstoß mit den Russen riskiert, wenn Norwegen, Schweden und Finnland offiziell auf ihre Seite eingeschwenkt wären. Sogar der damals noch neutrale Mussolini näherte sich einer solchen Konstellation. Doch die Schweden benahmen sich zu deutschfreundlich, die Finnen konnten den Russen letzten Endes doch nicht lange genug standhalten und die Norweger fürchteten für Dänemark, wenn sie Narvik öffnen würden.

So begnügten sich die Briten mit Minensperren und Überfällen auf deutsche Schiffe in verdächtiger Nähe norwegischer Hoheitszonen.

Dieses halbherzige Vorgehen lieferte einerseits Hitler viel Propagandamaterial für sein skandinavisches Unternehmen, erschreckte aber auch Stalin, der darin eine besondere Unbekümmertheit alliierter Kriegs-Eührung im nordischen Raum erblickte: Was vor Drontheim oder Bergen passierte, konnte später vor Murmansk oder Archangelsk Mode werden. Hitler aber blieb später während seiner Kampagne um Narvik und auch noch einige Zeit nachher darauf bedacht, Moskau nicht durch die Anwesenheit stärkerer deutscher Verbände im nördlichen Norwegen zu irritieren.

Das Wohlwollen, das Stalin dem Marsch der Deutschen durch Holland, Belgien und Nordfrankreich entgegenbrachte, kann angesichts der daraus resultierenden Situation nicht hoch genug eingeschätzt werden. Das Gefühl zunehmender Verwirrung, Hoffnungslosigkeit und zynischer Gleichgültigkeit, welches viele Franzosen erfaßte, war nicht bloß auf die Überlegenheit der deutschen Kriegsmaschine, sondern auch auf die feindselige Haltung des russischen Verbündeten von Anno 1914 zurückzuführen. Der US-Botschafter in Paris berichtete sogar, daß „marxistisch inspirierte“ Truppenteile den Deutschen ostentativ keinen Widerstand leisteten und sich gegen das französische Oberkommando auflehnten. Das britische Kabinett hätte am 27. und 28. Mai 1940 kaum Friedensverhandlungen mit einem „triumphierenden Feind“ erwogen, wenn man in London wenigstens der weiteren Neutralität Rußlands sicher gewesen wäre. Allerdings, man war auch in dieser dunkelsten Stunde nicht bereit, den Sowjets territoriale Angebote aus der eigenen Machtsphäre zu übermitteln. Die Liquidierung von Litauen, Lettland und Livland nahm man grollend hin und gab die Hoffnung nicht auf, Finnland werde sich doch mehr an üuiwcucii aia an vcuiauiiaiiu halten. Die ungeschickte Außenpolitik Stockholms sollte dies freilich verhindern.

Erdöl und Donauschiffe

Die wirkungsvollste Hilfe, die Stalin den Deutschen 1940 zuteil werden ließ, lag wahrscheinlich nicht so sehr in russischen Rohstofflieferungen und Ankäufen in Drittstaatetn auf deutsche Rechnung, als in der Sicherung des rumänischen Erdöls für Hitlers Westfeldzüge. Die Rumänen standen zunächst unter alliiertem Druck, die englischen, niederländischen und belgischen ölgesellschaf-ten zeigten wenig Ehrgeiz, ihre Lieferungen aus Ploesti nach Deutschland zu steigern. Bukarest aber hätte der Verlockung, öl gegen deutsche Waffenlieferungen zu tauschen, stets gerne nachgegeben und im Februar 1940 machte der Wiener Bürgermeister Hermann Neubacher König Card ein umfassendes Angebot in dieser Hinsicht. Als die Regierung Carols zögerte, brach Neubacher alle nur möglichen Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem Reich und Rumänien ab. Am 8. März schloß Bukarest daraufhin ein neues Wirtschaftsabkommen mit Berlin, von dem Neubacher behauptete, es zerschlage alle Absichten der Westmächte auf das öl in Rumänien. Die Russen sahen wohlwollend zu und behielten ihrerseits lediglich Bessarabien samt i einem Teil der

Bukowina im Auge, wobei man ihnen die Angst vor einer deutschalliierten Versöhnung stets zugute halten muß. Mit dem deutschen Vormarsch an die Kanalküste fiel die VersöhnungsmögMchkeit ins Wasser und Stalin machte sofort im Baltikum reinen Tisch, annektierte nicht nur Bessarabien, sondern auch ein gehöriges Stück der Bukowina. Die Sowjetregierung gab Berlin ihren Wunsch auf Einfluß in der Donauverwaltung bis Wien bekannt und ließ sogar noch einige Inseln im Delta besetzen, als die Deutschen bereits in Rumänien Fuß gefaßt hatten. Die Russen verlangten weiters Einfluß auf Bulgarien, um von dort aus die Dardanellensperre zu lockern. Demgegenüber verlegten sich die Deutschen auf weltweite Versprechungen, die jedoch alle die Kapitulation Großbritanniens zur Voraussetzung gehabt hätten. Schließlich boten sie den Russen die Aufnahme in den Dreimächtepakt an und Hitler schwärmte ein paar Wochen von einer euro-asiatischen Großgemeinschaft, die das Commonwealth beerben werde. Doch als Stalin darüber in Verhandlungen eintreten wollte, winkte er ab. Die Ausgangsposition des Moskauer Gesprächspartners war ihm bereits zu weit gediehen, die Rückschläge Italiens in Griechenland und in Afrika hatten das Verhandlungsprestige Berlins und Roms zu sehr herabgedrückt. Hitler neigte bereits dazu, die Russen vom Balkan auf jeden Fall auszusperren und in der Folge eine militärische Gesamtentscheidung mit ihnen herbeizuführen, bevor Amerika in der Lage sein könnte, spürbare Unterstützung zu leisten. Dementsprechend ließ er die Umsiedlungsaktion aller irgendwie Deutschblütigen aus dem Baltikum und aus den ehemals österreichischen Gebieten der Westukraine und der Bukowina so rasch wie möglich abschließen; handelte es sich doch um Kriegsschauplätze von morgen und um Gebiete, in denen die Deutschen künftig nicht mehr als Volksgruppe, sondern als beherrschende Oberschichte auftreten sollten. Als Molotow nach Berlin auf Besuch kam, war davon natürlich nicht die Rede. Er erhielt Anbote bezüglich des Iran, Afghanistans, Arabiens und Nordindiens, eisfreier Häfen, eines verbesserten Dardanellenstatuts und einer umorganisierten Donaukommission.

