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Terror gegen Christen

Seit Beginn des ersten Golfkrieges im Jahr 1990 gibt es im Irak blutige Exzesse gegen Christen. Die demokratischen Wahlen änderten daran nichts. Jetzt trifft der Terror auch schon Kirchenoberhäupter.

Im Zeichen der Empörung über westliche Karikaturen ihres Religionsstifters Mohammed stehen in diesen Tagen die meisten Gewaltakte von radikalen Moslems: Ob es sich um die brennenden eu-Botschaften in Damaskus oder die Ausschreitungen im Christenviertel Aschrafieh von Beirut handelt. Einen ganz anderen Hintergrund hat die neueste Serie von Attentaten auf Kirchen und Kirchenführer im Irak: Es handelt sich dort um den politisch gezielten Versuch, die letzten Christen einzuschüchtern, sie ihrer Oberhirten zu berauben und in die Emigration zu treiben.

Wahlen ohne Verbesserung

Bereits nach dem Jahreswechsel, als sich endlich die Ergebnisse der Wahlen vom 15. Dezember abzeichneten, hatte der chaldäische Weihbischof von Bagdad, Andreas Abuna, vor einem "regelrechten Alptraum" gewarnt, der auf die irakischen Christen als tragisches Ende ihres Leidenswegs zukommt. Dieser hat ihre Zahl seit 1990, dem Beginn der Kriegs-und Krisenjahre, von über zwei Millionen auf heute um die 700.000 dahinschmelzen lassen.

Abuna, der neue Hilfsbischof von Patriarch Emmanuel iii., war vor seiner Rückberufung an den Tigris zwölf Jahre Chaldäerseelsorger in London. Er ist alles andere denn ein Beschwichtigungsapostel und nennt die Dinge furchtlos beim Namen: Nach dem weitgehend manipulierten Wahlergebnis, das aus allen islamischen Lagern ausgerechnet die religiösen Fundamentalisten an die Macht bringt, hätten die Christen im Irak keine Zukunft mehr. Statt der eher sporadischen Entführungen, Bombenanschlägen und sonstigen Einschüchterungen der letzten Jahren drohe nun systematischer Terror, um den zum Teil fast 2000-jährigen Kirchen Mesopotamiens jedes Überleben unmöglich zu machen.

Die irakischen Christen hätten darum gebetet, dass die letzten Wahlen die landesweite Instabilität beenden und die Gefahr einer Islamischen Republik Irak nach iranischem Vorbild abwenden mögen. Doch ist nun das Gegenteil der Fall: "Auf verlogene Wahlen sind gefälschte Ergebnisse gefolgt. Das wird noch mehr Lug, Trug und Gewalt nach sich ziehen!"

Krieg gegen Kirchenführer

Bischof Abuna erwies sich leider als nur zu guter Prophet: Am 29. Jänner explodierten zum Beginn der Sonntagsgottesdienste Autobomben bei fünf Kirchen und der Nuntiatur in Bagdad sowie vor zwei christlichen Gotteshäusern in Kirkuk. Es gab 17 Verletzte und sogar drei Tote, unter ihnen der 14-jährige Messdiener Fadi Elias. Der chaldäisch-katholische Patriarch Emmanuel iii. Delly entging wie durch ein Wunder dank seiner Verspätung der ihm zugedachten Explosion.

Im Unterschied von den "wilden" Anschlägen des Schreckensjahres 2004 waren diese Attentate genau geplant: Zu allererst sollte die chaldäische Kirche als stärkste und aus Rom unterstützte Gemeinschaft ihren bewährten und beliebten Oberhirten verlieren: Emmanuel iii., der in den neunziger Jahren Koordinator des katholischen Medikamenten-und Lebensmittelhilfsprogramms im Irak war, haben es gerade unzählige Muslimkinder mit ihren Müttern sowie Kranke und Alte zu verdanken, dass sie am Leben blieben. Vom Patriarchen abgesehen wurde noch gegen Kirchen aller Konfessionen gebombt: katholische, orthodoxe und evangelische.

