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Mütterchen Sowjetrußlands bravstes Kind

Bulgarien ist das Land, in dem der kommunistische Umschwung am wenigsten Hindernisse zu überwinden hatte und wo Rußland von jeher die meisten Sympathien genoß. Hier gab es noch unter der Monarchie der Koburger eine starke agrarkommunistische Bewegung, die mehrmals zu blutigen Ausbrüchen führte. Ja, die radikalen Strömungen reichen bis auf das Mittelalter zurück, wo das auf mannigfachen Wegen westwärts wandernde Gemenge sozialen Gleichheitstrebens und'dogmenfeindlicher, die Hierarchie bekämpfender Schwärmerei von den Bulgaren — and den benachbarten anderen Südslawen — den Ausgang nahm. Dem Zarbefreier galt ferner ein Kult, der sich unschwer auf die Zerstörer und Erben des russischen Kaisertums übertragen ließ. Fügt man dem die Disziplin, die Arbeitsamkeit, die anspruchslose Härte eines Volkes hinzu, das gewohnt ist, in Armut zu leben, den eigenen Obrigkeiten zu gehorchen und nur den fremden, voller Haß, zu widerstehen, dann wird es begreiflich, daß die Volksdemokratie Dimitrievs, Kolarovs und Cervenkovs nicht auf soviel offene und heimliche Gegnerschaft stieß wie die neuen Regime in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei. Die kommunistischen Machthaber in Sofia haben zudem dafür gesorgt, daß in ihrem Bereich keine ernsten Widersacher übrigbleiben. Mehr als zehntausend Politiker, Offiziere, Wirtschaftsführer, Intellektuelle sind zu Beginn der neuen Aera hingerichtet worden. Tin strenges Polizeisystem stützt die gegenwärtige Ordnung. Niemand hat bisher daran gedacht, es zu mildern oder gar es zu kritisieren. In diesem Musterland der sowjetischen Satelliten hat sich sogar die Kirche völlig gleichschalten lassen, wie sonst nur noch im benachbarten Rumänien.

Allerdings fällt das der bulgarischen Orthodoxie darum leichter, weil sie erstens auch von den Kommunisten als eine nationale Institution anerkannt wird, die im jahrhundertelangen Ringen mit dem türkischen Zwingherrn große Verdienste, auch als Hüterin der eigenständigen Kultur, erworben hat, zweitens keine beachtliche Rivalin unter den übrigen religiösen Gemeinschaften besitzt (wie das sogar in Rumänien an den mit Rom linierten der Fall war), drittens im Hinblick auf die besonders guten Beziehungen zwischen Cervenkov und dem jetzigen Patriarchen Kirill, der ein Schulkamerad und Jugendfreund des Ministerpräsidenten ist. Schon unter Kirills Vorgänger Stefan, dem ersten Inhaber der Patriarchenwürde — vordem hatte die bulgarische Kirche an ihrer Spitze einen Exarchen des griechischen Patriarchen von Istanbul —, kamen die atheistischen Parteileiter mit dem hohen Klerus weit besser aus als irgendwelche volksdemokratische Potentaten anderwärts mit deren Geistlichkeit. Mon-signore Stefan geriet aber in Meinungsverschiedenheiten mit dem Regime; er war zu selbstbewußt und bei der Hierarchie wenig beliebt; als er resignieren mußte, fiel die oberste Kirchenwürde eben an den vorgenannten Mon-signore Kirill. von dem die Fama meldet, er werde oft zu den Sitzungen der höchsten Behörden zugezogen. Vor einigen Wochen hatte er die heikle Mission, eine durchreisende Abordnung der griechischen Kirche, die sich zur Teilnahme an Jubiläumsfeierlichkeiten nach Bukarest begab, im Sinne einer bulgarischhellenischen Annäherung zu bearbeiten. Was ihm, wie verlautet, ganz gut gelungen ist.

Dadurch erweist er sich als tüchtiger Helfer der Regierung, die ihrerseits, gemäß den Moskauer Parolen, mit der üblichen bulgarischen Energie im Sinne der Koexistenz wirkt. Zur Eröffnung der UNO-Tagung in New York sandte der bulgarische Außenminister NejCev eine von Frieden und Freundschaft triefende Depesche mit der Bitte um Aufnahme unter die Vereinten Nationen. Amerikanische Parlamentarier, der belgische Senatspräsident, britische Journalisten und Fußballer, die mit dem Olympiateam nach Sofia reisten, wurden aufs herzlichste begrüßt. Beim letzten dieser Anlässe warb Cervenkov in einem Interview mit dem „Times “-Korrespondenten um Englands Sympathien. Erfolgreicher als alle Propaganda in Wort und Schrift zeigte sich aber die sehr reale bulgarische Leistung auf der internationalen Messe in Plovdiv, an der 215 westliche Firmen teilnahmen und wo die einheimischen Ausstellungsobjekte auf die fremden Besucher erheblichen Eindruck machten. Die Schaffung ganzer Industrien, die vordem überhaupt nicht im Lande bestanden, der Bau des gigantischen Stalin-Stauwerkes, beweisen, was das Regime mit seiner eisernen Zucht zu vollbringen vermag.