Deutschland hatte den großen Sieg in Frankreich mit dem Verlust seiner diplomatischen Initiative in Nord- und Südosteuropa während des Sommers 1940 bezahlt, welche von den durch die Ereignisse nun doch etwas alarmierten Russen sofort wahrgenommen wurde. Die Sowjets ermutigten Bulgarien und Ungarn zu energischen Gebietsforderungen an Rumänien und verstärkten den Druck auf gewisse Gebiete Nordfinnlands.

Hitler ließ zunächst in Schloß Fuschl und in Berchtesgaden auf ungarische und rumänische Besucher mäßigend einwirken und warnte Italien vor einem Angriff auf Jugoslawien, weil dadurch der ganze Balkan in Flammen gesetzt werden könnte. Aber den Deutschen gebrach es vorerst an Entschlossenheit, die Rolle des Schiedsrichters und Protektors im Südosten zu übernehmen, sie redeten sich auf die schlechten Erfahrungen aus, die sie angeblich mit dem Wiener Schiedsspruch des Jahres 1938 gemacht hatten. Damals sei Ungarn mit dem bloßen Erwerb der Karpatho-Ukraine sehr unzufrieden gewesen.

Währenddessen überlegte Hitler, wie er den Russen die Initiative im Südosten und im Norden wieder abnehmen könnte. Er schickte mehr Truppen nach Nordnorwegen, begann Finnland mit Kriegsmaterial zu versorgen, intervenierte in Helsinki und Stockholm. Ängstlich vermied er alles, was zu einer Interessengemeinschaft der Engländer mit den Russen führen konnte und fing an, den Rumänen vorsichtige Versprechungen über wirtschaftliche und militärische Hilfe zu machen, wenn sie den Ungarn und Bulgaren auf halbem Weg entgegenkommen würden. Aber Budapest mobilisierte zwei Korps gegen Rumänien und König Boris erklärte in Sofia, es werde eine prorussische Revolution geben, wenn er nicht die ganze Dobrutscha heimholen könne. Hitler mußte schnell sein und dies gelang ihm insoferne, als er in Nordschweden und Finnland geheimen Eingang für gewisse Wehrmachtsteile zugestanden erhielt und im Südosten des Generalgouvernements in größter Eile zwei Panzerdivisionen und etliche Infanterieverbände zu konzentrieren vermochte — eine unmißverständliche Demonstration gegenüber den benachbarten ölfeldern Rumäniens. Somit hielt er sich für einen neuerlichen Wiener Schiedsspruch genügend vorbereitet. Er mußte jedoch dabei den ungarischen Intentionen fast zur Gänze nachgeben, was dem rumänischen Unterhändler im Wiener Belvedere einen dramatischen Herzanfall eintrug.

Ungarn, Rumänien und Bulgarien gerieten damit allesamt in die Abhängigkeit vom Reich und Winston Churchill bemühte sich, diese Entwicklung samt den deutschen Divisionen in Polen bei den Russen gehörig anzukreiden. Der Einmarsch deutscher Verbände über Ungarn nach Rumänien, der mit Moskau vorher nicht abgesprochen worden war, kühlte das Klima vollends ab, obwohl die Deutschen in Moskau stets versicherten, es handle sich um eine Präventivmaßnahme gegen den englischen Brückenkopf in Nordgriechenland. Eine Ironie des Schicksals ist es, daß sowohl die Russen wie die Deutschen den Bulgaren diesen Teil Nordgrieohenlands in Aussicht stellten, wenn sich Boris dankbar erweisen wollte. Die Deutschen versprachen den Landstrich allerdings auch den Jugoslawen, die sich ihrerseits weiterhin vor dem Appetit der Italiener fürchteten. Zur selben Stunde, in der eine bulgarische Regierungsdelegation in Wien den Beitritt ihres Landes zum Dreimächtepakt vollzog, setzten sich bereits deutsche Vorausabteilungen Richtung Sofia in Marsch. Nun hieß es auch für Belgrad, endgültig Farbe zu bekennen, solange noch ein möglichst hohes Maß an Selbständigkeit herauszuholen war.

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