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Eine Geographie des Grauens

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Keine Fremdenverkehrsprospekte aus dem ehemaligen Jugoslawien überschwemmen unsere Tische. Sie wurden abgelöst von Karten des Grauens. Neben den Bombardierungen bosnischer Städte beherrscht ein gigantischer Propagandakrieg die unheilbringende Szene: Serben, Moslems und Kroaten rechnen sich gegenseitig die Greuel in den jeweiligen Anhaltelagern vor.

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Keine Fremdenverkehrsprospekte aus dem ehemaligen Jugoslawien überschwemmen unsere Tische. Sie wurden abgelöst von Karten des Grauens. Neben den Bombardierungen bosnischer Städte beherrscht ein gigantischer Propagandakrieg die unheilbringende Szene: Serben, Moslems und Kroaten rechnen sich gegenseitig die Greuel in den jeweiligen Anhaltelagern vor.

„Sie werden verhungern wie Tiere, wir haben keine Munition zu vergeuden", wird in Kroatien ein Wächter eines von Serben geführten Konzentrationslagers in Bosnien-Herzegowina zitiert. Es soll davon 105 geben; 94 allein auf dem Territorium Bosnien-Herzegowinas (Sarajewo, Foca, Zvornik, Semizevac, Doboj, Vla-senica, Hadzci, Iiijas, Prijedor, Brc"ko), andere in Serbien selbst (Aleksinac, Beograd, Niä, Mokra Gora, Subotica) sowie in Montenegro.

Bosnien-Herzegowinas Regierung spricht von 260.000 Menschen, hauptsächlich Moslems, die durch solche Lager bereits durchgegangen sind. 200.000 sollen schwer oder leicht gefoltert worden, bis zu 60.000 bereits zu Tode gekommen sein. Die höchste Zahl an Exekutionsopfern in einem Lager ist jene von Prijedor: 8.000.

UNO seit Juni informiert

Zlatko Hurtic, Sekretär der Assoziation für die UNO in Bosnien-Herzegowina, berichtet, daß bereits im Juni die ersten Reports mit Tausenden nicht-anonymen Augenzeugenberichten über die Lager an die UNO gesendet worden seien; diese habe aber damals nicht reagiert. Hurtic berichtet, daß seine Non-governmental- Organization auch Berichte von Folterungen an Serben erhalten habe, aber diese seien „sporadisch", „individuelle, nicht-systematische Fälle".

Als befremdend bewertet er, daß die Öffentlichkeit über die Existenz von Lagern nicht informiert worden sei, während bereits ein Bericht des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) von Anfang Juli von Konzentrationslagern in Trnopolje, Karaterm, Omarska und Manjaöa sprach. Die Behandlung von Moslems und anderen Minderheiten - so dieser Report - sei von Gewalt geprägt, einschließlich dauernder physischer Mißhandlung und Vorenthaltung von Essen und Trinken. Erst TV-Berichte beispielsweise über Trnopolje schockierten die Öffentlichkeit.

Es gibt Hinweise, daß ähnliche Lager auch in den von UN-Truppen geschützten Gebieten in Kroatien existieren, obwohl das UN-Generalsekretariat dies dementiert hat. Zlatko Kramaric, derBürgermeistervonOsi-jek, hat das Hauptquartier der UN-PROFOR für den Sektor E (Ostslawonien) gebeten, Nachforschungen anzustellen, ob es zwischen Bobota und Ovcara, Jagodnak und Borovo Selo Lager für Nicht-Serben gebe. Die Rückkehr von vertriebenen Kroaten in die UN-geschützten Zonen steht noch nicht zur Debatte. Niemand wagt Fristen zu setzen. Es gibt noch immer 12.500 kroatische Bürger, die als vermißt gelten, von denen es keine Spur gibt.

Der bosnische Minister für Arbeit und Soziales, Martin Raguö hat die Zahl der „displaced persons" mit 1,7 Millionen angegeben, 750.000 sollen Bosnien-Herzegowina verlassen haben, 47 Prozent der Bevölkerung sind direkt vom Krieg bedroht. Die Einwohner Bosnien-Herzegowinas machen 0,07 Prozent der Weltbevölkerung aus, der Anteil an der Welt-

flüchtlingszahl ist jedoch 4,2 Prozent. 40 Prozent der Flüchtlinge sind Kinder unter 14 Jahren. Insgesamt spricht man zur Zeit von etwa 100.000 Toten und 50.000 zum Teil schwer Verwundeten in Bosnien. Mehr als 70 Prozent der Wohnungen und Häuser sollen bereits zerstört sein. Der materielle Schaden allein beträgt über 100 Milliarden Dollar.

Jetzt darf das IKRK zwölf serbische Konzentrationslager untersuchen. Serbenführer Radovan Karazdic hat zugestimmt, aber der Zeitpunkt der Visiten ist noch ungewiß.

Amnesty International - zur Zeit ist ein Research-Team der Gefangenenhilfsorganisation in Bosnien unterwegs, das diese Woche noch nach London zurückkehren soll - hat einen Zwischenbericht über Menschenrechtsverletzungen, vermutete Folterungen, schlechte Behandlung und Ermordung von Häftlingen geliefert und ihre Betroffenheit darüber bekundet. Es sei unmöglich - heißt es darin - die vielen Orte zu bestätitgen, in denen es Anhaltelager geben soll; die Organisation glaubt aber, daß sieh etwa 2.000 Gefangene in Manjaca unter serbischer Kontrolle befinden. Andere serbische Lager gibt es laut Amnesty in Bileca, Omarska und Kula. Bosnisch-kroatische Truppen sollen unter anderen Gefangenenlager in Zeni-ca, Mostar und in Caplinja halten. Südlich von Sarajewo sollen Truppen des bosnischen Präsidenten Izetbegovic in einem Eisenbahntunnel Gefangene festgehalten haben, die aber freigelassen worden seien.

Kleinere Lager sind über das ganze Land verstreut, einige werden auch von verschiedenen paramilitärischen Gruppen kontrolliert. Amnesty beklagt das Fehlen jeglicher Kontrolle der Behandlung dieser Gefangenen und ist über Berichte betroffen, wonach Gefangene als Geisel für den

Austausch mit Gefangenen der anderen Seite genommen werden. Eine detaillierte Information über alle Lagerplätze ist nicht zu erhalten, aber in

den bekannten seien Hygiene, medizinische Möglichkeiten sowie die Ernährung unzureichend - in manchen Fällen sogar sehr ernst.

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