Dem ist ein bedeutender Fortschritt auf den Gebieten der Hygiene und des Primärschulwesens hinzuzufügen. Binnen einem Jahrzehnt ist die Zahl der Spitäler von rund 80 auf 440 gewachsen, die Sterblichkeit der Wöchnerinnen hat sich auf ein Neuntel, die der Säuglinge auf die Hälfte verringert. In einem Lande, das mit einer Mehrheit von Analphabeten gesegnet war, findet man unter den weniger als Fünfzigjährigen keinen geistig Gesunden mehr, der nicht lesen und schreiben könnte. Freilich fragen wir uns sofort, was denn die Novizen der Gutenberg-sehen Kunst vorgesetzt erhalten. Eine Presse, die in etwa zweieinhalb Millionen Exemplaren erscheint, hat innerhalb der sowjetischen Machtzone den Gipfelpunkt der Einförmigkeit und des gesinnungstüchtigen kommunistischen Fanatismus erklommen. Die gesamte Literatur, wie die erzählerischen Bestseller der Angelov, Dimov, Karaslavov, wie die gepriesene Lyrik mit den Titeln „Eine Stadt wird gebaut“, „Die (Friedens-) Taube“, „Die Sieger“, „Das Lied der Flieger“, verbindet sich mit Tendenzdramatik, deren unübertroffenes Vorbild die wutverzerrte, satirisch vermeinte Anklage wider Ferdinand von Koburg, „Zarengnade“, bildet, um der Bevölkerung politische Leitartikel in den Formen der, verzeihen Sie das wirklich harte Wort, Dichtung darzubieten. Bulgarien ist eine einzige riesige Werkstätte, in der ein Heer gefügiger Arbeitsbienen die ihnen anbefohlene Tätigkeit verrichtet.

Oder regt sich trotzdem unter täuschender Oberfläche verborgene Opposition? Die bulgarische Emigration, mit dem Bauernführer Dimi-trov (namensgleich, doch nicht verwandt dem verstorbenen kommunistischen Diktator) an der Spitze, behauptet es, ohne den zu überzeugen, der an Ort und Stelle geweilt hat. Auch die Ansprüche des im heurigen Juni großjährig gewordenen letzten Herrschers, des einstigen „Knaben-Zaren“ Simeon III., der in einer Proklamation seine Thronrechte betonte und sich zum Sprecher seines bedrückten Volkes erklärte, wecken in Bulgarien kein Echo. Und auch die parlamentarische Demokratie übt hier keine Lockung. Eher könnten Cervenkov und dem Regime zwei Möglichkeiten gefährlich werden, die bei breiteren Kreisen Anklang weckten; der Gedanke einer Balkankonföderation unter Tito, den schon Dimitrov verfochten hatte, und der Wunsch, bei Aufrechterhalten des kommunistischen Kurses eine Persönlichkeit ans Ruder zu bringen, die bei aller Liebe zu Moskau die eigene Selbständigkeit eindringlicher betonte als das Cervenkov zu tun imstande und bereit ist.

Der heutige Regierungschef, nebenbei bemerkt der einzige, der noch Kommunist Nr. 1 seines Staates ist und von dem Anfang des Herbstes das Gerücht ging, er sei in seiner Machtposition bedroht, hat im Kabinett und im neunköpfigen Politbüro einen alten Rivalen und Konkurrenten, den er vor Jahren ausbooten wollte, den er auch ein wenig beiseiteschob, der aber nach Stalins Tod wieder in den Vordergrund rückte, Anton J u g o v. Auch der Erste Parteisekretär, Todor 2 i v k o v, der in Moskau vorzüglich angeschrieben ist, könnte den Ministerpräsidenten, von der anderen Seite her, ausspielen; doch das bedeutet keine Wandlung zum Sanfteren, wie dies bei einem Aufstieg Jugovs der Fall wäre. Vorläufig sind aber keine Anzeichen einer unmittelbaren Wacheablösung vorhanden. Im Gegenteil, die Härte des Systems wird, ungeachtet des vom Kreml gebotenen, erzwungenen Lächelns und der ebenso von dort aus verfügten Reduzierung der.Heeresstärke (um 18.000 Mann) durch den furchtbaren Zwischenfall bestätigt, der an 60 Insassen einer nach Israel fliegenden Constellation das Leben kostete. Sofia wurde nur auf peremptorische Weisung der UdSSR hin bereit, sich zu entschuldigen und mäßige Entschädigung zu zahlen. Bei der ersten Gelegenheit nahm es das Herabwerfen regimefeindlicher Traktate aus zwei Flugzeugen zum Anlaß, um neuerlich scharfes Vorgehen wider jedes unangemeldet das bulgarische Territorium überquerende Flugzeug anzukündigen. Kriegerische Reden am „Tag der Armee“, die Verhaftung des auf einer Istanbuler Brücke beim Zusammentreffen mit einem Spion betretenen bulgarischen Vizekonsuls, die Lektüre der nach wie vor auf aggressiven Ton gestimmten Presse verbürgen uns, daß Mütterchen Sowjetrußlands bravstes Kind nur mühsam davon abgehalten wird, dem „Onkel Sam“ und anderen kapitalistischen Stiefverwandten Zunge, Zähne und Krallen zu zeigen.

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