Damit wollten die Attentäter Schrecken und Angst in die Reihen aller Christen säen. Weiter erfolgten die Anschläge von Kirkuk in der Stadt, wo auch die politische Interessenvertretung der meisten christlichen Gruppen ihren Sitz hat, die Rafidain-Partei. Schließlich sollte der Vatikan durch die Autobombe an der Nuntiatur zu deren Schließung gedrängt und damit allen irakischen Christen ein zentraler Rückhalt genommen werden. Man muss ins Jahr 1918 mit der Ermordung des Apostolischen Delegaten Emile Sontag zurückgehen, um sich an ähnlich dreiste Untaten zu erinnern.

Wer sind die Hintermänner?

Noch immer herrscht in Bagdad und Kirkuk Ungewissheit darüber, wer letztlich hinter diesem Vertreibungsterror gegen die irakischen Christen steckt. Die Gewinner der letzten Wahlen, die Schiiten von der "Vereinigten Irakischen Allianz" und die kurdischen Nationalisten haben keinen "christenfreien" Irak zu einem ihrer Ziele erklärt. Für Großajatollah Sistani und seine Anhänger sind Christen zwar diskriminiert, aber als Bürger zweiter Klasse durchaus geduldet. Das ist auch die Praxis, die von der Islamischen Republik Iran seit drei Jahrzehnten praktiziert wird. Die irakischen Kurden wiederum haben sich bisher durchaus als Freunde der Christen erwiesen.

Nur im nordöstlichen kurdischen Selbstverwaltungsgebiet waren christliche Einwohner und Flüchtlinge seit 2003 wirklich ihres Lebens sicher. Doch gibt es unter Schiiten und Kurden durchaus Gruppen, die einen von allen "Ungläubigen" gesäuberten Irak bzw. dasselbe in Kurdistan anstreben. Im schiitischen Lager handelt es sich um die Milizen des radikalen Imams Muktada as-Sadr, die nach dem Scheitern ihres großen Aufruhrs gegen die Amerikaner jetzt auch sonst auf schwächere Opfer losgehen. Zwar hat ihr Sprecher Hazem al-Aaradschi inzwischen die frische Terrorwelle gegen die Christen verurteilt, aber das gehört zur beliebten schiitischen Taktik der "Täuschung". Bei den Kurden sind es die fanatischen "Ansar as-Sunnah", so genannte "Helfer der Sunna", die bei der sonstigen Christenfreundlichkeit aus der Reihe tanzen. Schließlich hat auch die notorische Kaida in einem Strategiepapier ihres Anführers im Irak, des Jordaniers Mussab As-Sarkawi, die Absicht verraten, am Euphrat und Tigris durch gezielte Terrorschläge den "Hass und Krieg aller gegen alle" zu entfachen.

Verständigungsversuche

Die irakischen Christen haben also genug Feinde, denen diese und weitere Bluttaten zuzutrauen sind. Dennoch sind nicht alle Moslems Gegner von Chaldäern und Assyrern, christlichen Armeniern und Syrianern, Katholiken und Orthodoxen. Gerade Patriarch Emmanuel iii. hat in seiner Versöhnungsbotschaft nach der Errettung vor dem Bombenattentat unterstrichen, dass wirklich gläubige Moslems solcher Untaten nicht fähig sind. Es handle sich um jene, die Allah durch die Götzen von Macht, Gewalt und Unterdrückung ersetzt haben. Wie als Beweis dieser Worte fanden sich dann in der Jungfrau-Maria-Kirche von Kirkuk beim Trauergottesdienst für den ermordeten Ministranten spontan auch zahlreiche Muslime ein. Erzbischof Louis Sako dankte ihnen für den "großen Trost", den die Christen durch ihre Anwesenheit und Anteilnahme erfahren.

Sako war noch letzten November auf der großen Wiener Konferenz "Islam in einer pluralistischen Welt" ein optimistischer Anwalt für den neuen Irak nach Saddam Hussein. Jetzt hingegen warnt er davor, dass "die christliche Gemeinschaft im Irak zu einer Kirche von Märtyrern wird".

Der Autor ist langjähriger Nahostkorrespondent.

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